Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs über Syrien droht umfassenden Krieg auszulösen

Von Peter Symonds
6. Februar 2018

Der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs über dem Norden von Syrien am Samstag droht die Konfrontation zwischen Washington und Moskau dramatisch zu verschärfen. Mit dem Ziel, das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu stürzen, wütet ein blutiger Stellvertreterkrieg in der Region. Russische Medien und hochrangige politische Persönlichkeiten beschuldigen die USA bereits, an dem Abschuss des Kampfflugzeugs beteiligt gewesen zu sein.

Das russische Verteidigungsministerium berichtete, dass eine Suchoi Su-25 in der nordsyrischen Stadt Idlib von einer tragbaren Boden-Luftrakete, auch Manpad genannt, getroffen wurde. Der Pilot, dessen Name nicht genannt wurde, konnte sich per Schleudersitz aus dem Flugzeug retten, wurde jedoch nach der Landung bei „einem Kampf mit Terroristen“getötet. Die Su-25 ist ein niedrig fliegendes Bodenkampfflugzeug.

Die mit al-Qaida verbündete Gruppierung Tahrir al-Scham bekannte sich zu dem Abschuss und erklärte, einer ihrer Kämpfer habe mit einer tragbaren Flugabwehrrakete einen Volltreffer gelandet. Das russische Verteidigungsministerium verkündete, Vergeltungsschläge gegen Anti-Assad-Einheiten in diesem Gebiet hätten mehr als 30 Kämpfer das Leben gekostet.

Der russische Senator Franz Klinzewitsch, erster Stellvertreter des Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Föderationsrates, machte die USA für den Abschuss verantwortlich. Er erklärte: „Ich bin absolut überzeugt davon, [...] dass die Kämpfer heute Manpads besitzen, und diese wurden von den Amerikanern über Drittländer geliefert.“

Klinzewitsch forderte eine Untersuchung, um den Typ von Manpad zu bestimmen, der geliefert wurde und „die Umstände des Abschusses der Su-25 zu klären“. Er warnte: „Der Verlust eines einzigen Flugzeugs ist an und für sich nicht dramatisch, aber er hat große Bedeutung und weitreichende Konsequenzen.“

Der russische Abgeordnete Dmitry Sablin machte ein nicht genanntes Land, das an Syrien angrenzt, für die Lieferung des Manpad verantwortlich, mit dem das Flugzeug abgeschossen wurde. Er erklärte: „Länder, von deren Territorium Waffen geliefert werden, die gegen russische Soldaten eingesetzt werden, müssen verstehen, dass dies nicht ungestraft bleiben wird.“

Das Pentagon bestritt umgehend, dass es Manpads an US-unterstützte Milizen liefere. Es wiederholte die Lüge, ihre Kampfeinsätze richteten sich ausschließlich gegen den bereits besiegten Islamischen Staat (IS). Der Sprecher des Pentagon, Eric Pahon, erklärte am Samstag gegenüber den russischen Medien: „Die USA haben keine der verbündeten Streitkräfte in Syrien mit Boden-Luft-Raketen ausgerüstet, und sie haben dies auch in Zukunft nicht vor.“

Diese Behauptung hält keiner ernsthaften Untersuchung stand. Die USA haben erst im letzten Monat angekündigt, dass sie eine 30.000 Mann starke „Grenztruppe“, die überwiegend aus den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) besteht, bewaffnen und ausrüsten werden, um faktisch eine mit Amerika verbündete Enklave in Nordsyrien zu schaffen. Von dort aus sollen Angriffe auf das Assad-Regime geführt werden.

Die Pläne der USA lösen sich jetzt sehr rasch in Luft auf. Die Türkei, die die YPG als Terroristen verurteilt, weil mit der separatistischen Arbeiterpartei Kurdistans verbündet sind, hat mit einer Großoffensive in der kurdischen Enklave Afrin begonnen. Gleichzeitig haben syrische Regierungstruppen, unterstützt von Russland, mit eigenen Angriffen auf die mit dem Westen verbündeten Milizen begonnen. Diese versuchen sich an die verbliebenen, von der Opposition kontrollierten Gebiete zu klammern.

Letzten Mittwoch ist in der New York Times ein umfangreicher Leitartikel mit der Überschrift erschienen „Die US-Verbündeten kämpfen gegeneinander und der Kampf gegen den IS gerät ins Wanken“. Darin wird Washingtons inkohärente und widersprüchliche Politik untersucht, die zu schweren Kämpfen zwischen dem Nato-Verbündeten Türkei und den US-Stellvertretertruppen in Syrien geführt hat. Im verzweifelten Versuch der Quadratur des Kreises haben die USA der Türkei grünes Licht für ihre Offensive gegeben, zogen jedoch die Grenze bei der syrischen Stadt Manbidsch, wo Hunderte amerikanische Soldaten zusammen mit kurdischen Milizen stationiert sind.

Als Schlussfolgerung greift die New York Times Russland scharf an, weil es manövriere, „um eine dauerhafte Präsenz und seinen Einfluss sicherzustellen“. Außerdem beschuldigt sie die Vereinigten Staaten, und im Endeffekt Donald Trump, „sich vor der Verantwortung für Syriens politische Zukunft zu drücken“. Der Leitartikel kann nur als Aufruf verstanden werden, Russland und den Iran in die Schranken zu weisen. Die USA wollen verhindern, dass sie im syrischen Morast, den sie selbst geschaffen haben, weiter marginalisiert werden. Einige Tage später kam die offenkundige Antwort in Form des Abschusses eines russischen Kriegsflugzeugs, das Truppen angegriffen hat, die mit den USA verbündet sind.

In der düsteren Welt der Intrigen der syrischen Opposition, wo rechte, mit al-Qaida verbündete Milizen mit pro-westlichen Gruppen, der CIA und Spezialeinheiten der USA zusammenarbeiten, ist es unmöglich, genau festzustellen, wer die Manpad geliefert hat und wer den Befehl gegeben hat, sie abzufeuern, und ebenso wenig ist genau festzustellen, welche Miliz geschossen hat.

Die Website Debkafile, die enge Beziehungen zum israelischen Geheimdienst unterhält, berichtete letzten Monat, das Pentagon sei dabei, „der YPG [kurdischen Miliz] tragbare Luftabwehrsysteme – Manpads – zu liefern, die besonders effektiv gegen niedrig fliegende Flugzeuge und Hubschrauber eingesetzt werden können“.

In einem Artikel mit dem Titel „Wer hat in einer Kampfzone, die vor Waffen nur so strotzt, auf den russischen Jet geschossen?“ weist der arabischsprachige Nachrichtensender Al Arabiya darauf hin, dass etliche syrische oppositionelle Milizen Zugang zu Flugabwehrraketen haben. Er erklärt, die US FIM-92 Stinger würden in der Türkei von der Firma Roketsan in Lizenz produziert. Und laut dem in den USA ansässigen Analysten Theodore Karasik sei sie an „viele oppositionelle Kräfte in Syrien geliefert worden, wie die [mit dem Westen verbündete] Freie Syrische Armee, in der Nähe von Idlib“.

Unabhängig davon, wer genau geschossen hat, unterstreicht dieser letzte Vorfall die extrem angespannte Situation, in der russische und amerikanische Truppen auf engstem Raum auf verschiedenen Seiten des syrischen Bürgerkriegs aufeinandertreffen.

Die Gefahr eines Konflikts zwischen den beiden Atommächten hat sich durch die Veröffentlichung der neuen Nationalen Verteidigungsstrategie durch die Trump-Regierung erheblich erhöht. Darin wird erklärt, dass die „zwischenstaatliche strategische Konkurrenz“ und nicht der Terrorismus „jetzt die Hauptsorge“ sei. Sie brandmarkt Russland und China als „revisionistische Mächte“ und erklärt, die USA müssten „der Bereitschaft zum Krieg Vorrang einräumen“.

Das wurde letzten Freitag mit der Veröffentlichung des US Nuclear Posture Review noch weiter verdeutlicht. Der Bericht benennt Russland zusammen mit China, Nordkorea und dem Iran als potentielle Bedrohungen und fordert einen Ausbau des Atomwaffenarsenals der USA. Er empfiehlt die Entwicklung einer ganzen Reihe von neuen Waffen, die diesseits der Schwelle eines umfassenden Atomkriegs eingesetzt werden können, wodurch im Endeffekt Abkommen zur Verringerung von Atomwaffen unterlaufen werden.

Der syrische Bürgerkrieg ist nur einer der Krisenherde im Nahen Osten und auf der ganzen Welt, der einen katastrophalen Konflikt auslösen könnte. Alle Seiten manövrieren und intrigieren, um ihre Präsenz und ihren Einfluss auszuweiten. Die Hauptverantwortung liegt jedoch beim US-Imperialismus. Im Verlauf des letzten Vierteljahrhunderts hat er einen Angriffskrieg nach dem anderen geführt und Syrien, den Jemen, den Irak und die gesamte Region in ein explosives Pulverfass verwandelt.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen