„Wir-sind-mehr“-Demonstration in Frankfurt

Von unseren Korrespondenten
15. Oktober 2018

Zeitgleich mit der Großdemonstration in Berlin gingen unter dem Motto „Wir sind mehr“ auch in Frankfurt rund 6000 Menschen auf die Straße. Das Bündnis „Lautstark gegen rechts“ zog mit mehreren Bühnenwagen, auf denen Musikgruppen und Künstler auftraten, an der Frankfurter Buchmesse vorbei und durch die Innenstadt.

Frankfurter Auftaktkundgebung am Basler Platz

Unter den Teilnehmern waren neben Familien mit Kindern und Senioren vor allem sehr viele Jugendliche. Eine Schülerin hatte „Menschenrechte statt rechte Menschen“ auf ihr Plakat geschrieben, ein Schüler: „Nicht ‚Links gegen Rechts‘: ALLE gegen Nazis“. In den Redebeiträgen wandten sich mehrere Sprecher nicht nur gegen die AfD und die Parteien der Großen Koalition, sondern kritisierten ausdrücklich auch Sahra Wagenknecht von der Linkspartei, weil sie offene Grenzen abgelehnt und sich von der Berliner Demonstration distanziert hatte, und erhielten großen Beifall dafür.

Ein Team der WSWS und der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) informierte über die Veranstaltung des Mehring-Verlags am selben Tag, auf der Christoph Vandreier sein Buch „Warum sind sie wieder da?“ vorstellte. Das Buch deckt die politische Verschwörung und die Propaganda und Geschichtsfälschungen auf, die dazu führen, dass der Faschismus trotz des enormen Widerstands der Bevölkerung wieder aufleben kann. Genau deshalb seien sie hier, sagten viele Teilnehmer.

Manuela (rechts) mit Freundin

„Auf die Straße zu gehen, ist für mich eine Herzensangelegenheit und eine politische Pflicht“, sagte Manuela. „Wir hier in Deutschland dürfen dem Faschismus einfach keinen Schritt und keinen Fußbreit Raum geben. Der Kampf muss gegen die da oben gehen, und nicht gegen die Flüchtlinge“, betonte sie.

„Wir müssen dem rechten Vormarsch in der Welt etwas entgegensetzen“, erklärte Romina, die die Initiative Seebrücke unterstützt. „Das ist eine künstlich geschaffene Stimmung. Ich denke schon, dass wir eigentlich die Mehrheit sind und die Dinge verändern können, aber wir müssen Präsenz zeigen.“ Ein pensionierter Lehrer namens Heinrich ergänzte: „Wir müssen verhindern, dass die Geschichte sich wiederholt.“ Für ihn sei „die AfD das Wiederaufleben des Nationalsozialismus“.

Rebecca

Rebecca engagiert sich schon seit einiger Zeit gegen rechts. Sie spielt in einer Band namens „Swiss und die Anderen“ und war auch schon auf der Großdemonstration gegen die rechte Gefahr in Chemnitz. „Ich bin der Meinung, dass hier im Land einiges falsch läuft, hier muss sich einiges ändern. Flüchtlinge suchen Hilfe und werden angeschrien, beleidigt und umgebracht“, sagte sie empört. „Wir sind alle Menschen, und die sind alle gleich.“

Besonders gefährlich findet sie, dass sich die AfD auch an junge Menschen richtet. „Ich kenne viele in meinem Alter, die die AfD nicht als Gefahr sehen und dabei deren Versprechen glauben, etwa im sozialen Bereich. Aber das ist alles gelogen. Sie sollten sich über die wahren Ziele der AfD informieren.“ Sie habe das getan. „Ich habe viel recherchiert, viel gelesen und mich informiert. Also bin ich auch auf eure Seite, die WSWS gestoßen.“ Die Entwicklung erinnere sie an die unheilvollsten Kapitel der deutschen Geschichte. „Wir sind auf dem Weg zurück nach 1933.“

Die Ursache sieht Rebecca im Kapitalismus. „Der Kapitalismus macht zu viel kaputt. Es stimmt, was ihr schreibt: Die einzige realistische Perspektive gegen die rechte Gefahr ist eine antikapitalistische. Solche Demos hier sind gut und wichtig, können aber nur ein Anfang sein. Es muss noch viel mehr passieren.“

Matthias und Birgit

Matthias, ein Tischler, sagte: „Unsere Eltern haben das alles schon einmal mitgemacht und wir wollen nicht, dass sich das wiederholt.“ Eigentlich müsse man die gesamte Gesellschaft „umkrempeln“, setzte er hinzu. Seine Partnerin Birgit ergänzte: „Da liegt einiges im Argen. Die wichtigen Fragen sind doch vor allem die sozialen: Wohnungsnot, Kitas und Schulen, vor allem auch die Renten. Es geht um Bildung, meiner Meinung nach vor allem um politische Bildung.“

Beide betonten, dass sie auch den Zusammenhang von Faschismus und Krieg sähen: „Meine Familie wurde durch den Zweiten Weltkrieg auseinandergerissen“, berichtete Matthias. „Den einen Teil verschlug es nach Thüringen, den anderen in verschiedene Teile Westdeutschlands.“ Dass nun wieder die Rechtsextremen und Faschisten hofiert würden, sei für ihn ein Alarmsignal.

Matthias bezog sich auf Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, der den Rechten nach ihren Ausschreitungen in Chemnitz demonstrativ den Rücken gestärkt hatte. „Anstatt Maaßen in Sack und Asche zu hauen, ist er auch noch befördert worden. – Wobei“, sagte er und hielt kurz inne: „In den Sack gehörten noch mehr: Innenminister Seehofer, [die AfD-Führer] Höcke, Gauland und seine beiden Nazibräute von Storch und Weidel.“ Dann ergänzt er: „Trump und viele andere auch, denn das ist ja ein internationales Phänomen.“

Holger, der ein Schild trägt mit der Aufschrift: „Shame on you, EU“, und seine Begleiterin, Yvonne, sagten: „Es ist eine Schande, dass die EU die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen!“ Holger erklärt, was ihn bewege: „Ich bin hier, weil sich in Deutschland momentan wieder dasselbe entwickelt wie vor achtzig Jahren. Schon über die Sprache werden Menschen, die hier Heimat suchen, diskreditiert. Wenn Söder und Kohorten zum Beispiel von Asyltourismus sprechen, dann zeigt das einfach, dass hier was vorgeht, das schon mal in diesem Land passiert ist. Deswegen sind wir hier auf der Straße, um Gesicht zu zeigen.“

Julia

Julia besuchte gerade die Buchmesse und reagierte überrascht und erfreut darüber, dass eine Demo gegen rechts stattfand. Sie finde es „enorm wichtig, dass die Linken jetzt gegen diesen Rechtsruck zusammenstehen“, sagte die Cambridge-Studentin. „Das ist jetzt das Wichtigste: Vielleicht haben wir gar nicht mehr so viel Zeit.“ Sie mache sich große Sorgen über die Entwicklung.

„Ich sehe das Hauptproblem in der kapitalistischen Struktur und dem Wirken des internationalen Finanzmarktes“, erklärte Julia. „Der letzte Crash liegt zehn Jahre zurück, und das Verhalten des Finanzkapitals ist noch krimineller, noch ausbeuterischer.“ Das führe „länderübergreifend zu einer Marginalisierung der Arbeiterklasse. Und dann kommen diese rechten Kräfte und beuten die Unzufriedenheit aus. Man muss klarmachen, dass der Kampf sich gegen die Bänker, aber nicht gegen die Ausländer richten muss.“ Julia interessierte sich sehr für die Kampagne der SGP und das neue Buch „Warum sind sie wieder da?“ Sie bestätigte, dass „die akademische Welt“ daran beteiligt sei, „das rechtsradikale Gedankengut einzuspeisen“.

Über Die Linke sagt Julia: „Sahra Wagenknecht behauptet, die ‚eigene‘ Arbeiterklasse verliere durch den Zuzug der Flüchtlinge, aber das ist gar nicht wahr. Über lange Sicht ist das Gegenteil der Fall. Die wirklich linke Position ging ursprünglich von der internationalen Solidarität aus.“

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