Georg Büchner (1813-1837)

Ein zeitgemäßes Jubiläum – Teil 3

Von Sybille Fuchs
31. Dezember 2013

Georg Büchner Revolutionär mit Feder und Skalpell, Ausstellung vom 13.10.2013 bis 16.02.2014. Darmstadtium, Schlossgraben 1, 64283 Darmstadt. Gleichnamiger Katalog, Verlag Hatje Cantz, 612 S., 58,– €

In Darmstadt erinnert eine Ausstellung an den zweihundertjährigen Geburtstag Georg Büchners (1813-1837). Hier der dritte Teil einer Besprechung dieser sehenswerten Präsentation des revolutionären Dichters und Naturwissenschaftlers, der nur 23 Jahre alt wurde. (Hier geht’s zum ersten Teil, bzw. zum zweiten Teil)

Georg Büchner, Kupferstich von A. Limbach (nach einer Zeichnung von A. V. Hoffmann)

Auch wenn Georg Büchner sich ab 1835 von revolutionärer Praxis fernhält, glaubt er weiterhin nicht an eine friedliche Versöhnung der Klassenwidersprüche. Ebenso wenig überzeugen ihn die abstrakten Appelle seiner Schriftstellerkollegen, die dem „Jungen Deutschland“ angehören. Am 1. Januar 1836 schreibt er:

„Übrigens gehöre ich für meine Person keineswegs zu dem sogenannten Jungen Deutschland, der literarischen Partei Gutzkows und Heines. Nur ein völliges Misskennen unserer gesellschaftlichen Verhältnisse konnte die Leute glauben machen, dass durch die Tagesliteratur eine völlige Umgestaltung unserer religiösen und gesellschaftlichen Ideen möglich sei (…).

Ich komme vom Christkindlesmarkt, überall Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgerissenen Augen und traurigen Gesichtern vor der Herrlichkeit aus Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapier standen. Der Gedanke, dass für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr bitter.“ (i)

Lenz

In Straßburg widmet sich Büchner verstärkt seinen naturwissenschaftlichen Studien, beschäftigt sich aber gleichzeitig mit der Arbeit für eine Erzählung über den Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (als Fragment 1839 im Telegraph für Deutschland abgedruckt). Um Geld für seinen Lebensunterhalt zu verdienen, übersetzt er nebenbei unter anderem Victor Hugos Dramen „Lucretia Borgia“ und „Marie Tudor“, die, wie schon sein „Dantons Tod“, von Sauerländer gedruckt werden. Außerdem beschäftigt er sich mit der Philosophie René Descartes´ und Baruch de Spinozas.

Den Stoff für seine Erzählung„Lenz“hat ervon Freunden erhalten, die Zugang zu den Aufzeichnungen des elsässischen Pfarrers Johann Friedrich Oberlin haben. Bei Oberlin hat der Dichter Lenz, der immer stärkere Anzeichen einer Psychose aufweist, Zuflucht gefunden. Obwohl Büchner sich im „Lenz“ häufig sehr eng an Oberlins Schilderungen hält und sie oft fast wörtlich übernimmt, ist er in der Lage, die qualvollen Zustände des Dichters zwischen Wahn und Realität einfühlsam darzustellen. Gleichzeitig zeigt er sie mit einer medizinisch-wissenschaftlichen Präzision, die noch heutige Leser in den Bann zieht.

Gleichzeitig entwickelt er in diesem Stück eine bis dahin unbekannte Erzähltechnik. Er wechselt kunstvoll zwischen Ich- und Er-Erzählung.

Besonders eindrucksvoll sind die Schilderungen der Natur, wenn Lenz während eines Unwetters, von Visionen gemartert, in den Vogesen herumirrt, und sich in der Natur die Seelenzustände des Wahnsinnigen spiegeln. Büchner selbst liebte die Vogesen und hatte sie sich zusammen mit seinen Straßburger Freunden erwandert. Schon der Beginn der Erzählung fasziniert:

„Den 20. ging Lenz durch's Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war nasskalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber Alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte. Anfangs drängte es ihm in der Brust, wenn das Gestein so wegsprang, der graue Wald sich unter ihm schüttelte, und der Nebel die Formen bald verschlang, bald die gewaltigen Glieder halb enthüllte; es drängte in ihm, er suchte nach etwas, wie nach verlornen Träumen, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so nass, er hätte die Erde hinter den Ofen setzen mögen, er begriff nicht, dass er so viel Zeit brauchte, um einen Abhang hinunter zu klimmen, einen fernen Punkt zu erreichen; er meinte, er müsse Alles mit ein Paar Schritten ausmessen können. Nur manchmal, wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf, und es den Wald herauf dampfte, und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie fern verhallende Donner, und dann gewaltig heran brausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen, und die Wolken wie wilde wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, so dass ein helles, blendendes Licht über die Gipfel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm das Gewölk abwärts trieb und einen lichtblauen See hineinriss, und dann der Wind verhallte und tief unten aus den Schluchten, aus den Wipfeln der Tannen wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte, und am tiefen Blau ein leises Rot hinaufklomm, und kleine Wölkchen auf silbernen Flügeln durchzogen und alle Berggipfel scharf und fest, weit über das Land hin glänzten und blitzten, riss es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, Alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und legte das Haupt ins Moos und schloss die Augen halb, und dann zog es weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom, der seine klare Flut unter ihm zog.“(ii)

Eine der wichtigsten Passagen in der Erzählung ist eine Auseinandersetzung von Lenz in einer seiner gesunden Phasen mit seinem Bekannten Christoph Kaufmann über die Kunst. Büchner legt ihm hier seine eigene, gegen den Idealismus gerichtete Kunstauffassung in den Mund:

„Über Tisch war Lenz wieder in guter Stimmung, man sprach von Literatur, er war auf seinem Gebiete; die idealistische Periode fing damals an, Kaufmann war ein Anhänger davon, Lenz widersprach heftig. Er sagte: Die Dichter, von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit, hätten auch keine Ahnung davon, doch seien sie immer noch erträglicher, als die, welche die Wirklichkeit verklären wollten. Er sagte: Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen, unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es hässlich ist, das Gefühl, dass was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen Beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen. Übrigens begegne es uns nur selten, in Shakespeare finden wir es und in den Volksliedern tönt es einem ganz, in Goethe manchmal entgegen.“ (iii)

Obwohl die Erzählung Fragment geblieben ist, gehört sie zu den wichtigsten und wirkungsvollsten Beispielen deutscher Erzählprosa. Der junge Gerhart Hauptmann hat sie ebenso verschlungen wie Marcel Reich-Ranicki.

Straßburg: Medizin und Philosophie und Dichtung

In Straßburg widmet sich Büchner verstärkt seinen naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien. Die Darmstädter Ausstellung zeigt in eindrucksvoller Weise an Hand zahlreicher Beispiele von Experimenten, Präparaten und Apparaturen die großen medizinischen und allgemein naturwissenschaftlichen Fortschritte in Büchners Zeit, an denen er selbst beteiligt war.

Präparate von Barben und Kröten

Gegen Ende des Jahres 1835 beginnt Büchner mit Untersuchungen über das Nervensystem des Süßwasserfischs Barbe. Im Jahr darauf hält er auf drei Sitzungen der Straßburger naturhistorischen Gesellschaft einen Vortrag in französischer Sprache über das Nervensystem der Flussbarbe, worauf ihn die Gesellschaft zum korrespondierenden Mitglied ernennt.

Der 23-Jährige reicht im Juli 1836 seine Abhandlung unter dem Titel „Mémoire sur le système nerveux du barbeau (Cyprinus Barbus L.)“an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich ein und wird am 3. September in Abwesenheit zum Doktor der Philosophie ernannt. Im November hält er in Zürich eine Probevorlesung über Schädelnerven und erhält eine Stelle als Privatdozent.

Georg Büchners Forschungen über das Zentralnervensystem waren zu seiner Zeit bahnbrechend und sind bis heute gültig, auch wenn sie inzwischen natürlich durch weitere Erkenntnisse vertieft wurden. Im Darmstädter Museum wird durch einen Film demonstriert, welche Entdeckungen er damals genau machte.

Parallel zu seiner erfolgreichen akademischen Tätigkeit arbeitet Büchner schriftstellerisch weiter. Er hat bereits ein neues literarisches Projekt und beginnt mit den Arbeiten an seinem Drama „Woyzeck“, das er nicht mehr vollenden wird. Es erscheint erst 1877 als Fragment in der Berliner Zeitschrift Mehr Licht.

Obwohl Fragment geblieben, gehört „Woyzeck“ ohne Zweifel zu den wichtigsten deutschen Theaterstücken. Erst lange nach Büchners Tod konnte das Fragment im Druck erscheinen. Heute gehört es zu den international meistgespielten deutschen Theaterstücken.(iv)

Das Manuskript ist in mehreren Entwürfen in schwer lesbarer Schrift überliefert. Büchners Bruder Ludwig scheiterte an der Entzifferung und verzichtete darauf, es in seine Ausgabe der nachgelassenen Schriften aufzunehmen. Erst der Herausgeber der Gesamtausgabe von Büchners Werken, Karl Emil Franzos, machte sich Ende der 1870er Jahre an die Entzifferung und ließ seine Überarbeitung 1879 drucken. Uraufgeführt wurde es erst zu Büchners hundertstem Geburtstag, am 8. November 1913 im Münchener Residenztheater.

Das Stück besteht aus losen Szenen, deren Reihenfolge in den verschiedenen Rekonstruktionsversuchen unterschiedlich festgelegt wurde. Eine Einteilung in Akte gibt es nicht.

Mit seinem„Woyzeck“ versucht Büchner offenbar, praktisch umzusetzen, was er im Kunstgespräch im „Lenz“ theoretisch entwickelt hat. Seine Anregungen holt er dazu aus der Schilderung von Kriminalfällen in seiner unmittelbaren Umgebung. Vor allem dienen ihm Berichte und Gutachten über den Fall des Johann Christian Woyzeck, Sohn eines Perückenmachers, der am 21. Juni 1821 in Leipzig die 46jährige Witwe Christiane Woost erstochen hatte. Der Fall hatte unter anderem wegen medizinischer Gutachten über die Zurechnungsfähigkeit des Täters Aufsehen erregt. Dieser hatte angegeben, vor seiner Tat Stimmen gehört zu haben. Er wurde am 27. August 1824 verurteilt.

Büchner kennt diesen und ähnliche Fälle vermutlich aus der Zeitschrift für die Staatsarzneikunde,die sein Vater abonniert und für die er Beiträge aus der eigenen Praxis verfasst hat. (v)

Was macht dieses Stück bis heute so anziehend? Immer wieder wird es gespielt, sein Stoff verfilmt und von bedeutenden Komponisten vertont. Da ist einerseits natürlich sein Inhalt: Büchner hat einen Stoff gestaltet, der heute noch genau so aktuell wie damals ist.

Der Soldat und Barbier Woyzeck ist ein ausgebeutetes, unterdrücktes Wesen, das schließlich in seiner Verzweiflung einen Mord begeht. Aber das Ganze wird nicht trocken abgehandelt. Die einfachen Leute sprechen mit ihren oft unvollständigen Sätzen eine authentische Sprache. Oft reden sie in hessischem Dialekt aneinander vorbei, sie singen Volkslieder, die noch heute geläufig sind. Ein trauriges, an die Brüder Grimm erinnerndes Großmutter-Märchen erzeugt eine eigenartig düstere Stimmung und deutet Woyzecks Vereinsamung und Hilflosigkeit an.

Im Gegensatz dazu reden die sozial Höherstehenden meist in hohlen Phrasen, ohne das geringste Verständnis für die Leiden der Untergebenen. Vor allem der Doktor wird als zynisch und in all seiner Gelehrsamkeit als dumm und gefühlskalt entlarvt.

Gleichzeitig ist das Stück voll drastischer Komik und schwarzem Humor, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Woyzeck muss sich plagen, den Lebensunterhalt für sich und Marie zu verdienen, die ein Kind von ihm hat. Er muss seinem Hauptmann zu Diensten sein und ihn rasieren. Der Hauptmann macht sich lustig über ihn und tadelt seine Moral, weil er ein Kind hat „ohne den Segen der Kirche“. Woyzeck verteidigt sich mit seiner Armut. Aber das ist nicht die einzige Ursache für Woyzecks psychische Verfassung. Seine Geliebte Marie, für die und ihr Kind er das alles über sich ergehen lässt, lässt sich von dem schneidigen Tambourmajor verführen. Woyzeck verzweifelt, körperlich und geistig zerrüttet, und sticht ihr ein Messer in die Brust.

Hinzu kommt, dass Woyzeck vom Medizin-Professor für den gefährlichen Menschenversuch mit einer „Erbsendiät“ missbraucht wird. In der Tat wurden derartige Versuche in Gießen von Justus von Liebig durchgeführt, um zu testen, ob man die Kosten für die Ernährung von Soldaten nicht durch eine eiweißreiche Hülsenfruchtdiät senken und dadurch die teure Versorgung mit Fleisch ersetzen könnte. Das hatte teilweise gefährliche Nebenerscheinungen zur Folge, Halluzinationen, Verlust der Kontrolle über den Schließmuskel und verstärkten Harndrang, genau die Symptome, über die Büchners Woyzeck klagt.

Woyzecks Mordmotiv setzt sich so aus verschiedenen Faktoren zusammen. Einerseits ist es die Eifersucht, die auch als Auslöser seiner Psychose zu deuten ist. Diese wird gleichzeitig durch seine gesellschaftliche Unterdrückung und die Demütigungen verstärkt, und auch der unmenschliche Versuch mit der Erbsendiät trägt dazu bei. Wie Danton kann Woyzeck seinem Schicksal nicht entrinnen, aber in jeder Szene wird deutlich, dass dieses Schicksal von Menschen gemacht ist.

Es ist keineswegs so, wie in dem jüngsten, im Oktober von Arte ausgestrahlten Woyzeck-Film, der im Kiez-Milieu des Berliner Wedding angesiedelt wird. Nuran David Calis übernimmt darin den Büchner-Text nur teilweise. Er zeigt Woyzeck als einen Menschen, dem immer alles misslingt, egal was er anfängt. Wie die Berliner Zeitung schreibt, lebt er in einer Gesellschaft, „in der sich die Verhältnisse langsam umdrehen: das unterste Berliner Milieu bilden die Mitglieder der sogenannten Mehrheitsgesellschaft wie Woyzeck. Obenauf sind türkische Migranten wie die Gegenspieler Tambourmajor und Hauptmann, der eine der Kiez-Macker im schwarzen Maserati, der andere hat Woyzeck die Kneipe abgeknöpft, sie zum türkischen Restaurant umgebaut und lässt Woyzeck noch als Küchenjungen arbeiten.“

Das ist alles Andere als eine zeitgemäße Adaption des Büchner-Fragments. Vielmehr wird hier in einer postmodernen Beliebigkeit alles aufgemischt, um die von Büchner deutlich herausgearbeiteten Klassengegensätze und die daraus resultierenden Leiden auf allgemein Menschliches zu reduzieren.

Wie nicht erst im „Woyzeck“ deutlich wird, verfügt Büchner über großes Talent zu Ironie und beißendem Spott. Im Sommer 1836 schreibt er für einen Lustspielwettbewerb des Stuttgarter-Verlags Cotta eine Komödie: „Leonce und Lena“. Das Stück wird jedoch wegen verspäteten Eintreffens ausgeschlossen. Ungeöffnet erhält er den Umschlag mit dem Manuskript zurück.

In diesem Lustspiel führt Büchner seine Figuren in ironisch romantische Traumwelten, lässt sie Weltschmerz, Melancholie, Langeweile und Einsamkeit auskosten, um sie durch Shakespeare’schen Humor und hintersinnig durch den Narren vorgebrachte Vernunftgründe auf die Erde zurückzuholen. Zugleich verulkt er höchst bissig die deutschen Duodezfürsten und ihre Hofschranzen und Beamten.

Büchner erlebt weder den Druck noch eine Aufführung des Stücks, das erstmals 1842 publiziert wird.

Im Januar 1837 erkrankt Georg Büchner an Typhus und stirbt am 19. Februar 1837 im Zürcher Exil. Es ist schwer zu ermessen, was er als Schriftsteller, als Naturwissenschaftler oder vielleicht auch als politisch Tätiger noch hätte leisten können. Doch was er uns in seiner kurzen Schaffenszeit hinterlassen hat, ist großartig.

Büchners Wirkung

Im Laufe des 19. Jahrhunderts ist Büchner, wie Jan-Christoph Hauschild in seinem Büchner-Buch von 1985 nachweist, nie ganz vergessen, auch wenn seine Dichtungen keine große Verbreitung finden. (vi)

Verstärkt beginnt die Büchner-Rezeption mit der Ausgabe seiner Gesammelten Werke von Karl Emil Franzos Ende der 1870er Jahre. Franz Mehring behandelt in seiner „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ die Aufstände in Hessen, Büchners Rolle und seinen Hessischen Landboten ausführlich. Er schreibt:

„Büchner war ein Kopf von merkwürdiger Frühreife, nicht nur ein Freidenker auf religiösem Gebiet, sondern auch, was ungleich mehr sagen wollte, so klar in politischen Dingen, wie keiner sonst von allen, die im damaligen Deutschland politisch hervorgetreten sind (…). Ganz im Gegensatz zu den Utopisten verstand er vielmehr die Französische Revolution; aus ihr schöpfte er seine Überzeugung, dass der Despotismus nur durch Gewalt gestürzt werden könne, aber dass jede politische Revolution ohne materielle Grundlage, ohne ein notwendiges Bedürfnis der großen Masse scheitern müsse.“

„Dantons Tod“ bezeichnet Mehring als eine „formlos-mächtige Dichtung, die in grandiosem Wurfe der abgerissenen, in fieberhafte Aufregung hingewühlten Szenen die Schreckensherrschaft in all ihrer unheimlichen Größe heraufbeschwor.“ (vii)

In der Neuen Zeit schreibt er anlässlich der neuen Büchnerausgabe von Paul Landau 1902: „Büchners poetische Bruchstücke sind nur an Shakespeare und Byron, Goethe, Schiller zu messen; Büchner war ein reicherer Geist als Hebbel und enthält im Keime schon die Hauptmann, Holz und Schlaf.“

Die Initiatoren der Freien Volksbühne planen seit 1890 immer wieder, „Dantons Tod“ aufzuführen, doch es kommt nie dazu. Frank Wedekind und vor allem Naturalisten wie Gerhart Hauptmann haben Büchner viel zu verdanken. Hauptmann ist vom „Lenz“ begeistert. Sein „Bahnwärter Thiel“ und viele seiner Dramengestalten sind ohne Büchners Vorbild kaum denkbar. Wie er in seinen Erinnerungen schreibt, haben er und sein literarischer Freundeskreis in Berlin die Büchner-Ausgabe von Franzos besprochen.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts beginnen Büchners Stücke die Theaterbühne zu erobern und lassen sie seitdem nicht mehr los.

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schreibt im Vorwort seines Buches „Mein Büchner“: „Mit Büchner beginnt die moderne deutsche Literatur. Seine Werke führen zum (...) epischen Theater, zum Theater der Surrealisten und zum Dokumentartheater. Büchner führt zu Gerhart Hauptmann, zu Frank Wedekind, zu Ödon von Horváth und schließlich zu Franz Kafka und Bertolt Brecht."

Der beste Beweis, dass Büchners Werk bis heute an Aktualität nichts eingebüßt hat, ist seine bis heute unumstrittene Präsenz in der Geschichte und Literaturgeschichte. Die einen sehen in ihm einen resignierten Gegner der Revolution und Pessimisten, die anderen feiern ihn als Vorläufer der deutschen Revolution von 1848 und des „Kommunistischen Manifests“.

Einer seiner jüngsten (und in den Medien vielgepriesenen) Biografen, Hermann Kurzke, versucht ihn dagegen als christliches Urgestein hinzustellen und sieht sein gesamtes Werk als Ausdruck christlicher Nächstenliebe. Die ihn prägende politische Erfahrung habe sich in seinem Werk vor allem als rasante Desillusionierung niedergeschlagen. Büchners revolutionäre Flugschrift Der Hessische Landbote ist Kurzkes Meinung nach ein romantischer Gewaltstreich, frei von politischer Analyse und Kalkül. Büchner sei „mehr Sozialromantiker als Sozialrevolutionär“ gewesen. (viii)

Wer den Landboten gelesen und die Zeit studiert hat, in der er entstand, muss zu einer anderen Einschätzung kommen. Noch 1836 schrieb Büchner an den aus der Haft entlassenen Karl Gutzkow, eine gesellschaftliche Umgestaltung werde nicht von der „gebildeten und wohlhabenden Minorität“ ausgehen, „so viel Konzessionen sie auch von der Gewalt für sich begehrt. (…) Ich glaube, man muss in sozialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen.“

Man kann letztlich nur darüber spekulieren, wie Büchner sich weiter entwickelt hätte, wenn er nicht so früh gestorben wäre. Den möglichen Höhepunkt seiner intellektuellen und politischen Entwicklung hatte er mit 23 Jahren mit Sicherheit noch nicht erreicht. Er starb in einer Zeit, in der das deutsche Geistesleben rasante und revolutionäre Umwälzungen durchmachte.

Vier Jahre nach seinem Tod erschien Ludwig Feuerbachs materialistische Schrift, „Das Wesen des Christentums“, über die Friedrich Engels schrieb: „Man muss die befreiende Wirkung dieses Buchs selbst erlebt haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen. Die Begeisterung war allgemein: Wir waren alle momentan Feuerbachianer.“ Und elf Jahre nach Büchners Tod – er wäre gerade 34 geworden – veröffentlichten Marx und Engels nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit den Junghegelianern und Feuerbach das „Kommunistische Manifest“.

Büchner war Teil und Pionier eines Gärungsprozesses, der das menschliche Denken auf neue Höhen führte und schließlich die Grundlage für die moderne, sozialistische Arbeiterbewegung legte. Wie weit er selbst diesen Weg mitgegangen wäre, lässt sich nur vermuten. Durch die neue, in diesem Jahr vollendete große kritische Marburger Werkausgabe Büchners, die trotz des schmalen Umfangs seines Werks auf achtzehn Folianten angewachsen ist, konnten viele wichtige Bruchstücke und Varianten seiner Stücke, Quellen, Bezüge Briefe von ihm und an ihn, sowie seine wissenschaftlichen Schriften gesichert und zugänglich gemacht werden. (ix)

Aus ihnen ist nicht nur die Bedeutung Büchners in seiner Zeit, sondern auch für uns heute festzustellen.

ENDE

Anmerkungen:

(i) Brief an die Familie vom 1. Januar 1836

(ii) http://gutenberg.spiegel.de/buch/422/1

(iii) ebd.

(iv) http://gutenberg.spiegel.de/buch/416/1

(v) Die Gutachten von Hofrat Dr. Johann Christian Clarius in: Hans Mayer: Georg Büchner Woyzeck – Dichtung und Wahrheit, Frankfurt 1963

(vi) Jan-Christoph Hauschild: Georg Büchner. Studien und neue Quellen zu Leben, Werk und Wirkung. Königstein/Ts., 1985

(vii) Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, Band I, Berlin, 1980, S. 70-80

(viii) Hermann Kurzke: Georg Büchner - Geschichte eines Genies. München2013, 592 S.,

(ix) http://www.uni-marburg.de/fb09/fgb/forschung/publ/marburgausgab