Kämpfe um Mossul eskalieren – USA bombardieren Krankenhaus

Von Bill Van Auken
3. Januar 2017

Berichten zufolge wurden am vergangenen Donnerstag mindestens sieben Menschen bei einem Luftangriff auf das Gelände des Ibn-Al-Athir-Krankenhauses in Mossul getötet. Der Angriff erfolgte durch ein Kampfflugzeug der von den USA geführten Koalition, als irakische Regierungstruppen mit der angekündigten zweiten Phase in der blutigen Belagerung der zweitgrößten Stadt des Iraks begannen. Mossul war im Juni 2014 von Kämpfern des Islamischen Staats (IS) überrannt worden.

Das Kommando der US-Militäroperation im Irak und Syrien mit dem Namen „Inherent Resolve“ räumte den Angriff auf das Krankenhaus – ein Kriegsverbrechen – in einer ungewöhnlichen Stellungnahme unmittelbar ein. Darin heißt es, Ziel des Angriffs sei ein Kleinbus gewesen, in den Kämpfer des IS ein leichtes Geschütz geladen hätten. „Der Kleinbus wurde an einem Ort angegriffen, der sich später als Parkplatz auf dem Gelände eines Krankenhauses herausstellte. Dabei kam es möglicherweise zu zivilen Opfern“, erklärte das US-Militär.

Damit gab das US-Militär allein für den vergangenen Monat zum zweiten Mal zu, dass eines seiner Kampfflugzeuge am Angriff auf ein Krankenhaus in Mossul beteiligt war. Am 7. Dezember wurden bereits die Gebäude des Al-Salem-Krankenhauses in Ost-Mossul, der bedeutendsten medizinischen Einrichtung in diesem Gebiet, aus der Luft angegriffen. Irakische Bodentruppen hatten den Luftschlag angefordert. Das Pentagon hatte nach diesem Angriff keine zivilen Opfer erwähnt, was der üblichen Stellungnahme zu den meisten Angriffe durch US-Kampfflugzeuge entspricht. Einigen Schätzungen zufolge übersteigt die Zahl der Iraker, die bei Operationen des US-Militärs getötet wurden, die offiziellen Militärangaben um das Zehnfache.

Der Angriff auf das Krankenhaus am vergangenen Donnerstag steht im Zusammenhang mit einer Eskalation der Gewalt, die in der belagerten irakischen Stadt entfesselt wurde. Die Offensive zur Rückeroberung Mossuls vom IS, die inzwischen drei Monate andauert, hat sich festgefahren. Die von den USA ausgebildeten irakischen Anti-Terror-Einheiten, die die Hauptlast der Kämpfe getragen haben, erreichen nur geringe Fortschritte und erleiden schwere Verluste. Eine so genannte „Pause“ oder „Wiederherstellung“ der Operation in den letzten zwei Wochen erlaubte es den angeschlagenen irakischen Truppen, sich auf erneute Angriffe vorzubereiten. Einheiten der irakischen Bundespolizeikräfte wurden aus Bagdad und anderen Landesteilen aus dem Süden zusammengezogen, um die dezimierten Regierungstruppen in Mossul zu verstärken.

Wie das Wall Street Journal am Freitag berichtete, haben irakische Regierungstruppen damit begonnen, dicht besiedelte Stadtteile zu beschießen. Die Zeitung schrieb: „Trotz der Risiken für Zivilisten hat das irakische Militär mit dem Einsatz schwerer Artillerie gegen die dicht bevölkerte Stadt begonnen.“ Die Zeitung zitierte den Kommandanten der irakischen Spezialkräfte, Generalmajor Abdul Ghani al Assadi, dass „seine Einheiten erstmals begannen, in Ost-Mossul schwere Artillerie einzusetzen, nachdem die Offensive nicht vorankam und die Regierung daraufhin ihre anfänglichen Einwände aufgegeben hatte.“

Die von den USA unterstützte irakische Belagerung wurde vom erbitterten Widerstand des IS ins Wanken gebracht. Dem IS gelang es in einigen Fällen, Stadtteile zurückzuerobern, die zuvor von Regierungstruppen eingenommen worden waren. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt halten irakische Truppen nur die Hälfte des östlichen Mossul, während das wesentlich bevölkerungsreichere West-Mossul auf der anderen Seite des Tigris, der die Stadt teilt, weiterhin vom IS kontrolliert wird. Die von den USA angeführte Koalition hat sämtliche Brücken zerstört, die die zwei Teile der Stadt einst verbanden.

Zuvor hatte Ministerpräsident Haider al-Abadi vorausgesagt, dass die Regierung Mossul bis zum Ende des Jahres zurückerobern werde. In der letzten Woche revidierte er seine Voraussage mit der Ankündigung, dass die Belagerung weitere drei Monate andauern werde. Viele sind der Ansicht, dass dies erneut eine überaus optimistische Schätzung ist.

Laut Aussage des Kommandanten der US-Operationen im Irak und in Syrien, Generalleutnant Stephen Townsend, wird es noch weitere zwei Jahre dauern, den IS sowohl aus Mossul als auch aus der syrischen Stadt Raqqa zu vertreiben und die verbliebene IS-Kämpfer in der Region zu besiegen. Etwa 5.000 US-Soldaten sind im Irak stationiert. Diese Zahl wird wahrscheinlich steigen und es wird angenommen, dass die Truppenteile am Boden enger mit den irakischen Sicherheitskräften verbunden und in ihnen eingebettet werden.

Ein Teil des Problems, mit dem das US-Militär und die irakischen Streitkräfte konfrontiert sind, ist die Verwurzelung des IS in Mossul. Mossul wird überwiegend von Sunniten bewohnt, die der von Schiiten dominierten Regierung in Bagdad größtenteils ablehnend gegenüberstehen. Schon bevor die islamistische Miliz 2014 in die Stadt einzog, was die von den USA aufgestellten Sicherheitskräfte zur massenhaften Fahnenflucht veranlasste, agierte der IS in einigen Stadtteilen in aller Öffentlichkeit. Diese Stärke des IS ist ein Vermächtnis der erbitterten und religiös aufgeladenen Konflikte, die durch die amerikanische Invasion 2003 und die darauf folgende Taktik des „Teile und Herrsche“ unter US-Besatzung angefacht wurden.

Irakische Regierungstruppen wurden in Gebieten beschossen, die sie angeblich zurückerobert hatten, was den Verdacht nährte, dass sich Kämpfer des IS unter die örtliche Bevölkerung gemischt haben. Dies führte im Gegenzug dazu, dass Zivilisten, die als Sympathisanten der Islamisten galten, eingesperrt und gefoltert wurden.

Die Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung, die laut einigen Schätzungen bis zu 1,5 Millionen Menschen umfasst, sind während der von den USA unterstützten und sich hinziehenden Belagerung immer entsetzlicher geworden. Die Zahl der zivilen Opfer, die durch vermehrte Luftangriffe bereits stieg, wird mit dem Einsatz von Artillerie gegen die dicht besiedelten Stadtteile ohne Zweifel noch weiter und schneller in die Höhe gehen.

Laut Schätzungen der irakischen Regierung sind mindestens 125.000 Menschen aus Mossul geflohen, davon mehr als 10.000 allein in den letzten Dezembertagen.

Für die Menschen, die in der Stadt geblieben sind, gibt es keine Elektrizität und kein sauberes Wasser. Da zudem die Lebensmittel in der Stadt knapp werden, droht Hunger. Abwässer sammeln sich auf den Straßen und Müllberge türmen sich auf, was den Ausbruch von Krankheiten fördert. Die Temperaturen in Mossul liegen am Gefrierpunkt, während es gleichzeitig keine Heizmöglichkeiten mehr gibt.

„Die Zivilisten in Mossul sind in einer ausweglosen Situation. Bleiben sie, so droht ihnen Hunger oder sie riskieren ins Kreuzfeuer zu geraten. Wenn sie fliehen, riskieren sie von Scharfschützen erschossen oder durch Landminen getötet zu werden“, erklärte der Repräsentant des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) Bruno Geddo am Donnerstag.

Die Medien in den USA und anderen westlichen Ländern, die erst vor ein paar Wochen eine hysterische Kampagne lostraten, in der sie lautstark ein „Massaker“ und sogar einen „Völkermord“ in der nur etwa 500 Kilometer weiter westlich gelegenen syrischen Stadt Aleppo verdammten, reagieren auf die humanitäre Katastrophe, die sich in Mossul abspielt, größtenteils mit Schweigen und Gleichgültigkeit.

Der krasse Unterschied im Umgang mit der von Russland unterstützten Belagerung Ost-Aleppos durch syrische Regierungstruppen und verbündeten Milizen auf der einen Seite und der von den USA unterstützten Belagerung Mossuls auf der anderen, liegt offensichtlich in den geostrategischen Interessen des US-Imperialismus begründet. Die Medien erweisen sich als treue Diener dieser Interessen.

Die Niederlage der Milizen mit Verbindungen zu Al Qaida in Aleppo war ein vernichtender Schlag für die Operation der USA zugunsten eines Regimewechsels in Syrien—und wurde entsprechend als Kriegsverbrechen dargestellt. Dass auf der anderen Seite Tod und Leid über die Bevölkerung von Mossul gebracht wird, geschieht im Dienste der selben Ziele, die schon dem Beginn des Krieges der USA gegen den Irak vor 14 Jahren zugrunde lagen: Der Durchsetzung von Washingtons Vorherrschaft über den ölreichen Nahen Osten.

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