Die Rückeroberung von Mossul

Von James Cogan
24. Juni 2017

Die Armee und Polizei der irakischen Regierung haben laut Berichten die letzten überlebenden Kämpfer des Islamischen Staats (IS) auf ein kleines Gebiet in der Altstadt von Mossul zurückgedrängt. Die Stadt, oder das was von ihr übrig ist, soll innerhalb von wenigen Wochen, vielleicht schon von Tagen, unter vollständiger Kontrolle der Regierung stehen.

Die Offensive, um Mossul vom IS zurückzuerobern, begann im letzten Oktober. Neun Monate lang war Mossul der Schauplatz der heftigsten Häuserkämpfe seit der US-Invasion im Irak 2003. Die irakischen Regierungstruppen und die Polizei sind langsam durch die Vororte vorgerückt. Unterstützt wurden sie dabei vom US-Militär und von Flugzeugen, Spezialkräften und „Beratern“ einer Koalition aus Australien, Großbritannien, Frankreich und Kanada.

Die Zerstörung des 900 Jahre alten Minaretts der historischen al-Nuri-Moschee ist ein Symbol für die schreckliche Verwüstung, die Mossul und seine Bewohner erleben mussten. Die Luftangriffe und die blutigen Bodenkämpfe haben dazu geführt, dass in großen Teilen der Stadt nur noch halb zerstörte Häuser stehen und die Straßen übersät sind mit ausgebrannten Autos und Trümmern. Die Elektrizitäts-, Gas-, Wasser- und Kanalisationsnetze sind zerstört.

Laut der Regierung in Bagdad wurde das Minarett vom IS in die Luft gesprengt, um zu verhindern, dass die irakische „Antiterrorismus“-Polizei sie unbeschädigt erobert. Die al-Nuri-Moschee hat einen besonderen Wert für die Propaganda der Regierungstruppen. Von hier aus hatte der IS-Führer Bakr al-Bagdadi im Juni 2014 das „Kalifat“ ausgerufen, nachdem die islamistische Bewegung die Kontrolle über Mossul übernommen hatte.

Der IS behauptet in seiner Internet-Propaganda, das Minarett sei von US-Luftangriffen zerstört worden. Das US-Militär hat das dementiert. Ein Video deutet darauf hin, dass es durch kontrollierte Explosionen im Inneren gesprengt wurde.

Die irakische Regierung lehnt es ab, Zahlen über die Verluste in ihren Truppen zu veröffentlichen. Es könnten durchaus bis zu 10.000 Tote und Verletzte sein. Berichte zu Anfang des Jahres deuten darauf hin, dass einige Armee- und Polizeieinheiten während der erbitterten Kämpfe zur vollständigen Vertreibung des IS aus den östlichen Stadtteilen 50 Prozent ihrer Männer verloren haben.

Die Zivilisten mussten jedoch den höchsten Tribut zollen. Vor Juni 2014 lag die Einwohnerzahl von Mossul bei zwei Millionen. Es sind zwar Hunderttausende geflohen, als der IS die Stadt eroberte, aber die Zahl der Vertreibungen und Todesopfer ist seit Beginn der US-gestützten Offensive exponentiell gestiegen.

Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass zirka 860.000 Einwohner zu Flüchtlingen gemacht wurden. Große Teile davon leben in überfüllten Zeltlagern oder bei Familienangehörigen in anderen Teilen des Landes. Weitere 500.000 leben unter mehr oder weniger erbärmlichen Bedingungen in den von der Regierung kontrollierten östlichen Teilen der Stadt. Man schätzt, dass noch etwa 100.000 in den von dem IS kontrollierten Gebieten festsitzen.

Es gibt keine genauen Zahlen über die gesamten zivilen Opfer. Auf jeden Fall sind es Zehntausende Tote oder Verwundete, für die jedoch sowohl die US-gestützten Truppen wie auch die IS-Extremisten verantwortlich sind.

Am 17. März tötete ein einziger amerikanischer Luftangriff mindestens 105 Männer, Frauen und Kinder. Das US-Militär hat bekanntgegeben, dass die Koalition die Stadt von Oktober 2016 bis zum 3. Juni mit 24.464 Raketen und Bomben beschossen hat.

Als die Offensive vor neun Monaten begann, ging die US-geführte Koalition davon aus, dass höchstens 10.000 IS-Kämpfer in der Stadt waren. Anfang Mai behaupteten die irakischen Kommandeure, sie hätten mehr als 16.000 getötet. In den darauf folgenden Wochen gaben sie an, hunderte Weitere getötet zu haben.

Die überhöhten Zahlen an IS-Toten legen nahe, dass die Menschen fälschlicherweise zu Kämpfern erklärt wurden, um das wahre Ausmaß an zivilen Opfern zu vertuschen.

Ein Artikel des freiberuflichen britischen Journalisten Tom Westcott vom 22. Juni, der aus Mossul berichtet, enthält erschreckende Details über die Behandlung von Männern und Jugendlichen, die es schaffen, die Kampflinien von den IS-besetzten Gebieten zu denen unter Regierungskontrolle zu überqueren.

Ein französischer Mediziner erzählte Westcott von mehreren Männern, deren Granatsplitter-Verletzungen behandelt worden waren. Der Mediziner erklärte: „Natürlich wurden diese Operationen von IS-Medizinern durchgeführt. Und wir wissen, dass sie sich nur um ihre eigene Leute kümmern, sodass diese Leute wahrscheinlich dem IS angehört haben.“ Er bemerkte, die Regierungstruppen würden sie mindestens zweimal „durchleuchten“.

Westcott berichtete außerdem, wie ein Mann verdächtigt wurde, IS-Angehöriger zu sein, weil er Verletzungen an seiner Schulter hatte, die möglicherweise durch den Rückschlag eines Gewehrs entstanden waren.

Während der gesamten Operation wurden alle männlichen Personen über 15 Jahre, die beschuldigt wurden, IS-Anhänger zu sein, verhört und festgenommen. Seit Oktober sind Beweise aufgetaucht, dass angebliche IS-Kämpfer in Mossul von Regierungstruppen grausam gefoltert oder kurzerhand hingerichtet wurden.

Während die letzten Teile der Stadt von der Regierung erobert werden, sind Tausende Männer und Jugendliche mit einer ungewissen Zukunft konfrontiert. Ein Offizier der irakischen Armee erklärte gegenüber Westcott: „Die meisten jungen Männer, die jetzt noch da drin sind, sind Daesh-[IS-]Anhänger. Wir sind uns 100-prozentig sicher, dass sie Daesh-Leute sind.“

Der amerikanische Verteidigungsminister James Mattis hat die US-Politik im Irak als „Ausrottungstaktik“ bezeichnet. Er hat die außergerichtliche Hinrichtung von Nicht-Irakern, die in Mossul gefangengenommen werden und angeblich IS-Kämpfer sind, stillschweigend gebilligt. Er erklärte letzten Monat in einem Interview: „Wir wollen nicht, dass die ausländischen Kämpfer überleben, um nach Hause, nach Nordafrika, Europa, Amerika, Asien und Afrika zurückzukehren. Wir werden das nicht erlauben.“

Die Äußerungen von Mattis unterstreichen noch einmal, dass jede Gräueltat, die von den irakischen Regierungstruppen begangen wird, mit vollem Wissen und unter Komplizenschaft der USA und der übrigen imperialistischen Staaten geschieht, die Truppen für die Anti-IS-Operationen zur Verfügung stellen.

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