Terroranschläge in Europa: Die Folge westlicher Interventionen

22. Januar 2015

Nach den Terroranschlägen am 7. Januar in Paris hat die Polizei in ganz Europa Dutzende angeblicher islamistischer Kämpfer verhaftet, die nach Syrien gereist und zurückgekehrt seien, ein Land, wo die USA und ihre Verbündeten einen blutigen Bürgerkrieg geschürt haben.

Presseberichte über bevorstehende Anschläge, die vereitelt werden konnten, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass europäische Sicherheitsbeamte genau wussten, wer die angeblichen Verschwörer waren und ihre Bewegungen und Aktivitäten genau verfolgt hatten.

Die Medien, die sich der staatlich getragenen Kampagne, die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken zu versetzen, kritiklos angeschlossen haben, stellen nicht einmal die einfachsten Fragen. Wie konnten diese Personen ungehindert in ein ausländisches Kriegsgebiet reisen, dort an Kampfhandlungen teilnehmen und anschließend zurückkehren, ohne dass ihnen die Behörden Fragen stellten?

Die naheliegendste Antwort lautet, dass sie mit Einverständnis, oder sogar direkter Unterstützung von staatlichen Kreisen handelten. Man ließ sie bis jetzt gewähren, weil man sie für nützlich hielt.

Seit beinahe vier Jahren haben Washington und seine westeuropäischen Verbündeten, Frankreich an erster Stelle, einen Krieg für Regimewechsel in Syrien politisch orchestriert und die finanziellen Mittel und Waffen dafür bereitgestellt, in dem vor allem islamistische Kämpfer wie die Männer, die in den Büroräumen des Satiremagazins Charlie Hebdo den Massenmord verübten, die Bodentruppen stellten.

Waffen, ausländische Kämpfer und Geld sind nach Syrien geschleust worden, insbesondere über die Türkei, wo die CIA ein geheimes Koordinierungszentrum einrichtete. Ein Großteil der Waffen und Hilfslieferungen an die vom Imperialismus unterstützten “Rebellen” kam von Washingtons wichtigsten arabischen Verbündeten Saudi-Arabien und Katar.

Als wichtigste bewaffnete Gegner von Syriens Präsident Bashar al-Assad haben sich zwei Organisationen herauskristallisiert: die Al Nusra-Front, der Ableger der al-Qaida in Syrien, und der Islamische Staat in Syrien und im Irak (Isis), eine Abspaltung von al-Qaida, die wegen ihrer grenzenlosen Brutalität sogar von al-Qaida selbst verurteilt wird.

Der deutsche Reporter Jürgen Todenhöfer, der erste westliche Journalist, der seit Beginn des jüngsten US-geführten Kriegs in der Region von Isis gehaltene Gebiete in Syrien bereiste, berichtete im Dezember, dass mindestens 70 Prozent der Anti-Assad-Kämpfer Ausländer seien, die aus dem Nahen Osten, Tschetschenien, Westeuropa, Nordamerika und anderen Regionen ins Land geschleust wurden. Nach einer neueren Schätzung der amerikanischen Regierung schließen sich jeden Monat bis zu 1 000 ausländische Kämpfer diesen Milizen an.

Bald werden es 200.000 Tote sein, die der Bürgerkrieg in Syrien gefordert hat. Terroranschläge, Massenhinrichtungen und andere Verbrechen werden seit Jahren von den selben Elementen begangen, die für die Morde in Paris verantwortlich zeichnen, ohne dass aus den offiziellen Kreisen, die sich jetzt der “Je suis Charlie”-Kampagne anschließen, ein Wort des Protestes gekommen wäre. Sie haben für den Westen die Drecksarbeit erledigt.

Als Isis vergangenen Sommer in den Irak vordrang, ergab sich eine ernste Krise, weil die heutigen Verbrechen des Imperialismus mit denen von gestern in Konflikt gerieten. Das Debakel der irakischen Armee gegen Isis resultierte aus beinahe neun Jahren US-Krieg und Besatzung, die das Land verwüsteten, Hunderttausende Iraker das Leben kosteten, Millionen zu Flüchtlingen machten und heftige religiös motivierte Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten auslösten.

Washington und seine Verbündeten nutzten diese Krise schnell aus und organisierten Bombenangriffe in Irak und Syrien, und entsandten Tausende Soldaten zurück in den Irak. Die Stellvertreterkräfte von gestern im Kampf um einen Regimewechsel in Syrien wurden in dem wiederbelebten “Krieg gegen den Terror” zu heutigen Feinden. Dies ist der politische Hintergrund für die Anschläge in Paris und die Warnungen vor angedrohten Anschlägen an anderen Orten.

Das ist nichts wirklich Neues. Seit über einem halben Jahrhundert hat der US-Imperialismus islamistische Kräfte unterstützt, um so säkulare nationalistische Bewegungen und Regime zu bekämpfen, die die Ölreichtümer der Region kontrollieren oder enge Beziehungen zur Sowjetunion entwickeln wollten.

Das beste Beispiel ist Afghanistan, wo die CIA in enger Zusammenarbeit mit dem pakistanischen Geheimdienst einen Krieg sponserte, in dem fundamentalistische Islamisten die von der Sowjetunion unterstützte Regierung in Kabul stürzen wollten. Dabei spielten die Kräfte, aus denen später al-Qaida hervorging, eine Schlüsselrolle.

Seit damals sind praktisch alle, die im “Krieg gegen den Terror” zu prominenten Zielpersonen und Verdächtigen erklärt wurden, Personen, die dem CIA und anderen Geheimdiensten gut bekannt sind.

Das gilt auch für die Anschläge vom 11. September 2001. Die wichtigsten Entführer unterhielten enge Beziehungen zur saudischen Regierung, Washingtons wichtigstem Verbündeten in der arabischen Welt. Mehr als dreizehn Jahre nach den Anschlägen weigert sich die US-Regierung immer noch, 28 Seiten aus einem Bericht einer Untersuchungskommission des Kongresses über die Ereignisse vom 11. September und die finanzielle Unterstützung der Anschläge durch Saudi-Arabien freizugeben. Die Hauptorganisatoren der Anschläge wurden von der CIA ständig überwacht, durften aber in die USA ein- und ausreisen und wieder einreisen, ohne überhaupt gültige Visa zu besitzen. In den USA konnten sie problemlos eine Ausbildung zum Piloten für große Verkehrsflugzeuge absolvieren.

Dann gibt es den Fall Anwar al-Awlaki, ein in den USA geborener Muslim, der 2011 im Jemen von einer US-Drohne getötet wurde. Al-Awlaki wird heute für zahlreiche angeblich geplante Anschläge verantwortlich gemacht, u. a. soll er die Pariser Killer angeleitet haben. Früher unterhielt er enge Beziehungen zum amerikanischen Staat. Als erster Imam war er 2002 Prediger für muslimische Kongressbedienstete in Washington. Monate nach den Anschlägen von 2001 sprach er im Pentagon über den Abbau von Spannungen zwischen Muslimen und dem US-Militär.

Im Fall des Anschlags auf den Bostoner Marathon 2013 stand der Hauptverdächtige Tamerlan Tsarnaev nicht nur unter Bobachtung des FBI, er war auch dafür vorgesehen, als Informant gegen Muslime eingesetzt zu werden. Tsarnaew, der vier Tage nach dem Anschlag ermordet wurde, konnte ungehindert nach Russland reisen und zurückkehren und sich in Südrussland mit Islamisten treffen, die gegen die russische Regierung kämpfen. Moskau selbst warnte die USA zweimal vor seinen Aktivitäten.

Die Killer, die letzte Woche in Paris getötet wurden, wurden nach offiziellen Angaben vom französischen, amerikanischen und britischen Geheimdienst beobachtet.

Wie kann es sein, dass diejenigen, die mit der Polizei und Geheimdiensten in Kontakt stehen und von diesen beobachtet werden, einen Anschlag nach dem anderen verüben können? Gezielte Provokation kann jedenfalls nicht ausgeschlossen werden. Bei keinem dieser Ereignisse kann mit Sicherheit gesagt werden, ob die CIA in irgendeiner Form ihre Finger im Spiel hatte und die Anschläge von Personen, die dem Staat bekannt waren, durch Wegsehen oder auf Geheiß staatlicher Stellen zuließ.

Die Versuche der Medien, die Terroristen als geheimnisvolle und unbekannte Figuren zu präsentieren, sind verlogen. Letzten Freitag berichteten sie über die Massenverhaftungen in Paris und die Bekanntgabe neuer US-Pläne, syrische “Rebellen” auszubilden und zu finanzieren. Den Zusammenhang zwischen diesen Entwicklungen untersuchten sie nicht.

Nach den ersten zehn Jahren des “globalen Kriegs gegen den Terror”, in dem al-Qaida als existentielle Bedrohung dargestellt wurde, wurden eben diese Kräfte als Stellvertreter in vom Westen unterstützten Kriegen für Regimewechsel gegen säkulare arabische Regierungen eingesetzt, zuerst in Libyen, dann in Syrien. Jetzt werden ihre Taten erneut instrumentalisiert, um Krieg nach außen und Unterdrückungsmaßnahmen im Innern zu propagieren.

Letztlich sind Anschläge wie der auf Charlie Hebdo das Ergebnis von Jahrzehnten imperialistischer Interventionen im Nahen Osten. Die Kriege, die ein Land nach dem anderen verwüstet haben, haben eine Welle der Gewalt ausgelöst, die gar nicht auf die Region beschränkt bleiben kann. Washington und seine Verbündeten fördern die Kräfte, die diese Anschläge verüben, und arbeiten mit ihnen zusammen.

Bill Van Auken

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