Börsenkurse steigen, während Konzerne Massenentlassungen ankündigen

20. Februar 2020

Während die Aktienmärkte rund um den Globus, angeführt von der Wall Street, auf Rekordhochs steigen und die Vermögen der Superreichen täglich um Milliarden erhöhen, fällt das Wachstum der Weltwirtschaft auf den niedrigsten Stand seit der globalen Finanzkrise von 2008. Wie der angekündigte Stellenabbau zeigt, soll wieder einmal die Arbeiterklasse die Kosten tragen.

Wirtschaftsdaten aus den großen kapitalistischen Volkswirtschaften deuten auf einen zunehmenden Abschwung hin. In den USA, der größten Volkswirtschaft der Welt, beträgt das Wachstum kaum mehr als 2 Prozent. Dies ist der niedrigste Wert für eine „Erholungsphase“ in der Nachkriegszeit, trotz der Behauptungen von Präsident Donald Trump, der den größten Boom der Geschichte verkündet hatte.

Das Stahlwerk der Bayou Steel Group in LaPlace (Louisiana). Im Herbst 2019 entließ der Betrieb ohne Vorwarnung 376 Mitarbeiter und kündigte die Schließung an. (AP Photo/Gerald Herbert)

China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, erlebte 2019 die niedrigste Wachstumsrate seit 30 Jahren. Große Teile der Wirtschaft sind aufgrund des Coronavirus immer noch lahmgelegt, und die Schätzungen für das Wachstum im ersten Quartal wurden drastisch gesenkt, in einigen Fällen auf Null.

Japan ist im Schlussquartal 2019 um 6,3 Prozent geschrumpft – ein Schock für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das war zwar hauptsächlich auf eine Erhöhung der Umsatzsteuer zurückzuführen, aber der Schlag war weitaus größer als erwartet, und der Abschwung wird sich aufgrund der Auswirkungen des Coronavirus fortsetzen.

Das Wachstum in Deutschland, der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt, stagnierte im vierten Quartal 2019. Prognosen zufolge droht eine Rezession, die den Rest der Eurozone nach unten ziehen könnte. Das Bruttoinlandsprodukt der Euro-Länder erhöhte sich im vierten Quartal nur um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal.

In Südkorea, einem der wichtigsten Produktionszentren der Welt, hat die Regierung wegen des Abschwungs in China und Japan „Notfall“-Maßnahmen gefordert. Australien, die zwölftgrößte Volkswirtschaft, wird voraussichtlich erstmals nach 28 Jahren eine Rezession erleben.

Die Klassenlogik dieser Entwicklung springt geradezu ins Auge. Während die Finanzeliten dank der steigenden Aktienmärkte ihren Reichtum anhäufen – angefeuert durch die lockere Geldpolitik der internationalen Zentralbanken und dem Versprechen, noch höhere Summen bereitzustellen – muss die Arbeiterklasse die Last tragen.

Der Stellenabbau betrifft die gesamte Industrieproduktion, insbesondere die Autoindustrie. Jede Woche werden neue Kürzungen angekündigt. Letzte Woche stellte der französische Autohersteller Renault ein Kostensenkungsprogramm in Höhe von 2,2 Milliarden Dollar vor, das auch den Abbau von Arbeitsplätzen umfasst. Im vergangenen Monat hatte der Volkswagen-Konzern verkündet, er werde „heilige Kühe“ schlachten und allein in Deutschland 20.000 Stellen kürzen.

Nach neuesten Schätzungen werden in der globalen Automobilindustrie im Jahr 2020 rund 100.000 Arbeitsplätze eingespart – zuzüglich zu den mehr als 500.000 Jobs, die bereits letztes Jahr in der Autoindustrie wegfielen. In Indien befürchtet man, dass von fünf Millionen Arbeitsplätzen in der Zuliefererindustrie bis zu eine Million gefährdet sein könnten.

Es gibt zwei treibende Faktoren für dieses weltweite Arbeitsplatzmassaker: der Absatzrückgang am Automarkt infolge des geringeren Wachstums und der sinkenden Nachfrage, nicht zuletzt aufgrund der weltweit stagnierenden Löhne; und die tiefgreifenden Veränderungen in der Technologie. Die Unternehmen bereiten sich auf eine Zukunft mit Elektroautos und selbstfahrenden Fahrzeugen vor, indem sie die Kosten senken, um unter den neuen Bedingungen wettbewerbsfähig zu bleiben.

Karl Marx hat die wesentliche Logik dieses Prozesses vor mehr als 170 Jahren offengelegt. Der „industrielle Krieg der Kapitalisten“ untereinander, so schrieb er, „hat das Eigentümliche, dass die Schlachten in ihm gewonnen werden weniger durch Anwerben als durch Abdanken der Arbeiterarmee. Die Feldherren, die Kapitalisten, wetteifern untereinander, wer am meisten Industrie-Soldaten entlassen kann.“ („Lohnarbeit und Kapital“, MEW, Bd. 6, S. 421)

Dieser Prozess ist nicht auf die Automobilproduktion beschränkt, sondern durchzieht alle Bereiche der Wirtschaft.Diese Woche verkündete die in London ansässige Hongkong Shanghai Banking Corporation (HSBC), dass sie in der kommenden Zeit ihr Personal um 35.000 Mitarbeiter reduzieren werde. HSBC-Vorstandschef Noel Quinn erklärte, die Sparmaßnahmen seien Teil der „umfassendsten Restrukturierung“ in dem 155-jährigen Bestehen der internationalen Großbank, und sein Management werde sie „mit Tempo durchführen“.

Vor HSBC hatte bereits die Deutsche Bank im vergangenen Jahr eine Umstrukturierung beschlossen, die 18.000 Arbeitsplätze kosten soll.Der Einzelhandel ist ebenfalls unter Beschuss. Zehntausende so genannter „Brick-and-Mortar“-Geschäfte, d.h. Einzelhandelsunternehmen ohne Online-Shops, in den USA und auf der ganzen Welt mussten schließen. Ein weiterer Abbau von Arbeitsplätzen wird erwartet.

Diese Woche berichtete die Washington Post, dass der US-Einzelhandelsriese Walmart Arbeitsplätze streichen will, um durch eine Umstrukturierung und Entwicklung des Online-Handels mit Amazon konkurrieren zu können. In der brutalen Sprache der Unternehmenswelt erklärte Walmart, dass die Filialleiter den „Standard-Kündigungsverfahren“ für jeden „aktiven Mitarbeiter, der nicht für eine andere Position im Unternehmen ausgewählt wurde“, folgen sollen. Diese Verordnung wird potenziell Tausende Arbeiter betreffen, die zum Teil schon seit Jahrzehnten im Konzern beschäftigt sind.

Der Kontrast zwischen der Situation, mit der die Arbeiterklasse konfrontiert ist, und der Anhäufung von Reichtum an der Spitze der Gesellschaft zeigt sich in der schwindelerregenden Bereicherung von Elon Musk, dem Eigentümer des Elektroautounternehmens Tesla.

Aufgrund eines spektakulären Anstiegs des Tesla-Kurses in diesem Monat stieg das Nettovermögen von Musk an nur einem Tag um 4,5 Milliarden Dollar und machte ihn damit zum weltweit am schnellsten aufsteigenden Milliardär. Innerhalb von nur sechs Wochen ist sein Vermögen in diesem Jahr um 13,9 Milliarden Dollar gestiegen – 316 Millionen Dollar pro Tag. Einige sagen voraus, dass Musk den Amazon-Milliardär Jeff Bezos als reichsten Mann der Welt überholen könnte.

Die Zerstörung von Arbeitsplätzen und die Verschlechterung der Lebensbedingungen für die Arbeiterklasse ist kein unglückliches oder zufälliges Ergebnis der Vermögensanhäufung in den Händen einer räuberischen Finanzoligarchie. Es besteht ein kausaler Zusammenhang.

Der Aktienkurs der Großunternehmen, die Quelle des Reichtums für die Eliten, hängt davon ab, inwieweit es ihnen nach Einschätzung der Finanzmärkte gelingt, die Kosten zu senken, indem sie ihre Belegschaft reduzieren und die Ausbeutung der verbleibenden Arbeiterschaft verstärken. Der Aktienmarkt und das gesamte Finanzsystem sind ein institutionalisierter Mechanismus, um Vermögen abzuschöpfen.

Weitreichende technologische Entwicklungen, die mit dem Fortschritt der künstlichen Intelligenz und ihrer Nutzung über das Internet verbunden sind, erhöhen die Produktivität und haben das Potential, die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Bevölkerung zu verbessern. Stattdessen dienen sie aber im Rahmen des kapitalistischen Profitsystems dazu, den gesellschaftlichen Reichtum in den Händen einer winzigen Minderheit zu konzentrieren.

Dieses gesellschaftliche Geschwür, das täglich voranschreitet, ist unheilbar. Da helfen keine Reformen, Flicken oder Pflaster. Man muss die Krankheit bei ihren Wurzeln packen und durch den vereinten Kampf der internationalen Arbeiterklasse für ein höheres sozioökonomisches System überwinden – den internationalen Sozialismus, in dem die Produktivkräfte, die weltweit geschaffen werden, in öffentlichem Besitz sind und zum Nutzen aller eingesetzt werden.

Nick Beams

 

Siehe auch:

Oligarchen versammeln sich in Davos
[22. Januar 2020]

US-Notenbank Fed signalisiert, sich den Forderungen der Wall Street zu beugen
[12. Juli 2019]