64. Internationales Berliner Filmfestival - Teil 4

Zwischen Glaube, Kriegseinsatz und Aufklärung - deutsche Wettbewerbsfilme Berlinale

Von Bernd Reinhard
4. März 2014

Dies ist der vierte Teil einer Artikelreihe zu dem kürzlich beendeten Filmfestival in Berlin, der 64. Berlinale, die vom 6. bis zum 16. Februar 2014 stattfand. Teil eins wurde am 22. Februar, Teil zwei am 25. Februar, Teil drei am 1. März veröffentlicht.

Der deutsche Film war dieses Jahr auf dem Festival stark vertreten. Allein im Wettbewerbsprogramm liefen vier deutsche Produktionen.

Am meisten überzeugte der Film Die geliebten Schwestern von Dominik Graf. Er begibt sich in die Zeit der deutschen Aufklärung und beschreibt die Beziehung von Friedrich Schiller zu den Schwestern von Lengefeld.

Die von Lengefelds gehören zum ärmeren Adel. Nach dem Tod des Vaters, einem Oberlandjägermeister, wird das Geld knapp. Nur eine gute Partie der Töchter kann die Familie retten. Der Gang Charlottes (Henriette Confurius) an den Weimarer Hof, um einen vermögenden Ehemann zu finden, verläuft demütigend und erfolglos. Das verstärkt ihre Abneigung gegenüber der in Adelskreisen üblichen Katzbuckelei und Heuchelei. In ihrem Leben soll es nur noch Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Wahrheit geben: Ein „Zurück zur Natur“ im zeitgenössischen Geiste Rousseaus.

Die geliebten Schwestern

Diese Auffassungen teilt Charlotte nicht nur mit ihrer älteren Schwester Caroline(Hannah Herzsprung), sondern auch mit dem jungen Friedrich Schiller (Florian Stetter), den die beiden Schwestern im Jahr 1787 kennenlernen. Sie sind sofort voneinander fasziniert. Sie eint die Vorstellung, dass der Kampf gegen Lüge in allen Bereichen des Lebens und für die Wahrheit, die Voraussetzung für eine menschliche Zukunft ist. Es entsteht ein romantisches Bündnis, ein Liebesbund, der nicht nur Ideen teilt. Der Film verfällt jedoch nicht der Versuchung Schiller als einen frühen Kämpfer für freie Liebe zu stilisieren.

Die geliebten Schwestern

Die geliebten Schwestern handelt überwiegend von Ideen. Das Dreigespann träumt davon, die besten Künstler und Intellektuellen um sich zu versammeln. Schillers besonderes Interesse gilt der Geschichte. Er hat sich mit der Inquisition beschäftigt und ist dabei, eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges zu schreiben. Während eines romantischen Sonnenuntergangs erzählt er, was frühere Generationen beim roten Untergang der Sonne empfanden: "Die Schweden [die Deutschland im Dreißigjährigen Krieg verwüsteten] kommen." Das Grauen des unverstandenen Krieges wirkte als dunkler Albtraum weiter.

Schiller verfolgt mit Begeisterung die rasante Entwicklung des Buchdrucks und ist davon überzeugt, gestützt auf die Möglichkeit der weiten Verbreitung von aufklärerischen Schriften, eine neue Blütezeit der Menschheit zu erleben. Nicht nur das Bürgertum, auch Teile des Adels waren von dem geistigen Aufbruch ergriffen. Der verschuldete Adel litt unter der Verachtung der Reichen, vor denen er sich für schnödes Geld erniedrigen musste. Mutter Louise und auch der viel ältere, ungeliebte Ehemann Carolines, Wilhelm Freiherr von Beulwitz, schätzen Schiller als großen Kenner der Geschichte.

Den Höhepunkt dieses Aufschwungs, der mit dem Sturm auf die Bastille in Paris 1789 zusammenfällt, erlebt Schiller in Jena. Er wird als Professor an die dortige Universität berufen und erlebt einen begeisterten Empfang. Seine legendär gewordene Antrittsvorlesung lautet: "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" http://gutenberg.spiegel.de/buch/3307/1

Der Sturm auf die Bastille ist eine historische Zäsur. Jetzt findet der Kampf für eine bessere Gesellschaft auf der Straße statt. Langsam gleiten bekannte Figuren des Films an uns vorüber. Wie werden sie sich zur neuen Zeit verhalten? Wie viel Altes und Neues steckt in jedem? Schiller begrüßt die Revolution. Aber als die Jakobiner die Guillotine in Gang setzen, ist nicht nur Schiller angewidert: Was ist der Unterschied zwischen dieser Barbarei und der Inquisition?

Der zweite Teil des Films zeigt, wie vor diesem Hintergrund und infolge der gesellschaftlichen Rückständigkeit die breite Begeisterung für Geschichte und der Glaube an die Verwirklichung einer humanen Gesellschaft nachlassen.

Schiller verliert Studenten. Im Jahr 1795 gibt er das erste Mal die Horen heraus, eine monatliche Kulturzeitschrift, die die "Wahre Humanität" fördern soll. Auch Goethe ist beteiligt. Der Freundin Caroline hilft Schiller bei der Verfassung eines Romans (Agnes von Lilien, 1796-97, anonym herausgegeben), der in den Horen veröffentlicht, auf eine gewisse Faszination stößt. Aber die Stellen, die im Film verlesen werden, klingen eher banal. Der Roman hat denn auch in der Literaturgeschichte kaum Spuren hinterlassen.

Je mehr die geistigen Ideale an Kraft verlieren, ist auch die Beziehung der Schwestern untereinander und zu Schiller zunehmend geprägt von persönlichen Streitereien und Eifersucht. Der einstige Idealismus wird vom Alltag überwuchert. Die Gesellschaft ist dieselbe geblieben. Charlotte ist nun Frau Schiller und muss sich um mehrere Kinder kümmern.

Es gibt eine kleine Szene, die die Grenzen der aufklärerischen Ideen verdeutlicht. Louise von Lengefeld, die Mutter, möchte im Fall ihres Todes drei Sachen mit ins Grab nehmen: die Schriften Voltaires, (sein Ideal war eine aufgeklärte Monarchie) die naturwissenschaftlichen Schriften ihres Mannes und Das Neue Testament. Zu Ende des Films sitzen die Schwestern links und rechts an Schillers Krankenbett, zwei dunkle Silhouetten, zwei Wächterinnen, die den jetzt Einsamen behüten (Schiller starb 1805 an Tuberkulose).

Dominik Grafs Die geliebten Schwestern regt an, sich mit Friedrich Schiller und seiner Zeit auseinanderzusetzen, die so fasziniert war von Wahrheit und Geschichte. Wir wünschen dem Film ein breites Publikum, nicht nur in Deutschland.

Die drei anderen deutschen Wettbewerbsfilme setzten sich mit aktuellen Entwicklungen auseinander und ließen das Publikum mehr oder weniger ratlos zurück.

So der Film Kreuzweg, unter der Regie von Dietrich Brüggemann, ein Film über die Zerstörung eines 14jährigen Mädchens durch die Religion einer fundamentalistisch-katholischen Sekte. In 14 Kapiteln, die mit den 14 Wegstationen der Kreuzigung Jesu übertitelt sind, nimmt das Schicksal unbarmherzig seinen Lauf. Der Film erhielt den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Wir besprechen ihn, wenn er ab dem 20. März ins Kino kommt.

Zwischen Welten

Auf verhaltende Publikumsreaktion stieß der Film Zwischen Welten von Regisseurin Feo Aladag über den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr. Ein afghanischer Übersetzer, der für die deutsche Seite arbeitet, vermittelt, "zwischen den Welten". Der zwiespältige Film soll, so die Regisseurin, keine Generalkritik gegen oder für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan sein. Der Film hat seinen Kinostart am 27. März und wird dann von uns besprochen.

Der deutsche Wettbewerbsfilm Jack von Edward Berger gehört zur Sorte Filme, die teilweise sehr berühren aber letztendlich nicht viel aussagen. Jack ist ein etwa 10jähriger Junge, der in ein Heim kommt, weil die Mutter sich nicht genug um ihn kümmert. Er flieht und begibt sich zusammen mit dem kleinen Bruder auf die Suche nach ihr. Die Hauptfigur (Ivo Pietzcker) ist gut ausgewählt. Sie zeigt gleichermaßen Stärke wie innere Zerbrechlichkeit.

Jack

Die Umgebung bleibt dagegen blass. Bilder mit vager Symbolik ersetzen klare Aussagen. So zum Beispiel die Szene in einem Techno-Club, wo man sich ohrenbetäubenden Rhythmen hingibt und mit Drogen zuschüttet. Wer ist Jacks Mutter? Nur eine unreife junge Frau? Im Ergebnis verläuft sich der Film in ein fruchtloses Grübeln über die scheinbare Gleichgültigkeit der erwachsenen Welt gegenüber Kindern.

In den nächsten Tagen werden wir weitere deutschsprachige Filme besprechen sowie den österreichischen Dokumentarfilm Das große Museum von Johannes Holzhausen. Zusätzlich folgt ein Interview mit dem Regisseur.