Antisemitismus und Russische Revolution (1)

Von Clara Weiss
13. März 2014

Vor fünf Jahren ist im Berliner Verlag Metropol eine historische Studie von Ulrich Herbeck erschienen,1 die die Geschichte des Antisemitismus in Russland vom Zarenreich bis zum Ende des Bürgerkriegs 1922 beleuchtet.

Die Studie zeigt den engen historischen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und der Reaktion gegen die sozialistische Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert. Von der Tages- und Fachpresse weitgehend ignoriert, dokumentiert Herbecks Studie die Geschichte der faschistischen Kräfte, auf die sich die imperialistischen Mächte während des Bürgerkrieges 1918 bis 1922 im Kampf gegen die Sowjetregierung gestützt hatten, die im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaborierten und auf deren Nachfahren sich heute die USA und Deutschland in der Ukraine stützen.

Teil 1: Russischer Antisemitismus vor 1917

Der Antisemitismus im Zarenreich war seit dem beginnenden 19. Jahrhundert mit der politischen Reaktion gegen die Aufklärung und die Französische Revolution verbunden, durch die die Juden in Frankreich und in den später von Napoleon besetzten Gebieten erstmals volle demokratische Rechte erhalten hatten. Die These von der „jüdisch-freimaurerischen Verschwörung“, die angeblich hinter der Revolution von 1789 gestanden hätte, traf in den herrschenden Kreisen des Zarenreiches und der Kirche auf offene Ohren.

Die staatliche Diskriminierung der Juden hatte jedoch auch wirtschaftliche Ursachen: Nachdem Juden für einen Großteil des 18. Jahrhunderts die Einreise nach Russland verboten war, erließ Katharina die Große 1791 einen Erlass, wonach Juden sich in Innerrussland, aber nicht in Moskau ansiedeln durften. Dadurch sollte vor allem die Konkurrenz jüdischer Kaufleute für Moskauer Händler eingedämmt werden. Juden mussten von nun an in festgelegten „Ansiedlungsrayons“ leben. Ab 1794 mussten sie darüber hinaus doppelte Steuern entrichten.

Die Identifikation der Juden mit der revolutionären Bewegung kam in Russland vor allem in den 1870er Jahren auf. Herbeck geht kaum auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Entstehung dieses antisemitischen Feindbildes ein, doch sie sind grundlegend, um den Antisemitismus und seine politische Rolle zu verstehen.

Wie der Trotzkist Abraham Léon in seiner brillanten Studie zur jüdischen Frage betont, die Herbeck leider nicht zitiert, untergrub die Entwicklung des Kapitalismus seit der Landreform von 1863 die soziale Stellung der jüdischen Bevölkerung des Zarenreiches. Während des Feudalismus war der Großteil der jüdischen Bevölkerung als Händler und Handwerker tätig gewesen. Der Kapitalismus führte zu einer raschen Proletarisierung insbesondere der jüdischen Handwerker, die bald zur unterdrücktesten Bevölkerungsschicht gehörten. Tausende Juden waren gezwungen, von den Kleinstädten und Dörfern in Großstädte zu ziehen. Vor allem aber führte ihr sozialer Abstieg zur Massenauswanderung nach Westeuropa und in die USA. Während in den 1870er Jahren nur rund 8 bis 10.000 Juden ihre Heimat verließen, wobei sie meist nur vom Land in Städte zogen, stieg die Zahl der aus Osteuropa auswandernden Juden zwischen 1881 und 1914 von 50 bis 60.000 auf 150 bis 160.000.2

Ab 1881 kam es immer wieder zu antijüdischen Pogromen. Auslöser war das Gerücht, die „jüdischen Revolutionäre“ seien für das Attentat auf den Zaren Alexander III. verantwortlich gewesen. Ab 1887 galten Zugangsbeschränkungen für Juden an höheren Schulen. Zum selben Zeitpunkt begannen massenhafte Ausweisungen aus den großen Städten wie Kiew, Moskau und Orel.

Die sozialistische Bewegung in Russland ebenso wie in Westeuropa nahm in dieser Zeit einen unversöhnlichen Standpunkt gegenüber dem Antisemitismus ein. Herbeck betont in seiner Studie mehrfach, der Antisemitismus habe in allen Schichten der Bevölkerung im Zarenreich, also auch unter Arbeitern und besonders unter Bauern, Verbreitung gefunden, ohne dieses Phänomen jedoch zu erklären. Die russische Arbeiterklasse war in den 1880er Jahren noch jung und rekrutierte sich aus der Bauernschaft. Unter kleinbürgerlichen Schichten und Bauern herrschten noch die antisemitischen Vorurteile der Feudalzeit, in der die Juden aufgrund ihrer sozialen Stellung als Kaufleute, Geldverleiher und Handwerker vielfach als Wucherer und unliebsame Konkurrenten angesehen wurden.

Der Zarismus machte sich diese jahrhundertealten Vorurteile zunutze, um den Zorn der rasch wachsenden und extrem unterdrückten Arbeiterklasse und der grausam ausgebeuteten Bauernschaft abzulenken und auf die Juden zu richten. Karl Kautsky betonte 1903 in einem Artikel zum Pogrom von Kischinew, Das Massaker von Kischinew und die Judenfrage, dass die Emanzipation der Juden vom Erfolg der revolutionären Arbeiterbewegung abhänge:

„Dieser enge Zusammenhang zwischen dem revolutionären Empfinden und den Bedürfnissen des jüdischen Emanzipationsstrebens ist aber, wie so mancher anderen Regierung, auch der russischen nicht entgangen. Sie hasst und verfolgt daher das Judentum ebenso sehr wie die revolutionären Strömungen, und sie tut alles, was in ihren Kräften steht, um den Judenhass in der Bevölkerung zu schüren und zu stärken. Sie erhält ihn nicht bloß dadurch lebendig, dass sie von der Volksmasse jede Aufklärung fernhält, die ihr Leben mit einem neuen Inhalt füllen könnte. Sie hindert auch jede Annäherung zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung, verhindert ihre Vermischung und bringt den Volksmassen durch ihre Praxis die Überzeugung bei, der Jude stehe außerhalb der menschlichen Gemeinschaft, sei rechtlos und vogelfrei.

Leidet die Volksmasse, verzweifelt sie, macht sie ihrer Verzweiflung in wilden Ausbrüchen Luft, dann werden diese Ausbrüche von den Dienern des Zaren auf das Judentum abgelenkt. Die Juden werden als Blitzableiter benützt für die Gewitter, die sich über dem Haupte der Autokratie zusammenballen. Das Misshandeln, Plündern und Erschlagen der Juden ist die einzige Volksbewegung, die im russischen Reiche gestattet wird.“

Es ist also kein Zufall, dass sich das Feindbild des „jüdischen Revolutionärs“ gerade in dieser Periode der gesellschaftlichen Umbrüche herausbildete und zu einer wichtigen Waffe des Zarismus gegen die sozialistische Bewegung wurde. Mit der Revolution von 1905 hatte sich dieses Feindbild endgültig verfestigt. Dieser Zusammenhang wird von Herbeck zwar nicht aufgezeigt, ist aber von großer Bedeutung.

1905 übernahm zum ersten Mal die Arbeiterklasse die führende Rolle in einer Revolution. Die Ereignisse in diesem Jahr stellten einen Wendepunkt seit der Niederschlagung der Pariser Kommune 1871 dar und läuteten in ganz Europa – darunter in Deutschland, Belgien und Frankreich – eine Periode von Massenstreiks und revolutionären Kämpfen ein. Leo Trotzki, der zum Führer des ersten Sowjets in Petrograd gewählt wurde, entwickelte im selben Jahr die Theorie der Permanenten Revolution, die die Perspektive der Bolschewiki in der Oktoberrevolution 1917 bestimmte.

Das Zarenregime reagierte auf die revolutionäre Bewegung der Arbeiter und Bauern mit verschärfter antisemitischer Propaganda und mit der gezielten Förderung rechtsextremer Organisationen. Die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ erfuhren nun eine systematische Verbreitung durch die zaristische Regierung. Die „Protokolle“, um die Jahrhundertwende von Sergej Nilus verfasst, vertraten die abstruse Theorie einer „jüdischen Weltverschwörung“ gegen das Christentum und der Gefahr einer unmittelbar bevorstehenden Apokalypse und wurden später von den Nazis zu Propagandazwecken eingesetzt. Zar Nikolaus II., der in die Geschichte nicht nur als einer der reaktionärsten, sondern auch als einer der dümmsten Herrscher eingehen sollte, schrieb später in einer Randnotiz bei der Lektüre der „Protokolle“:

„Welche Gedankentiefe! – Welche Voraussicht! – Welche Präzision in der Verwirklichung des Programms! – Unser Jahr 1905 ist so verlaufen, als wäre es von den Weisen inszeniert worden. – An ihrer Echtheit kann kein Zweifel sein. – Überall die lenkende und zerstörende Hand des Judentums.“3

Auf den Generalstreik unter Führung des Petrograder Sowjets im Oktober 1905 antwortete der Zar mit einer von der Regierung gelenkten antisemitischen Pogromwelle, die Leo Trotzki später in einem Kapitel seiner Schrift zur Revolution von 1905 beschrieb. In rund 50 Städten kam es zu Ausschreitungen, bei denen tausend Juden umgebracht wurden.4 Diese Pogrome leiteten die Konterrevolution ein, der allein zwischen Oktober 1905 und April 1906 48.000 Menschen zum Opfer fielen.5

In den folgenden Jahren baute das zaristische Regime gezielt rechtsradikale Parteien der „Schwarzhundert Bewegung“ wie den Bund des russischen Volkes (SRN, Sojuz Russkogo Naroda) auf, der an zahlreichen antisemitischen Pogromen beteiligt war. Zusätzlich wurden zwischen 1905 und 1916 14.327 Millionen Exemplare antisemitischer Schriften verbreitet, die die Zensur genehmigt und das Innenministerium finanziert hatten.6

Die Russisch-Orthodoxe Kirche war aufs Engste mit der extremen Rechten verwoben und propagierte offen Antisemitismus. Im Jahr 1908 stimmte die Synode explizit der Kandidatur von Geistlichen für den SRN zu; lokale Bischöfe wurden von der Synode aufgefordert, die Tätigkeit des SRN zu segnen.7

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges, 1911 bis 1913, fand der berüchtigte Bejlis-Prozess statt: Der jüdische Arbeiter Mendel Bejlis wurde auf Drängen der Kirche und Schwarzen Hundert wegen des angeblichen Ritualmordes an einem 12-jährigen russischen Jungen angeklagt, obwohl es keinerlei Beweise gegen ihn gab. Der Prozess endete zwar mit einem persönlichen Freispruch Bejlis, doch das Gericht bestätigte den Ritualmordverdacht und rechtfertigte eines der übelsten Vorurteile und diskriminierenden Verleumdungen gegen Juden mit pseudolegalen Argumenten.

Im Ersten Weltkrieg, in dem zwei Millionen russische Soldaten ums Leben kamen und weitere fünf Millionen verwundet wurden, erreichte der staatliche Antisemitismus einen neuen Höhepunkt. Die russische Armeeführung verfolgte eine gezielte Politik, um die wachsende Opposition der Soldaten und der Bevölkerung gegen den Krieg in rechte Bahnen zu lenken: „Spionagebeschuldigungen und –prozesse, Geiselnahmen aus dem Kreis der jüdischen Bevölkerung, die Aussiedelung der Juden aus den frontnahen Gebieten meist mit nur 24 Stunden Vorwarnung und schließlich auch Pogrome waren Ausdruck und Folge der antisemitischen Politik der Armeeführung.“8 Insgesamt wurden wegen Spionagevorwürfen bis 1916 insgesamt 3,3 Millionen Menschen von der Armeeführung zwangsevakuiert, darunter rund 600.000 Juden.9

Gleichzeitig kam es zu zahlreichen Ausschreitungen von Militäreinheiten, die meist von Kosaken dominiert waren: „Pogrome beschränkten sich nicht auf das Plündern, sondern oft wurden die Opfer für ihr angebliches Verhalten ‚bestraft‘, sie wurden verhöhnt, gequält und die Frauen vergewaltigt. In vielen Fällen wurden die Opfer auch getötet, aber das Töten hatte bei Weitem nicht den Massencharakter der späteren Bürgerkriegspogrome.“10 Besonders betroffen war von diesen Deportationen und Pogromen die jüdische Bevölkerung in Galizien, Litauen, Weißrussland, der Ukraine und Polen, die rund ein Vierteljahrhundert später auch die Hauptlast des Holocausts tragen sollte.

Erst der Sturz des Zaren in der Februarrevolution 1917 setzte diesem staatlichen Antisemitismus ein Ende. Erstmals erhielten die nahezu sechs Millionen russischen Juden – ein Großteil der damaligen jüdischen Weltbevölkerung – volle Bürgerrechte.

Wird fortgesetzt

Anmerkungen

1) Ulrich Herbeck: Das Feindbild vom jüdischen Bolschewiken: Zur Geschichte des russischen Antisemitismus vor und während der Russischen Revolution, Berlin 2009, 480 S. Alle Informationen in diesem Artikel stammen, wenn nicht anders angeben, aus diesem Buch.
2) Abraham Léon: Die jüdische Frage. Eine marxistische Darstellung, Essen 1995, S. 137.
3) Zitiert in: Herbeck 2009, S. 157.
4) Ebd., S. 60. 
5) Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905-1921, Frankfurt am Main 1988, S. 90.
6) Herbeck 2009, S. 62.
7) Vgl. Ebd., S. 64.
8) Ebd., S. 91-92.
9) Ebd. S. 93.
10) Ebd. S. 96. 

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