Die Amazonisierung der Autoindustrie

Von Dietmar Gaisenkersting
12. April 2019

Volkswagen ist mit Amazon eine Partnerschaft eingegangen. Die Autoarbeiter sollten dies als Warnung verstehen. Mit dem Deal zwischen einem der weltgrößten Auto-Hersteller und dem weltgrößten Online-Versandhandelskonzern bahnt sich nichts weniger als die Amazonisierung der Autoindustrie an. Die Arbeiter der Autoindustrie sollen wie ihre Kollegen in den Lagerhallen von Amazon bis auf den letzten Tropfen ausgepresst werden.

Die 650.000 Beschäftigten des VW-Konzerns produzieren in 122 Fabriken auf der ganzen Welt mehr als zehn Millionen Autos und LKW pro Jahr – neben der Kernmarke VW gehören auch Marken wie Audi, Porsche, Lamborghini, Škoda, Seat oder Scania zum Konzern. Die verschiedenen Fahrzeugfabriken und ihre Lager arbeiten aber derzeit noch mit völlig unterschiedlichen Software-Systemen.

Etwa 220 Software-Spezialisten von VW und der Amazon-Tochter Amazon Web Services (AWS) sollen in den kommenden fünf Jahren alle Werke, Lager, Roboter und Maschinen vernetzen. Oliver Blume, Porsche-Chef und im Vorstand der Konzernmutter VW für das Zusammenspiel der Fabriken zuständig, erklärte, dass aus der Zusammenarbeit mit Amazon ein „wachsendes industrielles Ökosystem“ – eine „Industrie-Cloud“ – entstehen werde, in der auch die 1500 Zulieferfirmen mit ihren über 30.000 Standorten vernetzt werden.

Amazon ist bislang vor allem für seine Internet-Handelsplattform bekannt, doch es hat in den letzten Jahren stark in die Entwicklung seiner Cloud investiert, dem Rückgrat des internationalen Versandhandel-Konzerns. Die Amazon Cloud ist inzwischen eine der leistungsfähigsten der Welt. Streaming-Dienste wie Netflix und Spotify nutzen das Amazon-Cloud-System genauso wie der Sportartikelhersteller Adidas, Korean Airlines oder das Biotechnologieunternehmen Amgen. Die deutsche Bundespolizei lädt sogar Videoaufnahmen ihrer Einsätze auf Amazon-Server hoch.

Ein weiterer Kunde von Amazon-Cloud-Diensten ist Siemens. Der Technologiekonzern soll nun VW als „Integrationspartner“ bei der Vernetzung der Maschinen und Anlagen in der Cloud unterstützen. Siemens liefert mit seiner Industrieplattform „MindSphere“ ein Tool zur Analyse der umfangreichen Produktionsdaten. Diese sollen, noch bevor sie in die Cloud hochgeladen werden, direkt von den Endgeräten und Maschinen in den Fertigungsprozessen verarbeitet und analysiert werden. Software soll dann mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) die Abläufe durchleuchten und optimieren und schließlich auch gesamte Anlagen steuern.

Der VW-Konzern hat angekündigt, „erste konkrete Services und Funktionen Ende 2019 in Betrieb zu nehmen“. Als erstes sollen die Werke in Europa eingebunden werden.

Damit die riesige Datenmenge aus den Fabriken sofort in die Analysesoftware und die Cloud gelangen, sind schnelle Netzwerke unerlässlich. Kabellose Netzwerke, die dafür ausreichend schnell sind, gibt es in Deutschland aber noch nicht. Aus diesem Grund rückt der neue Mobilfunkstandard 5G in das Interesse der Industrie. Gegenwärtig bieten die klassischen Netzbetreiber um die Lizenzen für den Nachfolger des LTE-Standards.

Unternehmen sollen aber auch private, lokale Netze für einzelne Standorte und Fabriken aufbauen können. Die IG Metall in Wolfsburg, wo das Stammwerk des VW-Konzerns fast 60.000 Menschen beschäftigt, setzt sich daher vehement dafür ein, dass die Stadt Modellregion für 5G wird. Deutschlandweit sollen nur fünf solche Modellregionen entstehen.

5G sei gerade für die Region Wolfsburg von existenzieller Bedeutung, um mit den Digitalisierungsprozessen in der Automobilindustrie Schritt halten zu können, erklärte Matthias Disterheft, ehemaliger Betriebsrat bei VW in Wolfsburg und nun in der Geschäftsführung der IGM Wolfsburg für Finanzen zuständig. „Wir dürfen hier nicht abgehängt werden“, betonte er.

VW und Amazon erklären gebetsmühlenhaft, „die Transparenz“ der Produktionsvorgänge, die durch die neue Industrie-Cloud entstehe, werde die Produktivität erhöhen. Sie sagen aber nicht, auf welche Weise. Gemeinsame Software, einheitliche Prozesse und schnellere Netze verbessern nämlich nicht nur den Produktionsablauf, in den Amazon-Lagern dient die „Transparenz“ auch der vollständigen Überwachung und der bis ins letzte Detail geplanten Ausbeutung der Beschäftigten.

Arbeiter werden mit einem Endgerät am Handgelenk per GPS auf Schritt und Tritt beobachtet und ausgemessen. Amazon erwartet, dass Lagerarbeiter 240 bis 250 Aufgaben pro Stunde erledigen. Alle Zeiten, die nicht direkt mit der Aufgabenerledigung zu tun haben, werden von der eigentlichen Produktionszeit abgezogen, eine Trinkpause genauso wie ein Toilettengang.

Fällt ein Arbeiter unter den Durchschnitt seiner üblichen Produktivität, geht er ein zweites oder gar drittes Mal außerhalb der Pause zur Toilette oder bleibt er dort zu lang, muss er zu einem Gespräch mit dem Vorgesetzten, wie Amazon-Arbeiter in Rheinberg der WSWS berichtet haben. Zusätzliche Boni zum Niedriglohn gibt es nur, wenn die gesamte Belegschaft die Vorgaben bei den Arbeitsergebnissen, den von der Software festgestellten Fehlern und bei der Krankenstandsquote einhält.

Für die Arbeiter bedeutet die „Transparenz“ aller Daten lückenlose Kontrolle und KI-gestützter Arbeitsdruck. Die Software durchforstet die Daten und optimiert die Produktionsprozesse – auf der Strecke bleiben die produzierenden Arbeiter.

Die IG Metall und der Betriebsrat bei Volkswagen organisieren seit Jahren die Einsparmaßnahmen in der Produktion. Legendär ist ein Ordner mit 400 Seiten Sparvorschlägen, den der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh vor viereinhalb Jahren dem Vorstand übergab, um die Rendite jährlich um 5 Milliarden Euro zu steigern.

In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Oktober 2014 bekannte sich Osterloh uneingeschränkt zu den Renditezielen des Konzerns. „Wir“, sagte er, „müssen schauen, dass wir die Autos mit einer vernünftigen Rendite auf die Straße bringen. Um das zu schaffen, müssen auch die Kosten in den Fabriken runter.“

Die Kosten in den Fabriken werden unter anderem durch die verschärfte Ausbeutung der Arbeiter gesenkt, die mit der Amazon-VW-Partnerschaft angestrebt wird. Gleichzeitig wird der Umstieg auf die Elektromobilität genutzt, um Tausende von Arbeitsplätzen abzubauen. Denn für die Produktion von E-Autos sind bedeutend weniger Arbeitsstunden notwendig, weil ganze Komponenten wegfallen.

Die Wirtschaftswoche berichtete kürzlich, dass die Montage des ersten Großserien-Elektroautos von VW, des Mittelklassewagens ID.3, der ab Jahresende im Werk Zwickau vom Band laufen wird, nur noch 16 Stunden benötigt. Beim Golf, der ähnlich groß ist, sind es 26 Stunden. Das ist eine Einsparung von rund 40 Prozent. Auf einer Betriebsversammlung hatte VW-Chef Herbert Diess jüngst gedroht: „Es wird schwer, das nur mit Fluktuation und Altersteilzeit zu bewältigen.“

Der VW-Vorstand will bis 2025 die Produktivität im gesamten Produktionsnetzwerk – außer in China – um 30 Prozent steigern und den Gewinn schon ab 2023 auf jährlich fast 6 Milliarden Euro erhöhen. Erst vor vier Wochen hatte Diess mitgeteilt, dass bei der VW-Kernmarke in den nächsten fünf Jahren zusätzlich bis zu 7000 Stellen gestrichen werden.

Bei Volkswagen bereiten sich daher Betriebsrat und Vorstand darauf vor, eine Neuauflage ihres berüchtigten Zukunftspakts von 2016 zu entwerfen, dem weltweit 30.000 Arbeitsplätze zum Opfer gefallen sind, davon 23.000 in Deutschland.

Betriebsräte des ganzen Konzerns erklärten kürzlich am Rande eines Treffens, sie sähen ihre wichtigste Aufgabe derzeit in der Sicherung der Beschäftigung. „Der Konzern ändert sich so schnell wie nie zuvor“, sagte Osterloh. Das mache vielen Kolleginnen und Kollegen Sorgen. Neben dem Wandel hin zur E-Mobilität müsse der Konzern – wie die gesamte Autobranche – auch die Digitalisierung stemmen.

Wenn Betriebsrat und IG Metall von Beschäftigungssicherung reden, ist das Ergebnis stets ein von ihnen entworfener und geregelter Arbeitsplatzabbau. Es ist dringend nötig, dass sich die VW-Arbeiter unabhängig von der Gewerkschaft organisieren. Um die Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen zu verteidigen, benötigen sie neue Kampforganisationen. Die Sozialistische Gleichheitspartei schlägt dafür Aktionskomitees vor, die sich der Diktatur der Konzerne in den Fabriken widersetzen und die Kämpfe der Auto- wie aller anderen Arbeiter weltweit vereinen.

Es darf nicht zugelassen werden, dass revolutionäre technologische Fortschritte wie weltweite Vernetzung, künstliche Intelligenz, 3D-Druck, Maschine-zu-Maschine-Kommunikation und selbstfahrende Autos dazu genutzt werden, immer mehr Arbeiter ins Elend zu stürzen, statt das Arbeiten und das Leben der gesamten Bevölkerung zu verbessern.

Die einzige Antwort auf diese Entwicklung ist ein sozialistisches Programm. Die ungeheuren Vermögen der Superreichen müssen enteignet, Banken und Konzerne in öffentliche Unternehmen umgewandelt werden, die die Arbeiterklasse demokratisch kontrolliert und die ihren Interessen und Bedürfnissen dienen.

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