Corona-Krise in Deutschland: Fabriken und Großbetriebe müssen geschlossen werden

Von Dietmar Gaisenkersting
16. März 2020

Inzwischen werden sogar Veranstaltungen mit über 50 Menschen abgesagt. Doch in Großbetrieben, wo tagtäglich Zigtausende Menschen zusammenkommen, lief es bis Ende letzter Woche wie gewohnt. Die Profite der Aktionäre sind den Managern, der Bundesregierung und auch den Gewerkschaftsfunktionären mehr wert als das Leben der Beschäftigten.

Arbeiter müssen sich daher selbständig organisieren und für die sofortige Schließung aller nicht lebensnotwendigen Fabriken und Großbetriebe kämpfen, um das Leben der Beschäftigten zu schützen und die weitere Ausweitung des Corona-Virus zu verhindern.

Seit Anfang des Monats häufen sich aus den großen Konzernen die Meldungen über positive Ergebnisse bei Coronavirus-Tests.

Bereits am Montag letzter Woche hatte der Autohersteller BMW einen ersten Corona-Infizierten im Dingolfinger Werk gemeldet. Wenig später wurde ein weiterer Arbeiter positiv auf das neuartige Virus getestet. Der Mann befinde sich in häuslicher Quarantäne, hieß es seitens der Pressestelle gegenüber der Passauer Neuen Presse. Auch die Kollegen, die direkt mit dem Mann zusammenarbeiten, seien derzeit nicht bei der Arbeit. BMW-Sprecher Bernd Eckstein versicherte, die Produktion laufe „ohne Einschränkung weiter“.

BMW-Beschäftigte diskutieren in den sozialen Medien intensiv über die Entwicklungen. Wie überall wiegelt die Konzernleitung ab und wird dabei von der IG Metall und ihren Betriebsräten unterstützt. Der erste Fall wurde laut des Posts einer ehemaligen oppositionellen Betriebsrätin „aus dem Betriebsratskreis verharmlost“: „Aussage: Es ist ein iranischer Leiharbeiter aus dem FIZ [Forschungs- und Innovationszentrum; DG], man soll keine Hände schütteln, es ist nicht schlimm.“

Bei Volkswagen sind bis zum Wochenende drei Beschäftigte am Corona-Virus erkrankt. Ein Arbeiter des Standorts Baunatal bei Kassel sei nach einer privaten Reise positiv getestet worden, teilte der Konzern mit. Er sei nun genauso wie fünf Kollegen, die Kontaktpersonen waren, vorsorglich nach Hause geschickt worden.

Im Stammwerk Wolfsburg sind zwei Beschäftigte sicher infiziert. Auch sie hätten nach der Rückkehr von Reisen Symptome entwickelt und seien positiv getestet worden, sollen aber zuvor keinen Kontakt zum Werk oder zu Kollegen gehabt haben.

Am Freitag traf das Corona-Virus dann auch den Rüsselsheimer Autobauer Opel. Ein Angestellter aus der Verwaltung wurde positiv getestet. Auch er befindet sich zuhause in Quarantäne, genauso wie engere Kollegen. Inzwischen hat Opel fast alle Beschäftigten, die im Verwaltungssitz Adam-Opel-Haus arbeiten, für mindestens die nächsten zwei Wochen ins Home-Office geschickt. Die Produktion sei davon aber nicht betroffen, teilte ein Opel-Sprecher mit. Sie laufe in Rüsselsheim – und auch in den anderen Werken der PSA-Gruppe – aktuell ganz normal weiter, so der Opel-Sprecher.

Beim Kölner Ford-Konzern gibt es einen offiziell bestätigten Corona-Fall. Der betroffene Mitarbeiter arbeitet in der Produktentwicklung im Stadtteil Merkenich. Er war seit Anfang März zu Hause in Selbstquarantäne geblieben und hatte dort auf das letztlich positive Testergebnis gewartet. Ford hat rund 30 Kollegen des Erkrankten aufgefordert, zu Hause zu bleiben.

Letzte Woche wurde der WSWS zugetragen, die Konzernleitung habe zwei Arbeitern nicht erlaubt, wegen eines Corona-Verdachts zuhause zu bleiben. Die beiden seien auf der Karnevalssitzung in Gangelt im Kreis Heinsberg gewesen, der als Hotspot des Ausbruchs in Nordrhein-Westfalen gilt. Obwohl sie sich in der Personalabteilung gemeldet hätten, sei ihnen gesagt worden, sie sollten zur Arbeit kommen und nichts sagen, um „Panik“ zu vermeiden. Verifizieren ließ sich dieser Sachverhalt nicht.

Viele Ford-Arbeiter halten ihn aber nicht für abwegig. Einer sagte der WSWS: „Niemand sagt uns etwas, alles wird vertuscht, damit die Produktion weiterläuft und auch keine Panik entsteht.“ Er berichtete, Ford wolle die Produktion über Ostern zwei Wochen lang stoppen, anstatt wie geplant eine Woche.

Weitaus größere Auswirkungen hat die Corona-Krise bereits im Rastatter Werk von Mercedes-Benz. Dort sind insgesamt 6500 Menschen beschäftigt, die Kompaktfahrzeuge wie die A- und B-Klasse produzieren. Zunächst wurden am Dienstagabend letzter Woche Beschäftigte der Spätschicht positiv auf das Virus getestet. Wie viele betroffen sind, teilte die Pressestelle des Unternehmens nicht mit, dafür aber: „Unser operativer Betrieb läuft uneingeschränkt weiter.“

Einen Tag später, am Mittwoch, stufte dann die Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten die nahegelegene französische Region Grand Est, zu der das gesamte Elsass gehört, als Corona-Risikogebiet ein. Die Behörde folgte damit der Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI). In den als Risikogebiet ausgewiesenen Regionen müssen alle Einwohner mit drastischen Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit rechnen. Arbeiten dürfen sie nicht. Doch offenbar hat Daimler die im nahen Grenzgebiet wohnenden Arbeiter am Mittwoch und selbst noch am Donnerstag zur Arbeit ins Rastatter Werk gerufen.

Die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) erhielten am Mittwochvormittag eine Nachricht von einem anonymen Mailkonto, die Geschäftsleitung ignoriere die Warnung des RKI. „Es sind circa 600 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Produktion und weitere 100 in der Verwaltung aus den genannten Regionen weiterhin uneingeschränkt im Werk tätig“, schrieb der Informant der Regionalzeitung.

Auch Posts in regionalen Facebook-Gruppen legten dies nahe. In einem Screenshot, der aus dem Daimler-Intranet stammen soll, heiße es, dass Mitarbeiter aus der Region Grand Est zur Arbeit kommen sollen, berichtete die BNN. „Grenze wird nicht dicht gemacht und die Elsässer arbeiten ganz normal im Mercedes Werk Rastatt! 12.03.2020 Frühschicht“, postete am Donnerstagmorgen ein User bei Facebook.

Erst Donnerstagabend reagierte das Unternehmen: „Sofern möglich, werden unsere Beschäftigten aus der betroffenen Region im Home-Office arbeiten“, erklärte eine Daimler-Sprecherin. Falls das nicht möglich sei, würden die betroffenen Mitarbeiter momentan freigestellt. Dennoch laufe auch jetzt die Produktion im Werk Rastatt weiter.

Andere Unternehmen in der an Frankreich angrenzenden Region haben noch später beschlossen, Beschäftigte aus der Grenzregion freizustellen. ZF Friedrichshafen, der weltweit fünftgrößte Automobilzulieferer (Antriebs- und Fahrwerktechnik), beurlaubte erst am Freitag zur Nachtschicht Arbeiter aus der französischen Grenzregion. Betroffen seien etwa 1000 der insgesamt 9000 Arbeiter, darunter rund 700 in der Produktion. Den Produktionsausfall will ZF nach eigenen Angaben so gut es gehe über Aushilfen und Zeitarbeiter auffangen.

Auch bei Ford in Saarlouis sollen rund 800 Grenzgänger ab heute (Montag) zuhause bleiben. Ein Ford-Sprecher sagte, die Verwaltungsmitarbeiter könnten im Home-Office arbeiten. Die Produktionsmitarbeiter müssten Überstunden und Urlaub abbauen. Man werde von Zwei- auf Ein-Schicht-Betrieb umstellen.

So wie hier läuft es fast überall. Arbeiter werden von den Konzernen trotz hoher Infektionsgefahr zur Arbeit gezwungen, und müssen sie von der Arbeit freigestellt werden, bezahlen sie dies mit Überstunden und Urlaub. Besonders betroffen sind Arbeiter, die in der Produktion, aber auch in Logistikzentren, dem Handwerk und gewerblichen Dienstleistungen arbeiten – also alle, die nicht per Laptop im Home Office arbeiten können.

So hat der Logistik-Riese Amazon letzte Woche alle Beschäftigten weltweit aufgefordert, von zu Hause aus zu arbeiten, „wenn du kannst“! Mit anderen Worten: Die Arbeiter, die in den riesigen Logistik- und Verteilzentren Schwerstarbeit verrichten, sind nicht gemeint.

Der Bremer Anwalt für Arbeitsrecht Rolf Geffken hatte bereits Anfang März auf Facebook über Amazon geschrieben: „Dort werden offensichtlich erkältete Personen aufgefordert weiter zu arbeiten. Niemand kontrolliert die Lage in den Betrieben. Natürlich: Die Produktion muss laufen.“

Die Gewerkschaften stehen auf der Seite der Konzerne. Die IG Metall, die sich gerne als größte Einzelgewerkschaft der Welt bezeichnet, fordert die Arbeiter auf ihrer Website dazu auf, zur Arbeit zu gehen. Die Startseite verlinkt auf einen Artikel, in dem die Gewerkschaft ihren mehr als zwei Millionen Mitgliedern erklärt: Ihr müsst arbeiten!

Gleich die erste Frage: „Darf ich aus Angst vor Ansteckung von der Arbeit fernbleiben?“ wird eindeutig beantwortet: „Nein. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dürfen der Arbeit nur fernbleiben, wenn sie tatsächlich arbeitsunfähig sind. Ist das nicht der Fall, sind sie zur Arbeit verpflichtet.“

Es darf nicht zugelassen werden, dass Arbeiter und ihre Familien mit ihrem Einkommen, ihren sozialen Errungenschaften und sogar ihrem Leben für die Corona-Krise bezahlen müssen. Weltweit beginnen Arbeiter in gewerkschaftsunabhängigen Streiks für ihre Gesundheit zu kämpfen: Postbeschäftigte in London, Busfahrer in Paris, Fiat-Chrysler-Arbeiter in den USA und Kanada. Vor allem in Italien weiten sich die Streiks auf viele Werke und Betriebe aus.

Auch in Deutschland müssen Arbeiter sich selbst organisieren, um die sofortige Schließung aller nicht lebensnotwendigen Unternehmen durchzusetzen. Das Leben der Beschäftigten muss geschützt und die weitere Ausweitung des Corona-Virus verhindert werden.

Die Sozialistische Gleichheitspartei ruft dazu auf, in den Fabriken und Betrieben Aktionskomitees zu gründen und folgende Forderungen zu diskutieren und durchzusetzen: