Dritter Tod eines Zeugen im NSU-Komplex

Von Dietmar Henning
8. April 2015

Am 28. März starb die 20-jährige Melissa M. in einer Heidelberger Klinik an den Folgen einer Lungen-Embolie, wie es offiziell heißt. Drei Wochen zuvor hatte sie als Zeugin im NSU-Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags in Stuttgart ausgesagt. Die Aussage fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, weil sich die Zeugin bedroht fühlte.

Melissa M. ist bereits die dritte Zeugin im Rahmen der Ermittlungen über die Terrormorde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), die unter mysteriösen Umständen ums Leben kam.

Am 16. September 2013 verbrannte ihr damaliger Freund, der 21-jährige Florian Heilig, qualvoll in seinem Auto. Acht Stunden danach sollte er vom Landeskriminalamt zum NSU befragt werden.

Am 3. April 2014 wurde der 39-jährige Thomas Richter alias „Corelli“ tot in seiner Wohnung aufgefunden. Als offizielle Todesursache wurde ein Zuckerschock angegeben, ausgelöst durch eine bisher nicht entdeckte Diabetes-Erkrankung.

Sowohl Heilig wie „Corelli“ besaßen Hintergrundinformationen über den Tod von Michèle Kiesewetter, des letzten der zehn Mordopfer, die dem NSU zur Last gelegt werden. Während es sich bei den ersten neun um Immigranten handelte, die zwischen 2000 und 2006 offenbar aus rassistischen Gründen umgebracht wurden, gibt es für den 2007 erfolgten Mord an der aus Thüringen stammenden Polizistin kein offensichtliches Motiv.

Der Nazi-Aussteiger Heilig hatte bereits vor dem Auffliegen des NSU behauptet, er wisse, wer Kiesewetter in Heilbronn erschossen habe. Er wurde vom LKA einmal vernommen und sollte am Tag seines Todes ein zweites Mal aussagen.

„Corelli“ war bis 2012 V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz und lebte zum Zeitpunkt seines Todes in einem Zeugenschutzprogramm. Er war unter anderem Gründungsmitglied des Ku-Klux-Klans in Baden-Württemberg. Diesem rassistischen Geheimbund hatten auch zwei Polizisten angehört, die zum Zeitpunkt von Kiesewetters Ermordung in deren zehnköpfiger Einheit Dienst taten.

Wir hatten deshalb in einem früheren Artikel gefragt: „Musste Kiesewetter sterben, weil sie Dinge über die rechtsradikale Szene – oder die Beziehung zwischen Rechtsradikalen und Sicherheitsbehörden – wusste, die nicht ans Licht kommen sollten?“

Was Melissa M. betrifft, so sind bisher – abgesehen von ihrer kurzen Verbindung mit Heilig – keine engeren Beziehungen zur rechtsradikalen Szene bekannt. Sie war vom Stuttgarter Untersuchungsausschuss vorgeladen worden, um Licht in den Tod ihres früheren Freundes zu bringen.

Trotz den furchtbaren Umständen des Todes von Florian Heilig hatten die Behörden nämlich nach wenigen Stunden behauptet, es handle sich um Selbstmord, ein Fremdverschulden sei auszuschließen. Als Motiv nannten sie erst Frust wegen schlechter Noten und dann Liebeskummer.

Sie vernahmen aber weder Melissa M., die Ursache des angeblichen Liebeskummers, noch berücksichtigten sie die Einwände der Familie, die die Selbstmordthese stets vehement ablehnte. Die Familie begründete dies damit, dass ihr Sohn nie Selbstmordneigungen gezeigt und außerdem „panische Angst vor Feuer“ gehabt habe.

Eine Spurensicherung am Tatort fand praktisch nicht statt. Das ausgebrannte Fahrzeug wurde nicht gründlich untersucht und bereits nach einem Tag zur Verschrottung freigegeben. Die Polizei stellte nicht einmal das Handy und den Laptop des Toten sicher, die im Auto lagen. Das tat schließlich die Familie, die beides dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss übergab.

Bei der Ermittlung der Todesursachen von Florian Heilig setzte die Stuttgarter Polizei einen Beamten ein, der selbst „Kontaktperson zwischen Polizisten und dem Ku-Klux-Klan“ war. Das berichtete die Südwest Presse in einem kaum beachteten Artikel vom 7. März.

Kriminaloberkommissar Jörg B. stellte demnach 2001 den Kontakt zwischen einem von Kiesewetters späteren Kollegen und dem Ku-Klux-Klan in Schwäbisch-Hall her. Sein Bruder nahm zu dieser Zeit eine gehobene Stellung in dem rassistischen Geheimbund ein. Er selbst will dem Ku-Klux-Klan nie angehört haben, zumindest konnte ihm dies nicht nachgewiesen werden.

Nach Florian Heiligs Tod überbrachte Jörg B. der Familie die Nachricht vom Tod ihres Sohnes. Am 9. März sagte er als Zeuge vor dem Stuttgarter Untersuchungsausschuss aus.

Melissa M. scheint in ihrer nichtöffentlichen Aussage vor dem Untersuchungsausschuss wenig zur Aufklärung der Hintergründe beigetragen zu haben – entweder weil sie nichts wusste oder weil sie Angst hatte.

Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) berichtete, Melissa M. sei nur drei Monate mit Florian Heilig zusammen gewesen. Laut Aussage des Vaters beendete Florian Heilig die Beziehung zu ihr am Tag vor seinem Tod selbst per WhatsApp. Beides spricht gegen Selbstmord aus Liebeskummer als Todesursache.

Drexler erklärte zudem, die junge Frau habe nichts über die rechte Szene gewusst, Heilig habe offenbar in der kurzen Beziehung mit ihr nicht über seine rechte Vergangenheit gesprochen. „Sie konnte praktisch keinen Beitrag zu unserem Untersuchungsgegenstand leisten“, sagte Drexler. Warum sie sich bedroht fühlte, habe sie nicht konkretisieren können.

Trotzdem sind die Umstände von Melissa M.s Tod merkwürdig. Wie Polizei und Staatsanwaltschaft in Karlsruhe mitteilten, fand sie ihr Lebensgefährte am Abend des 28. März mit einem Krampfanfall in ihrer Wohnung in Kraichtal bei Karlsruhe. Die herbeigerufenen Ärzte hätten das Leben der jungen Frau nicht mehr retten können. Melissa M. starb in einer Heidelberger Klinik.

Die Polizei erklärte sofort, es gäbe keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden. Auch die anschließende Obduktion habe keine Hinweise dafür ergeben. Laut der offiziellen Version zog sich die junge Frau vier Tage zuvor nach einem leichten Motorradunfall eine Prellung am Knie zu und ließ sich noch am Abend des Unfalls ambulant im Krankenhaus versorgen. Zwei Tage später sei sie zum Hausarzt gegangen.

Sowohl das Krankenhaus als auch der Hausarzt hätten einer Thrombose, der Bildung eines Blutgerinnsels, vorgebeugt. „Dennoch dürfte sich aus dem unfallbedingten Hämatom im Knie ein Thrombus gelöst und letztlich die Embolie verursacht haben,“ heißt es in der Pressemitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft in Karlsruhe vom 30. März.

Die Tageszeitung (taz) befragte einen Fachmann für Dermatologie und Phlebologie am Venenzentrum Freiburg zu dem Todesfall. Dieser erklärte, das Thrombose-Risiko sei bei der gesunden Bevölkerung eher gering. Lungenembolien seien noch seltener. Theoretisch sei es möglich, eine Lungenembolie künstlich zu verursachen. „Dafür müsste ein Fremdstoff in eine tiefe Vene gespritzt werden, die direkten Zugang zur Lunge hat.“ Er habe aber noch nie davon gehört, dass eine Lungenembolie in krimineller Absicht herbeigeführt worden sei.

Suspekt ist Melissa M.s Tod vor allem wegen ihrer Beziehung zu Florian Heilig. Nachdem die Umstände seines Todes eineinhalb Jahre lang vertuscht worden sind, gelangen im Rahmen des Stuttgarter Untersuchungsausschusses immer mehr Details ans Licht, die darauf hinweisen, dass er tatsächlich etwas über den Mord an Kiesewetter wusste.

Heilig hatte gegenüber seiner Familie erklärt, der Prozess gegen das NSU-Mitglied Beate Zschäpe sei eine „reine Farce“, solange nicht weitere Personen auf der Anklagebank säßen. Dabei nannte er auch einen Mann namens „Matze“, mit dem er in der rechten Szene unterwegs war.

Auch in der Vernehmung durch das Landeskriminalamt hatte er von „Matze“ berichtet, der sein „Ziehvater“ in der Neonazi-Szene gewesen sein soll. „Matze“ habe ihn in die Szene eingeführt und auch zu einem Treffen mit der NSU und einer weiteren rechten Untergrundorganisation namens „Neoschutzstaffel“ (NSS) in Öhringen bei Heilbronn mitgenommen. Das Treffen soll im dortigen „Haus der Jugend“ stattgefunden haben.

Diese Aussage war brisant. Erweist sie sich als wahr, dann hat der NSU nicht allein, sondern in Zusammenarbeit mit mindestens einer anderen rechtsterroristischen Gruppe agiert, deren Mitglieder bis heute nicht enttarnt sind. Auch der Mord an Kiesewetter, deren Dienstwaffe in der ausgebrannten NSU-Wohnung in Zwickau gefunden wurde, könnte dann durch eine andere oder in Zusammenarbeit mit einer anderen Gruppe erfolgt sein.

Die Beamten stuften Heiligs Aussagen als nicht glaubhaft ein. Einen „Matze“ wollen sie nicht gekannt haben. Und eine Veranstaltung von Neonazis habe im Öhringer „Haus der Jugend“ am fraglichen Tag nicht stattgefunden – als würden Terroristen offiziell einen städtischen Raum anmieten.

Vor dem Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss hat nun ein Beamter der früheren Ermittlungsgruppe erklärt, dieser Mann sei inzwischen bekannt. Er heiße Matthias K. und stamme aus Neuenstein im Hohenlohekreis. Er trage die auffälligen Tattoos, die Florian Heilig beschrieben habe: ein Hakenkreuz am Arm und ein NSS-Logo an der Hüfte. Sein Vater sei Sozialarbeiter und habe sein Büro im Untergeschoss des „Hauses der Jugend“ in Öhringen. Nach Informationen der Stuttgarter Nachrichten ist Matthias K. zurzeit Soldat der Bundeswehr.

Der Ausschuss erwäge, Matthias K. als Zeugen zu laden, sagte dessen Vorsitzender Drexler. Nach den Erfahrungen mit Heilig, Corelli und Melissa M. bleibt zu hoffen, dass, sollte es dazu kommen, Matthias K. dann noch lebt.

Seit der NSU im November 2011 aufflog, mehren sich die Hinweise, dass von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die tot in einem Wohnmobil aufgefunden wurden, und Beate Zschäpe, die in München vor Gericht steht und eisern schweigt, zahlreiche Fäden in eine weitverzweigte rechtsextreme Szene und tief in den Staatsapparat hinein führen.

Die neonazistische Szene, aus der der NSU hervorging, war vom Thüringer Verfassungsschutz aufgebaut und finanziert worden. Die zehn Morde, die ihm zur Last gelegt werden, wurden unter den Augen der Geheimdienste durchgeführt. Im Umfeld des NSU arbeiteten nach aktuellem Stand mindestens 24 V-Leute der unterschiedlichen Verfassungsschutz- und Geheimdienstbehörden. Beim Mord an Halit Yozgat in Kassel befand sich der hessische Verfassungsschützer Andreas Temme sogar persönlich am Tatort.

Nach dem Auffliegen des NSU wurden reihenweise Akten in den Behörden vernichtet. Es gibt Zweifel daran, ob sich Mundlos und Böhnhardt tatsächlich, wie die offizielle Version lautet, selbst umgebracht haben. Und insbesondere der Mord an der Polizistin Kiesewetter wirft weiterhin viele unbeantwortete Fragen auf.