BVB-Anschlag: Täter wettete auf fallende Aktienkurse

Von Dietmar Henning
26. April 2017

Ende letzter Woche nahm die Polizei den mutmaßlichen Attentäter fest, der den Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus des Fußballclubs Borussia Dortmund (BVB) verübt haben soll.

Als der Bus am 11. April auf dem Weg zu einem Champions-League-Spiel eine Hecke in der Nähe des Mannschaftshotels passierte, waren drei Bomben explodiert. Ein Spieler, der Verteidiger Marc Batra, verletzte sich schwer am Handgelenk. Die anderen BVB-Spieler im Bus kamen mit dem Schrecken davon, weil eine der Bomben „falsch“ platziert worden war und nicht die volle Wirkung entfaltete. Die in der Bombe enthaltenen Metallteile flogen über den Bus hinweg.

Die ermittelnde Bundesanwaltschaft wirft dem 28-jährigen Sergej W. versuchten Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung vor. Er soll beabsichtigt haben, möglichst viele Spieler schwer zu verletzen oder zu töten.

Als Motiv sehen die Ermittler Habgier. W. soll auf einen drastischen Kursverlust der Borussia-Dortmund-Aktie nach dem Anschlag gewettet haben, der ihm sechsstellige Gewinne eingebracht hätte.

Der junge Mann soll einen Verbraucherkredit über 40.000 Euro aufgenommen und am Anschlagstag Optionsscheine auf die Aktie des BVB erworben haben, insgesamt drei unterschiedliche Derivate. Mit Optionsscheinen können Anleger auf steigende oder fallende Kurse von Aktien oder anderen Wertpapieren wetten und so hohe Gewinne erzielen.

Spiegel Online schreibt, dass der 28-Jährige selbst bei einem Fall der BVB-Aktie von knapp sechs unter einen Euro höchstens 200.000 Euro eingenommen hätte.

So professionell der mutmaßliche Täter die Bomben baute, so dilettantisch stellte er sich bei der Durchführung seines Verbrechens an. Seine Börsen-Wetten platzierte er offenbar aus dem Dortmunder Mannschaftshotel L'Arrivée, wo er schon zwei Tage zuvor ein Zimmer im Dachgeschoss bezogen hatte.

Bei der Buchung des Zimmers im März soll der Beschuldigte einen Raum mit Blick auf den späteren Anschlagsort verlangt haben, womöglich löste er von dort auch die Detonation der drei Sprengsätze über Funk aus. Auch der Kauf der Optionen soll über die IP-Adresse des Hotels getätigt worden sein.

Die islamistischen Bekennerschreiben, die am Tatort gefunden wurden, waren derart untypisch, dass sehr schnell Zweifel an ihrer Echtheit aufkamen.

Laut Spiegel hatten ein Hinweisgeber aus dem Finanzsektor sowie die Geldwäscheverdachtsanzeige der Comdirect-Bank, wo der Verdächtig die Optionsscheine gekauft hatte, die Ermittler schon zwei Tage nach dem Anschlag auf seine Spur gebracht. Die Polizei observierte ihn daraufhin eine Woche lang, bevor sie ihn auf dem Weg zur Arbeit festnahm.

Der Tatverdächtige W. hat laut Bundesanwaltschaft die deutsche und russische Staatsangehörigkeit. Der gelernte Elektriker aus Freudenstadt im Schwarzwald arbeitete zuletzt in einem Tübinger Heizwerk. Wo der junge Mann den Umgang mit Sprengstoff gelernt hat, ist bislang unklar.

Sergej kam mit seiner Familie 2003 aus dem russischen Tscheljabinsk nach Deutschland. „Ruhige Leute“, sagen Nachbarn über Sergej und seine Eltern. Die Großeltern leben im Haus nebenan. Ein Bekannter beschreibt den jungen Mann als zurückgezogen. In einer evangelischen Freikirche in der Nähe soll W. gelegentlich den Gottesdienst besucht haben. Fotos im Internet zeigen ihn mit anderen jungen Menschen beim Weihnachtsbacken in der Freikirche. Das soll zwei Jahre zurückliegen.

Inzwischen hatte der Tatverdächtige ein Zimmer im nahegelegenen Rottenburg bezogen, um näher an seinem Arbeitsplatz zu sein, einem Heizwerk des Mannheimer Energieversorgers MVV, welches die Uni-Klinik Tübingen versorgt. Er habe nie Besuch gesehen, will ein Nachbar beobachtet haben.

Die persönlichen Hintergründe, die einen stillen und unauffälligen jungen Mann zu einem Terroranschlag bewegten, dürften im kommenden Ermittlungs- und anschließenden Gerichtsverfahren behandelt werden. Entgegen anderslautender Berichte hat Sergej W. bislang offenbar noch kein Geständnis abgelegt.

Der kaltblütig geplante Anschlag und sein habgieriges Motiv haben breites Entsetzen ausgelöst, das auch Politiker sofort ausnutzten. „Sollte der Beschuldigte tatsächlich aus bloßer Geldgier versucht haben, mehrere Menschen zu töten, wäre das einfach grauenhaft“, sagte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD).

Aber wie jedes große Verbrechen hat auch dieses neben einer persönlichen eine gesellschaftliche Dimension. Allein schon die perverse Idee, mit einem Terroranschlag auf Fußballspieler Geld zu verdienen, konnte erst unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen heranreifen. Die Kommerzialisierung des Fußballs im Besonderen und die Anbetung der Zockerei an den Börsen im Allgemeinen haben dafür die Grundlage geschaffen.

Schon seit langem geht es beim Fußball nur noch bei den Fans um den Sport. Die Vereine der Profiligen sind weltweit Unternehmen und Konzerne, die Milliarden umsetzen und verwalten. Der Fußball ist ein riesiges Geschäft geworden, gerade in den letzten Jahren.

Inzwischen haben sich weltweit 31 Vereine – der erste war 1983 Tottenham Hotspurs in England – als Aktiengesellschaft gegründet. Seit zwei Jahrzehnten sehen auch superreiche russische Oligarchen oder Mitglieder der Herrscherfamilien aus den arabischen Scheich-Staaten Fußballvereine als Investitionsfeld und kaufen sich mit Milliarden ein. So gehört z. B. der FC Chelsea seit 2003 dem russischen Öl-Milliardär Roman Abramowitsch. Paris St. Germain gehört seit 2006 dem US-amerikanischen Finanzinvestor Colony Capital (heute: Colony Northstar) und seit 2012 der katarischen Investorengruppe Qatar Sports Investments (QSI). Nicht zu vergessen der AC Mailand, der sich bis 2016 im Besitz des Milliardärs und italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi befand.

Derzeit fließt so viel Geld in den Fußball, wie schon lange nicht mehr. Neue Investoren, aber vor allem milliardenschwere TV-Verträge der einzelnen nationalen Fußballverbände steuern Milliarden bei. Der internationale kapitalistische Wettbewerb hat in den letzten Jahren stark an Fahrt aufgenommen. Die nationale Liga, die das größte Interesse auf sich zieht, gewinnt die zahlungskräftigsten Sponsoren, Investoren, die höchsten TV-Gelder usw.

Die teilweise hochtalentierten Spieler führen ein Leben, das an die Gladiatoren im alten Rom erinnert. Sie sind gleichzeitig Spitzenverdiener, Celebrities, moderne Sklaven und Spekulationsobjekte. Erfolg und Absturz sind oft nur um Haaresbreite voneinander entfernt. Sie müssen die unangenehmen Folgen zerrissener Spieltage, um die Übertragungszeiten im Fernsehen zu erhöhen, Spiele um die Mittagszeit, damit auch die chinesischen TV-Sender zu angemessenen Zeiten übertragen können, und vieles mehr in Kauf nehmen. Manche zerbrechen daran.

Der börsennotierte englische Verein Manchester United soll weltweit 660 Millionen Fans haben. Daher hat er gerade eine neue Verkaufsstelle in Asien eröffnet. Seine Umsätze mit Trikots und Fanartikeln sind ein einträchtiges Geschäft. 38,6 Millionen Pfund Gewinn brachte im vergangen Jahr der Vertrag mit Sportartikelhersteller Nike, der Manchester weltweit vermarktet.

Wie in jedem Wettbewerb wächst auch hier die Ungleichheit. Während die oberen zwei bis vier Vereine in jeder Liga Milliarden anziehen, stehen die unteren Vereine – und erst recht die in den zweiten oder dritten Profiligen – finanziell immer mit dem Rücken an der Wand.

Als am Sonntag in Spanien das „El Classico” genannte Spiel zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona stattfand, standen sich zwei Mannschaften mit Spielern im Wert von 764,8 Mio. Euro (Real) und 756,5 Mio. Euro (Barcelona) gegenüber. Der Marktwert des Barcelona-Spielers Lionel Messi beträgt aktuell 120 Mio. Euro, der seines Kontrahenten bei Real Madrid Christiano Ronaldo 100 Mio. Euro.

Die vier aktuellen Champions-League-Halbfinalisten verzeichnen zusammen Schulden von 521 Mio. Euro. Real Madrid ist als einzige dieser vier Mannschaften schuldenfrei – nachdem der Club nach der Saison 2013/14 noch 602 Millionen Schulden vermeldet hatte.

Die 18 Klubs der Bundesliga haben laut des „Bundesliga-Reports 2016“ in der Spielzeit 2014/15 rund 2,6 Milliarden Euro umgesetzt. Die größten Einnahmepositionen waren die Fernseh- und Medienvermarktung (28 Prozent), Werbung (26 Prozent) und der Spielertrag (20 Prozent).

Der Fußball wird wie alle Bereiche der Gesellschaft gnadenlos dem Profitstreben an den internationalen Aktienmärkten untergeordnet. Und dass dort mit Menschenleben gezockt wird, ist nicht Neues. Täglich sterben unzählige Menschen, weil einige wenige damit an den internationalen Börsen Geld verdienen. Das wird dann aber nicht Geldgier, sondern Investment genannt, die Folge nicht Mord, sondern Profit.

Währungsspekulanten haben ganze Länder in die Knie gezwungen und für die vom IWF erzwungenen „Rettungsprogramme“ musste anschließend die Bevölkerung bluten. Die Folgen der Spekulation mit Lebensmitteln waren und sind katastrophal.

So trieben Finanzspekulanten in den Jahren 2007/2008 die Getreidepreise in die Höhe. In Afrika stiegen die Mais- und Weizenpreise um bis zu 300 Prozent. Die rasant steigenden Lebensmittelpreise führten in 61 Ländern zu Hungerprotesten. Die Zahl der Hungernden stieg 2009 erstmals auf die Rekordmarke von einer Milliarde Menschen. Jedes Jahr sterben weltweit mehr als 10 Millionen Kinder unter fünf Jahren an Hunger. Während der Lektüre dieses Artikels (zwei Minuten) sterben ca. 40 kleine Kinder an Unterernährung.

2008/2009 stürzte die Finanzkrise, ausgelöst durch das Platzen einer riesigen Immobilien-Spekulationsblase, ganze Länder in soziale Krisen. In Griechenland haben die von der Europäischen Union erzwungenen und von der pseudolinken Syriza-Regierung verwirklichten sozialen Kürzungen unsägliches Leid über die Bevölkerung gebracht. Zwischen 2007 und 2011 stieg die Suizidrate um 43 Prozent. Mit 477 Selbstmorden markiert das Jahr 2011 den höchsten Stand seit fünfzig Jahren.

Der Anschlag in Dortmund war grausam, aber er ist Produkt einer noch grausameren Gesellschaft.