Opel-Arbeiter unterstützen GM-Streik in den USA

Von unseren Reportern
20. September 2019

Reporter der World Socialist Web Site besuchten am Donnerstag das Opel-Stammwerk in Rüsselsheim, um mit Arbeitern über den Streik von 46.000 amerikanischen GM-Arbeitern zu sprechen, der am Montag begonnen hat. Opel gehörte bis vor zwei Jahren selbst zum General-Motors-Konzern.

Schichtwechsel bei Opel

Die Nachricht vom Streik in den USA stößt bei den Opel-Arbeitern auf großes Interesse. „So ein unbefristeter Streik, das ist schon was“, sagt Kerim, der mit einem Kollegen von der Schicht kommt. „Wann hat es das hier zuletzt gegeben?“ Sein Kollege meint: „So einen Streik, das können wir hier mit der IG Metall vergessen.“

Auf Nachfrage sagt der Arbeiter: „Die IG Metall ist nicht mehr, was sie hier vor dreißig Jahren war, als die Arbeiter für bessere Löhne und für die 35-Stundenwoche kämpften. Aber was ist davon geblieben? Schon damals hat der Zwickel letzten Endes unsern Kampf ausverkauft“, setzte er hinzu, in Anspielung auf Klaus Zwickel, den früheren Ersten Bevollmächtigten der IG Metall.

Interessiert hören die Arbeiter, dass auch in den Vereinigten Staaten der Streik gegen den Willen der Führung der Gewerkschaft UAW durchgesetzt werden musste. Die UAW ist tief in der Korruption versunken, und sie tut alles, um den Streik so rasch wie möglich wieder abzuwürgen. Die World Socialist Web Site hat die Gründung von Aktionskomitees vorgeschlagen, die den Kampf unabhängig von den nationalistischen Gewerkschaften international gemeinsam führen.

„Der ganze Konflikt ist heute global“, erklärt dazu Jonathan, ein jüngerer Leiharbeiter. „Sogar beim Daimler müssen sie sparen.“ Er habe gelesen, dass Mercedes jetzt „auf Vorruhestand und Altersteilzeit“ setze. Bei Opel selbst werde überall Personal abgebaut, und die Leiharbeiter seien am härtesten betroffen. Ein Arbeiter des Opel-Dienstleisters Rhenus Logistik berichtet, dass dort im nächsten Monat erneut 106 Kollegen entlassen werden, „das sind fünfzig Prozent von uns“.

Der Opel-Konzern wurde vor zwei Jahren vom französischen PSA-Konzern übernommen, und zurzeit wird ein radikales Spar- und Kürzungsprogramm durchgezogen.

Ein Arbeiter aus dem Lager bestätigt, was die WSWS bereits berichtet hat, dass auch im Lager 200 Stellen abgebaut werden sollen. „Dann dürfen wir nach Bochum in das Warenverteilzentrum umziehen“, sagt er. „Aber ich habe doch hier meine Familie. Auch sollen wir dort nicht mehr nach Opel-Metalltarif, sondern nach Logistiktarif bezahlt werden.“

Der Arbeiter setzt hinzu: „Als es um den ‚Zukunftsvertrag‘ für Opel ging, da waren sie alle bei Merkel: Bouffier, Malu Dreyer und auch Bodo Ramelow [die Länderchefs von Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen] – und wo sind sie jetzt?“ Unter PSA sei doch ein klares Konzept erkennbar: „Sie ersetzen teure Festarbeiter durch Leiharbeiter, die sie jederzeit wieder rauswerfen können.“

Offensichtlich wird schon jetzt in Rüsselsheim nur noch in einer Schicht gearbeitet. Nur die Frühschicht arbeitet im Werk, während die „Spätschichtler“ zu Hause bleiben. „Allerdings erhalten sie bisher noch ihren Grundlohn“, wie ein Arbeiter berichtet. „Ab Oktober soll das dann in Kurzarbeit übergehen. Das bedeutet im Klartext, dass die Löhne drastisch sinken, und dass das Arbeitsamt, also alle Arbeiter, den größten Batzen übernehmen.“

„Das nennen sie Testphase“, sagt uns Valentin, ein älterer Arbeiter aus Kasachstan, der erst zum Gespräch bereit ist, als er erfährt, dass die WSWS nichts mit der IG Metall zu tun hat. „Alles ist mit dem Betriebsrat abgesprochen“, fügt er hinzu. Wie er berichtet, sei er selbst kürzlich aus der IG Metall ausgetreten. „Zuerst aus der IG Metall, und jetzt aus dem ganzen Betrieb.“ Vor kurzem habe er seinen Aufhebungsvertrag unterzeichnet.

Auch im Internationalen Technischen Entwicklungszentrum (ITEZ) decken PSA und IG Metall zurzeit die Karten auf. Knall auf Fall sind dort 27 Arbeiter „freigestellt“ worden, weil sie sich weigerten, zu dem französischen Entwicklungsdienstleister Segula zu wechseln. Auch dort fallen massenhaft Arbeitsplätze weg. Etliche Opel-Beschäftigte haben deshalb die IG Metall-Mitgliedschaft aufgekündigt.

„Hier müssten wir wirklich auch mal streiken“, hört man immer wieder als Kommentar auf die Nachricht vom Streik in den USA. „Wir erfahren immer nur scheibchenweise, nach der Salami-Taktik, was auf uns zukommt“, sagt Horst, ein Bandarbeiter. „Wir sind die Letzten, die hier erfahren, was läuft.“ Auch die Nachricht vom Streik der GM-Arbeiter in den USA ist den meisten Opel-Arbeitern neu. Sie haben weder aus den Medien, noch von der IG Metall davon erfahren.

„Was ist bloß aus der IG Metall geworden“, ereifert sich Willy, ein Rentner, der zum Sport ins Werk geht. Er sei selbst „Vertrauensmann der IG Metall bis zum letzten Arbeitstag“ gewesen. Er betont: „Selbstverständlich sind wir solidarisch mit unsern Kollegen in den Vereinigten Staaten. Die weltweite Solidarität – ist das doch das einzige, was wir haben. Was anderes steht uns nicht zur Verfügung.“ Im Weggehen sagt er, die IG Metall mache „wirklich nur noch Sch…“.

Mit einem Arbeiter entwickelt sich eine Diskussion über die Zukunft der Autoindustrie. Thomas, der für eine Zulieferfirma arbeitet, weist darauf hin, dass die Manager auf der IAA alle betonten: „Wir stecken in der Krise.“ Sie alle verlangten, so Thomas, „dass die Lohnnebenkosten gesenkt werden“. Die Umstellung auf Elektroautos erzeuge große Unsicherheit und Chaos.

„Die Städte verbieten den Diesel. Die Verkaufszahlen gehen zurück. Und ganz ehrlich: Ist es sinnvoll, wenn jetzt alle auf E-Autos umsteigen?“ fragt sich Thomas. „Für die Umwelt wäre am günstigsten ein gutes öffentliches Verkehrskonzept, das auf die Bahn setzt – die fährt eh schon mit Strom. Aber die Autolobby verhindert es.“ Er weist darauf hin, dass das alles längst bekannt sei. „Schon vor fünfzig Jahren gab es die Diskussion. Aber die Ölindustrie verhinderte eine sinnvolle Entscheidung.“

Die Konzerne spielten die Arbeiter gegeneinander aus: „Sie sagen: ‚Wenn ihr nicht spurt, dann gehen wir ins Ausland.‘ Das sind alles globale Konzerne.“ Interessiert liest Thomas den Flyer der WSWS mit dem Vorschlag für eine globale Strategie. Er sagt: „Das wäre eigentlich genau die Aufgabe der Gewerkschaften. Aber sie wollen keine internationale Zusammenarbeit. Sie schauen alle nur auf das eigene Land und den eigenen Standort.“