“Wir müssen die Gefahr des Umschreibens der Geschichte sehr ernst nehmen“

Von Verena Nees
9. März 2020

Die israelische Regisseurin Vanessa Lapa hat auf der 70. Berlinale den Film Speer goes to Hollywood. The Unbelievable Second Career of the Good Nazi” vorgestellt. Die WSWS hat den Film besprochen und das folgende Gespräch mit Vanessa Lapa geführt:

Vanessa Lapa

WSWS: Der Film „Speer goes to Hollywood” richtet sich gegen die Darstellung von Albert Speer als „guter Nazi“, die er selbst verbreitet hat. Sein Buch „Erinnerungen“ wird heute noch mit einem beschönigenden Verlagstext des Ullstein Verlags vertrieben.

Sie sagen in Ihren Director’s Note zur Premiere in Berlin: „Es geht in diesem Film um mein persönliches Erwachen im Hinblick auf die Rolle Speers ebenso wie um dessen Versuche, die ganze Welt in Vergesslichkeit zu wiegen.“ Was genau meinen Sie damit?

VL: Man sollte das Buch von Albert Speer überhaupt nicht mehr aus dem Regal nehmen, bevor nicht ein neues Vorwort von einem Historiker wie z.B. Magnus Brechtken dazu verfasst wird, dessen Buch von 2017 „Albert Speer – eine deutsche Karriere“ für mich maßgebend ist. Dies wäre meine Forderung an den Ullstein Verlag.

So etwas wie einen „guten Nazi“ gibt es für mich überhaupt nicht. Aber wie die meisten Menschen außerhalb Deutschlands wusste ich sehr wenig über Speer. Als ich begann, die Dokumente zu studieren, darunter diejenigen des Nürnberger Prozesses, bin ich auf viele Dinge gestoßen, die ich vorher nicht im Detail kannte.

Ich habe mich nicht so sehr um die Frage bemüht, ob Speer dies nun wusste oder nicht. Natürlich war er ein Lügner. Aber ich habe vor allem versucht herauszufinden, was er tatsächlich getan hat und seine eigenen Worte damit zu entlarven. So beispielsweise die Ausbeutung von Sklavenarbeitern in der Rüstungsindustrie, die alle menschlichen Maßstäbe außer Kraft gesetzt hat.

Ich wusste natürlich, wer Krupp war und welche Rolle seine Werke im Krieg und für die NSDAP gespielt haben. Aber die Details, wie stark Krupp mit Speer verbunden war und wie sie die Arbeiter behandelt haben, kannte ich nicht. Dies ist vielleicht der schrecklichste Aspekt von Speers Rolle. Wenn ich also etwas Persönliches über Albert Speer sagen soll, dann dass für diesen Mann das menschliche Leben keinerlei Wert besaß.

WSWS: Der Film thematisiert die extreme Ausbeutung der Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Faschismus und Kapitalismus?

VL: Ich bin keine Historikerin und weiß dazu nicht genug. Wenn ich aber Ihre Frage vereinfache, ob es eine Beziehung zwischen Politik und Geld, zwischen Macht und Geld, persönlichen und finanziellen Interessen und faschistischer Unterdrückung gibt – dann antworte ich ganz klar: Ja!

WSWS: Sie haben im Filmgespräch nach der Premiere über die geschichtliche Wahrheit und das Umschreiben der Geschichte gesprochen. Können Sie mehr dazu sagen?

VL: Ich sagte, dass die Trennlinie zwischen „history and his story“, also „Geschichte und seiner Geschichte“ sehr dünn ist. Im Film zeige ich, wie einfach es ist, die Geschichte zu verdrehen. Wenn dieser Film in Hollywood tatsächlich gedreht worden wäre, hätten viele Menschen Speers Geschichte als Fakt übernommen.

Wir müssen die Gefahr eines Umschreibens der Geschichte sehr ernst nehmen.

WSWS: Was denken Sie über den Aufstieg der AfD in Deutschland? Deren Führer Gauland hat erklärt, der Holocaust sei nur ein „Vogelschiss“ in der erfolgreichen deutschen Geschichte.

VL: Solche Erklärungen sind besonders gefährlich, weil die Holocaust-Überlebenden nach und nach sterben und nicht mehr Zeugnis ablegen können. Die Rückkehr faschistischer Tendenzen nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt ist erschreckend.

WSWS: Haben Sie von Jörg Baberowski gehört, einem Geschichtsprofessor der Humboldt-Universität hier in Berlin, der im Magazin „Der Spiegel“ erklärt hat: „Hitler war nicht grausam“?

VL: Ja, ich habe darüber einen Artikel gelesen. Ich weiß nicht genug über die deutsche Politik und das akademische Geschehen hier und kann daher nur sagen, dass solche Erklärungen in Deutschland wie auch in der ganzen Welt sehr gefährlich sind. Gibt es Journalisten, die dagegen Artikel schreiben?

WSWS: Nein, außer uns hat praktisch niemand dagegen Stellung genommen, stattdessen werden die Studenten von Medien und der Universitätsleitung angegriffen …

VL: Ich kann nur wiederholen – dies ist extrem gefährlich. Leute wie Speer und heutige Rechtsextreme sind Menschen, die eine bewusste Entscheidung für eine faschistische Richtung treffen. Unter bestimmten politischen, geographischen und ökonomischen Bedingungen kann sich die Situation ganz plötzlich verändern und zur Katastrophe führen.

WSWS: Ihr Film zeigt Szenen aus Goethes „Faust“ mit Gustav Gründgens, der den Mephisto darstellt. Spielen Sie damit auf faustische Eigenschaften von deutschen Bildungsbürgern an, die ihre Seele eher dem Teufel verkaufen, als Karriere und Vermögen zu gefährden?

VL: Bestimmt folgen manche Menschen der AfD aus Nichtwissen und Ungebildetheit. Aber es gibt auch diejenigen, die gebildet sind und ihr Wissen benutzen, um die Wahrheit zu verdrehen. Das beste Beispiel ist Albert Speer selbst, der gebildet war und in seinen Konversationen Malraux und Voltaire zitierte.

WSWS: Welche Botschaft möchten Sie unseren Lesern übermitteln?

VL: Seid sehr aufmerksam, lest zwischen den Zeilen, denkt zweimal nach, bevor ihr eine Entscheidung trefft, bevor ihr in Kriege geht, erinnert Euch an das, was damals passiert ist, und studiert die Geschichte.

Was die Nazis getan haben, liegt nicht Millionen Jahre zurück, und es waren nicht Tiere oder Monster, sondern Menschen, die sich für eine bestimmte Politik, für Faschismus entschieden haben.

Das Wichtigste ist: Wir dürfen nicht schweigen. Elie Wiesel sagte einmal: Schweigen hilft niemals den Unterdrückten. Es hilft immer nur dem Unterdrücker. Ich glaube, das ist heute äußerst relevant. Ich will mit meinem Film aufrufen, die rechte Gefahr in jedem Land ernst zu nehmen und dagegen zu kämpfen.