Herfried Münkler preist Kampfdrohnen und Giftgas als „humane“ Waffen

Von Johannes Stern
15. April 2015

Rund zwei Wochen nachdem die Bundesregierung und die französische Regierung auf einer gemeinsamen Kabinettssitzung den Bau einer europäischen Kampfdrohne beschlossen haben, preist Humboldt-Professor Herfried Münkler in einem ausführlichen Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Kampfdrohnen als „humane“ Waffe. Er zieht eine Parallele zum Giftgas, das erstmals im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde und das er ebenfalls als „human“ bezeichnet.

Von der F.A.Z. darauf angesprochen, dass Gift „als besonders schrecklich“ wahrgenommen werde, erklärt Münkler: „Es gibt diese auffällige Paradoxie: Von Gasvergifteten sterben zwischen drei oder vier Prozent, während bei Artillerieverwundungen die Letalitätsrate um die 50 Prozent liegt, bei MG- oder Gewehrfeuer bei 30 Prozent. Das heißt: Eigentlich könnte man sagen: Gas ist eine eher ‚humane‘ Waffe, weil es eine relativ niedrige Letalität hat.“

Zum Einsatz von Drohnen sagt er unter anderem, bei einem Drohnenangriff habe „der Angreifer sehr viel mehr Beobachtungszeit als der Pilot eines Jagdbombers“ und „die Kollateralschäden der Drohnenangriffe“ seien „deutlich niedriger als die von Jagdbombern“.

Es ist schwer zu sagen, was abstoßender ist. Münklers Verharmlosung des Gaskriegs im Ersten Weltkrieg oder sein Plädoyer für Kampfdrohnen!

In genau einer Woche jährt sich der erste Einsatz von Giftgas als Massenvernichtungswaffe zum hundertsten Mal. Am 22. April 1915 setzten deutsche Truppen in der Schlacht bei Ypern Chlorgas ein.

Die Deutsche Welle schilderte vor einem Jahr, wie damals eine gelbliche Wolke von 180 Tonnen flüssigem Chlor aus den deutschen Schützengräben auf die gegnerische Linie zuschwebte: „Dort beginnt das Grauen. Rot angelaufen, blind und hustend taumeln die vom Gas eingehüllten Soldaten umher. 3000 von ihnen ersticken, weitere 7000 überleben schwer verätzt.“

Im eskalierenden Gaskrieg, bei dem immer wirksamere chemische Waffen zum Einsatz kamen, wurden laut einem Informationsblatt der Bundeszentrale für politische Bildung „rund 120.000 Tonnen von 38 Kampfstofftypen verschossen, dadurch starben circa 100.000 Soldaten und 1,2 Millionen Mann wurden verwundet“.

Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer kommentiert im Beitrag der Deutschen Welle den ersten Giftgaseinsatz bei Ypern mit den Worten: „In dem Moment hat die Wissenschaft ihre Unschuld verloren.“ Bis dahin habe das Ziel der Wissenschaft darin bestanden, die Lebensbedingungen der Menschen zu erleichtern, „und nun lieferte die Wissenschaft Bedingungen, um menschliches Leben zu töten“.

Er bezog sich auf einen Kollege Herfried Münklers, den Berliner Chemiker Fritz Haber, Gründer und Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie. Haber stellte im Ersten Weltkrieg sein gesamtes wissenschaftliches Können in den Dienst der Massenvernichtung. Seiner Karriere tat dies keinen Abbruch. Nach Kriegsende erhielt der „Vater des Gaskriegs“ den Nobelpreis für Chemie und saß im Aufsichtsrat des Chemiegiganten I. G. Farben, der später das Giftgas Zyklon B für die Gaskammern in Auschwitz herstellte. Haber selbst unterstützte die Nazis allerdings nicht, er emigrierte 1933 und starb kurz danach.

Der Einsatz von Giftgas, das Münkler als „humane Waffe“ preist, symbolisierte nicht nur eine neue Qualität des Abschlachtens von Millionen Soldaten, er war auch ein Kriegsverbrechen und ist es heute noch. Er verstieß gegen die Haager Konvention von 1907 und wurde im bis heute gültigen Genfer Protokoll von 1925 noch einmal explizit verboten. Sowohl im Krieg gegen den Irak als auch bei den Kriegsdrohungen gegen Syrien führte die imperialistischen Propaganda den tatsächlichen oder angeblichen Einsatz von Giftgas durch diese Länder als Kriegsgrund an.

Es ist daher bezeichnend, wenn Münkler nun eine Parallele zwischen dem Giftgas- und dem Drohnenkrieg zieht. Dieser Vergleich trifft zu, aber nicht weil es sich um „humane“ Formen der Kriegführung handelt, sondern weil beide eine neue Stufe der imperialistischen Barbarei verkörpern.

Der US-geführte Drohnenkrieg in Afghanistan, Pakistan Somalia und im Jemen verstößt nicht nur gegen das Völkerrecht, sondern hat in den letzten Jahren tausende unschuldige Todesopfer (Münklers „Kollateralschäden“) gefordert. Nach Recherchen des in London ansässigen Bureau of Investigative Journalism hat das US-Militär allein in Pakistan zwischen 2400 und 3900 Menschenleben durch „gezielte Tötungen“ ausgelöscht. Die Opfer waren dabei nicht selten Frauen und Kinder oder unschuldige Teilnehmer von Geburtstagsgesellschaften oder Hochzeiten, die von Kampfdrohnen heimgesucht wurden.

Münklers Rechtfertigung der Kriegsführung mit Giftgas und Kampfdrohnen ist äußerst zynisch. So wirft er den Gegnern des Gas- und Drohnenkriegs vor, den kriegerischen Idealen eines längst verflossenen „heroischen“ Zeitalters anzuhängen.

„Die Kritik des Gaskriegs und die Kritik des Drohnenkriegs sind dort verbunden, wo es um das Ethos des Kämpfers geht. Das Erstaunliche ist, dass die Drohne in einer postheroischen Gesellschaft kritisiert wird, aber mit den Argumenten des Heroischen, die den Kampf Mann gegen Mann fordern,“ führt der Professor aus.

Unter „postheroisch“ versteht Münkler, dass im Krieg nicht mehr gekämpft, sondern die Soldaten und die Zivilbevölkerung des technisch unterlegenen Gegners kaltblütig abgeschlachtet werden – durch ferngesteuerte Drohnen oder durch Giftgas, dem Soldaten hilflos ausgeliefert sind.

„Wir beobachten eine Verpolizeilichung des Krieges“, erklärt er in der F.A.Z.. „Es werden Ziele verfolgt, die als Investitionen in die Zukunft des Interventionsgebiets bei Minimierung eigener Verluste zu verstehen sind. Hegel hat die Waffen als ‚das Wesen des Kämpfers‘ bezeichnet – Drohnen sind die typischen Waffen der postheroischen Gesellschaft. Da gibt es kein Kriegerethos und keine Ästhetik des Kampfes. Es gibt lediglich die Effektivität der Gefechtsfeldbewirtschaftung.“

Es ist die intellektuelle Verkommenheit eines deutschen Professors nötig, um Hegel zu dem Zweck zu bemühen, Kampfdrohnen als „effektive“ Waffengattung zu feiern und gegen jede ethische oder moralische Kritik in Schutz zu nehmen.

Münklers Argument ist zudem eine Verhöhnung der Bevölkerung, die Kampfdrohnen mit großer Mehrheit ablehnt. Sie tut dies nicht, weil sie sich nach einem „heroischen“ Zeitalter zurücksehnt und mit dem Schwert „Mann gegen Mann“ kämpfen möchte. Drohnen sind verhasst, weil sie wie kaum eine andere Waffe mit völkerrechtswidrigen imperialistischen Feldzügen, Kriegsverbrechen und unendlichem Leid für die Zivilbevölkerung assoziiert werden.

Münkler führt außerdem sozialdarwinistische Argumente zur Rechtfertigung des Drohnenkriegs an. Die „postheroische Gesellschaft“ sei „durch zwei Elemente“ gekennzeichnet, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z.: „Eine niedrige demographische Reproduktionsrate. Es gibt nicht mehr die überzähligen jungen Männer fürs Schlachtfeld. Und die Vorstellung des Sich-selbst-Darbringens auf dem Altar des Vaterlandes ist uns völlig fremd.“

Münkler hatte bereits vor zwei Jahren eine Art Grundsatzrede zum Drohnenkrieg gehalten und darin ethische und moralische Einwände gegen die moderne Mordwaffe abgelehnt. Auf der 14. Außenpolitischen Jahrestagung der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung hielt er einen Vortrag zum Thema „Neue Kampfsysteme und die Ethik des Krieges“.

Damals warnte Münkler: „Postheroische Gesellschaften, wie die unsere eine ist, sollten also mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen, wenn sie über die Ethik des Krieges sprechen. Sie spielen mit einem heißen Eisen, zumal dann, wenn sie diese Ethik benutzen, um von den Soldaten mehr einzufordern, als sie sich selbst zumuten würden.“

Dann schärfte er den anwesenden Politikern und außenpolitischen Experten ein: „Der ‚Bürger in Uniform‘ ist waffentechnisch der Kampfdrohne sehr viel näher als der Soldat einer klassischen Armee und er zieht ihren Gebrauch dem Einsatz leichter Infanterie in feindlichem Gelände vor, der das Ziel hat, in direkter Feindberührung eine tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung auszuschalten. Pointiert formuliert: In der Kritik an den Drohnen äußert sich die Ethik einer vorbürgerlichen Gesellschaft mit heroischen Idealen in nostalgischer Form. Es ist eine Kritik, die sich selbst nicht begriffen hat.“

Es sei dahingestellt, ob man das aufgeblasene Geschwätz des Professors „begreifen“ muss, der zutiefst militaristische Standpunkt, der sich dahinter verbirgt, ist eindeutig. In einer Situation in der weder die Bevölkerung noch die Mehrheit der Soldaten gewillt sind, sich im offenen Krieg abschlachten zu lassen, empfiehlt er der herrschenden Elite Drohnen als geeignetes Mittel, die Ziele des deutschen Imperialismus auch militärisch durchzusetzen.

Dass Münkler nun das Giftgas in eine Reihe mit den Drohnen stellt, zeigt, mit welcher Dynamik inhumane und militaristische Auffassungen in den herrschenden Kreisen Berlins 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder um sich greifen. Im Bericht der Böll-Stiftung zur Konferenz vor zwei Jahren hieß es noch, Münklers Darstellung der „umstrittenen Kampfdrohnen aus ethischer Sicht als positive waffentechnologische Weiterentwicklung“ sei als „kleine Provokation“ verstanden worden.

Mittlerweile ist Münklers „kleine Provokation“ gefährliche Realität. Die Böll-Stiftung wirbt für eine Konfrontation mit Russland, die Bundesregierung schafft Kampfdrohnen an und der Herr Professor gibt an der Humboldt-Universität ein Seminar unter dem Titel: „Theorien des Krieges: Neue Kriege, humanitäre Interventionen, Drohnenkrieg“. In seinem neuen Buch „Macht in der Mitte“ fordert Münkler von Deutschland, wieder „die schwierige Rolle eines ‚Zuchtmeisters‘ [in Europa] zu spielen“. Auch daran arbeitet die Bundesregierung!