Corona-Virus: Italien führt Massenquarantäne ein, erste Todesfälle in Deutschland

Von Benjamin Mateus
10. März 2020

Am Montagabend hat die italienische Regierung verkündet, dass die bisher nur im Norden des Landes geltenden Notfallmaßnahmen auf das gesamte Land ausgeweitet werden. In sämtlichen Regionen des Landes ist dadurch die Bewegungs- und Versammlungsfreiheit drastisch eingeschränkt. Ministerpräsident Giuseppe Conte erklärte am Abend, er werde umgehend ein Dekret unterschreiben, das bereits am heutigen Dienstag in Kraft tritt.

In Italien war bisher aufgrund des Coronavirus ein Großteil des Nordens abgeriegelt, und 16 Millionen Menschen waren zwangsweise unter Quarantäne gestellt. Die italienische Regierung hat außerdem 20.000 pensionierte medizinische Angestellte aufgerufen, die Arbeit wieder aufzunehmen. Italienische Regierungsvertreter befürchten, dass das Coronavirus verheerende Auswirkungen auf den ressourcenarmen Süden des Landes haben wird.

Die sozialen Folgen sind bereits jetzt dramatisch. In mehreren italienischen Haftanstalten sind Medienberichten zufolge am Wochenende Revolten ausgebrochen. Dabei sind in der norditalienischen Universitätsstadt Modena sechs Häftlinge gestorben und mehrere wurden schwer verletzt. Grund für die Aufstände seien strengere Maßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie gewesen. So seien Besuche ausgesetzt worden und Beschränkungen für Freigänger erlassen worden.

Mit mehr als 9170 Infizierten und 463 Toten (Stand Montagabend) ist Italien momentan das mit Abstand am stärksten vom Corona-Virus betroffene Land in Europa. Am Montag stieg die Zahl der Todesfälle innerhalb nur eines Tages um fast 100, die Zahl der Infizierten um etwa 1800. In ganz Europa breitet sich der Virus weiter aus. In Frankreich stieg die Zahl der dokumentierten Infektionsfälle auf über 1200 und die der Todesfälle auf 21. In Großbritannien waren laut Angaben des Gesundheitsministeriums am Montag 321 Menschen infiziert und vier Personen bis dahin an Covid-19 gestorben.

Auch in Deutschland sind inmitten einer rapiden Zunahme von Coronavirusinfektionen – bis Montagabend waren 1194 Infektionen nachgewiesen – die ersten beiden Menschen im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit gestorben. Das teilten der Kreis Heinsberg und die Stadt Essen am Montag mit. In Essen starb eine 89-jaehrige Frau, bei der das Virus am vergangenen Dienstag nachgewiesen worden war. Sie war zuletzt auf der Intensivstation des Essener Uniklinikums behandelt worden. Dort starb sie an einer Lungenentzündung, die durch eine Infektion mit dem Corona-Virus hervorgerufen wurde. Nach Angaben der Kreisverwaltung war der im Kreis Heinsberg verstorbene Mann 78 Jahre alt und „hatte eine Vielzahl von Vorerkrankungen“, darunter Diabetes und eine Herzerkrankung. Seit Freitag war er im Krankenhaus in Geilenkirchen behandelt worden.

In ganz Europa und in den Vereinigten Staaten werden zurzeit Konferenzen, Festivals, Konzerte, Sportveranstaltungen und Messen verschoben oder ganz ausgesetzt. In den USA gab es am Montagabend 607 bestätigte Infektionen. Weltweit hat Covid-19 zum Tod von über 4.000 Menschen geführt. Rund 114.000 sind bisher insgesamt infiziert worden, davon sind etwa 50.000 noch immer krank.

In China geht eine Expertengruppe um Dr. Jin Li an der Fudan-Universität in Schanghai davon aus, dass die globalen Neuinfektionen exponentiell zunehmen werden. Aufgrund eines einfachen Regressionsmodells ist anzunehmen, dass sich Covid-19 alle 19 Tage verzehnfachen wird. Offenbar gab es etwa 34 unerkannte Erstpatienten, die die Infektion aus China exportiert haben. Die Ergebnisse der Schanghai-Autoren stützen sich auf Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Zeitraum vom 21. Januar bis 28. Februar.

Außerhalb des chinesischen Festlands wurden erstmals Covid-19-Fälle am 13. Januar 2020 in Thailand bekannt. Bis Ende der ersten Märzwoche wurden in über 100 Ländern Coronafälle bestätigt, und mittlerweile sind alle Kontinente mit Ausnahme der Antarktis betroffen.

Globale Ausbreitung von Covid-19 (WSWS-Graphik)

Während China in der ersten Märzwoche nur 1.400 Neuinfektionen meldete und angab, dass die meisten davon importierte Fälle seien, melden Südkorea, Italien und der Iran weiterhin neue Fälle in alarmierender Folge, und zwar in höherer Zahl als in China. Auch im Herzen der Eurozone, einschließlich Spaniens, Deutschlands und Frankreichs, explodieren die Zahlen der Infizierten. Die Pandemie hat auch die skandinavischen Länder erfasst.

Vom 18. Februar bis zum 2. März stieg die Zahl der Fälle außerhalb Chinas von 999 auf 10.288. Statistische Informationen von Worldmeter zeigen, dass außerhalb China die logarithmische Kurve für neue Fälle von Covid-19 linear ansteigt. Dies bedeutet, dass ohne nennenswerte Intervention der internationalen Gemeinschaft die Zahl der Vorfälle außerhalb Chinas bis Mitte März 100.000 erreichen wird und sich in der ersten Aprilwoche der Zahl von einer Million nähert.

Covid-19-Fälle im Vergleich, orange: 29. Februar 2020, blau: 7. März 2020 (WSWS-Graphik)

Eine ähnlich rasche Ausbreitung wurde 2009 bei der Schweinegrippe H1N1 festgestellt. Im Unterschied zu H1N1 ist die jetzige Pandemie jedoch hundertmal tödlicher. Von zwei Milliarden Infizierten starben damals an der Schweinegrippe etwa 500.000 Personen.

Die mit Covid-19 in Verbindung gebrachten Todesfälle betragen zwischen 0,6 Prozent und fast 10 Prozent. Zuletzt hat die WHO diese Rate auf der Grundlage der kumulierten Fälle und Todesfälle auf 3,4 Prozent festgelegt. Das Inkonsequente ist jedoch, dass die USA, Italien und der Iran weit besorgniserregendere Todesraten aufweisen als beispielsweise Südkorea. In Deutschland gab es bis Montagabend 1.176 bestätigte Infektionen und drei registrierte Todesfälle.

Bisher ungeklärt ist, ob diese ungleichen Raten mit der Häufigkeit der Tests in verschiedenen Ländern zusammenhängen, die genauere Zahlen über die Ausbreitung oder Virulenz des Virus ergeben würden, oder ob es dem Zugang zu Gesundheitsversorgung, der Gesundheit der Bevölkerung oder Umweltfaktoren wie beispielsweise dem Wettereinfluss geschuldet ist. Das Virus scheint sich bei 8 Grad Celsius am besten zu verbreiten.

Daten der chinesischen CDC deuten darauf hin, dass die meisten infizierten Menschen nicht schwer erkranken und nur leichte grippeähnliche Symptome aufweisen. Etwa 15 bis 20 Prozent benötigen die Einweisung in ein Krankenhaus, Pflege und Zugang zu Sauerstoffgaben, wenn sie nicht sogar auf einer Intensivstation beatmet werden müssen. Ältere Menschen und Leute mit Vorerkrankungen sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt; unter ihnen gibt es die schwersten Folgen von Covid-19. Todesfälle in den USA zeigen, dass gerade Einwohner der Alters- und Pflegeheime gefährdet sind und ihre Erkrankung tödliche Folgen haben könnte. Bei den in Florida gemeldeten Todesfällen handelt es sich um zwei Senioren, die vor kurzem aus Italien zurückgekehrt sind.

Mann mit Maske auf dem Petersplatz in Rom, Freitag, 6. März 2020 (AP-Foto/Alex Brandon)

Von allergrößter Bedeutung ist der Zugang zu organisierter und geplanter Gesundheitsversorgung, wobei die Regierungen und Gesundheitsbehörden eng mit den Experten zusammenarbeiten müssen. In China haben die ersten Tage des Ausbruchs gezeigt, dass die Krankenhäuser in Wuhan vom Ansturm rasch überfordert waren, und sie wiesen viele Menschen ab. Die Absperrungen von Wohnvierteln mit infizierten Fällen lösten Angst und Panik bei den Betroffenen aus, die von einer Ansteckung in ihrer Mitte erfuhren. Möglicherweise haben die mangelnde Hilfsbereitschaft der Gesundheitsbehörden und die spärlichen materiellen Ressourcen zu den höheren Sterblichkeitsraten im Januar und Anfang Februar beigetragen.

Bei einem Forum, das am Wochenende am Harvard Politikinstitut Kennedy School stattfand, tauschte eine Expertenrunde ihre Meinungen zu der Pandemie aus. Michael Mina, Epidemiologe an der Harvard School T.H. Chan für öffentliche Gesundheit, erklärte dort: „Es ist das schrecklichste Virus, mit dem wir seit einem halben Jahrhundert oder mehr zu kämpfen haben.“

Helen Branswell, eine Reporterin, die sich besonders auf Infektionskrankheiten und öffentliches Gesundheitswesen spezialisiert hat, sagte dort: „Es ist bizarr, aber ich selbst bin auch erschrocken. Obwohl ich seit Jahren darüber schreibe, dass diese Möglichkeit besteht, bin ich dennoch erschrocken, dass es wirklich passiert.“ Dr. Mina erklärte noch: „Unsere Bevölkerung ist sehr anfällig. Ohne außerordentliche Maßnahmen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Krankheit sich sehr schnell in der ganzen Bevölkerung ausbreitet.“ Da es sich um ein neuartiges oder neues Virus handelt, hat die Weltbevölkerung bisher keine Immunität dagegen entwickelt.

Bei der Evakuierung des Kreuzfahrtschiffs in Japan sind ungeheuerliche Fehler passiert, und auch die Herstellung und Verteilung von Testkits kann bisher nur als Fiasko bezeichnet werden. Die Regierungen spielen die Gefahr auf kriminelle Weise herunter. So sind auch die Trump-Regierung und die amerikanische Gesundheitsbehörde nicht in der Lage, adäquat auf den Ausbruch zu reagieren. Mittlerweile sind in den USA 33 Bundesstaaten betroffen. New York, Kalifornien und Washington haben den Notstand ausgerufen, um die notwendigen Mittel und Ressourcen für die Bewältigung einer schweren Gesundheitskrise zu bekommen. Mehr als 300 der 451 Fälle, die am Wochenende in den USA hinzukamen, wurden in diesen drei Bundesstaaten registriert.

Die Vernachlässigung des US-Gesundheitssystems bedeutet, dass die Krankenhäuser ihre Notfallabteilungen, Ressourcen, Experten und Verwaltungen nicht koordiniert und kohärent nutzen. Es ist dringend notwendig, einen strategischen, langfristig angelegten Notfallplan zu erstellen, um sowohl städtische Gemeinden als auch ländliche Regionen zu erreichen, in denen viele medizinische Einrichtungen nur über begrenzte Budgets und knappe Ressourcen verfügen.

So sagte Dr. Mina: „Ich will hier nicht defätistisch klingen, aber der Zustand unseres Gesundheitssystems, die Art und Weise, wie wir alles privatisiert haben, wird unser Potential größtenteils ernsthaft beeinträchtigen. Wir können nicht aus heiterem Himmel neue Krankenhausbetten schaffen. Wir können noch nicht einmal angemessen testen.“

Alle Experten sind sich einig, dass die derzeitigen Regierungen die vier bis sechs Wochen, die China der Welt zur Vorbereitung auf das Virus verschafft hat, ungenutzt haben verstreichen lassen. Schuld ist nicht allein die kriminelle Nachlässigkeit der Trump-Administration oder der europäischen Regierungen, sondern die Tatsache, dass das Gesundheitswesen generell den Profiten der privaten Versicherer, der Pharmaindustrie und der riesigen Gesundheitsketten untergeordnet wird.