Deutsche Bank streicht 15.000 Stellen

Von Marianne Arens
31. Oktober 2015

In den kommenden zwei Jahren will die Deutsche Bank 9.000 Mitarbeiterstellen streichen, zu denen noch 6.000 Stellen bei den externen Dienstleistern hinzukommen. Das teilte der neue Co-Vorstandschef John Cryan am Donnerstag in Frankfurt mit.

Zusätzlich zu diesem Arbeitsplatzabbau kommen noch weitere 20.000 Arbeitsplätze, die durch den geplanten Verkauf der Postbank und anderer Tochtergesellschaften in Gefahr sind. Die Zahl der akut gefährdeten Stellen könnte sogar über diese 35.000 hinaus gehen, weil der Arbeitsplatzabbau auf Vollzeit-Basis berechnet wurde, viele Beschäftigte aber Teilzeit arbeiten. Es handelt sich um den größten bisher angekündigte Kahlschlag bei einer einzelnen Bank.

In Deutschland werden 4.000 der 9.000 angekündigten Stellen gestrichen und 200 Filialen, hauptsächlich in größeren Städten, geschlossen; rund fünfzig von 750 Filialen wurden im vergangenen Jahr schon dicht gemacht.

Die Bank will sich aus zehn Ländern ganz zurückziehen, hauptsächlich aus Lateinamerika und Skandinavien, und stößt ihre Anteile an der chinesischen Bank Hua Xia ab. Mit dem sozialen Kahlschlag sollen bis 2018 rund 3,8 Milliarden Euro auf Kosten der Beschäftigten eingespart werden.

Als Grund für den rabiaten Arbeitsplatzabbau werden Rekordverluste im vergangenen Quartal von 6,2 Milliarden Euro angegeben. Das ist der höchste Verlust in der 145-jährigen Firmengeschichte, höher noch als im Finanzkrisenjahr 2008. Der Aufsichtsrat stimmte am Mittwoch dem neuen Sparkurs zu – mit den Stimmen der zehn Arbeitnehmervertreter!

Zwar hat die Bank deutliche Verluste gemacht, aber sie wurden gezielt hochgerechnet, um die Lage zu dramatisieren und eine grundlegende Umstrukturierung und den massiven Abbau von Arbeitsplätzen durchzusetzen. Entstanden sind die Verluste hauptsächlich durch Abschreibungen auf Anteile, die an der Börse zu hoch bewertet waren. So sollen die Anteile an Tochterbanken wie der Postbank und anderen Geldhäusern zu hoch bewertet worden sein, so dass die Bank nun durch Abschreibung Verluste in Höhe von über fünf Milliarden Euro macht.

Die Postbank wurde 2008, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, übernommen, „um mit den Einlagen der Postbanksparer die Zockereien der Investmentbanker zu finanzieren“, wie die Wirtschaftsredaktion der Tagesschau schreibt. Mittlerweile hat sich aber das Postbank-Kundengeschäft mit seinen Hypotheken- und Wohnungskrediten und der Bausparkasse BHW als zu wenig lukrativ herausgestellt. Der Verkauf der Postbank ist schon seit April beschlossene Sache.

Auch für Strafzahlungen wegen krimineller Praktiken muss die Deutsche Bank 1,2 Milliarden Euro zurücklegen. Sie ist in mehrere teure Prozesse um Betrugsaffären verwickelt. Der bekannteste ist der Libor-Skandal, bei dem sich die Deutsche Bank an der systematischen Fälschung des Referenzzinssatzes Libor beteiligt hatte. Diese Manipulationen hatten den Banken fantastische Gewinne beschert und kleine Anleger, Hausbesitzer und Rentner um Millionensummen betrogen.

Neben den Prozessen um die Libor- und Euribor-Manipulationen gibt es weitere andauernde Gerichtsprozesse um die Mediengruppe Kirch. Dem Ex-Deutsche-Bank-Chef Ackermann wird eine Mitschuld an der Insolvenz des Medienkonzerns angelastet. Dazu kommen noch Prozesse wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit dem Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten. In den USA läuft ein weiterer Prozess, weil sich die Deutsche Bank fragwürdiger Hypothekengeschäfte schuldig gemacht haben soll.

Die vielen Gerichtsprozesse und horrenden Strafzahlungen führten zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Aktionären. In einer „Aktionärsrevolte“ auf der Hauptversammlung im Juni 2015 wurde der bisherige Vorstandschef Anju Jain entlassen und durch John Cryan ersetzt.

Der britische Banker war während der Finanzkrise 2008-2011 Finanzvorstand der Schweizer Bank UBS und hatte danach als Hedge-Fonds-Berater gearbeitet. Er übernahm den Vorstand der Deutschen Bank gemeinsam mit Jürgen Fitschen, obwohl dieser selbst in die Manöver und rechtswidrigen Machenschaften seines bisherigen Führungskollegen Anshu Jain verwickelt war.

Die Tagesschau verglich die Deutsche Bank am Donnerstag mit dem Volkswagen-Skandal und warf die Frage auf: „Ist der Milliardenverlust der Deutschen Bank mit dem Absturz von VW vergleichbar?“ Sie verglich den Wert einer Deutsche-Bank-Aktie von 2007 (120 Euro) mit dem heutigen Wert von 25 Euro und schrieb, in dieser Beziehung sei „der Niedergang der Deutschen Bank sogar schlimmer als der von Volkswagen“.

Der Hauptgrund für den radikalen Umbau besteht jedoch darin, dass die größte Bank Deutschlands für den verschärften Konkurrenzkampf am Weltmarkt fit gemacht werden soll.

Trotz der Verschärfung der Krise in der Realwirtschaft befinden sich die Aktienmärkte auf einem ständigen Höhenflug. Die hohen Profite mit windigen Finanzprodukten führen dazu, dass immer mehr Kapital aus der Realwirtschaft abfließt, während das Finanz-Casino auf Hochtouren läuft.

Die Verlagerung von Investitionen aus dem produktiven Sektor in die Spekulation verschärft die internationale Wirtschaftskrise und führt zu wachsenden Konflikten zwischen den Großmächten. Die Deutsche Bank, das größte Geldhaus des Landes und dessen wichtigster „global Player“, bereitet sich mit den beschlossenen Umstrukturierungsmaßnahmen und dem Arbeitsplatzabbau auf diese Auseinandersetzungen vor.

Unterstützung erhält sie dabei von den Gewerkschaften, die die Stärkung der Bank im deutschen Interesse bejahen. Verdi-Chef Frank Bsirske, selbst Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bank, erklärte am Donnerstag auf der Homepage der Gewerkschaft, er begrüße es als „notwendigen und richtigen Schritt“, wenn die Deutsche Bank ihre Strukturen vereinfache, in den IT-Bereich investiere und einen „Rückzug aus Hochrisiko-Bereichen“ vollziehe. Nur müsse der Umbau ohne betriebsbedingte Kündigungen von Statten gehen.

Auch Konzernbetriebsratschef Alfred Herling ließ in einer Mitteilung wissen: „Die Sicherung der Zukunftsfähigkeit der Bank ist auch für uns Arbeitnehmervertreter von zentraler Bedeutung.“

Die Forderung „keine betriebsbedingten Kündigungen“ ist die klassische Formulierung für alle schmutzigen Manöver, mit denen die Gewerkschaften seit Jahren den Arbeitsplatzabbau organisieren.

Die jetzige Situation ist von den Gewerkschaftsführern seit Monaten bewusst vorbereitet worden. Im April hatte sich Verdi im Arbeitskampf der Postbankbeschäftigten überraschend mit dem Vorstand geeinigt und einen gerade begonnenen Streik abgewürgt.

Bankvorstandschef Cryan ließ am Donnerstag erkennen, wie eng die Zusammenarbeit mit Verdi ist, als er an der Pressekonferenz versicherte, der Stellenabbau werde „in Rücksprache mit unseren Betriebsräten“ vorgenommen.