64. Internationales Berliner Filmfestival - Teil 5

Kunst und Kommerz: Der österreichische Dokumentarfilm Das Große Museum

Von Bernd Reinhardt
8. März 2014

Dies ist der fünfte Teil einer Artikelreihe zu dem kürzlich beendeten Filmfestival in Berlin, der 64. Berlinale, die vom 6. bis zum 16. Februar 2014 stattfand. Teil eins wurde am 22. Februar, Teil zwei am 25. Februar, Teil drei am 1. März, Teil vier am 4. März veröffentlicht.

Der österreichische Regisseur Johannes Holzhausen hat mit Das große Museum einen liebevollen, bisweilen bissigen Dokumentarfilm über das Wiener Kunsthistorische Museum gedreht. Mit seinem Kamerateam begab sich Holzhausen hinter die Kulissen eines der führenden Museen Wiens (und der Welt), das das Erbe der Habsburger verwaltet.

Ein schweres Erbe, meint einer der Protagonisten. Wie präsentiert man diese Kunst auf moderne Weise, die vor allem der Machtpräsentation der Habsburger Dynastie diente, die vom 11. bis zum 18. Jahrhundert eines der wichtigsten Königshäuser Europas darstellte? Wie kann sie heutige Menschen inspirieren? Die vorsichtige Antwort eines Museumsmitarbeiters, die Glasvitrinen seien ja modern, weist auf ein aktuelles Problem.

Der Wiener Museumskomplex ist nicht nur ein Ort des Bewahrens, sondern auch ein kapitalistisches Unternehmen. Er steht im internationalen Konkurrenzkampf mit anderen Museen und Kulturstandorten der Welt. Man kalkulierte einen harten Finanzplan, dem Budgetkürzungen folgten. Die Sympathie des Films gilt offenkundig den Museumsarbeitern, die mit großer Hingabe dafür sorgen, dass die Kunstwerke der Öffentlichkeit Tag für Tag zur Verfügung stehen. Immer wieder zeigt er die Kunstwerke in der Hand von Mitarbeitern, die sie transportieren, restaurieren, begutachten. Es hängt gänzlich von ihnen ab, ob sie der Welt erhalten bleiben. Es braucht Behutsamkeit, einen großen Respekt, es braucht Arbeiter, die dafür leben.

Der Leiter der Rüstkammer ist solch ein Mensch. Nun wird er in die Rente verabschiedet. Ein paar Worte der Museumsdirektorin, Händeschütteln vor der Presse. Kurz darauf landet seine Akte im großen Archiv, wie viele vor und vermutlich nach ihm.

Johannes Holzhausen

Wenn die Kamera liebevoll über alte, grobe Pinselstriche gleitet oder über ein von Folie bedecktes Portrait, scheinen die Bilder von plötzlichem Leben erfüllt. Ein jedes verkörpert eine besondere Geschichte. Welches Geheimnis verbirgt sich hinter diesem Rubensentwurf, der später von anderen Malern verändert wurde? Der Mechaniker, der das kunstvolle Schlachtschiffmodell vor 150 Jahren wartete, wird ähnlich geflucht haben, wie der heutige Restaurator. Eine komplizierte Mechanik ließ einmal zur Unterhaltung eine Musikkapelle ertönen und echte kleine Kanonen abfeuern.

Die Tourismusindustrie zeigt für diese Details, wie für das Auf und Ab der Geschichte nur begrenztes Interesse. Besser fürs Geschäft sind „ewige Werte“ und „Mythen“.

Wir sehen, wie nach Abschluss von zehnjährigen Bauarbeiten im März 2013 die feierliche Wiedereröffnung der "Kaiserlichen Kunstkammer" erfolgt, die vormals schlicht "Kunstkammer" hieß. Die Kamera fährt über die prachtvolle Decke, barocke Fanfarenklänge ertönen. Der Bundespräsident tritt auf und wird ehrerbietig durch die glänzende Pracht der Räume geleitet, inmitten einer stark künstlichen Atmosphäre. Vorher zeigt uns der Film, wie Mitarbeiter sich mühsam das Protokoll der Zeremonie einprägen. Und wir wissen natürlich, dass das Museum auf die staatlichen Gelder angewiesen ist.

Einen Kompromiss zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Wahrheit und faulem Zauber kann es nicht wirklich geben. Immer wieder gelingt es Holzhausen, Bilder einzufangen, die die Verletzlichkeit und Einmaligkeit der alten Kunstwerke vor Augen führen. Dabei verzichtet er auf Off-Kommentare, Interviews und Musik und setzt ausschließlich auf "gesuchte Zufälle".

Als eine Spitzhacke unvermittelt in den Parkettfußboden eines prächtigen Saals fährt, den Beginn der Bauarbeiten markierend, schmerzt das Zusehen. Ein anderes symbolisches Film-Bild für die Gefährdung der alten Kunst, bleibt in Erinnerung. Es weist der Gefahr eine Adresse zu: Ein riesiges restauriertes Gemälde zeigt Kaiserin Theresa in patriotischer Pose mit ihren vier Söhnen. Das Bild stammt aus der Kanzlei des sozialdemokratischen österreichischen Präsidenten.

Ein Gespräch mit dem Regisseur Johannes Holzhausen:

WSWS: Herr Holzhausen, weshalb haben Sie diesen Film gedreht?

Johannes Holzhausen: In meinem Elternhaus spielte Kunst überhaupt keine Rolle. Mehr zufällig geriet ich als Jugendlicher in eine Kunstausstellung klassischer Moderne in München. Da öffnete sich mir eine Tür. Ich sah die Welt plötzlich ganz anders. Dieses prägende Erlebnis hatte ich auch im Kino. Ich ging mit dem Gefühl hinaus, dass die Welt sich verändert hatte. Kunst äußert sich über verschiedene Medien. Das verbindende Glied ist Erkenntnis. Man kann durch Ästhetik Erkenntnis gewinnen, einen tieferen Eindruck von der Welt.

WSWS: Ihr Film betont sehr stark die Verletzlichkeit von Kunst.

JH: Die Mitarbeiter haben so etwas wie Demut vor diesen Objekten, für die sie verantwortlich sind. Sie sind stolz darauf, dass sie für eine gewisse Zeitspanne (sie umfasst im Prinzip die Spanne ihres Arbeitslebens) für diese Objekte verantwortlich sind und sie einer unendlichen Kette von Nachfolgern weitergeben können. Das gilt nicht nur für Wien, sondern generell für Museumsleute. Doch es gibt eine innere Bruchlinie, die durch so ein Museum läuft.

Das Große Museum

Früher ging es um die Verwahrung der Objekte für die nächsten Generationen. Aus diesem Geist entstanden diese Museen im 19. Jahrhundert. Seit den 1990er Jahren gibt es eine Tendenz, die man allgemein Neoliberalismus nennt. Sie äußert sich auf verschiedene Art. So waren bis ungefähr Mitte der 1990er Jahre österreichische Museen vom Staat subventioniert. Dann wurden sie in wirtschaftlich agierende Unternehmen mit staatlicher Grundförderung umgewandelt, die sich seitdem nicht erhöht hat. Die Museen müssen immer mehr erwirtschaften.

Das Personal hat sich verändert. Museumsdirektoren kommen immer mehr aus der Privatwirtschaft. Der Weg ist nicht mehr: Kunstgeschichtestudium, Museumsmitarbeiter, Kurator, Sammlungsdirektor, Museumsdirektor. Es sind Quereinsteiger aus der Privatwirtschaft, beispielsweise Auktionshäusern. Die Direktorin vom Belvedere, Agnes Husslein, kam vom Auktionshaus Sotheby’s. Direktor Schröder von der Albertina war bei der ehemaligen Länderbank, die eine eigene Sammlung hat, über die er zum Direktor der Albertina wurde.

Als Maßstab für Erfolg gilt nicht mehr die Kontinuität einer perfekten Aufbewahrung der Kunstobjekte, sondern die Besucherzahl, die Quote. Das halte ich prinzipiell für vollkommen falsch.

Kultur ist ein Wert, der über den Augenblick hinausgeht. Kunst hat eine Verfallszeit, die viel länger ist als Tagesaktuelles. Das gilt es zu respektieren. Jeder Blick auf Besucherzahlen trägt dazu bei, Positionen zu stärken, die sagen:Ein Museum ist ein Wirtschaftsbetrieb. Dann sind die Einnahmen allein entscheidend.

WSWS: Museen werden unter Druck gesetzt, Kunstwerke zu verkaufen, um Schulden an Banken zu begleichen, wie beispielsweise das Detroit Institute of Arts. In der portugiesischen Regierung streitet man darüber, zu welchem Zeitpunkt der Verkauf wertvoller Bilder von Joan Miró den meisten Gewinn abwerfen werde. So redet man heute über die Zukunft der Kunst.

JH: Ja, das ist richtig. - Wir haben einen Bundeskanzler und einen Bundespräsidenten[in Österreich], beides Sozialdemokraten. Sie finden keine Haltung dazu. Diese spürbare Diskrepanz hat mich auch für den Film interessiert, wie sie damit umgehen wollen, können bzw. nicht können. Ist alte Kunst nur unter dem Aspekt des „Imperialen“ zu sehen oder ist da noch etwas anderes?

Das Große Museum

WSWS: Die prachtvolle Eröffnung der Kaiserlichen Kunstkammer schien sehr bewusst auf die Zurschaustellung Habsburger Glanzes ausgerichtet: Kulturstandort Österreich. Weit weg von Fragen wie: Wer waren eigentlich die Habsburger? Welche zwiespältige Rolle spielten sie im 18. und 19. Jahrhundert? Sie waren ja in ganz Europa verhasst als Unterdrücker von Fortschritt und Kultur.

JH: Die Politiker agieren nach dem Motto: Den Habsburgern persönlich nur nicht zu nahe kommen, man könnte ja mit ihnen gesehen werden. Der Chef des jetzigen Hauses Habsburg würde nie zu solch einer Veranstaltung eingeladen werden. Aber sich mit den Dingen schmücken,die seinem Großvater noch gehört haben, das geht wieder. Das ist aber keine Auseinandersetzung mit Geschichte.

WSWS: Die Budgets der Museen werden aufs Korn genommen und zugleich steigen die Preise von Kunstwerken ins Unermessliche.

JH: Das ist absurd. Das gilt in erster Linie für zeitgenössische Kunst. [Der britische Künstler] Damien Hirst bewegt sich in Preisdimensionen, für die man (überspitzt formuliert) einen ganzen Saal voller Rembrandts einkaufen kann. Ich besuchte vor Jahren das Reichsmuseum von Amsterdam und ging an den alten Meisterwerken vorbei. Hinten wurden die Besucher einzeln durch einen dunklen Gang geschickt, der in einem schwarzen Raum endete, wo der mit Diamanten besetzte Totenkopf [“For the Love of God”, 2007] von Damien Hirst leuchtete.

Die ganze europäische Kunstgeschichte von fünf bis sechshundert Jahren war, wie bei einem Konzert, die Vorband vor dem eigentlichen Hauptauftritt des Damien Hirst. Das war irre, so eine Verschiebung von Werten. Für jeden Kurator und Museumsmitarbeiter ist das dermaßen schmerzhaft, so degradiert zu werden.

Der Leiter der Rüstkammer im Film ist vom alten Schlag. Er wird nicht mehr gebraucht. Was kommt, ist eine Marke: "Kaiserlich". Sie soll Besucher locken. Doch das Neue ist das Alte in einem falschen Glanz, wie auf einem billigen Werbeplakat. Der Erkenntnisgewinn der Kunst geht dabei völlig verloren. Kunst hat eine aufklärerische Kraft in sich, sie ist real vorhanden. Es muss darum gehen, diese aufklärerische Kraft zu vermitteln.

Wird fortgesetzt

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