Mutmaßlicher Bombenattentäter von Düsseldorf festgenommen

Von Dietmar Henning
8. Februar 2017

Mehr als 16 Jahre nach dem Bombenanschlag am S-Bahnhof in Düsseldorf-Wehrhahn hat die Polizei Ralf S. als dringend Tatverdächtigen festgenommen. Im Jahr 2000 hatte dem stadtbekannten Neonazi angeblich keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden können.

Ein Sprengsatz hatte am 27. Juli 2000 zehn Sprachschüler aus der ehemaligen Sowjetunion verletzt, einige schwer. Die Gruppe besuchte einen Deutschkurs in einer nahegelegenen Bildungseinrichtung und kam regelmäßig um diese Zeit zum S-Bahnhof. Sechs der Opfer waren jüdischen Glaubens. Eine schwangere Frau verlor durch die Explosion ihr Baby. Der Sprengkörper war mit 250 bis 300 Gramm TNT gefüllt.

Damals gab es mehr als 1400 Zeugenaussagen und 334 Spuren. Die meisten wiesen auf einen rechten Tathintergrund hin.

Schon kurz nach dem Anschlag führte „Spur 5/81“ die Ermittler zu Ralf S.. Er galt als Neonazi und lebte in Tatortnähe, wo er auch einen Militaria-Laden betrieb. Hinweise aus der Bevölkerung hatten die Polizei auf ihn aufmerksam gemacht. Er wurde sogar kurzzeitig festgenommen und galt als Hauptverdächtiger.

Aus alten Akten geht laut Süddeutscher Zeitung hervor, dass S. damals häufig mit Kampfhund und in Springerstiefeln unterwegs war und sich über die osteuropäischen Sprachschüler in der Nachbarschaft geärgert hatte. Diese seien bedroht worden: „Erst klebten an der Schule Aufkleber ‚Deutschland den Deutschen‘. Dann tauchten zwei Neo-Nazis in Ledermänteln und Springerstiefeln mit Hunden auf, die sich morgens und in der Pause am Eingang postierten.“ Die Sprachschüler hätten sich aber nicht einschüchtern lassen. Darauf hätten sich die Neonazis in den Laden von S. verzogen. S. habe es möglicherweise als Provokation empfunden, dass die Sprachschüler nicht klein beigaben.

Eine Tatbeteiligung konnte S. aber laut Ermittlungsbehörden nicht nachgewiesen werden. „Er schien ein perfektes Alibi zu haben, das nach heutiger Erkenntnis mit List konstruiert war“, schreibt die Süddeutsche Zeitung, die offensichtlich wieder über interne Dokumente verfügt. „Unter anderem soll er sich eine Art konspirative Wohnung zugelegt haben.“ Auch Durchsuchungs- und Überwachungsmaßnahmen wurden als erfolglos gewertet.

Die Journalistin Andrea Röpke berichtet auf der Website „blick nach rechts“, 2001 habe ein Aussteiger aus der rechten Szene den Ermittlern berichtet, dass S. ihm Waffen angeboten und geäußert habe: „So was wie am Wehrhahn, gleiche Konstruktion und gleiche Zündvorrichtung.“ Die Aussagen des Aussteigers hätten sogar auf Täterwissen hingedeutet. Ralf S. habe aber seinen Angaben widersprochen.

Die Düsseldorfer Stadtspitze hatte auf den Anschlag in Wehrhahn zunächst mit der Behauptung reagiert, es gebe in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt keine festen neonazistischen Strukturen. Der Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft Johannes Mocken erklärte, auch S. sei nicht der neonazistischen Szene zuzuordnen.

Dementsprechend teilte die Stadtverwaltung drei Tage nach dem Anschlag mit, sie verfolge die laufenden Untersuchungen „voller Sorge“ und würde es als „verheerend“ ansehen, wenn Medien das Attentat schon jetzt „unterschwellig oder sehr offen“ rechtsradikalen Kräften zuschreiben würden. Düsseldorf sei eine weltoffene und tolerante Stadt.

Doch als dann in der Nacht zum 3. Oktober 2000 ein Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge verübt wurde und die Wellen auch international hochschlugen, rief der damalige Innenminister von NRW Fritz Behrens (SPD) zu einer „Wehrübung der aufrechten Demokraten“ und Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zu einem „Aufstand der Anständigen“ auf. In einer Zeit, an dem in Deutschland rechte Terroranschläge zunahmen und das NSU-Trio in den Untergrund abtauchte, sollte die von Schröder initiierte Demonstration aller Bundestagsparteien in Berlin dazu dienen, deren Mitverantwortung für den Aufstieg der Rechten zu verschleiern.

Währenddessen stockten die Ermittlungen zum Anschlag in Wehrhahn. Wenige Wochen nach dem Bombenanschlag erklärte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, man gehe inzwischen auch Hinweisen aus dem Umfeld der „Russenmafia“ nach. Später gerieten dann auch noch Islamisten, Drogendealer und andere Gruppen ins Visier der Ermittler. Selbst eine „Beziehungstat“ wurde vermutet. 2009 wurden die Ermittlungen schließlich eingestellt und die Akten geschlossen.

Die Ermittlungen gegen S. wurden dann 2014 wieder aufgenommen, weil er sich gegenüber einem Mitinsassen im Gefängnis in Castrop-Rauxel mit dem Anschlag gebrüstet hatte. S. soll dort eine Ersatzfreiheitsstrafe wegen einer nicht gezahlten Geldbuße abgesessen haben.

Der Düsseldorfer Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück stellte vier Leute für neue Ermittlungen zusammen. Verdeckte Ermittler wurden eingeschaltet und Ralf S. wurde abgehört. Beim Durchforsteten der alten Akten stießen die Ermittler auf eine Zeugin, die S. unmittelbar vor dem Anschlag in der Nähe des Tatorts beobachtet hatte. Sie fanden außerdem zwei Zeugen, die sagten, S. habe ihnen gegenüber den Anschlag angekündigt. Sie hätten darüber früher nie gesprochen, weil sie unter Druck gesetzt worden seien.

Laut Kölner Stadt-Anzeiger überführte schließlich eine DNA-Spur den mutmaßlichen Täter. Sie sei auf dem Geländerabschnitt gefunden worden, an dem die Bombe hing und der herausgeschnitten und als Asservat verwahrt worden.

Es dauerte dann noch zwei Jahre, bis S. schließlich am Dienstag letzter Woche verhaftet wurde.

Der heute 50-jährige Neonazi S. war einst Zeitsoldat und soll laut seines Ausbilders bei der Bundeswehr ein Spezialist für Sprengfallen gewesen sein. Anschließend betrieb er nicht nur seinen Militaria-Laden, sondern bot auch bis zuletzt Survival-Trainings an. „Seine Schüler mussten die von ihm angebrachten Sprengfallen entdecken“, so die Süddeutsche Zeitung. „Es gibt davon Bilder.“

Welche Rolle der Verfassungsschutz bei den Ermittlungen über den Bombenanschlag in Düsseldorf-Wehrhahn gespielt hat, ist unbekannt. Laut Verfassungsschutzbericht aus dem Jahr 1999 hatten sich in Düsseldorf „gefestigte rechtsextreme Strukturen“ etabliert. Der Geheimdienst beobachtete also intensiv die Düsseldorfer Neonazi-Szene, von der Ralf S. damals ein fester Bestandteil war.