Erneut mysteriöser Todesfall im NSU-Komplex

Von Dietmar Henning
23. Februar 2016

Am 8. Februar wurde der 31-jährige Sascha W. aus Kraichtal in Baden-Württemberg tot in seiner Wohnung aufgefunden. Dies wurde letzte Woche durch einen Artikel des Journalisten Thomas Moser bekannt, der sich intensiv mit dem Mord an der Polizistin Kiesewetter befasst. Sascha W. ist mindestens der vierte Zeuge, der im Rahmen der Ermittlungen zu den Terrormorden des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) unter mysteriösen Umständen ums Leben kam.

Er war der Verlobte von Melisa M., die Ende März 2015 plötzlich an einer Lungenembolie verstorben war. Drei Wochen zuvor hatte die 20-Jährige im NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart zum mutmaßlichen NSU-Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im Jahr 2007 in Heilbronn ausgesagt.

Der Mord an Kiesewetter ist der letzte der zehn Morde, die dem NSU vorgeworfen werden. Zuvor soll die Neonazi-Terrorgruppe in den Jahren 2000 bis 2006 neun Migranten erschossen haben.

Warum die Polizistin Kiesewetter erschossen wurde, zählt zu den mysteriösesten Fragen im NSU-Komplex. Denn die aus Thüringen stammende junge Polizistin passt nicht in das rassistische Opferschema des NSU. Wir hatten deshalb in einem früheren Artikel gefragt: „Musste Kiesewetter sterben, weil sie Dinge über die rechtsradikale Szene – oder die Beziehung zwischen Rechtsradikalen und Sicherheitsbehörden – wusste, die nicht ans Licht kommen sollten?“

Melisa M. war vor den NSU-Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landesparlaments geladen worden, weil sie kurzzeitig die Freundin von Florian Heilig war. Der Nazi-Aussteiger Heilig hatte bereits vor dem Auffliegen des NSU behauptet, er wisse, wer Kiesewetter in Heilbronn erschossen habe. Es seien nicht die beiden Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gewesen, die gemeinsam mit der in München vor Gericht stehenden Beate Zschäpe allein den NSU ausgemacht haben sollen.

Heilig wurde vom LKA einmal vernommen und sollte am Tag seines Todes ein zweites Mal aussagen. Acht Stunden vor seiner geplanten Vernehmung verbrannte der 21-Jährige am 16. September 2013 qualvoll in seinem Auto. Die Behörden hatten schon nach wenigen Stunden behauptet, es handle sich um Selbstmord, ein Fremdverschulden sei auszuschließen. Als Motiv nannten sie erst Frust wegen schlechter Noten und dann Liebeskummer.

Sie vernahmen aber weder Melisa M., die Ursache des angeblichen Liebeskummers, noch berücksichtigten sie die Einwände der Familie, die die Selbstmordthese stets vehement ablehnte. Eine Spurensicherung am Tatort fand praktisch nicht statt.

Zudem setzte die Stuttgarter Polizei bei der Ermittlung der Todesursachen von Heilig einen Beamten ein, der selbst Kontaktperson zwischen Polizisten und dem rechtsextremen Ku-Klux-Klan gewesen war.

Nun wurde Sascha W. am Abend des 8. Februars tot in derselben Wohnung aufgefunden, in der er vor nicht ganz einem Jahr seine damalige Freundin Melisa sterbend angetroffen hatte. Da keine natürliche Todesursache festgestellt werden konnte, ordnete die Staatsanwaltschaft Karlsruhe eine Obduktion an. Deren Sprecher Tobias Wagner erklärte, man habe „bislang keine Anhaltspunkte für Fremdverschulden“ gefunden. Man gehe von einem Suizid aus, es gebe auch eine elektronisch verschickte Abschiedsnachricht.

Die Staatsanwaltschaft machte keine weiteren Angaben zum Todesfall. „Weder über den Inhalt der Abschiedsnachricht noch über den Adressaten, weder über die Art des Suizids noch über weitere Ergebnisse aus der Obduktion“, schreibt Moser. „Auch nicht darüber, wer den Toten gefunden hat.“ Und, so muss man hinzufügen, auch nicht, woher die Staatsanwaltschaft wusste, dass Sascha W. die elektronische Abschiedsnachricht persönlich verschickt hat.

Nachdem der Tote im selben Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin in Heidelberg wie schon seine Verlobte obduziert worden war, wurde er letzte Woche beerdigt.

Es ist bislang nicht ersichtlich, ob und was Melisa M. und Sascha W. über den Mord an Kiesewetter wussten. Melisa M. war am 2. März 2015 von den Abgeordneten des NSU-Ausschusses in Stuttgart befragt worden – und zwar in nicht-öffentlicher Sitzung, weil sie sich bedroht fühlte. Daher wurde sie sogar im Dienstwagen des Ausschussvorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) von ihrem Wohnort Kraichgau nach Stuttgart gefahren. Ihr Freund Sascha W. begleitete sie sowohl bei der Fahrt als auch bei ihrer Befragung im Ausschuss.

In ihrer Vernehmung vor dem Ausschuss hat Melisa M. laut Abschlussbericht erklärt, Florian habe ihr gegenüber nicht vom „NSU“ gesprochen. Sie wisse auch nicht, wer die Polizistin Kiesewetter erschossen habe. „Das können auch Schutzangaben gewesen sein“, vermutet Moser und fragt: „Sollte Melisa M. doch etwas von den möglichen Geheimnissen ihres Freundes Florian gewusst haben – hatte sie dann vielleicht auch ihrem neuen Partner Sascha W. davon erzählt?“

Alle drei sind tot. Die beiden Männer sollen Selbstmord begangen haben, Melisa soll an einer Lungenembolie gestorben sein.

Bei allen drei Todesfällen bleiben Fragen. Die Lungenembolie soll durch „mehrere Blutgerinnsel“ verursacht worden sein. Diese wiederum sollen sich als Folge einer leichten Prellung am Knie nach einem leichten Motorradunfall vier Tage vor Melisas Tod gebildet haben – obwohl sie sofort die Krankenhaus-Ambulanz und anschließend auch ihren Hausarzt aufgesucht hatte, um genau das zu vermeiden.

Neben diesen Todesfällen gibt es mindestens einen weiteren Toten im Zusammenhang mit dem NSU-Verfahren. Am 3. April 2014 wurde der 39-jährige Thomas Richter alias „Corelli“ tot in seiner Wohnung aufgefunden. Als offizielle Todesursache wurde ein Zuckerschock angegeben, ausgelöst durch eine bisher nicht entdeckte Diabetes-Erkrankung.

Auch „Corelli“ besaß Hintergrundinformationen über den Tod von Kiesewetter. Er war bis 2012 V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz und lebte zum Zeitpunkt seines Todes in einem Zeugenschutzprogramm. Er war unter anderem Gründungsmitglied des Ku-Klux-Klans in Baden-Württemberg. Diesem rassistischen Geheimbund hatten auch zwei Polizisten angehört, die zum Zeitpunkt von Kiesewetters Ermordung in deren zehnköpfiger Einheit Dienst taten.

Der Journalist Moser meint auch, der ungeklärte Tod des 18-jährigen Arthur Christ gehöre zum NSU-Komplex. Seine verbrannte Leiche wurde im Januar 2009 neben seinem Auto auf einem Waldparkplatz nördlich von Heilbronn gefunden. Laut Moser taucht sein Name in den Ermittlungsakten der „Sonderkommission Parkplatz“ zum Mord an Kiesewetter auf. Er soll Ähnlichkeit mit einem der Phantombilder haben. Er befinde sich auch auf einer Liste von etwa 20 Personen in den Ermittlungsakten. Was es mit diesen Personen auf sich habe, sei unklar, so Moser.

Die Umstände seines tragischen Todes sind ungeklärt. „Es lässt sich nicht genau sagen, ob Suizid oder Fremdverschulden vorliegt“, erklärte Harald Lustig, Sprecher der Staatsanwaltschaft im November 2009 zur Einstellung des Ermittlungsverfahrens. Die Ermittler hätten keine Anzeichen gefunden, dass sich der 18-Jährige selbst das Leben genommen habe. Es habe weder einen Abschiedsbrief noch Hinweise auf Ereignisse vor seinem Tod gegeben, die Rückschlüsse auf einen Suizid zuließen. Aber genauso wenig fanden sie Hinweise, die auf einen Mord schließen lassen.

Seit der NSU im November 2011 aufflog, mehren sich die Hinweise, dass von Mundlos und Böhnhardt, die tot in einem Wohnmobil aufgefunden wurden, und von Zschäpe, die in München vor Gericht steht, zahlreiche Fäden in eine weitverzweigte rechtsextreme Szene und tief in den Staatsapparat hinein führen.

Die neonazistische Szene, aus der der NSU hervorging, war vom Thüringer Verfassungsschutz aufgebaut und finanziert worden. Die zehn Morde, die ihm zur Last gelegt werden, wurden unter den Augen der Geheimdienste durchgeführt. Im Umfeld des NSU arbeiteten nach aktuellem Stand mindestens 24 V-Leute der unterschiedlichen Verfassungsschutz- und Geheimdienstbehörden. Beim Mord an Halit Yozgat in Kassel befand sich der hessische Verfassungsschützer Andreas Temme sogar persönlich am Tatort. Ob Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt oder weitere Neonazis aus dem NSU-Komplex selbst für den Staat tätig waren, ist unklar.

Auf jeden Fall wurden nach dem Auffliegen des NSU reihenweise Akten in den Behörden vernichtet. Wichtige existierende Akten werden nach wie vor geheim gehalten. Es gibt Zweifel daran, ob sich Mundlos und Böhnhardt tatsächlich, wie die offizielle Version lautet, selbst umgebracht haben. Dass nun wieder ein mysteriöser Todesfall rund um die Ermittlungen zum Mord an Kiesewetter zu vermelden ist, wirft weitere Fragen auf.