Lehren aus den Fälschungen im Spiegel

31. Dezember 2018

Die Entlarvung eines Fälschers in der Spiegel-Redaktion zeigt beispielhaft, wie die sogenannten „Qualitätsmedien“ die öffentliche Meinung manipulieren. Während Facebook, Twitter und andere soziale Medien nicht genehme Inhalte systematisch zensieren, erweisen sich die sogenannten „zuverlässigen Inhalte“ der Mainstream-Medien als Propaganda im Interesse der herrschenden Klasse. Die Presse- und Meinungsfreiheit bleibt dabei auf der Strecke.

Die Redaktion des auflagestärksten deutschen Nachrichtenmagazins musste letzte Woche zugeben, dass sie insgesamt 55 Texte des Journalisten Claas Relotius veröffentlicht hat, die „ganz oder teilweise erfunden, verfälscht, gefälscht“ waren. Relotius hat zudem zahlreiche Artikel für andere deutsche Medien geschrieben.

Die Spiegel-Redaktion bemüht sich seither, Relotius als Einzelfall darzustellen, bei dem sich Genialität, Geltungssucht, betrügerische Energie und psychische Labilität paaren. Medienberichten zufolge soll sie dem Fälscher, der nach seiner Entlarvung von sich aus beim Spiegel kündigte, psychische Betreuung und einen Rechtsanwalt zur Verfügung gestellt haben.

Relotius mag, was die Unverfrorenheit seiner Fälschungen betrifft, ein Ausnahmefall sein. Doch die viel wichtigere Frage lautet, warum seine Fälschungen vom Spiegel und anderen Medien publiziert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Obwohl erst 33 Jahre alt, hatte Relotius knapp ein Dutzend renommierte Auszeichnungen erhalten. In den Jurys saßen neben Journalisten auch zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik und öffentlichem Leben.

Dabei waren seine Fälschungen, wie sich nun rückblickend erweist, keineswegs schwer zu durchschauen. Entsprechende Hinweise und Warnungen hatte die Spiegel-Redaktion wiederholt ignoriert und abgewiesen. Nun gibt sie mit entwaffnender Offenheit zu: Relotius‘ Reportagen waren „zu schön, um wahr zu sein“.

Was bedeutet das? Die Reportagen waren zwar gefälscht, aber „schön“, d.h. sie entsprachen dem Narrativ, den Erwartungen und den Vorurteilen, die die Redaktion und die Juroren in der Öffentlichkeit verbreiten wollten. In seinen Texten „zieht sich die Gegenwart einmal auf ein lesbares Format zusammen, große Linien der Zeitgeschichte werden fassbar und schlagartig wird das Große ganz menschlich verständlich“, schwärmt Spiegel-Chefredakteur Ullrich Fichtner selbst noch nach der Entlarvung. Solange die Fälschungen nicht aufflogen, waren sie willkommen.

Viele von Relotius‘ Texten befassen sich mit Themen, die vom Standpunkt der bürgerlichen Propaganda besonders sensibel sind: den Hintergründen von Trumps Aufstieg in den USA oder den Kriegen im Irak und in Syrien.

Zur Rechtfertigung der westlichen Militärinterventionen im Nahen Osten erweist sich ein Märchen über zwei minderjährige Brüder („Löwenjungen“), die vom Islamischen Staat (IS) entführt, gefoltert und zu Selbstmordattentätern abgerichtet werden, als wesentlich wirkungsvoller, als eine sorgfältige Recherche über die Hintergründe der Kriege. Diese müsste – wenn sie ehrlich wäre – zugeben, dass der IS und andere islamistische Milizen vor allem ein Ergebnis der Intrigen der USA, ihrer Verbündeten in der Nato und im Nahen Osten sind.

Relotius‘ Fälschungen reihen sich so nahtlos in einen Strom der Desinformation ein, der seit mindestens 16 Jahren anhält, als der damalige US-Außenminister Colin Powell vor der UNO seine berüchtigte Rede über irakische Massenvernichtungswaffen hielt. Obwohl die Rede von A bis Z auf Fälschungen beruhte, wurde sie von den internationalen Medien weitgehend kritiklos übernommen und diente als Rechtfertigung für den blutigsten Krieg der Neuzeit, der bis heute anhält.

Die Pressefreiheit ist eine Errungenschaft der bürgerlichen Revolution. Die Bourgeoisie setzte sich dafür ein, solange sie gegen die Vorherrschaft des Adels kämpfte, und verankerte sie später in ihren Verfassungen. Solange der Kapitalismus zu sozialen Kompromissen fähig war, behielt sie einen Funken Leben. Aber mit Krieg, Militarismus und einer Gesellschaft, die auf unerträglicher sozialer Ungleichheit beruht, lässt sich die Pressefreiheit nicht vereinbaren.

Bob Woodward und Carl Bernstein, die den Watergate-Skandal aufdeckten, wurden in den 1970er Jahren noch gefeiert und ausgezeichnet. Heute sitzen Julian Assange und Edward Snowden, die ungleich schwerere Verbrechen des US-Imperialismus enthüllt haben, isoliert im Exil und müssen um ihr Leben fürchten. Plumpe Fälscher wie Relotius werden dagegen mit Preisen ausgezeichnet.

Das inzestuöse Verhältnis zwischen Politik und Medien hat ein Ausmaß angenommen, das jeder Beschreibung spottet. Milliardenschwere Medienkonzerne beherrschen einen großen Teil der Presse. Journalisten und führende Politiker kennen sich, lieben sich, verkehren in denselben Kneipen und Vergnügen sich auf den jährlichen Pressebällen gemeinsam mit Stars aus Film und Unterhaltung.

Wie bei den politischen Parteien haben auch bei den Medien die Bezeichnungen „links“ und „rechts“ jede Bedeutung verloren. Der langjährige Chefredakteur des Spiegels, Stefan Aust, der seine Karriere 1966 bei der linken konkret begann, ist mittlerweile Herausgeber der Welt, des Flaggschiffs des rechten Springer-Verlags. Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur von Springers Dreckschleuder Bild, arbeitete vorübergehend für die Chefredaktion des Spiegel. Auch andere führende Journalisten wechseln regelmäßig von einer Chefredaktion in die andere, wobei sich die Grünen-nahe taz als besonders fruchtbare Kaderschmiede für bürgerliche Journalisten erwiesen hat.

Auch Relotius hat seine Texte im gesamten Spektrum der deutschen Medien veröffentlicht – von der taz über die Zeit und die Süddeutsche bis hin zur FAZ und Springers Welt. An zweiter Stelle hinter dem Spiegel steht mit 28 Texten bezeichnenderweise die Schweizer Weltwoche, das Sprachrohr der ultrarechten Schweizerischen Volkspartei (SVP).

Die gesellschaftliche Realität, die Stimmungen und Bedürfnisse der Massen kommen in diesem geschlossenen Kreis von Parteien, Medien und Superreichen kaum mehr vor. Die Medien werden zu Instrumenten der staatlichen Propaganda. Das ist der Grund, weshalb Claas Relotius – eine zeitgemäße Version von Thomas Manns Hochstapler Felix Krull – zum gefeierten Journalistenstar werden konnte.

Arbeiter und Jugendliche begegnen den offiziellen Medien längst mit Misstrauen und suchen im Internet nach alternativen, objektiveren Informationsquellen. Das ist der Grund für die hysterische Kampagne gegen „Fake News“, die als Vorwand dient, das Internet zu zensieren, und sich insbesondere gegen linke, antikapitalistische Publikationen richtet. Sowohl die Europäische Union wie die deutsche Regierung haben entsprechende Gesetze erlassen. Facebook allein beschäftigt 30.000 Mitarbeiter, die unerwünschte Einträge zensieren. Begriffe wie „Genosse“ und „Kollege“ genügen, damit ein Eintrag gelöscht wird.

Diese Zensur, die insbesondere die World Socialist Web Site betrifft, zeigt, wie wichtig es ist, diese aufzubauen und zu verbreiten. Als Organ des Internationalen Komitees der Vierten Internationale ist die WSWS völlig unabhängig von bürgerlichen Geldgebern und der Einflussnahme durch Regierungen. Sie nennt die Dinge beim Namen, analysiert die Fakten mit schonungsloser Objektivität und kämpft dafür, die Arbeiterklasse mit einem Verständnis der kapitalistischen Krise und einer sozialistischen Perspektive zu bewaffnen.

Peter Schwarz

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