Eine der tödlichsten Katastrophen der amerikanischen Geschichte:

Puerto Rico erhöht Zahl der Todesopfer durch Hurrikan Maria von 64 auf 2975

Von Bill Van Auken
31. August 2018

Am Dienstag erhöhte die Regierung von Puerto Rico die Zahl der geschätzten Todesopfer durch Hurrikan Maria im Jahr 2017 von 64 auf 2.975. Damit wird Maria zur schlimmsten Naturkatastrophe auf einem von den USA beanspruchten Territorium seit der Überschwemmung von Galveston (Texas) im Jahr 1900.

Dass die Zahl der Todesopfer um das nahezu 50-fache erhöht wurde, hat lediglich enthüllt, was Millionen auf der Insel bereits wussten: dass die amerikanischen Behörden die tatsächliche Zahl der Opfer lange bewusst verheimlicht haben. Sie ist außerdem ein scharfe Anklage gegen die kriminelle Fahrlässigkeit und Gleichgültigkeit sowohl der herrschenden Elite der USA und ihrer beiden Parteien, als auch der Regierungsbehörden des US-Territoriums.

Bevor Gouverneur Ricardo Rosselló die neuen Opferzahlen von Hurrikan Maria offiziell veröffentlichte, hatte seine Regierung eine Studie herausgegeben, die sie bei der Milken Institute School of Public Health der George Washington University in Auftrag gegeben hatte.

Die Studie scheint die bisher wissenschaftlichste und detaillierteste zu sein. Sie stützt sich auf demografische Daten, welche die puerto-ricanische Regierung bis dahin vor der Öffentlichkeit geheim gehalten hatte. Sie verglich die Todesrate zwischen September 2017 und Februar 2018 mit früheren Perioden bis zurück ins Jahr 2010. Die Forscher berücksichtigten auch die massive Abwanderung von Einwohnern, die aus den schrecklichen Lebensverhältnissen in Puerto Rico, vor allem den endlosen Stromausfällen, auf das amerikanische Festland fliehen.

In diesem Zeitraum ging die Bevölkerung von Puerto Rico um 280.000 Einwohner bzw. acht Prozent zurück, wodurch die erhöhte Zahl der Todesopfer noch stärker ins Auge fällt.

Bereits frühere Studien waren von viel höheren Opferzahlen ausgegangen als die lächerlich geringe Zahl, die von der puerto-ricanischen Regierung fast ein Jahr lang angeführt wurde. Eine Studie der Penn State University schätzte unter Berücksichtigung von Sterbeurkunden bereits 1.139 Tote. Eine andere Studie der Universität Harvard kam auf der Grundlage von Interviews mit 3.300 willkürlich ausgesuchten Haushalten zu einer Schätzung von zwischen 800 und 8.500, wobei die Medianzahl bei 4.645 lag. Viele Puerto Ricaner, die über die bewusst kleingerechnete Zahl der puerto-ricanischen und der US-Regierung empört waren, hielten die Harvard-Schätzung für die zutreffendste.

Die Forscher von Harvard wiesen darauf hin, dass dieser Medianwert vermutlich zu niedrig sei und dass die tatsächliche Zahl wohl bei über 5.000 liege. Vermutlich unterschätzt auch die Studie der George Washington University die tatsächliche Zahl der Todesopfer deutlich.

Die George Washington University erklärte zu ihrer Studie, viele Ärzte und Krankenhäuser in Puerto Rico hätten sich nicht an die von den Centers for Disease Control festgelegten Protokolle gehalten und die Opfer nur dann als Sturmtote registriert, wenn Menschen durch die unmittelbaren Zerstörungen durch Wind und Regen getötet wurden. Nicht als Todesopfer durch Hurrikan Maria gelten diejenigen, die durch fehlende medizinische Pflege oder Versorgung, Ausfälle von Dialyse- und Sauerstoffgeräten aufgrund des fehlenden Stroms oder gesundheitliche Probleme zu Tode kamen, die sie ohne die umfangreiche Zerstörung der Infrastruktur der Insel nicht gehabt hätten. Zudem, so die Studie, seien einige Ärzte aus „Besorgnis wegen ihrer Haftung“ nicht bereit gewesen, Todesfälle dem Hurrikan zuzuschreiben.

Eine der wichtigeren Erkenntnisse der Studie war, dass der Sturm in den ärmeren Schichten der puerto-ricanischen Gesellschaft deutlich mehr Todesopfer gefordert hat als unter den Wohlhabenden und in der Mittelschicht.

Laut der Studie war das Sterberisiko in Bevölkerungsteilen, die von den Forschern als Bewohner von „Gemeinden mit niedriger sozioökonomischer Entwicklungsstufe“ bezeichnet wurden, um 45 Prozent höher und blieb auf diesem Niveau bis zum Ende des untersuchten Zeitraums Mitte Februar. Insgesamt war das Sterberisiko für ärmere Bewohner der Insel um 60 Prozent höher.

Der Studie lag eine Grafik bei, laut der sich die Zahl der Sterbefälle zwischen September und Oktober 2017 in allen Teilen der Bevölkerung erhöht hat, in den ärmeren Schichten allerdings deutlich stärker. Für diese Bevölkerungsteile stieg sie außerdem zwischen Oktober 2017 und Februar 2018 weiter an, während sie in den wohlhabenderen Schichten wieder sank.

Diese Ergebnisse bestätigen nur, dass Hurrikan Maria – wie alle Naturkatastrophen – lediglich die Bedingungen der Armut, der sozialen Krise und der Ungleichheit offengelegt hat, die schon existierten, bevor der Sturm die Insel traf.

Die Studie stellte außerdem fest, dass die Sterberate von Männern über 65 bis zum Ende des Studienzeitraums weiter auf einem erhöhten Niveau lag.

Die Verfasser der Studie warnten, wenn ein längerer Zeitraum untersucht worden wäre, wäre die Aufzeichnung eines weiterhin hohen Sterberisiko in diesen Schichten der Bevölkerung praktisch unvermeidlich gewesen, vor allem angesichts der lang andauernden Mangelzustände auf der Insel. Manche waren bis vor einigen Wochen noch immer mit mangelnder Stromversorgung konfrontiert.

Die George Washington University schlug eine zweite Phase der Studie vor, in der die Namen der Toten festgestellt und für jeden Einzelfall die Todesursache angegeben werden sollen. Als Grundlage sollen Sterbeurkunden und Befragungen der Familien und des medizinischen Personals dienen. Die puerto-ricanische Regierung hat für diese Phase der Untersuchung jedoch noch keine Fördermittel bewilligt.

Die Trump-Regierung reagierte auf die jüngste Schätzung der Todesopfer mit ihrer gewohnt rabiaten Kaltschnäuzigkeit. Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus erklärte Trump am Dienstag stolz, seine Regierung habe „fantastische Arbeit“ auf Puerto Rico geleistet, obwohl unwiderlegbare Beweise vorliegen, dass ihre kriminelle Fahrlässigkeit und unzureichende Hilfe tausende Todesopfer verursacht hat.

Das groteske Eigenlob des Weißen Hauses erinnert an Trumps kurzen Besuch in Puerto Rico zwei Wochen nach dem Sturm. Bei diesem Besuch warf er Opfern Papierhandtücher zu und gratulierte dem Gouverneur der Insel und anderen Regierungsvertretern dafür, dass sie „eine echte Katastrophe wie bei [Hurrikan] Katrina“ verhindert hätten. Katrina hatte im Jahr 2005 mehr als 1.800 Menschenleben in New Orleans und an der Golfküste des Mississippi gefordert. Er wiederholte die offizielle Zahl von 16 Todesopfern, die damals von den Behörden von San Juan verbreitet wurde. Damals waren Millionen Menschen noch immer damit beschäftigt, die Schäden zu beseitigen, und jeder wusste, dass es deutlich mehr Todesopfer gab.

In der breiten Masse der Bevölkerung herrscht nicht nur großer Hass auf Trump und die US-Behörden, sondern auch Wut auf Gouverneur Rosselló und seine Regierung. Diese hat das tatsächliche Ausmaß der Tragödie, die die Bevölkerung heimgesucht hat, verheimlicht und nicht die notwendigen Mittel bereitgestellt, um mit den Folgen fertig zu werden.

Die Studie der George Washington University enthielt eine vernichtende Kritik an den lokalen Behörden. Sie wies darauf hin, dass sie nur Notfallpläne für einen Hurrikan der Stufe 1 oder 2 ausgearbeitet hatten, sodass sie für Hurrikan Maria, der Puerto Rico als Sturm der Kategorie 5 traf, in krassem Ausmaß unvorbereitet waren. Sie kritisierte auch die fehlende Kommunikation zwischen lokalen und zentralen Behörden und erklärte hinsichtlich der Zahl der Todesopfer, Informationen seien „bewusst zurückgehalten worden, um Schuldzuweisungen zu vermeiden.“

Die wichtigste Tageszeitung von San Juan, El Nuevo Día, veröffentlichte am Mittwoch ein Interview mit Rosselló, in dem dieser, der Zeitung zufolge, mindestens siebenmal wiederholte, er habe es mit einer „beispiellosen Katastrophe“ zu tun gehabt. Er versuchte so, das Versagen seiner Regierung bei der Katastrophe zu rechtfertigen. Auf die Frage, ob er an Trumps drastischer Unterschätzung der Todesopfer und dessen Behauptung, Puerto Rico habe eine „echte Katastrophe“ vermieden, eine Mitschuld trage, erklärte Rosselló: „Ich bin nicht perfekt. Ich mache Fehler. Hinterher ist man immer schlauer.“

In Wirklichkeit haben sich die Regierung in Puerto Rico und die Trump-Regierung sowie die Republikaner und Demokraten in Washington – sowohl vor als auch nach Hurrikan Maria – nicht etwa darauf konzentriert, die Armut und das soziale Elend zu lindern, sondern angesichts des drohenden Staatsbankrotts der Insel Profite für die Aktionäre der Wall Street aus ihr herauszupressen. Puerto Rico, wo wegen Hurrikan Maria noch immer ein gesundheitlicher Notstand herrscht, wird in den nächsten sechs Jahren vermutlich 1,4 Milliarden Dollar für Umschuldungen zahlen müssen. Diese Summe liegt deutlich über dem Gesamtetat des Gesundheitsministeriums der Insel.

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