Der Massenmord in San Bernardino

5. Dezember 2015

Einmal mehr steht die Bevölkerung der Vereinigten Staaten und der ganzen Welt entsetzt vor einem Amoklauf, der zahlreiche Todesopfer forderte. Bei dem Massaker in einer Sozialeinrichtung von San Bernardino (Kalifornien) wurden, so viel man bisher weiß, am Mittwochnachmittag vierzehn Menschen getötet und 21 weitere verletzt. Zählt man die Familien und Freunde der Toten und Verletzten mit, die von der Katastrophe dauerhaft gezeichnet bleiben, geht die Zahl der Opfer in die Tausenden.

Die beiden Schützen waren Syed Farook (28) und seine Frau Tashfeed Malik (27). Während dieser Artikel geschrieben wird, sind ihre Motive noch unklar. Der in den Vereinigten Staaten geborene Farook arbeitete als Umweltinspektor bei der sozialen Einrichtung, die Dienstleistungen für Menschen mit Behinderungen erbringt. Während einer Betriebsfeier in dem Gebäude soll er mit einem andern Teilnehmer in Streit geraten sein. Er ging weg und kam schwerbewaffnet mit seiner Frau zurück. Beide wurden noch am Donnerstag nach einer Verfolgungsjagd per Auto und einer Schießerei mit der Polizei getötet.

Die Morde waren offenbar im Voraus geplant, denn das Paar kehrte maskiert mit zwei Sturmgewehren und halbautomatischen Handfeuerwaffen in Kampfausrüstung zurück. Sie führten außerdem Kameras mit sich sowie Sprengstoff, den sie aber nicht zündeten. Nach der Schießerei fand die Polizei 1.600 Schuss Munition in ihrem Geländewagen. Auch in ihrem Haus in Redlands wurden große Mengen Munition gefunden.

Am Donnerstagnachmittag gaben FBI-Sprecher bekannt, dass sie das Massaker als einen Fall von Terrorismus behandelten. Sie wiesen auf die umfangreichen Vorbereitungen auf das Verbrechen hin sowie auf den Umstand einer früheren Kommuniktion mit einer Person, die staatlich überwacht wird. Farook sei 2014 nach Saudi-Arabien gereist, wo er seine Frau getroffen habe.

Sollte sich herausstellen, dass islamischer Fundamentalismus bei Farook und Malik eine Rolle spielte, dann ist ihre Verbindung zu Saudi-Arabien bemerkenswert, denn das Land ist der wichtigste arabische Verbündete der USA im Nahen Osten und ein herausragender Finanzier von Gruppierungen, die die USA in ihrem „Krieg gegen den Terror“ zu bekämpfen vorgeben. Allerdings sind solche Annahmen gegenwärtig noch spekulativ.

Ob die Täter nun Verbindungen zu islamistischen politischen Organisationen hatten oder nicht: der Massenmord in San Bernardino kann jedenfalls kaum als isoliertes Ereignis betrachtet werden. Die Hinweise auf terroristische Sympathien erklären nichts und gehen in Wirklichkeit einer Untersuchung der gesellschaftlichen Wurzeln aus dem Weg. In den Vereinigten Staaten kommt es immer wieder zu derart mörderischer Gewalt.

Dieses Jahr hat es in den USA schon mindestens 353 Massenschießereien mit mindestens 461 Toten und 1.309 Verletzten gegeben. Das Massaker vom Mittwoch war das tödlichste seit jenem an der Sandy Hook Grundschule in 2012, als Adam Lanza zwanzig Kinder und sechs Mitarbeiter der Schule tötete.

In praktisch allen Fällen werden die Opfer ohne Unterschied niedergestreckt. Die Mörder haben es nicht auf bestimmte Personen abgesehen. Ihre Taten sind Ausdruck einer extremen sozialen Entfremdung. Das Leben anderer menschlicher Wesen und auch ihr eigenes ist ihnen völlig gleichgültig. Was die Täter der Tragödie von San Bernardino betrifft, so hatten sie am Morgen vor der Tat ihre sechsmonatige Tochter bei der Großmutter gelassen.

Besonders schrecklich ist der Umstand, dass eine Einrichtung angegriffen wurde, die sich der Hilfe für Behinderte widmete.

Seit einiger Zeit kommen solche Taten so häufig vor, dass sie unabhängig von den besonderen Motiven nach einer tiefer gehenden Erklärung verlangen. Die Antwort findet sich nicht in der individuellen, sondern in der gesellschaftlichen Krankheit. Obwohl nur eine winzige Minderheit solche Verbrechen begeht, verkörpern fast alle Täter eine bestimmte gesellschaftsfeindliche und krankhafte Tendenz, die in der ganzen amerikanischen Gesellschaft vorhanden ist.

Die Politiker und Journalisten haben dafür keine Erklärung. Die Obama-Regierung äußerte ihre üblichen Platituden. Am Donnerstag gab Präsident Obama zu, dass „solche Massenmorde in unserem Land überhand nehmen“.

Er fügte hinzu, es sei noch nicht bekannt, ob Probleme am Arbeitsplatz die Tat ausgelöst hätten oder ob sie einen terroristischen Hintergrund habe. Er wiederholte seine Forderung nach verstärkter Waffenkontrolle. „Wenn bestimmte Personen entschlossen sind, Schaden anzurichten, dann müssen wir ihnen das wenigstens etwas schwerer machen“, sagte er. Natürlich hat der ungehinderte Zugang zu Waffen den Tätern ihr Vorgehen erleichtert; doch über die Ursachen des Verbrechens sagt er nichts aus.

Bei den endlosen Medienkommentaren, die auf jeden neuen Massenmord folgen, fällt am meisten auf, dass diese Verbrechen in keinerlei spezifischen Zusammenhang mit den Verhältnissen in der amerikanischen Gesellschaft gestellt werden. Das liegt daran, dass sie eine vernichtende Anklage an den amerikanischen Kapitalismus darstellen, der endlose Kriege und eine tiefe soziale Krise hervorgerufen hat.

Die USA befinden sich in einem endlosen Krieg, der in der amerikanischen Geschichte beispiellos ist. Begonnen hat er vor 25 Jahren, im ersten Golfkrieg 1990-91. Ein Junge wie Farook, der 1987 geboren wurde, ist unter Bedingungen von ununterbrochenem Krieg aufgewachsen. Seit fünfzehn Jahren wird dieser unter dem Banner des „Kriegs gegen den Terror“ geführt. So lautet bis heute die Rechtfertigung für die Invasion Afghanistans 2001, die zweite Invasion im Irak 2003, die Bombardierung Libyens 2011 und die Ausweitung des Kriegs in Syrien und im Irak. Diese Kriege haben über eine Million Menschenleben gekostet und das Leben vieler weiterer Millionen, die sie zu Flüchtlingen machten, zerstört.

Täglich führt das amerikanische Militär Bomben- und Drohnenschläge und „gezielte Tötungen“ durch. Der „Krieg gegen den Terror“ dient als Rechtfertigung für Folter, Konzentrationslager und den Horror von Abu Ghraib und Guantanamo. Die Obama-Regierung begeht routinemäßig staatliche Morde. Sie schätzt das menschliche Leben gering. Aber laut den Politikern und Zeitungsmachern sollen all diese endlosen Gewalttaten und das weltweite Morden keine Auswirkungen auf die amerikanische Gesellschaft haben.

In Wirklichkeit hat der ständige Kriegszustand alle gesellschaftlichen Poren durchdrungen. Der „Krieg gegen den Terror“ geht im Inland mit einer Atmosphäre von Furcht und Unterdrückung einher. Die im Ausland verübte Gewalt findet zunehmend ihren Weg zurück in das tägliche Leben Amerikas.

Die Polizei ist bis an die Zähne bewaffnet und militärisch hoch gerüstet. Sie hat in einem Jahr mehr als tausend Menschen umgebracht. Am selben Tag, an dem die Morde von San Bernardino stattfanden, wurde ein Video bekannt, das zeigt, wie das Vorgehen der Polizei von San Francisco ein weiteres Todesopfer forderte. Kurz davor war ein anderes eklatantes Video veröffentlicht worden, das zeigte, wie die Polizei von Chicago letztes Jahr den Siebzehnjährigen Laquan McDonald auf offener Straße erschoss.

Militärische Plünderung und Staatsunterdrückung treffen auf die tiefste soziale Krise. Es ist nicht unwichtig, dass San Bernardino auch als das „Detroit Kaliforniens“ bezeichnet wird. Nach der Wirtschaftskrise von 2008 versank die Stadt im Konkurs, in Arbeitslosigkeit und Armut. Diese Bedingungen finden sich in unterschiedlicher Weise in vielen Teilen des Landes.

Millionen Menschen fühlen sich völlig allein gelassen und sehen im Moment keinen Ausweg. Es gibt zahllose Beschwerden, aber niemand kümmert sich darum. Das politische Leben in den Vereinigten Staaten ist durch und durch vergiftet und die Medien schüren rückständige, krankhafte Vorstellungen.

In dieser verwirrten Umgebung rasten Leute aus und tun ungeheuerliche Dinge. Da es keinen Mechanismus gibt, über den man berechtigte gesellschaftliche und persönliche Missstände zum Ausdruck bringen könnte, nimmt es wahnsinnige Formen an.

Joseph Kishore