Türkei lässt kurdische Verstärkung für Kobane passieren

Von Peter Symonds
31. Oktober 2014

Unter intensivem Druck aus Washington erlaubte die türkische Regierung irakisch-kurdischen Peschmerga-Kämpfern das Durchqueren ihres Staatsgebiets, um die syrischen Kurden in der Stadt Kobane im Kampf gegen den Islamischen Staat im Irak und in Syrien (Isis) zu verstärken.

Der Kurdischen Regionalregierung (KRG) zufolge, die die halbautonome kurdische Region im Nordirak kontrolliert, sind am Mittwoch etwa 160 Peschmerga-Kämpfer in einem Straßenkonvoy und mit einem Flugzeug zur südtürkischen Stadt Sanliurfa gereist, worauf sie die türkisch-syrische Grenze passierten und am Donnerstagmittag Kobane erreichten.

KRG-Sprecher Safeen Dizayee sagte Reuters am Wochenende, die Peschmerga hätten in erster Linie die Aufgabe, mit Artillerie und anderen Waffen Rückendeckung zu geben. „Es sind keine Kampftruppen im eigentlichen Sinn, zumindest nicht im Moment“, sagte er. Seit Wochen verlangen syrisch-kurdische Kämpfer in Kobane schwerere Waffen, um den gut bewaffneten Isis-Miliz standzuhalten.

Jeder Aspekt des Einsatzes, vom Umfang der Pescherga-Truppe bis zu ihrer Bewaffnung, war zwischen der türkischen Regierung, der KRG im Irak und der YPG-Miliz heiß umstritten. Die YPG ist der bewaffnete Arm der Kurdisch-Demokratischen Union in Kobane.

Erst letzte Woche bezeichnete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die PYD als „Terrororganisation“, genau wie die verbotene Kurdische Arbeiterpartei (PKK) in der Türkei, mit der die PYD verbündet ist. Ankara verbietet es PKK-Kämpfern, nach Kobane hinüberzuwechseln oder auch nur im Kampf verwundete syrische Kurden medizinisch zu versorgen.

Zur KRG im Irak unterhält die türkische Regierung unterdessen gute Beziehungen. Die Erdogan-Regierung unterstützt die Entsendung von Peschmerga-Kämpfern nach Kobane mit dem Ziel, den Einfluss der PYD zu schwächen. Sie hat dagegen kein Interesse daran, schwere Waffen durchzulassen, weil sie befürchtet, diese könnten in die Hände der syrischen Verbündeten der PKK fallen.

Die PYD, die den Motiven Ankaras misstraut, versuchte die Zahl der Peschmerga gering zu halten. Die KRG hatte anfänglich 2.000 Mann angeboten, aber die Zahl schrumpfte in den Verhandlungen mit den syrischen Kurden auf 200 und schließlich auf 150.

Ähnlich vorsichtig ist die PYD, was die Hilfsangebote der vom Westen unterstützten FSA-Milizen betrifft, die Präsident Assad stürzen wollen. Die CIA hat FSA-Fraktionen von einer Basis in der Türkei mit der Bezeichnung Militärisches Operationszentrum aus bewaffnet und unterstützt.

Mit Billigung der Türkei bot die FSA ursprünglich an, 1.300 Kämpfer nach Kobane zu schicken. Wie jüngste Berichte besagen, ist inzwischen eine Gruppe von fünfzig Kämpfern über die Türkei in die Stadt gereist.

Die FSA ist schon früher mit kurdischen Kämpfern in Aleppo zusammengestoßen. Die PYD hat ihrerseits den Bürgerkrieg in Syrien genutzt, um ihre Kontrolle über die kurdischen Regionen im Norden des Landes zu festigen. Sie weigert sich, den Sturz Assads zu unterstützen.

Die USA scheuen keine Mühe, zu verhindern, dass Kobane in die Hände von Isis fällt. Ein beträchtlicher Teil der Luftschläge in Syrien richtete sich gegen Isis-Ziele in oder in der Nähe der Stadt. Von den vierzehn Luftangriffen im Irak und in Syrien am Dienstag und Mittwoch, die das US-Oberkommando meldete, fanden acht in der Nähe von Kobane statt.

Kritiker stellen den strategischen Wert der Konzentration auf die mittelgroße kurdische Stadt an der türkischen Grenze in Frage. Im Telegraph sagte der britische Armeeoffizier Ben Barry am Wochenende, die Obama-Regierung habe wahrscheinlich die Medien im Auge, die über die Schlacht von türkischem Boden aus berichten könnten. „Da gibt es sicher einen CNN-Faktor“, sagte Barry und deutete damit an, dass Kobane eine Ablenkung von militärisch wichtigeren Zielen sei.

Die USA nutzen die Gelegenheit, um engere Beziehungen zu den verschiedenen kurdischen Milizen zu knüpfen. Dies soll den Vereinigten Staaten dabei helfen, sein langfristiges Ziel eines Regimewechsels in Syrien wieder aus der Schublade zu holen, das sie im September letzten Jahres auf Eis legen mussten. Aus Washingtons Sicht könnte Kobane einen neuen Brückenkopf in Syrien bilden, von dem aus Operationen gegen Assad gestartet werden könnten.

Neben den prowestlichen FSA- und Peschmerga-Kämpfern versuchen die USA auch die PYD ihren Plänen dienstbar zu machen, obwohl diese bisher sehr zögerlich war, sich gegen Assad zu stellen. Aber sie koordiniert ihre jüngsten Operationen bereits mit den amerikanischen Luftschlägen. Das US-Außenministerium steht schon in Konsultationen mit der PYD, obwohl der türkische PYD-Verbündete, die PKK, immer noch auf der Liste terroristischer Organisationen der USA steht. Vergangene Woche warfen drei US-Transporter trotz türkischer Einwände 24 Tonnen Waffen und medizinische Hilfsgüter für die PYD-Kämpfer über Kobane ab.

Stillschweigend arbeiten die USA auch mit der PKK im Irak zusammen, wo PKK-Kämpfer an der Seite der Peschmerga kämpfen und als entscheidende Kraft im Kampf gegen die Isis-Offensive anerkannt werden. Das amerikanische Militär verfügt über eine gemeinsames Operationszentrum in Irbil, in der autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Die CIA und das amerikanische Militär unterhalten schon seit langem gute Beziehungen zu den nationalistischen kurdischen Parteien. Vor der Invasion des Irak 2003 nutzten sie diese Region als Aufmarschgebiet für den Krieg gegen das Regime von Saddam Hussein.

“Wir begrüßen die Entsendung der Peschmerga-Kämpfer und Waffen aus der kurdischen Region Nordirak nach Kobane”, erklärte der stellvertretende Sondergesandte des US-Präsidenten für die Koalition gegen Isis am Mittwoch. In einem Artikel im Wall Street Journal heißt es dazu, die von der Türkei, den syrischen Kurden und den irakischen Kurden koordinierte Aktion markiere einen „Wendepunkt“, der die Bereitschaft der irakischen und syrischen Kurden zeige, „tiefe ideologische Differenzen beiseite zu legen“.

Die PKK und ihr syrischer Ableger PYD haben keine Bedenken, mit dem US-Imperialismus bei einem weiteren kriminellen neokolonialen Krieg im Nahen Osten zusammenzuarbeiten. Wie die besser etablierten kurdischen bürgerlich-nationalistischen Organisationen in der Region gründet sich ihre Perspektive eines eigenen Kurdenstaates auf Vereinbarungen mit den Großmächten. Solche Manöver mit dem Imperialismus haben eine lange und schmutzige Geschichte. Sie haben das kurdische Volk immer und immer wieder in die Katastrophe geführt.

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