IYSSE-Versammlung verteidigt Bremer Asta gegen Angriffe von Jörg Baberowski

Von unseren Korrespondenten
16. Februar 2017

„Warum verklagt Jörg Baberowski die Bremer Studierendenschaft?“ – unter diesem Titel organisierten die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) am 13. Februar eine Veranstaltung an der Berliner Humboldt-Universität, um das Recht auf freie Meinungsäußerung des Bremer Astas zu verteidigen.

Versammlung an der Humboldt-Universität zur Unterstützung des Asta Bremen

Während sich die große Mehrheit der anwesenden Arbeiter und Studierenden mit dem Bremer Asta solidarisierte und die inhaltliche Kritik der IYSSE an Baberowski unterstützte, kamen Humboldt-Professor Johannes Helmrath und eine Gruppe rechter Studierender zur Veranstaltung, um das autoritäre Vorgehen Baberowskis zu verteidigen.

Baberowski hat den Bremer Asta verklagt und vor dem Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen ihn erwirkt, der zufolge der Bremer Asta bestimmte Aussagen Baberowskis nicht mehr zitieren und kommentieren darf. Der Asta hat dagegen Widerspruch eingelegt. Am gestrigen Mittwoch fand darüber die Gerichtsverhandlung in Köln statt.

Auf dem Podium in Berlin saßen mit Jan-Eric Hahn und Irina Kyburz auch zwei Vertreter des Bremer Asta. Ihre Beiträge machten unmittelbar deutlich, wie gravierend sich der juristische Maulkorb-Erlass auswirkt: „Inhaltlich dürfen wir uns hier überhaupt nicht zur Sache äußern“, erklärte Irina, „und das ist äußerst ärgerlich.“

Irina vom Asta Bremen

Eine solche Maßnahme hänge wie ein Damoklesschwert über den Studierenden, erklärte IYSSE-Sprecher Sven Wurm in seiner Einleitung. „Wenn sich ein solches Vorgehen durchsetzt, dann müssen sich Studierende zukünftig überlegen, ob sie gegebenenfalls genügend Geld für einen Anwalt und einen Prozess haben, bevor sie die rechten Positionen ihrer Professoren kritisieren.“

Der Bremer Asta hat in den vergangenen Wochen viele Zeichen der Unterstützung und Solidarität erhalten. Über hundert Studierende besuchten am 2. Februar eine Unterstützungsversammlung an der Uni Bremen, und mehrere Studierendenvertretungen haben Solidaritätsschreiben geschickt, darunter das Studierendenparlament der Freien Universität Berlin und mehrere Gremien der Humboldt-Universität.

Auch haben sich in Bremen mehrere Professoren im Gespräch inhaltlich solidarisiert, wie Jan-Eric vom Asta-Bremen berichtete. Viele hatten jedoch nicht den Mut, öffentlich Stellung zu beziehen, teils um den Institutsfrieden nicht zu gefährden, teils „weil sie selbst zugaben, zu feige zu sein“. „Das ist schon gruselig“, setzte er hinzu, „wenn heute wieder so was passiert, was in den 1930er Jahren gang und gäbe war.“

Ein emeritierter Professor, der Mathematiker und Computer-Pionier Frieder Nake, hat allerdings ein Solidaritätsschreiben verfasst, das Irina vorlas.

Wurm erklärte, der wachsende Protest gegen Baberowskis Versuch, kritische Studierende mundtot zu machen, habe den rechten Professor veranlasst, zunehmend aggressiv vorzugehen. Ihn selbst habe Baberowski beim Handzettel-Verteilen beschimpft und bedroht. Er habe ihn fotografiert und als „rotlackierten Faschisten“ und „widerlichen Denunzianten“ beschimpft, und er habe ihm mit Polizei und einer Gerichtsklage gedroht. In seiner Vorlesung habe Baberowski die IYSSE dann als „Kriminelle“ bezeichnet und sowohl die Universitätsleitung als auch Professorenkollegen aufgefordert, gegen sie und ihre Versammlung vorzugehen.

Christoph Vandreier, der Sprecher der IYSSE in Deutschland, widerlegte in seinem Beitrag gründlich die Behauptung, Baberowskis Kritiker würden diesen verleumden und hätten zu diesem Zweck Zitate aus dem Zusammenhang gerissen.

IYSSE-Sprecher Christoph Vandreier, daneben Jan-Eric vom Asta Bremen

Er ging auf mehrere öffentliche Äußerungen Baberowskis ein – u.a. auf dessen Aussage im Spiegel Anfang 2014: „Hitler war kein Psychopath, er war nicht grausam. Er wollte nicht, dass an seinem Tisch über die Judenvernichtung geredet wird...“ – und stellte sie in vollem Zusammenhang und mit den Quellen dar. Ein Zitat aus einem Podiumsgespräch im Deutschen Historischen Museum (DHM) zum Thema „Interventionsmacht Deutschland“ spielte er als Audiodatei im O-Ton ab.

Baberowski hatte dort erklärt, wenn man nicht bereit sei, „Geiseln zu nehmen, Dörfer niederzubrennen und Menschen aufzuhängen und Furcht und Schrecken zu verbreiten, wie es die Terroristen tun“ – wenn man dazu nicht bereit sei, solle man die Finger von Kriegen gegen Terroristen lassen.

Baberowski hatte später behauptet, er habe dies gesagt, um von militärischen Interventionen abzuraten. Dass dies nicht stimmt, unterstreichen weitere Aussagen von Baberowski im DHM. Er hatte dort u.a. auch gesagt: „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das viel Geld kosten wird, und dass man Soldaten und Waffen in solch ein Vakuum hinein schicken muss, um die Konfliktparteien erstens voneinander zu trennen … Man braucht dafür den politischen Willen und die politische Strategie. Und vor allem muss man dann auch sagen, damit das klappt, müssen wir da auch reingehen. Und das muss es uns wert sein. Das kostet Geld. Wir müssen da Truppen rein schicken …“

Wie Vandreier erklärte, liegt Baberowskis Eintreten für militärische Interventionen auch vollkommen auf der Linie seiner Gewalttheorie, die er in seinem jüngsten Buch „Räume der Gewalt“ niedergelegt hat. Vandreier sagte dazu: „Er ist der Meinung, dass Gewalt nicht durch Zivilisierung, Toleranz oder soziale Gerechtigkeit begrenzt werden könne, sondern nur und ausschließlich durch Gegengewalt. Das ist seine reaktionäre Grundthese, zu der ich Dutzende weitere Zitate bringen könnte.“

Mit dieser These rechtfertige Baberowski nicht nur Gewalt, sondern spreche sich auch für die Aufrechterhaltung von sozialer Ungleichheit und die Schaffung eines Polizeistaats aus. So habe er zum Beispiel schon erklärt, man solle das Geld für Sozialprogramme besser „in die Spree kippen“, denn der Staat sei nicht für soziale Wohlfahrt, sondern für die „Sicherheit“ zuständig.

Auf welche Art und Weise Baberowski gegen Flüchtlinge hetzt, wies Vandreier am Beispiel eines Artikels nach, der in der Basler Zeitung erschienen war (die dem rechtsextremen Schweizer Politiker und Unternehmer Christoph Blocher gehört). Darin schrieb der Professor: „In ihrer Mehrheit aber sind die Einwanderer eine Belastung, keine Bereicherung, weil sie auf dem Arbeitsmarkt nicht gebraucht werden. Der Sozialstaat wird diese Bewährungsprobe nicht bestehen …“

Man könne das dreiste Auftreten Baberowskis nur im Zusammenhang mit der aktuellen politischen Entwicklung erklären, erklärte Vandreier zum Schluss. Es stehe in Verbindung mit einem Rechtsruck des politischen Establishments, mit dem Aufstieg Donald Trumps in den USA und der Wende der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik.

„Es geht hier keineswegs um eine persönliche Vendetta gegen Baberowski“, betonte Vandreier. „Es geht darum, zu verhindern, dass die Universitäten wieder in rechte Denkfabriken und Zentren für Militarismus verwandelt werden. Die Wahl Trumps hat Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Militarismus auch hier in Europa wieder zu Mitteln der Politik gemacht.“

In der Diskussion entwickelte sich ein heftiger Schlagabtausch mit den Rechten, die auf Baberowskis Aufruf hin zur Veranstaltung gekommen waren. Während sie auf keine der Fragen inhaltlich eingingen, griffen sie auf Antikommunismus, Lügen und Beschimpfungen zurück, um die Anwesenden gegen die IYSSE aufzuhetzen und Baberowskis Vorgehen gegen den Bremer Asta zu rechtfertigen.

Dieser Versuch misslang gründlich.

Als Prof. Johannes Helmrath, ein Kollege Baberowskis, der an der Humboldt-Uni mittelalterliche Geschichte lehrt, behauptete, die IYSSE würden Baberowski nur deshalb „mit ihrem Hass“ verfolgen, weil dieser den Historiker Robert Service eingeladen habe, um seine „kritische Trotzki-Biographie“ vorzustellen, stellten ihn Mitglieder des IYSSE zur Rede.

In Wirklichkeit hat Service keine „kritische Trotzki-Biographie“ verfasst, sondern eine Arbeit, die den elementarsten wissenschaftlichen Standards nicht genügt und deshalb von namhaften Historikern als „Machwerk“ (Bertrand Patenaude) und „Schmähschrift“ (Herrmann Weber) bezeichnet wurde. Bereits in der damaligen Auseinandersetzung hatte Baberowskis mit autoritären Methoden reagiert. Im Februar 2014 schloss er kritische Professoren und Studierende mit Hilfe eines Wachschutzes von einem öffentlichen Kolloquium mit Service aus.

Prof. Helmrath, der dem inhaltlich nichts entgegenzusetzen hatte, verlor zunehmend die Fassung und ließ seinem Antikommunismus freien Lauf. Dabei verriet er mehr über seine eigene politische Gesinnung als ihm möglicherweise lieb sein dürfte. Wütend behauptete er, die Studierenden dienten sich „einem amerikanischen Altherrenclub trotzkistischer Art als Handlanger an, dessen Lehren keinen Menschen mehr interessieren, und der sich deshalb jetzt auf Nazi-Jägertum spezialisiert“. Am Ende rief er wutentbrannt, dass er sich „von Trotzkisten nichts über Gewaltlosigkeit predigen“ lasse.

Je mehr die Anhänger Baberowskis von Vertretern des Bremer Asta und anderen Studierenden aufgefordert wurden, inhaltlich zu den Fragen Stellung zu beziehen, desto wüster wurden ihre Angriffe und desto offener traten ihre eigenen rechten Standpunkte zu Tage. Ein junger Mann erklärte, Trotzki stehe „für Gewalt und Blut“ und der Professor habe natürlich das Recht, die Justiz einzuschalten, um gegen seine Kritiker vorzugehen.

Auch viele Studierende, die nicht zum Bremer Asta gehörten oder Mitglieder der IYSSE sind, traten den Rechten entschieden entgegen.

Eine junge Teilnehmerin machte darauf aufmerksam, dass bei den Zitaten aus den Schlüterhofgesprächen selbst eine extrem wohlmeinende Interpretation nichts am Inhalt der Sätze ändern würde, die Baberowski ja nachweislich dort gesagt habe. „Ich verstehe nicht, wie man sagen kann, die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen. Jeder kann es überprüfen. Egal wie freundlich man den Kontext darum herum ausschmückt, dadurch werden die Sätze doch nicht weniger erschreckend.“

Interessant war die Reaktion eines älteren Besuchers, das als Senioren-Student einige Vorlesungen Baberowskis an der HU besucht hat. Er könne sehr gut verstehen, dass die Klage gegen den Bremer Asta für die Studierenden eine „heftige Geschichte“ sei, erklärte er. Für ihn seien die vorgebrachten Zitate Baberowskis „völlig neu – und ich muss sagen, ich bin erschüttert“. Er wolle die Fragen nun selbst recherchieren und dazu das Buch „Wissenschaft oder Kriegspropaganda?“ durcharbeiten, das den Kampf der IYSSE gegen die Wiederkehr des deutschen Militarismus und die Auseinandersetzung an der HU dokumentiert.

Das im Mehring-Verlag erschienene Buch "Wissenschaft oder Kriegspropaganda?" dokumentiert den Kampf der IYSSE und der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) gegen die Wiederkehr des deutschen Militarismus in den vergangenen zwei Jahren.

Wer nicht bereit ist, die Wiederbelebung des deutschen Militarismus und die Verwandlung der Universitäten in staatlich gelenkte Kaderschmieden für rechte und militaristische Ideologien hinzunehmen, muss dieses Buch lesen. 

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