Slavoj Žižek: Vom Pseudolinken zum neuen Rechten

Von Peter Schwarz
6. Februar 2016

Zu den Professoren, die gegen Flüchtlinge hetzen, hat sich – nach dem Historiker Jörg Baberowski, dem Geisteswissenschaftler Rüdiger Safranski, dem Philosophen Peter Sloterdijk und einigen anderen – nun auch der slowenische Philosoph Slavoj Žižek gesellt. Im Spiegel vom 16. Januar veröffentlichte der prominente Vertreter der Postmoderne und Anhänger der Psychoanalyse Jacques Lacans einen Gastbeitrag, dessen arroganter Klassendünkel, unverhüllter Rassismus und energischer Ruf nach dem starken Staat die Beiträge seiner Kollegen sogar noch in den Schatten stellen. Am 27. Januar folgte ein Interview Žižeks mit der Welt, das die im Spiegel vertretenen Standpunkte weiter entwickelte.

Žižeks Auftreten als offener Rechter ist auch deshalb von Bedeutung, weil er lange versucht hat, sich als Gegner des Kapitalismus, ja sogar als „Marxist“, bzw. als „Post-Marxist“ auszugeben. Im Kreise pseudolinker Intellektueller und Halbintellektueller wurde er entsprechend gefeiert, herumgereicht und hofiert. Neben Professuren und Gastprofessuren erhielt er zahlreiche Einladungen zu internationalen Symposien und Vorträgen. Mit Alex Callinicos, einem der Wortführer der pseudolinken International Socialist Tendency, trat er jahrelang als eine Art Zweigespann auf, unter anderem auch auf dem Marx21-Kongress in Berlin.

Im Spiegellässt Žižek seinem Hass und seiner Verachtung für Unterdrückte und Benachteiligte freien Lauf. Sein Artikel „Ein Karneval der Underdogs“ gipfelt in dem Satz: „Brutalität, bis hin zu Grausamkeiten gegenüber Schwächeren, Tieren, Frauen ist ein traditionelles Merkmal der ‚niederen Klassen‘.“

Wie alle rechten Hetzer kümmert sich Žižek wenig um Tatsachen und greift – echte oder erfundene – Einzelfälle heraus, um ganze soziale oder ethnische Gruppen zu verleumden. Man kennt die Technik aus den antisemitischen Hetzschriften der Nazis, nur das diesmal nicht Juden, sondern Muslime die Sündenböcke sind.

Ausgangspunkt von Žižeks Tirade sind die Ereignisse der Silvesternacht in Köln, die er „als obszönen Karneval der niederen Klassen“ bezeichnet. Die Kölner Vorkommnisse sind von den Medien systematisch aufgebauscht worden, um eine hysterische Kampagne gegen Immigranten und Muslime zu schüren. Bis heute gibt es keine Beweise dafür, dass dort etwas anderes geschah als bei ähnlichen Massenversammlungen, bei denen viel Alkohol im Spiel ist.

Das hindert Žižek aber nicht daran, noch einen draufzusetzen. Er vergleicht das Geschehen in Köln mit den perversen Gewaltorgien in Quentin Tarantinos Film „Hateful Eight“, um dann Migranten pauschal dafür verantwortlich zu machen und „frustrierte jugendliche Einwanderer“ als Faschisten zu denunzieren.

Immer wieder mahnt er den Spiegel-Leser, sich nicht von Mitgefühl für das Schicksal der Flüchtlinge beeinflussen zu lassen. „Selbst wenn viele Migranten mehr oder minder Opfer sind, die aus zerstörten Ländern geflohen sind, hält sie dies nicht davon ab, sich verabscheuungswürdig zu verhalten.“ Und: „Dass jemand ganz unten ist, macht ihn nicht automatisch zu einer Stimme der Moral und Gerechtigkeit.“

Die Annahme, „dass hinter dem Teufelskreis aus Verlangen, Neid und Hass“ (Gefühle, die er jugendlichen Einwanderern pauschal unterstellt) „irgendein tieferer menschlicher Kern der globalen Solidarität stünde“, bezeichnet Žižek als „Bestandteil einer naiven, humanistischen Metaphysik“.

Er schäumt gegen „die politisch korrekte liberale Linke“, die ihre Ressourcen mobilisiere, um den Zwischenfall in Köln zu herunterzuspielen, und bezeichnet „Bemühungen, Migranten aufzuklären“, als „atemberaubende Dummheit“. Sie verhielten sich nicht aus Unwissenheit so wie in Köln, sondern „weil sie unsere Empfindlichkeiten verletzen wollen“.

In Anlehnung an eines seiner Vorbilder, den französischen Philosophen und Maoisten Alain Badiou, teilt Žižek die Menschheit in „drei Arten von Subjekten“ ein: „das westliche, ‚zivilisierte‘, bürgerliche, liberal-demokratische Subjekt“, „jene, die nicht zum Westen gehörten und besessen seien von ihrer ‚Sehnsucht nach dem Westen‘“ und schließlich „jene faschistischen Nihilisten, deren Neid auf den Westen sich in einen tödlichen selbstzerstörerischen Hass wandelt“.

Das kolonialistische Vorbild dieses Schemas ist unübersehbar. Auf der einen Seite der zivilisierte Westen und die örtlichen Eliten, die besessen sind von der „Sehnsucht nach dem Westen“; auf der anderen Seite die barbarschen Wilden, die der Westen in Zusammenarbeit mit den örtlichen Eliten bändigen muss – die „Bürde des weißen Mannes“, wie es Rudyard Kiplings nannte. Gestützt auf dieses Schema haben die imperialistischen Mächte in den vergangenen 150 Jahren unsägliche Verbrechen begangen und Millionen Menschen massakriert.

In diese Richtung gehen auch Žižeks praktische Schlussfolgerungen, die er im Welt-Interview genauer erläutert. Sie würden ihm auf jeder Pegida-Kundgebung Applaus einbringen und ihn für die Mitgliedschaft in der AfD qualifizieren.

„Europa muss von den ankommenden Muslimen verlangen, dass diese die europäischen Werte respektieren“, erklärt er, und: „Europa kann nicht einfach seine Grenzen öffnen, wie dies manche Linke aus einem Schuldgefühl heraus fordern.“ Stattdessen müssten „wir“ dafür sorgen, „dass die Flüchtlingsströme in geordneten Bahnen verlaufen“, und „Aufnahmezentren in den Anrainerstaaten von Syrien, aber auch in Libyen“ einrichten, und zwar „mit dem Militär “. Mit anderen Worten: Žižek will europäische Truppen nach Libyen, Jordanien, den Libanon und andere Staaten entsenden, um dort Flüchtlinge einzusperren.

Ausdrücklich verteidigt Žižek den europäischen Kapitalismus mit seinen Millionen Arbeitslosen und seiner dramatischen Ungleichheit. „Ich will den Kapitalismus nicht grundsätzlich schlechtreden“, sagt er. „Das europäische Modell“ werde aber „von zwei Kapitalismustypen bedroht, die beide undemokratisch“ seien. Dem „fundamentalen Marktradikalismus amerikanischer Prägung“ und dem „asiatisch-autoritären Kapitalismus, wie er vor allem in China praktiziert wird“. „Europas Kapitalismus“ dagegen habe „der Welt etwas zu bieten“.

Rassistische Hetze gegen Flüchtlinge, Verteufelung der „niederen Klassen“, Abschottung der Grenzen, Verteidigung des „eigenen“ Kapitalismus gegen seine internationalen Rivalen und Rückkehr zum Militarismus – das ist das Programm der neuen Rechten, das Žižek hier vertritt.

Für die World Socialist Web Site ist dies keine Überraschung. Wir haben seit Jahren davor gewarnt, dass die Politik der Pseudolinken die Interessen wohlhabender Schichten der Mittelklassen vertritt und sich gegen die Interessen der Arbeiterklasse richtet. Sie haben die historisch materialistische Methode des Marxismus durch die subjektiven, irrationalistischen Theorien der Postmoderne und den Klassenkampf durch verschieden Formen der Identitätspolitik ersetzt, in deren Mittelpunkt Fragen der Rasse und der sexuellen Orientierung stehen.

Bereits vor fünf Jahren schrieben wir anlässlich eines Auftritts von Žižek in New York:

„Žižek ist ein Auswuchs der reaktionären, antimarxistischen und antimaterialistischen Tradition, die auf den Irrationalismus von Schelling, Kierkegaard, Nietzsche und Heidegger zurückgeht. Er bedient sich auf eklektische Weise beim neo-nietzscheanischen und neo-heideggerianischen Denken des französischen Neostrukturalismus der 1960er Jahre…

Wie alle Poststrukturalisten und Postmaoisten ist Žižek ein, allerdings krasserer und gröberer, politischer Opportunist. Trotz dem radikalen Getöse, das er von sich gibt, dienen seine Standpunkte, sobald man von den Phantasien in seinem Gehirn zur wirklichen Politik hinabsteigt, arbeiterfeindlichen und antisozialistischen Interessen.“

Die scharfe soziale Polarisierung, die mit der Verschärfung der internationalen Krise des Kapitalismus einhergeht, zwingen Žižek und seinesgleichen Farbe zu bekennen. Sie können ihre rechte Politik nicht länger hinter pseudolinken Phrasen verbergen. So gesehen ist Žižeks Wandlung vom Pseudolinken zum offenen Rechten ein untrügliches Anzeichen, dass heftige Klassenkämpfe bevorstehen.

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