Opel-Arbeiter zum Streik in Frankreich: „Die machen es richtig!“

Von Marianne Arens
19. Dezember 2019

Seit zwei Wochen dauert nun schon der Streik in Frankreich und der Widerstand unter Arbeitern, Lehrern, Eisenbahnern etc. gegen die Rentenreform der Macron-Regierung nimmt täglich noch weiter zu. Die Streikbewegung „markiert eine neue Etappe im internationalen Wiederaufleben des Klassekampfs“, heißt es in einer Erklärung der World Socialist Web Site (WSWS). „Die Arbeiterklasse stellt ihre große Kraft und ihr revolutionäres Potenzial unter Beweis.“

Am Tag nach der dritten und größten Massenmobilisierung mit über zwei Millionen Streikenden in Frankreich verteilt ein WSWS-Team diese Erklärung am Schichtwechsel der Opel-Werke in Rüsselsheim. „Die machen es richtig“, sagen die meisten Arbeiter spontan über die Streiks in Frankreich. „Es wird Zeit, dass wir das hier auch so machen.“

„Die haben Recht!“ sagt auch Alfredo, ein Bandarbeiter, der auf seinen Kollegen wartet. „In Frankreich ist das nicht wie hier.“ Nach dem Unterschied gefragt, sagt ein Kollege: „Das ist ein Mentalitätsunterschied“, ehe Alfredo antwortet: „Die Franzosen lassen sich nichts gefallen. Aber hier ist es anders. Jeder denkt erst einmal an sich selbst, und die Gewerkschaft macht nichts. Aber die ganze Autoindustrie ist in der Krise! Irgendwann geht das auch hier nicht mehr so weiter.“

Ein Techniker des Forschungszentrums sagt ebenfalls: „Die machen es richtig, da drüben in Frankreich.“ Dann berichtet er, dass er zusammen mit anderen Kollegen von Opel gekündigt worden sei, weil er sich geweigert habe, zu dem neuen Dienstleister Segula zu wechseln. Seinen Namen will er nicht nennen: „Dazu bin ich nicht systemrelevant genug.“ Er informiere sich jedoch über die Streikentwicklung in Frankreich, wie er sagt: „Was da passiert, ist für uns alle wichtig.“

Opel ist von der Strukturkrise in der Autoindustrie stark betroffen. Seit der Übernahme durch PSA vor zweieinhalb Jahren sind schon mehrere tausend Arbeitsplätze über Aufhebungsverträge mit Frühpensionierung oder Abfindung zerstört worden. Seit zwei Jahren erleben die Rüsselsheimer Schichtarbeiter immer wieder Phasen der Kurzarbeit. Soeben wurde bekannt, dass der neue Mutterkonzern PSA jetzt mit Fiat-Chrysler fusionieren werde, um als weltweit viertgrößten Autokonzern bessere Marktchancen zu bekommen.

„Das Ganze ist ein Fass ohne Boden“, sagt uns Frank. Er hat als Ingenieur zuerst für einen Zulieferer gearbeitet, konnte dann jedoch zu Opel wechseln. „Es ist doch bezeichnend, dass sogar Zulieferer wie Bosch jetzt Stellen abbauen. Ein Arbeitsplatz bei Bosch war früher wie eine Lebensversicherung. Oder GM, der frühere Besitzer von Opel, der hat die Firmenstruktur komplett umgekrempelt.“

Zum Streik in Frankreich sagt er: „Das ist tatsächlich was: Da brennt die Straße. Es war dumm von Macron, die Renten anzugreifen. In Frankreich sind daran noch alle Politiker gescheitert.“ Die Arbeiter in Deutschland müssten „mehr Selbstbewusstsein entwickeln“, fuhr er fort. „Für die Aktionäre an der Börse erweist sich die Autoindustrie nur noch als riesiger Klotz am Bein.“ Dann erklärt Frank: „Diejenigen, die das Produkt tatsächlich herstellen, müssten eigentlich am angesehensten von allen sein. Hier arbeiten Leute, die sind nicht mit Gold aufzuwiegen. Die sind hier, weil schon ihre Väter und Großväter beim Opel waren. Die würden für die Firma alles geben. Aber sie werden vor den Kopf gestoßen. Für die Aktionäre sind das nur Zahlen.“

Andreas, ein Arbeiter, der seit 22 Jahren am Band arbeitet, sagt spontan: „Die französischen Arbeiter haben Recht, die Rente mit 62 zu verteidigen. Hier kann dir jeder bestätigen, dass man mit 67 Jahren nicht mehr in der Lage ist, am Band zu arbeiten. Das ist die reine Quälerei!“