Verhaftung des Nissan-Managers erschüttert die globale Autoindustrie

Von Shannon Jones
23. November 2018

Die Verhaftung des Verwaltungsratschefs und Topmanagers eines der weltweit größten Bündnisse von Autokonzernen durch die japanischen Behörden hat die Regierungen von Frankreich und Japan auf den Plan gerufen und die Investoren erschüttert.

Am Mittwoch verlängerte ein japanisches Gericht die Inhaftierung von Carlos Ghosn um weitere zehn Tage. Er wurde wegen des Verdachts auf Finanzkriminalität verhaftet, u.a. soll er dem Finanzamt und anderen Behörden Einkommenssteuer in zweistelliger Millionenhöhe vorenthalten haben. Ghosn ist Verwaltungsratschef eines Bündnisses aus den japanischen Autokonzernen Nissan und Mitsubishi und dem französischen Autobauer Renault.

Laut Staatsanwaltschaft hat Ghosn sein Einkommen um 40 Millionen Euro zu niedrig angegeben und Mittel des Unternehmens für persönliche Zwecke benutzt. Auch Nissan-Vorstand Greg Kelly, der Ghosn dabei geholfen haben soll, wurde verhaftet.

Nach japanischem Recht können Verdächtige für einen bestimmten Zeitraum ohne formelle Anklage festgehalten und von den Behörden ohne Rechtsbeistand befragt werden, auch wenn sie ihren Anwalt sehen dürfen.

Ghosn wird die Rettung von Nissan vor dem Bankrott zugeschrieben, wegen seiner rücksichtslosen Kostensenkungsmaßnahmen ist er seither ein Star in der japanischen und internationalen Wirtschaft, den Medien und in politischen Kreisen. Nach einem kurzen Gastspiel bei Renault wurde Ghosn zu Nissan versetzt, wo er im Rahmen einer Sanierung 21.000 Arbeitsplätze abbaute und fünf Werke schließen ließ. Nachdem Nissan wieder schwarze Zahlen schrieb, wurde er im Jahr 2002 von dem Wirtschaftsmagazin Forbes zum „Geschäftsmann des Jahres“ gekürt. Später führte er bei Renault eine ähnlich brutale Sanierung durch, die ihm den Spitznamen „Le Cost Killer“ einbrachte.

Letztes Jahr trat Ghosn als Vorstandschef von Nissan zurück, blieb aber der Verwaltungsratschef des Unternehmens. Im Jahr 2005 wurde er zum Vorstandschef von Renault ernannt, 2016 zum Vorsitzenden bei Mitsubishi. Von allen drei Unternehmen erhielt er hohe Vergütungen.

Die drei Konzerne verkaufen zusammen etwa 10,6 Millionen Fahrzeuge pro Jahr. Als Gesamtunternehmen betrachtet war dieses im Jahr 2017 der weltweit größte Autobauer, noch vor Toyota, Volkswagen und General Motors.

Die Zukunft des Bündnisses zwischen Nissan, Renault und Mitsubishi ist nach Ghosns Verhaftung unklar. Der Aktienkurs von Nissan fiel aufgrund des Vorfalls um 15 Prozent.

Laut einigen Berichten soll Ghosn in einigen Monaten eine vollständige Fusion zwischen Nissan und Renault geplant haben.

Gegen eine mögliche Fusion von Nissan und Renault hatte sich jedoch Widerstand geregt. Zum einen ist die französische Regierung ein Großaktionär von Renault und wird vermutlich nicht bereit sein, die Kontrolle faktisch an den japanischen Konzern Nissan abzugeben, der von den drei Unternehmen das profitabelste ist. Auch im Vorstand von Nissan soll es starken Widerstand gegeben haben.

Ghosn wurde zu einem Zeitpunkt verhaftet, an dem die großen, global agierenden Autokonzerne unter Druck stehen - durch sinkende Umsätze sowie die drohenden Handelskriegsmaßnahmen der Trump-Regierung und die zu erwartenden Vergeltungsmaßnahmen der anderen Großmächte.

Die Kreditratingagentur Moody's erklärte, die Verhaftung werfe Zweifel an der Unternehmensführung von Nissan und die Frage auf, ob sich der Konzern seine Fremdkapitalkosten leisten könne. Von Standard & Poors hieß es, man werde möglicherweise das Kreditrating des Unternehmens herabstufen. S&P sagte zudem, Nissans Profitabilität könnte zurückgehen, falls sich herausstellt, dass Ghosns angebliches Fehlverhalten das Bündnis mit Renault und Mitsubishi beschädigt hat.

Die Forschung zu und Entwicklung von neuen Technologien wie Elektroautos und autonomen Fahrzeugen verschlingt enorme Mengen Kapital. Sie wird zu umfassenden Veränderungen in der Autoindustrie führen, deren Folgen heute nur schwer vorhersehbar sind. Allerdings werden alle diese Veränderungen schwere Angriffe auf die Autoarbeiter bedeuten.

Ghosn wurde in Brasilien als Sohn libanesischer Eltern geboren, in Frankreich ausgebildet und besitzt die französische Staatsbürgerschaft. Seine ausländische Herkunft macht ihn unter japanischen Vorstandschefs zu einer Ausnahme.

In einigen Kreisen wird spekuliert, dass Ghosns Verhaftung auf geheime Machenschaften verschiedener Parteien zurückgeht, möglicherweise auch auf Fraktionen innerhalb von Nissan. Der Vorstand des Unternehmens erklärte nach Ghosns Verhaftung, Vorstandschef Hiroto Saikawa werde den Antrag stellen, Ghosn und Kelly ihrer Posten zu entheben.

Der Nissan-Vorstand wird am Donnerstag über Ghosns Absetzung abstimmen, das Ergebnis ist jedoch noch nicht abzusehen. Viele Renault-Vorstände stehen hinter Ghosn, und der französische Präsident Macron hat angedeutet, dass die Regierung Ghosns Absetzung bei Renault nur fordern würde, wenn zweifelsfrei feststeht, dass sein illegales Treiben auch Aktivitäten in Frankreich umfasst.

Renault hat derweil einen Übergangsvorsitzenden ernannt, die für die Dauer des Verfahrens Ghosns Aufgaben übernehmen.

Der libanesische Außenminister Gebran Bassil erklärte, er habe seinen Botschafter in Tokio angewiesen, den Fall zu verfolgen und Ghosn eine faire Behandlung zu garantieren. Bassil erklärte, Ghosn sei „ein Musterbeispiel für Libanesen, die Erfolg im Ausland haben. Das libanesische Außenministerium wird in dieser Krise hinter ihm stehen, um ihm einen fairen Prozess zu garantieren.“

Offensichtlich gab es bei Nissan Differenzen, weil sich Ghosn zu sehr auf Umsätze statt auf Profitabilität und Qualität konzentriert hat. Vor allem wollte Ghosn die Präsenz von Nissan auf dem amerikanischen Markt durch hohe Rabatte ausbauen. Der neue Vorstandschef von Nissan hat dieses Vorgehen in Frage gestellt.

Die Ghosn-Affäre ist nur der aktuellste in einer ganzen Reihe von Skandalen, an denen Nissan beteiligt ist. Im Juli musste das Unternehmen zugeben, dass in Japan massiv Emissionsdaten gefälscht wurden. Im Jahr 2017 wurde bekannt, dass unqualifiziertes Personal in einigen Werken für Tests eingesetzt wurde, woraufhin die Fahrzeuge zurückgerufen werden mussten.

Ähnliche Skandale um gefälschte Emissionswerte gab es auch bei VW, Fiat Chrysler, GM, Daimler, und auch bei Mitsubishi und Renault.

Ghosns Lebensstil veranschaulicht die für Topmanager so typische Gier. Er hat Wohnsitze in Paris, Amsterdam, Beirut und Rio de Janeiro und ist mit einem firmeneigenen Jet um die Welt gereist. Im Jahr 2016 mietete er das Lustschloss Grand Trianon im Park von Versailles für seine Hochzeitsfeier. Das Motto der Feier war „Marie Antoinette“, die Gäste erschienen verkleidet als die dem Untergang geweihten Adligen aus der Zeit vor der Französischen Revolution. Als Anspielung auf die angebliche Vorliebe der Königin für Kuchen gab es extravagante Desserts.

Nissan und Mitsubishi haben Ghosn etwa 8,5 Millionen Dollar in Geld und Aktien gezahlt, von Renault erhielt er 8,4 Millionen Dollar. Das sind zwar riesige Geldbeträge, aber relativ bescheiden im Vergleich zu amerikanischen Vorstandschefs. Allerdings löste Ghosns Vergütung in Japan und Frankreich Kontroversen aus, da Vorstandschefs dort normalerweise viel weniger verdienen. Der Toyota-Vorsitzende Takeshi Uchiyamada beispielsweise erhielt im Jahr 2017 nur 1,6 Millionen Dollar.

Im Jahr 2018 stimmte Ghosn einer 30-prozentigen Kürzung der Vergütung von Renault zu, damit die Regierung Macron eine Verlängerung seines Vertrags als Chef des Autokonzerns um weitere vier Jahre zustimmt.

Laut Einschätzung der Washington Post wollte Ghosn sein Einkommen möglicherweise verheimlichen, um solche Probleme in Zukunft zu vermeiden.

Die japanische Rundfunkgesellschaft NHK erklärte, Nissan habe Ghosn „riesige Summen“ für Luxusanwesen gezahlt, die keinen legitimen geschäftlichen Zwecken dienten. Diese Immobilienkäufe wurden den Anlegern nicht gemeldet, Ghosn hat für die Anwesen zu wenig oder überhaupt keine Miete bezahlt.

NHK meldet, fast 18 Millionen Dollar wären in eine niederländische Tochtergesellschaft verlagert worden, um Grundstücke an der Copacabana in Rio de Janeiro und in Beirut zu kaufen. Weiter behauptet NHK, Ghosn habe heimlich Geld abgezweigt, das für die Vergütung anderer Nissan-Vorstände vorgesehen war.

Kelly, Ghosns angeblicher Komplize und „Kopf“ hinter dem Plan, ist der erste amerikanische Staatsbürger, der je in den Vorstand von Nissan aufgenommen wurde. Er trat dem Unternehmen 1988 als Senior Manager und juristischer Berater bei Nissan North America bei. Später wurde er zum Personalleiter.

Diese Enthüllungen verdeutlichen einmal mehr, dass im Kapitalismus der Reichtum, den die Arbeiter mit ihrem Schweiß und ihrem Blut erschaffen, täglich dafür verschwendet wird, die groteske Gier der Wirtschafts- und Finanzoligarchie zu befriedigen.

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