NSU: Mehr Fragen zu V-Mann Corelli

Von Dietmar Henning
7. Juni 2016

Der V-Mann des Bundesverfassungsschutzes Thomas Richter alias „Corelli“ ist eine zentrale Figur in der Verquickung von Geheimdiensten und dem rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), der zwischen 2000 und 2007 neun Migranten und eine Polizistin ermordet haben soll.

In den vergangenen Wochen sind ein neues Handy und SIM-Karten von Corelli aufgetaucht. Dies hat nun auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) auf den Plan gerufen. Er beauftragte einen externen Experten mit der Untersuchung der Geschehnisse im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV). Der frühere Ministerialdirektor Reinhard Rupprecht soll untersuchen, „ob und gegebenenfalls welche Defizite hinsichtlich der Ablauf- und Aufsichtsmechanismen“ im BfV bestehen. Rupprecht soll seinen Bericht bis Ende Juni vorlegen.

Corelli war 18 Jahre lang, von 1994 bis 2012, für das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in der rechtsextremen Szene tätig. Er erhielt dafür insgesamt 300.000 Euro Agentenlohn. Seit längerem ist bekannt, dass Corelli schon 1995 während seines Wehrdienstes den späteren NSU-Terroristen Uwe Mundlos kennenlernte. 1998 stießen Ermittler bei der Durchsuchung der Garage von Beate Zschäpe in Jena, die derzeit in München wegen der NSU-Verbrechen vor Gericht steht, auf eine Kontaktliste von Mundlos, auf der sich auch zwei veraltete Telefonnummern von Corelli befanden.

2002, neun Jahre bevor die Öffentlichkeit über deren Existenz erfuhr, hatte das Neonazi-Fanzine „Der weiße Wolf“ einen Dank an den NSU veröffentlicht, weil die Terrorgruppe dem Blatt zuvor eine Spende von 2.500 Euro hatte zukommen lassen. Der in der Neonazi-Szene als Internet-Experte bekannte Corelli hatte dem rechtsradikalen Blatt zu jener Zeit seinen Serverplatz zur Verfügung gestellt.

Nur drei Jahre später lieferte Corelli dem Verfassungsschutz eine Daten-CD mit der Bezeichnung NSU/NSDAP. Diese tauchte erst Anfang 2014 wieder auf.

Außerdem war Corelli Gründungsmitglied des europäischen Ablegers des rassistischen Ku-Klux-Klans. Zu dieser KKK-Gruppe gehörten zeitweise auch zwei Polizisten aus der Einsatzgruppe der Polizistin Michèle Kiesewetter, die 2007 vom NSU in Heilbronn erschossen worden sein soll.

Nun sind vor einigen Wochen ein Handy und letzte Woche jeweils zwei Sim-Karten von deutschen und niederländischen Providern von Corelli aufgetaucht. Das Telefon, das der V-Mann im Jahr 2012 für etwa vier Monate nutzte, war schon im Sommer 2015 gefunden worden. Untersucht wurde es angeblich erst im April dieses Jahres. Auf dem Handy sollen sich zahlreiche Kontaktdaten von bekannten Rechtsextremisten und mehr als 1000 Fotos befinden, aber keine Hinweise auf den NSU.

Der Vorsitzende des zweiten NSU-Bundestagsausschusses Clemens Binninger sagte nach einer Sitzung, das Handy und die Sim-Karten seien zusammen mit einer „Unmenge von Unterlagen“ wie Akten und CDs gefunden worden, die der ehemalige V-Mann-Führer Corellis in einem großen Tresor aufbewahrt habe. Erst als er im vergangenen Sommer seine Stelle gewechselt habe, sei der Tresor geräumt worden.

Ob der Speicher des Handys und die SIM-Karten manipuliert oder bearbeitet wurden, sind offene Fragen. Doch dass der V-Mann-Führer Corellis, in dessen Tresor sie gefunden wurden, eine Schlüsselrolle in der Zusammenarbeit zwischen Verfassungsschutz und Neonazis im Umkreis des NSU – womöglich auch mit dem NSU selbst – spielt liegt auf der Hand.

Denn Corellis V-Mann-Führer, der sich „Richard Kaldrack“ nennt, hat gleichzeitig auch den V-Mann Ralf Marschner alias „Primus“ geführt. Primus war wie Corelli eine zentrale Figur im NSU-Netzwerk. Der Rechtsextremist war Sänger in der Skinhead-Band „Westsachsengesoks“ und soll Verbindungen zur Chemnitzer Hooligan-Gruppe „HooNaRa“ (Hooligans, Nazis, Rassisten) und dem Neonazi-Netzwerk „Blood and Honour“ gehabt haben.

Er soll Mundlos nach dessen Untertauchen in seiner Baufirma beschäftigt haben; möglicherweise haben auch die beiden anderen Mitglieder des NSU Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe für ihn gearbeitet. Gemeinsam mit Zschäpes bester Freundin während ihrer Zeit im Untergrund, Susann Eminger, soll er schon 2001 eine Kneipe überfallen haben.

Die Vertreterin der Linken im NSU-Bundestags-Ausschuss Petra Pau präsentierte während der Sitzung am vergangenen Donnerstag den befragten BKA-Ermittlern einen Facebook-Eintrag, den Marschner wenige Tage nach der Enttarnung des NSU im November 2011 verfasst hatte. Darin schrieb er unter seinem Pseudonym Rolf Rollig an einen Freund: „Trink ordentlich! Heil NSU... Hahaha...“.

V-Mann Primus stand offenbar seit Jahrzehnten unter staatlichem Schutz. Allein in Sachsen hatte die Justiz seit 1990 mehrere Dutzend Verfahren gegen ihn geführt. Zu einer Haftstrafe wurde der V-Mann aber nie verurteilt.

Seine Akte beim Bundesverfassungsschutz vernichtete ein Mitarbeiter mit dem Tarnnamen „Theo Lingen“ unmittelbar nach dem Auffliegen der Terrorgruppe, wie viele weitere Akten auch, die einen Bezug zum NSU vermuten ließen.

Im NSU-Prozess weigert sich das Gericht, den ehemaligen V-Mann-Führer „Kaldrack“ und „Lingen“ als Zeugen zu laden.

Dabei hat der vom Parlamentarischen Kontrollgremium (PKGr) bereits im letzten Jahr eingesetzte Sonderermittler Jerzy Montag in seinem Bericht zu Corelli auf dessen enge Zusammenarbeit mit seinem V-Mann-Führer „Kaldrack“ hingewiesen. Laut dem ehemaligen rechtspolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion zieht sich „wie ein roter Faden durch die Akten, dass der engagierte langjährige V-Mann-Führer sich immer wieder für ‚seinen‘ V-Mann eingesetzt“ habe.

So habe Kaldrack das BKA schon 1995, als Corelli strafrechtliche Ermittlungsverfahren drohten, gebeten, ihn vorab über Durchsuchungen oder eine Festnahme zu informieren. Die Staatsanwaltschaft forderte der Geheimdienstler auf, das Verfahren gleich ganz einzustellen.

Als das Landeskriminalamt (LKA) Sachsen-Anhalt 1999 den Verfassungsschutz informierte, dass Corelli ein Verfahren aufgrund seiner rechtsextremen Webseite mit verfassungswidrigen Symbolen drohe, warnte der V-Mann-Führer seinen Schützling, er solle die Seite schnell vom Netz nehmen. Die Welt zitiert aus dem Bericht des Sonderermittlers Montag: „In drei Fällen löschte der V-Mann-Führer selbst Inhalte aus den Gästebüchern dieser Seiten aus Sorge, dass sie strafrechtliche Ermittlungen nach sich ziehen könnten.“

Als Corelli 2012 enttarnt und „abgeschaltet“ wurde, schlug sein V-Mann-Führer vor, gemeinsam mit ihm in eine konspirative und geheim gehaltene Wohnung zu ziehen. Das zuständige Referat im Verfassungsschutz lehnte dies aber ab. Thomas Richter alias Corelli lebte von Oktober 2013 unter dem Namen „Thomas Dellig" in der Nähe von Paderborn in Nordrhein-Westfalen.

Noch im März 2014, kurz nachdem die Daten-CD mit der Aufschrift NSDAP/NSU aufgetaucht war, soll sich der Verfassungsschützer ein letztes Mal mit Corelli getroffen haben. Am Folgetag schickte Corelli seinem langjährigen Führer eine SMS: „Wünsch dir ein schönes WE, auch wenn ich dich nicht mehr anrufen soll oder darf.“

Kurze Zeit später war Corelli tot. Zwei Geheimdienstmitarbeiter fanden den 39-Jährigen am 7. April tot in seiner Wohnung auf. Dem dortigen Hausmeister sollen sie erzählt haben, sie hätten sich Sorgen gemacht, weil sich ihr „Bekannter“ zwei Tage nicht gemeldet habe. Als Todesursache wurde ein Zuckerschock aufgrund einer bis dahin nicht erkannten Diabetes-Erkrankung diagnostiziert.

Die Rheinische Post berichtete am vergangenen Freitag, der ärztliche Gutachter, der damals Fremdeinwirkung beim Tod Corellis ausgeschlossen hatte, habe vor dem nordrhein-westfälischen Parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschuss gesagt, er würde dies jetzt nicht mehr so formulieren.

Laut dem Ausschuss-Vorsitzenden Sven Wolf (SPD) habe sich der Mediziner zwischenzeitlich eingehend informiert. Er sei auf eine Art Rattengift gestoßen, das zu ähnlichen Symptomen wie bei Corelli führen könne. Wolf hält es für denkbar, dass der Todesfall Corelli neu aufgerollt wird. Die sichergestellten Beweismittel seien auf jeden Fall noch vorhanden.

Auch Jerzy Montag ist erneut vom Parlamentarischen Kontrollgremium beauftragt worden, ein Nachtragsgutachten zum Fall Corelli zu erstellen.

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