ThyssenKrupp: Abbau von 2500 Stellen in der Verwaltung und Verkauf der Stahlsparte

Von Dietmar Henning
13. Juli 2017

Anfang der Woche hat der ThyssenKrupp-Konzern angekündigt, dass er in den nächsten drei Jahren 2.500 der rund 18.000 Arbeitsplätze in der Verwaltung streichen wird. Die Hälfte der Jobs sollen bis Ende des Geschäftsjahres 2019/20 in Deutschland abgebaut werden.

Eine Sprecherin erklärte, der nun bezifferte Abbau in der Verwaltung sei „Teil der bereits beschlossenen Maßnahmen“. Das widerspricht jedoch der Begründung, die bislang aufgelegten Sparprogramme hätten nicht ausgereicht, um „für einen nachhaltig positiven Mittelzufluss aus den laufenden Geschäften zu sorgen“.

Der Konzern mit weltweit rund 159.000 Beschäftigten habe in den vergangenen Monaten seine Verwaltungskosten überprüft und mit denen anderer Wettbewerber verglichen, teilte die Konzernsprecherin mit. Nun „sind wir davon überzeugt, dass unsere Verwaltungskosten von 2,4 Milliarden Euro aktuell deutlich zu hoch sind“. Mit dem Stellenabbau will ThyssenKrupp 400 Millionen Euro jährlich einsparen, um „unsere Ebit-Ziele [Gewinn vor Zinsen und Steuern] zu erreichen“. Der Konzern will mindestens 2 Milliarden Euro Gewinn pro Jahr erzielen, im laufenden Jahr sollen es schon 1,8 Milliarden Euro sein. Kein Wunder, dass die Börse sofort mit hohen Kursgewinnen auf die ThyssenKrupp-Aktie reagierte.

Die 2.500 Männer und Frauen, die nun ihren Job im Interesse der Aktienbesitzer verlieren, dürften nur der Anfang sein – auch um die geplante Abstoßung des Stahlgeschäfts vorzubereiten. Denn der Abbau betrifft sowohl die Beschäftigten in der Hauptverwaltung in Essen als auch Verwaltungsstellen in allen anderen Sparten – Aufzüge, Anlagenbau, Autokomponenten, Wertstoffhandel und die Stahlproduktion.

Denn bereits vor einer Woche berichtete das Handelsblatt, dass ThyssenKrupp seine Stahlsparte mit derzeit 27.000 Beschäftigten auf jeden Fall abstoßen werde – auch wenn eine Einigung mit Tata Steel, dem britisch-indischen Stahlkonzern, mit dem ThyssenKrupp bereits fast zwei Jahre lang verhandelt, nicht zustande käme.

Neben einem erst im April angekündigten 500-Millionen-Euro-Sparprogramm, das rund 4000 Arbeitsplätze vernichtet, sind durch die Abstoßung der Stahlsparte weitere viele Tausend Arbeitsplätze und ganze Standorte gefährdet.

Laut Handelsblatt will sich der ThyssenKrupp-Konzern bis September von seinem Stahlgeschäft trennen. Favorisiert wird von ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger eine Fusion mit Tata Steel. In dem neuen zusammengeführten Unternehmen will Hiesinger aber definitiv nicht die Anteilsmehrheit und damit die Führung und Verantwortung behalten, „damit ThyssenKrupp das schwächelnde Geschäft aus der Bilanz herausbekommt“, wie ein Konzernmanager dem Handelsblatt bestätigte. Und das rechte Sprachrohr der Frankfurter Börse, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, frohlockte: „Sollte sich Hiesinger mit dem neuen Tata-Chef Natarajan Chandrasekaran einig werden, könnten rund 3 Milliarden Euro an Pensionslasten, dazu die der Stahlsparte zuzurechnenden Finanzverbindlichkeiten aus den Büchern des Konzerns verschwinden.“ Es entstünde neuer Spielraum, um die Industriesparten nach vorn zu bringen – und die Dividende zu erhöhen.

Noch in diesem Monat will Hiesinger nach Indien fliegen, um mit Tata-Chef Chandrasekaran das Joint-Venture zu beschließen. 500 Millionen Euro sollen die „Synergien“ aus der Fusion beider Unternehmen bringen, d.h., es könnten in den britischen und niederländischen Werken von Tata Steel sowie den deutschen ThyssenKrupp-Werken bis zu 10.000 Arbeitsplätze verloren gehen.

Sollte der „Deal“ wider Erwarten dennoch platzen, seien andere Alternativen denkbar, berichtet das Handelsblatt. „Möglich wäre die Verwirklichung früherer Pläne: ein Teilverkauf an Interessenten aus Asien und Osteuropa etwa oder ein Börsengang.“ Die Zeitung nennt den russischen Stahlproduzenten NLMK des Oligarchen Wladimir Lissin, mit über 15 Milliarden Euro Vermögen der drittreichste Mensch in Russland.

Mit anderen Worten: Der ThyssenKrupp-Stahl-Konzern mit 27.000 Beschäftigten wird auf jeden Fall zerschlagen. Hiesinger weiß nur noch nicht, auf welchem Wege. Vor über 200 Jahren begründete die Stahlproduktion den Aufstieg Thyssens zu einem der größten Industrie-Konzerne Deutschlands, Europas und der Welt. Dies soll schon bald Geschichte sein.

Die Auswirkungen davon gehen weit über Deutschland, Großbritannien und die Niederlande hinaus. Die österreichische Tageszeitung Kurier kommentierte letzte Woche, dass die geplante Fusion von Tata Steel und ThyssenKrupp, „die seit Langem geforderte Rücknahme von Stahl-Überkapazitäten in Europa einläuten“ werde. Denn neben steigenden Stahl-Importen aus China und Strafzöllen auf europäischen Stahl in den USA sei „das dritte große Problem der europäischen Stahlindustrie die europäische Stahlindustrie selbst“. Sie säße auf Produktionskapazitäten von rund 210 Millionen Tonnen, braucht aber nur rund 170 Millionen Tonnen. „Diese Überkapazitäten müssen schleunigst abgebaut werden, fordert Voest-Chef Wolfgang Eder – in seiner früheren Funktion als Präsident des Weltstahlverbandes und auch als einstiger Chef des europäischen Stahlverbandes Eurofer.“ Mittelfristig sei jeder fünfte der rund 350.000 Stahlarbeiter-Jobs gefährdet.

ThyssenKrupp kündigte an, den Jobabbau „sozialverträglich“ gestalten zu wollen. Was damit gemeint ist, erklärte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath. Er äußerte ausdrücklich Verständnis für den Willen der Kosteneinsparungen – auf Kosten der Arbeitsplätze – doch „betriebsbedingte Kündigungen“ müssten vermieden werden. Diese Forderung hat bislang jeden Arbeitsplatzabbau eingeleitet und letztlich durchgesetzt. Die „Verhinderung betriebsbedingter Kündigungen“ seitens der IG Metall und ihrer Betriebsräte pflastern seit Jahren den Weg zu jeder größeren Werksschließung, ob bei Opel, Outokumpu oder sonst wo.

Der nordrhein-westfälische IG Metall-Chef Knut Giesler kritisierte, dass das ständige Gerede über Restrukturierungen und Fusionen zu einer „erheblichen Verunsicherung der Beschäftigten“ führe. „Wir wollen Konzepte und Lösungen, mit denen die Arbeit an den Standorten gesichert werden kann - durch Innovation und Wachstum.“

Der ThyssenKrupp-Vorstand ist sehr daran interessiert, mit der IG Metall und deren Betriebsräten eng zusammen zu arbeiten. „Ob und wie der Vorstand eine Brücke zu Betriebsrat und IG Metall bauen kann, ist noch unklar“, schrieb das Handelsblatt letzte Woche. „Es gibt eben noch so viel Ungeklärtes“, zitiert das Blatt einen Manager.

Doch nicht nur von Seiten des Vorstands ist vieles unklar. Auch wie lang Gewerkschaft und Betriebsrat mit ihren Lügen, sie wüssten von nichts, obwohl sie in allen wichtigen Ausschüssen des Aufsichtsrates ihre Vertreter haben, oder mit ihren Versprechungen auf Einhaltung von Verträgen und Betriebsvereinbarungen, die Arbeiter ruhig halten können, ist ungewiss.

Thomas Kennel, 2. Bevollmächtigter der IG Metall in Duisburg, äußerte gestern spontan in einem Beitrag des WDR die Befürchtung, dass „morgen die Betriebsräte mit Fragen konfrontiert sind, auf die sie keine Antwort haben“. Auch er gehe davon aus, dass „bestehende Verträge Bestand haben und deshalb betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen“ seien.

Klar ist, dass IG Metall und Gewerkschaft seitens der Belegschaft enorm unter Druck stehen. Die Wut über IGM und Betriebsrat ist groß. „Schon im Frühjahr 2018 stehen die nächsten Betriebsratswahlen an“, erinnert das Handelsblatt. „Wenn die IG Metall vorher einknickt, fliegt ihr das spätestens dann um die Ohren“, zitiert das Wirtschaftsblatt einen namenlosen Gesprächspartner. Spätestens dann.