Nach Le Pens Nazi-Äußerung:

Französische Medien versuchen Neofaschisten zu „entdämonisieren“

Von Francis Dubois
17. April 2015

Vergangene Woche brach eine Krise innerhalb der neofaschistischen Nationalen Front (FN) aus. Es kam zu einer öffentlichen Konfrontation zwischen der aktuellen Führerin der Partei, Marine Le Pen, und ihrem Vater, Parteigründer und Ehrenpräsidenten Jean-Marie Le Pen.

Dieser Konflikt, in den die Medien aktiv eingegriffen haben, wurde durch ein langes Interview von Jean-Marie Le Pen ausgelöst, das am 9. April im rechtsextremen Magazin Rivarol, einer antisemitischen und pro-Vichy Publikation mit geringer Auflage veröffentlicht wurde. In verkürzter Form wiederholte er grundlegende Ansichten, die er schon oft geäußert hat und welche die Grundlage für die Politik der Rechtsextremen in Frankreich bilden: die Unterstützung des mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regimes, die Leugnung des Holocaust und die Beschönigung der Verbrechen der Nazi-Besatzung.

Er hatte bereits am 2. April auf Radio RMC seine früheren Äußerungen wiederholt, dass die Gaskammern in den Vernichtungslagern der Nazis "ein Detail der Geschichte" seien.

Diese Bemerkungen und das Rivarol Interview lösten eine spektakuläre öffentliche Reaktion von FN-Funktionären um Marine Le Pen aus. Am 9. April verkündete sie öffentlich, dass sie sich der Kandidatur ihres Vaters bei den kommenden Regionalwahlen widersetzen werde. Am nächsten Tag gab sie die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen ihn bekannt. Führende FN Mitglieder distanzierten sich öffentlich von ihm und forderten seinen Rücktritt. Medienvertreter sprachen von einem "unwiderruflichen Bruch" innerhalb der FN-Führung.

Französische Medien verfolgen die Aussagen von neofaschistischen Parteiführern mit der gleichen Aufmerksamkeit und, manche zumindest, mit der gleichen Sorgfalt wie die britische Presse eine Krise in der königlichen Familie. FN Führer werden in Redaktionen und Talkshows eingeladen und können ihre Ansicht in unzähligen Artikeln und Videos darlegen.

Viele Pressestimmen drängen Marine Le Pen, die Krise entschlossen zu nutzen, um ihren Vater los zu werden, der den wahren Charakter der Partei zu unverhüllt erkennen lässt. Sie solle das Image des FN als "demokratische“ Partei untermauern.

Unter dem Titel "Jean-Marie Le Pen und die Wahrheit über den FN" schrieb Le Monde am 8. April: "Entweder – Oder: Entweder sagt Jean-Marie Le Pen als Ehrenpräsident des FN laut, was der Front National wirklich denkt ... Oder Jean-Marie Le Pen ist zu einem Dissidenten in seiner eigenen Partei geworden und macht die ganze Arbeit zunichte, die in den letzten vier Jahren unternommen wurde, um den FN zu "entdämonisieren". In diesem Fall muss seine Tochter und politische Erbin sich von ihm distanzieren und ihm offizielle Positionen und Kandidaturen verweigern. Marine Le Pen muss sich zwischen ihrem Vater und ihrer Partei entscheiden. Jeder kann ihre Entscheidung dann bewerten."

Le Monde, die oft als "führende Zeitung" der französischen Bourgeoisie bezeichnet wird, stellte sich eindeutig auf die Seite Marine Le Pens und unterstützt das Projekt, den FN zu "entdämonisieren" und eine vorzeigbare neofaschistische Linie zu entwickeln. Sie will nicht, dass der FN eine allzu kontroverse, offen pro-faschistische Position vertritt, die seinen Aufstieg zur Macht blockieren würde. Deshalb schlägt sie Le Pen Junior einen Handel vor: ‚Hier ist die einmalige Gelegenheit, so zu tun, als haben Sie sich von den vergangenen Grausamkeiten des Faschismus losgesagt. Diese Gelegenheit müssen Sie nutzen’. Einige Teile der Bourgeoisie fügen zweifellos hinzu: Wenn Sie an der Macht sind, können Sie die Maske fallen lassen.

Seit Beginn der "Entdämonisierungs-" Kampagne des FN bemühen sich die Medien, die Distanzierungsversuche von seiner traditionellen Unterstützung des Vichy Regimes und der blutigen Kolonialherrschaft Frankreichs in Algerien als aufrichtig darzustellen. Die Medienberichte lassen den FN als "demokratisch", "populistisch", oder sogar "mehrheitsfähig", auf jeden Fall aber nahe der traditionellen bürgerlichen Politik erscheinen.

Dabei handelt es sich um ein politisches Manöver mit dem Ziel, die Bestandteile des FN zu verschleiern, die ihn zu offensichtlich als faschistische Partei zeigen. In Wahrheit ist der Gegensatz zwischen den beiden Linien innerhalb des FN, der von Marine Le Pen und der ihres Vaters, taktisch und nicht grundsätzlich.

Die Kommentare von Le Pen Senior, die von der politischen Mannschaft seiner Tochter nun kritisiert werden, und vor allem seine Verteidigung des Vichy-Regimes, sind Teil des Erbes des gesamten FN. Als der rechtsextreme Publizist Eric Zemmour sein Buch Der Selbstmord Frankreichs veröffentlichte, in dem er versucht, das Vichy-Regime und dessen Staatschef Marschall Philippe Pétain zu rehabilitieren, wurde er von allen Fraktionen der Partei eingeladen, auf FN-Versammlungen zu sprechen. Vor der Veröffentlichung wurde das Buch von Philippe Martel, Marine Le Pens Generalsekretär, gegengelesen.

Wenn die FN Führung jetzt vorgibt von den antisemitischen Äußerungen des Parteigründers schockiert zu sein, ist das eine zynische Masche. Der FN hat weder seine historischen Sympathien für das Vichy-Regime noch für "Französisch Algerien" aufgegeben.

Marine Le Pen überlagert einfach das Vichy-Erbe ihrer Partei mit Islamophobie, die sie in die Farben der französischen Republik hüllt und mit der herrschenden Elite Frankreichs teilt. Ihre pragmatische Kalkulation basiert darauf, dass sie durch die Kampagne gegen den Islam und gegen Migranten mehr gewinnt als durch die öffentliche Verteidigung des Vichy-Regimes und des Holocausts.

Das Vichy-Regime bleibt jedoch die klassische konterrevolutionäre Erfahrung der französischen Bourgeoisie angesichts der revolutionären Herausforderungen durch die Arbeiterklasse. Sie selbst hat dieses Regime an die Macht gebracht, auch wenn sie den Einmarsch der Nazis 1940 als Deckmantel zu nutzen versuchte. Der FN repräsentiert diese Tradition und alle seine Fraktionen sind daraus entstanden. Die politischen und Medienvertreter des französischen Imperialismus wissen das nur zu gut, und versuchen deshalb aus Angst vor dem Zorn der Arbeiterklasse über die Sparpolitik und die Regierung der Sozialistischen Partei (PS) den FN zu propagieren.

Eine ihrer Hauptsorgen besteht darin, wie der FN trotz aller historischen Erfahrungen mit der faschistischen Barbarei des 20. Jahrhunderts, gefördert werden könne, ohne massiven Widerstand in der Arbeiterklasse hervorzurufen. Sie bevorzugen es daher, unter einem Deckmantel zu operieren und den faschistischen und repressiven Charakter des FN ein Stück weit zu verschleiern.

Die Taktik von Le Monde würde es dem FN noch überzeugender erlauben, zu behaupten, er habe seine demokratische Redlichkeit bewiesen. Sie würde auch den Weg für Allianzen und Regierungskoalitionen mit praktisch jeder Partei des französischen politischen Apparats ebnen.

Folglich erklärte Malek Boutih, ein Abgeordneter der PS und ehemaliger Führer der SOS-Rassismus-Organisation: "Ich werde mich nicht aufregen, wenn Leute versuchen, sich weiterzuentwickeln und sich vom Antisemitismus, Rassismus und von allem loszusagen, gegen das ich seit vielen Jahren kämpfe.“ Er fügte hinzu: "Wenn Marine Le Pen es schafft sich von dieser Vergangenheit zu lösen, ist es umso besser für sie und für das Land, es ist wirklich beruhigender".

Die Kommentare von Boutih und Le Monde machen deutlich, welche Unterstützung der FN von korrupten und reaktionären Kräften der Sozialdemokraten und Pseudolinken erhält.

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