Filmische Desinformation über Julian Assange:

We Steal Secrets: Die WikiLeaks-Geschichte von Alex Gibney

Von Richard Phillips
13. Juli 2013

Drehbuch und Regie: Alex Gibney. ‚We Steal Secrets: [Wir stehlen Geheimnisse] Die Geschichte von WikiLeaks‘ wurde vor kurzem beim Filmfestival in Sydney aufgeführt. Seit dem 11. Juli 2013 ist der Dokumentarfilm im deutschen Kino zu sehen.

Filmemacher Alex Gibney hat in den vergangenen zehn Jahren eine Reihe bemerkenswerter und schonungslos kritischer Dokumentarfilme gedreht. Zu diesen zählen Enron: The Smartest Guys in the Room (2005) and Taxi zur Hölle (2007).Letztgenanntes Werk, das von amerikanischer Folter und Mord in Afghanistan handelt, erhielt einen Oskar als bester Dokumentarfilm.

Gibneys jüngstes Werk, We Steal Secrets: Die WikiLeaks Geschichte, ist hingegen etwas ganz Anderes. Der Film ist eine 130-minütige Maßregelung von Julian Assange und fügt sich nahtlos in die Verleumdungskampagne der Medien und der US-Regierung gegen WikiLeaks ein. Ob Gibney nach rechts abgedriftet ist, oder ob seine „oppositionellen“ Ansichten offenbar schon immer auf so fatale Weise beschränkt waren, muss an anderer Stelle geklärt werden. Sein neuestes Werk jedenfalls ist ein Versuch, das Publikum falsch zu informieren.

Wir stehlen Geheimnisse: Die Geschichte von WikiLeaks

We Steal Secrets enthält so viele Entstellungen und Auslassungen, dass es nicht möglich ist, sie allesamt in einer Besprechung zu erwähnen. Die Art und Weise, wie der Dokumentarfilm die Ereignisse darstellt, kann folgendermaßen zusammengefasst werden:

Anders ausgedrückt, unterscheidet sich We Steal Secrets in Ansatz und Inhalt kaum vom gedruckten und ausgestrahlten Gossenjournalismus. Natürlich heuchelt Gibney Bedenken über die ausufernden Angriffe auf Whistleblower, doch wer seinen Film ernsthaft betrachtet, muss feststellen, dass dies reine Fassade ist.

Gibney bestreitet, dass die Obama-Regierung systematisch versucht, Assange ausliefern zu lassen und ihn vor Gericht zu zerren, um WikiLeaks zum Schweigen zu bringen. Dafür gebe es „keine Beweise“, wie er behauptet. Er ignoriert die zahlreichen Hinweise darauf, dass die Vereinigten Staaten systematisch gegen die Webseite und ihren Gründer vorgehen. Der Dokumentarfilm bringt auch nicht die Grand Jury zur Sprache, die im September 2010 zusammengerufen und deren Existenz zwei Mal bestätigt worden ist. (Vgl. Neue Beweise für das amerikanische Verfahren gegen Julian Assange)

Gibneys hinterhältige Methoden kommen schon im Filmtitel zum Ausdruck, mit dem er impliziert, WikiLeaks sei in illegale Aktivitäten verwickelt, – eine Behauptung, die von der Obama-Regierung und ihren weltweiten Verbündeten bis zum Überdruss wiederholt wird. Der Regisseur hat offenbar nicht eine Sekunde lang über die gefährlichen rechtlichen Folgen nachgedacht, die diese Behauptung für Assange und Manning (oder für jeden Investigativjournalisten, der in Zukunft durchgesickerte Regierungsdokumente veröffentlicht) haben kann.

“We steal secrets,” [Wir stehlen Geheimnisse] ist in Wirklichkeit ein Satz, den später im Film der CIA-Direktor und Chef der National Security Agency (NSA), Michael Hayden, ausspricht. Er gibt damit zu, dass die Vereinigten Staaten und ihre Geheimagenten und Diplomaten in illegale Machenschaften verwickelt sind.

Gibney behauptet an drei Stellen in seinem Film, Assange habe in direktem Kontakt zu Manning gestanden. Verschwörung ist eine der Hauptbeschuldigungen im Prozess gegen Manning und die Grundlage für jegliche potentielle, durch die Vereinigten Staaten erzwungene Auslieferung und Verurteilung des WikiLeak-Begründers. Diese Behauptung ist nachweislich falsch. WikiLeaks ist bewusst so gestaltet, dass die Whistleblower niemals in direkten Kontakt zu den Mitarbeitern der Webseite treten.

Manning hat in seinem Prozess ausdrücklich die Verschwörungsvorwürfe widerlegt und klargestellt, dass kein Druck ausgeübt worden sei, die Dokumente herauszugeben. Manning hatte sich erst dann an WikiLeaks gewandt, als die New York Times und Washington Post, um die er sich zuerst bemüht hatte, kein Interesse an seinen entlarvenden Beweisen für amerikanische Kriegsverbrechen gezeigt hatten.

Gibney nahm in We Steal Secrets keine Aussagen des US-Gefreiten auf. Er rechtfertigte dies mit der Behauptung, der Film, der am 24. Mai in die US-Kinos kam, sei bereits „fertig“ und Änderungen nicht mehr möglich gewesen. Tatsächlich machte Manning aber seine Aussagen schon am 28. Februar, was bedeutet, dass noch hinreichend Zeit zur Verfügung stand, um diese im Film zu berücksichtigen.

Assanges und Mannings Entschlossenheit, die Kriegsverbrechen der Vereinigten Staaten vor der Bevölkerung zu entlarven, wird im Film auf üble Art und Weise lächerlich gemacht. Genauso werden auch die gefährlichen Folgen heruntergespielt und verharmlost, welche die Hexenjagd von Regierung und Medien für beide Männer hat (was auch auf die aktuelle Schmutz- und Verfolgungskampagne gegen Edward Snowden zutrifft).

Mannings Handlungen, behauptet Gibney, könnten nur im Zusammenhang mit seiner angeblichen sexuellen Identitätskrise verstanden werden. Ein Abschnitt des Films ist diesem Thema gewidmet. Er führt verschiedene anekdotenhafte Behauptungen an und scheut nicht davor zurück, eine 3D-Computergraphik von Jean Harlows [US-Sexgröße] Portrait auf Mannings Gesicht zu projizieren.

Der Film muss zugeben, dass Manning sich in erster Linie weigerte, über die Kriegsverbrechen der USA zu schweigen, und dass dies den Ausschlag gab. Dennoch behauptet er, Manning sei von persönlichen Bedenken, nicht allein von Empörung über die Kriegsverbrechen und andere Verletzungen demokratischer Rechte getrieben gewesen. Man könne den amerikanischen Soldaten keineswegs etwa mit Daniel Ellsberg vergleichen, dem Mann, der die Pentagon-Papers veröffentlichte, sagte Gibney den Journalisten. „Whistleblower sind sehr schüchtern. Sie haben keinen Zugang zu den Menschen um sich herum. (…) Genau deshalb tun sie, was sie tun.“

We Steal Secrets erhielt für die Dokumentation weder ein Interview mit Assange noch Hilfe von WikiLeaks-Mitarbeitern; zu Recht war die Organisation argwöhnisch. Stattdessen wandte Gibney sich an Gestalten wie Nick Davies und James Ball (beide Journalisten des Guardian) sowie Daniel Domscheit-Berg, den ehemaligen WikiLeaks-Mitarbeiter, der Assange heute öffentlich angreift und angebliche Beispiele von Assanges Fehlern zur Verfügung stellt.

Der australische Whistleblower wird verschiedener “Verbrechen” bezichtigt: des Egoismus, der Paranoia, undemokratischer Methoden, des Missbrauchs von Spenden an WikiLeaks, der missbräuchlichen Nutzung der Webseite, um sich gegen schwedische Sexualdeliktvorwürfe zu schützen. Dieser Rufmord dient dazu, die Aufmerksamkeit von den wahren Verbrechen abzulenken: den zahlreichen Kriegen, welche die US-Regierung und ihr Militär unüberlegt und illegal vom Zaun gebrochen haben, und die hunderttausende oder noch mehr Todesopfer im Irak und Afghanistan gefordert haben.

Gibney bringt keine unabhängige Einschätzung der Sexualdeliktvorwürfe und kommentiert mit keinem Wort die Weigerung der schwedischen Staatsanwaltschaft, Assange in Großbritannien oder per Telefon zu befragen. Nirgendwo weist er auf die detaillierten Informationen hin, die Licht in diesen Fall mit seinen bizarren juristischen und politischen Manövern bringen könnten. Dabei hat die australische TV-Dokumentation „Sex, Lügen und Julian Assange“ (in der ABC-Sendung „Four Corners“) im vergangenen Jahr den Fall ausführlich dargelegt.

Stattdessen präsentiert der Filmemacher die Geschichte nur von der einen Seite. Er bringt ein Interview mit Anna Ardin, einer der beiden in die Sache verstrickten Schwedinnen. Darauf kommen aufs Neue mediale Desinformationen und schäbigster Gossenkot über sogenannte „Anklagepunkte“ hoch. Wie Gibney bestens weiß, liegt gegen Assange überhaupt keine Anklage vor.

An Faktentreue oder Genauigkeit ist der Regisseur indessen kaum interessiert. So wird in We Steal Secrets spekuliert: “Verweigerte [Assange] ein Kondom, weil er eine Schwangerschaft der Frau bezweckte? Manche wiesen auf die Tatsache hin, dass er bereits vier Kinder gezeugt hat, mit vier verschieden Frauen, auf der ganzen Welt verstreut.“

Dieser Äußerung folgen wahllos präsentierte, abstoßende Kommentare des britischen Journalisten Iain Overten, der sagt: „Das ist ein schwer fassbarer Mensch, immer über dem Boden schwebend und wurzellos, der Kinder zuhauf in die Welt setzt. Möglicherweise treibt ihn ein Urinstinkt zur Reproduktion, um sich in seinem Leben so etwas wie eine Grundlage zu verschaffen.“

Während Gibney über Assange diese Jauche ausschüttet, geht er ganz anders mit Leute wie Michael Hayden um, dem ehemaligen CIA-Direktor und NSA-Chef, und Adrian Lamo, dem Mann, der sich erst mit Manning anfreundete, um ihn dann an die US-Behörden zu verraten. Diese Männer behandelt er mit höchstem Respekt.

Besonders den FBI-Informanten Lamo versucht Gibney in eine sympathische und tragische Figur zu verwandeln. Lamo, der uneingeschränkt zu Wort kommt, erklärt unter Tränen: „Ich mache mir mehr Sorgen um Bradley, als es die meisten seiner Unterstützer tun. (…) All den Menschen zuliebe, die er in Gefahr gebracht hatte, musste ich diesen Vertrauensbruch begehen.“

Ebenso kriecherisch geht We Steal Secrets mit Hayden um. In einem vor kurzem gegebenen Interview erklärte Gibney: „Von Hayden geht etwas Unwiderstehliches aus (…). Man trifft diese Leute im Herzen der Macht, um festzustellen, dass sie wahrhaft Gläubige im besten Sinne des Wortes sind. Sie glauben an Prinzipien, – und daran, dass diese Prinzipien korrekt umgesetzt werden müssen. Das war großartig, denn es gab der Geschichte eine gewisse Weite und Ausgewogenheit.“ (Hervorhebung von uns)

“Weite und Ausgewogenheit” – von einem ehemaligen CIA- und NSA-Chef, der im Jahr 2001 behauptet hatte, ohne offizielle Vollmacht belausche die National Security Agency keine US-Bürger! In Wirklichkeit gehören Hayden und alle anderen Ränge im US-Geheimdienstapparat, welche die Bill of Rights und die ganze Verfassung mit Füßen treten, vor Gericht gestellt.

Im Gegensatz zur Unterwürfigkeit, die er gegenüber Hayden bezeugt, sagt Gibney am Ende der Dokumentation über Assange: „Ist aus dem Geheimnis-Preisgeber ein Geheimnisträger geworden? Bekommt er immer mehr Gefallen an der Heimlichtuerei? Das größte Rätsel von allen stellt die Rolle der Vereinigten Staaten dar. Zwei Jahre sind seit dem ersten Durchsickern vergangen, und noch immer haben die USA nicht Anklage erhoben. Assange behauptet, die Vereinigten Staaten warteten ab, bis er nach Schweden gehe, doch dafür gibt es keine Beweise.“ (Hervorhebung von uns)

We Steal Secrets richtet sich nicht an jene, die die Wahrheit wissen wollen. Zweck des Films ist es, die Obama-Regierung politisch abzudecken und die Aufmerksamkeit von den Folgen ihres ungeheuren Angriffs auf grundlegende demokratische Rechte abzulenken.

WikiLeaks hat eine kommentierte Mitschrift von We Steal Secrets veröffentlicht, in der zahlreiche Lügen des Films entlarvt werden. Mehrere ernstzunehmende Kommentatoren haben Gibneys verleumderischen Angriff verurteilt, und Assanges und Mannings Sympathisanten in den USA und auf der ganzen Welt weisen ihn empört zurück.

Gibney reagierte darauf mit der Behauptung, die WikiLeaks-Unterstützer verfolgten ihn. „Jedes Mal wenn jemand eine positive Bemerkung über [den Dokumentarfilm] twittert, fallen sie wie Teufel über ihn her. Dies ist wohl die von ihnen bevorzugte Art und Weise, Kritik auszumerzen, doch es ist nicht das, was man von einer transparenten Organisation erwarten würde. Das ist die Taktik von Scientology“, sagte er vergangenen Monat zu einem australischen Journalisten.

“Es ist traurig, dass die Organisation und ihre Unterstützer so blind für alles sind, das nicht einer Verherrlichung ihres Heilands gleichkommt. Es ist natürlich viel verlockender, das Opfer einer CIA-Verschwörung zu sein, als von zwei zornigen Frauen zur Rechenschaft gezogen zu werden, weil man kein Kondom benutzt hat.“

So stellt man die Welt auf den Kopf. Assange, Manning und Snowden drohen Verfolgung, Anklage und Jahrzehnte hinter Schloss und Riegel, wenn nicht Schlimmeres. Der mächtigste Militär- und Geheimdienstapparat, den die Welt jemals gesehen hat, ist ihnen auf den Fersen… Doch Gibney sieht sich selbst einer Hexenjagd ausgesetzt!

Man sollte wissen, dass der Vater des Regisseurs, Frank Gibney, eine wichtige Persönlichkeit im amerikanischen Establishment sowie Japan- und Asienexperte mit Verbindungen zu den Geheimdiensten war. Gemäß eines Nachrufs, der 2006 in der Washington Post erschienen war, „arbeitete er während des Zweiten Weltkriegs für den Marinegeheimdienst und nach dem Krieg als Bürochef der Magazine Time und Life in Tokio, wo Herr Gibney aus erster Hand entscheidende Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts im Leben Ostasiens erfuhr. (…) Außerdem war er gemeinsam mit dem sowjetischen Überläufer Peter Derjabin Verfasser von ‚The Secret World‘ [Die geheime Welt] (1960) sowie Herausgeber der ‚Penkovsky Papers‘ (1966) [dt. Geheime Aufzeichnungen (1966)], die mit Hilfe der Central Intelligence Agency angefertigt wurden, wie eine spätere Auflage enthüllte.“

Das letztere Werk wurde in der Tat ursprünglich als angebliches Journal des Obersten Oleg Penkowski publiziert, eines sowjetischen Militäroffiziers, der für die CIA arbeitete. Später war Gibney gezwungen zuzugeben, dass das Buch auf Akten des CIA basierte, und dass das „Tagebuch“ vollends erfunden war. Frank Gibneys freundschaftliche Korrespondenz aus dem Jahr 1960 mit CIA-Direktor Allen Dulles ist online verfügbar.

Alex Gibney und all jene, die zur Verleumdungskampagne gegen Assange und andere Whistleblower beitragen, stehen vor dem Problem, dass ihnen eine wachsende Zahl prinzipientreuer Individuen entgegentritt: Snowden ist nur der letzte in dieser Reihe. Diese mutigen Menschen lassen sich nicht einschüchtern und drücken die wachsende Unruhe in breiten Bevölkerungsschichten aus. Sie sind bereit, alles zu tun, was in ihrer Macht steht, um die fortwährenden amerikanischen Kriegsverbrechen aufzudecken und die Angriffe der Obama-Regierung auf grundlegende demokratische Rechte zu entlarven.