Audi: IG-Metall preist Abbau von 9.500 Arbeitsplätzen als „gut tragbaren Kompromiss“

Von K. Nesan und Dietmar Gaisenkersting
20. Dezember 2019

Am 9. und 10. Dezember veranstalteten die IG-Metall-Betriebsräte und der Audi-Vorstand Betriebsversammlungen in den Werken in Ingolstadt und Neckarsulm. Dort priesen sie über alle Maßen ihre Vereinbarung namens „Audi.Zukunft“, mit der fast jeder sechste der 60.000 Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut wird. Zudem deutet alles darauf hin, dass dies erst der Anfang ist.

Nach monatelangen geheimen Verhandlungen haben Unternehmensleitung und IG Metall Ende November das Programm „Audi.Zukunft“ bekannt gegeben. Durch den massiven Stellenabbau und Sparprogramme sollen in drei Jahren 15 Milliarden Euro eingespart werden. In Ingolstadt sollen pro Jahr nur noch rund 450.000 Fahrzeuge (-50.000) hergestellt werden, in Neckarsulm 225.000 (-75.000). Das entspricht in etwa den Stückzahlen dieses Jahres.

Ziel ist, bei der Premium-Tochter des Volkswagen-Konzerns den geplanten „strategischen Rendite-Zielkorridor von 9 bis 11 Prozent“ zu sichern. Das Ziel für 2019 betrug 7 bis 8,5 Prozent, es dürfte bei 8 Prozent liegen.

Beide Betriebsversammlungen fanden vor dem Hintergrund großer Skepsis der Arbeiter gegen die Abbau-Vereinbarung statt. Den meisten Arbeitern ist bewusst, dass die IG Metall und ihre Betriebsräte die Pläne der Unternehmensleitung vorbehaltlos unterstützen und ihre Hauptaufgabe darin sehen, diese umzusetzen. Der Donaukurier schrieb nach dem Treffen in Ingolstadt, der IG-Metall-dominierte Betriebsrat dürfe sich auf seine Fahnen schreiben, „viel Druck aus dem Kessel genommen und auch der gesamten Region die Angst vor einem großen Crash beim Arbeitgeber Nummer 1 genommen zu haben“.

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Peter Mosch lobte die Vereinbarung als Erfolg für die Arbeiter und die Regionen. Mosch erklärte, die Details der von ihm unterzeichneten Vereinbarung würden erst noch in den kommenden Monaten ausgearbeitet. Er nannte den massiven Arbeitsplatzabbau und die Sparprogramme einen „gut tragbaren Kompromiss“. Mit der angeblichen Beschäftigungssicherung bis 2029 sei der „Grundstein für die nächsten zehn Jahre gelegt“.

Wie so häufig in der Großindustrie sollen auch die Audi-Arbeitsplätze über Abfindungen, Vorruhestandsregelungen und Altersteilzeitprogramme abgebaut werden. Die Gewerkschaft kann dann immer hervorheben, „betriebsbedingte Kündigungen“ seien verhindert worden. Die jeweils vereinbarte Beschäftigungssicherung gilt nur für die übriggebliebenen Beschäftigten – und das meist auch nur unter Vorbehalt.

Der angebliche Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen ist die Art und Weise, wie die IG Metall und alle anderen Gewerkschaften seit Jahrzehnten den Arbeitsplatzabbau organisieren. Im letzten halben Jahrhundert ist kein Stahl- oder Bergarbeiter und kein Autoarbeiter der großen Hersteller betriebsbedingt entlassen worden. Trotzdem sind dort in dieser Zeit Hunderttausende von Arbeitsplätzen vernichtet, viele Werke geschlossen worden.

Ähnlich wie Mosch lobte Rolf Klotz, Betriebsratsvorsitzender in Neckarsulm, die Vereinbarung. In Neckarsulm werden die Verbrennungsmotoren der Modelle A4 bis A8 und R8 produziert. Der Absatz dieser Modelle stagniert kontinuierlich. Das Audi Management weigert sich, das Werk zu modernisieren und zu aktualisieren, um es für die Produktion von Elektrofahrzeugen – mit Ausnahme von symbolischen Gesten – auf die Zukunft vorzubereiten. Es ist möglich, dass Audi dort die Produktion schrittweise reduziert und das Werk mit knapp 18.000 Beschäftigten zumindest teilweise stilllegt.

Betriebsrat Klotz sagte in der Betriebsversammlung, das Werk sei seit längerem nur zu etwas mehr als 60 Prozent ausgelastet. Daran werde sich in den nächsten drei Jahren nichts Wesentliches ändern. Deshalb deutete er bereits einen weiteren Arbeitsplatzabbau an: „Wenn das Unternehmen den Absatz unserer Modelle nicht steigern kann, erwarten wir Lösungen für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen in den produzierenden Bereichen.“

Beide Versammlungen wurden nicht von einer großen Anzahl von Arbeitern besucht. Viele Arbeiter ahnten, dass die IG Metall nichts über die tatsächlichen Folgen der Vereinbarung sagen würde. Dem Donaukurier sagte ein Arbeiter, dass er nichts gehört habe, was nicht bereits in den Medien und im Intranet veröffentlicht war.

„Wie immer, nichts Konkretes, alles vage“, zitierte die Zeitung einen IT-Beschäftigten. Vorstand und Betriebsrat hätten mit ihren Vereinbarungen und Verlautbarungen lediglich „Absichtserklärungen“ abgegeben, teilweise gar nur „Worthülsen“ verbreitet. „Letztlich hängt doch alles an den Verkaufszahlen“. Ein weiterer Arbeiter, Marco, zeigte sich ähnlich misstrauisch. „Der Betriebsrat und die Geschäftsleitung sagen zwar, dass die Zukunft von Audi fertig ausgearbeitet ist, in der Technischen Entwicklung, wo ich arbeite, zeigt sich mir aber ein anderes Bild.“ Die Beschäftigungsgarantie allein sei keine Garantie.

Leonhard Lederer, seit 42 Jahren in der Montage bei Audi, bestätigte dies. „Wir haben immer wieder Höhen und Tiefen durchgemacht, aber eine solche Krise habe ich noch nicht erlebt“, sagte er dem Donaukurier. Die Leidtragenden seien „die Arbeiter, die die Autos bauen“. Zur vorgestellten Vereinbarung sagte der erfahrene Arbeiter: „Es ist schon viel versprochen worden.“

Auch einen Manager lässt der Donaukurier zu Wort kommen. Er kritisierte die auf den Betriebsversammlungen verbreiteten Lügen. Das Unternehmen müsse die „Wahrheit gegenüber den Beschäftigten“ sagen. Er deutete an, dass es mehr Stellenabbau geben würde, da der Umsatzrückgang nicht vorübergehend sei. „Der Markt ist gesättigt, wenn nicht gar übersättigt“, sagte er. Man müsse daher damit rechnen, dass die Kapazitäten in der Produktion weiter zurückgehen.

Dies trifft sich mit den neuesten Studien zur internationalen Automobilindustrie. Die Süddeutsche Zeitung berichtete am Mittwoch unter der Überschrift „Vor dem Sturm“, dass einer Studie zufolge 2019 in Deutschland so wenig Autos gebaut werden wie seit 22 Jahren nicht mehr. 2020 dürften es noch weniger sein. Der Anteil Deutschlands an der weltweiten Autoproduktion habe sich in den letzten beiden Jahrzehnten auf sechs Prozent halbiert. Die deutschen Hersteller hätten viele Werke in Billiglohnländer verlegt.

Auch Audi erwirtschaftet seine Gewinne im Wesentlichen aus der Produktion in Billiglohnländern, darunter Ungarn, China, Indien, Mexiko, Algerien, Russland, Brasilien, Spanien und die Slowakei. Das größte Elektro- und Verbrennungsmotorenwerk befindet sich im ungarischen Győr. Im Jahr 2018 produzierte das Werk fast 2 Millionen Motoren. Den Arbeitern wird ein Bruttogehalt von 1200 Euro gezahlt, ein Drittel des Betrags, den Autoarbeiter in Deutschland verdienen, obwohl die Lebenshaltungskosten in Ungarn ähnlich hoch sind wie in Westeuropa.

Im Januar dieses Jahres hatte der einwöchige Streik von 12.000 Beschäftigten in Győr die europäische Automobilindustrie erschüttert. Er hatte große Auswirkungen auf die Automobilproduktion in mehreren Werken. In Ingolstadt wurde die Werksproduktion für eine Woche eingestellt. Die ungarische Audi-Gewerkschaft AHFSZ in Győr arbeitete eng mit der IG Metall zusammen und würgte den Streik ab. Aufgrund der Unterstützung des Streiks durch Arbeiter im Westen wollten deutsche wie ungarische Gewerkschaft einen gemeinsamen Widerstand der Arbeiter unter allen Umständen verhindern.

Eine weitere Täuschung ist die Behauptung von Audi und IG Metall, „Audi.Zukunft“ sei eine „Elektrifizierungs-Offensive“ und damit „Zukunftssicherung“. In Wahrheit sind diese leeren Phrasen eine kombinierte Offensive gegen die Autoarbeiter. Große Konzerne wie VW, Daimler, BMW und Audi, die ausschließlich auf eine kontinuierliche Anhäufung von Gewinnen abzielen, betrachten die Umstellung auf Digitalisierung und Elektromobilität als eine einmalige Gelegenheit, alle Rechte und Errungenschaften, die sich Arbeiter in der Vergangenheit erkämpft haben, wieder einzukassieren.

Der Betriebsrat unter Mosch verschwieg auf den Betriebsversammlungen daher, dass der Abbau von 9500 Stellen nur der Anfang sein wird. In einem Interview, das Mosch dem Magazin Focus zwei Wochen vor den Betriebsversammlungen gab, sagte er zu dem Abbau-Programm: „Wir überprüfen das Programm im Jahr 2024 und sehen uns die wirtschaftliche Situation an. Theoretisch ist alles möglich. Aber die Zahl 9.500 steht erst einmal fest, und es müsste schon gute Gründe geben, daran etwas zu ändern.“ Arbeiter können sich sicher sein, dass Mosch in vier Jahren diese Gründe finden wird.

Nun betonte Mosch, dass die jetzt getroffenen und in den nächsten Monaten noch zu entwickelnden Vereinbarungen nicht an Personen geknüpft seien. Damit spielte er auf den Umstand an, dass im Frühjahr erneut ein Vorstandswechsel bei Audi ansteht. Bram Schot, der im Dezember letzten Jahres an Stelle des wegen des Abgasskandals inhaftierten Rupert Stadler den Audi-Chefposten übernahm, wird im April nächsten Jahres vom BMW-Manager Markus Duesmann abgelöst.

Die Vorstände kommen und gehen, die IG Metall und ihre Betriebsräte bleiben. Sie sind die Konstanten in den letzten Jahrzehnten, und haben vor, ihre Rolle als Co-Manager und Betriebspolizei auch weiterhin zu spielen. Der 47-jährige Mosch ist seit über 20 Jahren Betriebsrat, seit 13 Jahren Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats. Für seine Arbeit wird er – genauso wie seine Kollegen aus Gewerkschaft und Betriebsrat – fürstlich entlohnt. Als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei Audi und als Aufsichtsratsmitglied bei Volkswagen hat Mosch im Jahr 2018 über 464.000 Euro erhalten. Die zehn IG-Metall-Vertreter im Audi-Aufsichtsrat erhielten im letzten Jahr über 884.000 Euro.

Audi-Arbeiter dürfen sich nicht länger von diesen gekauften Bürokraten und ihren Gewerkschaften bevormunden lassen. Sie müssen sich unabhängig organisieren. Es ist notwendig, Aktionskomitees zu gründen, um gegen die verlogene Politik der IG Metall und ihre enge Zusammenarbeit mit der Unternehmensleitung zu kämpfen. Diese Komitees müssen sich untereinander vernetzen, Kontakt zu anderen Betrieben aufnehmen und sich über alle Grenzen hinweg mit anderen Arbeitern in der Auto- und anderen Industrien vereinen. Sie müssen zum Ausgangspunkt für eine politische Offensive zur Verteidigung aller Arbeitsplätze und sozialen Rechte auf der Grundlage eines sozialistischen Programms werden

Die WSWS und die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) unterstützen Arbeiter, die sich entscheiden, den Kampf gegen die korrupten Vertreter aus Gewerkschaft und Betriebsrat aufzunehmen. Nehmt Kontakt zu uns auf.