Coronavirus: US-Autoarbeiter ergreifen Initiative

Spontane Streiks erzwingen Schließung von Autowerken in ganz Nordamerika

Von Tom Hall
20. März 2020

Am Mittwoch musste Fiat Chrysler in Michigan und Ohio Werke schließen und Schichten absagen, nachdem Tausende von Beschäftigten die Arbeit niederlegten, um gegen die Entscheidung des Unternehmens und der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) zu protestieren, trotz der Coronavirus-Pandemie den Betrieb fortzusetzen. Später kündigten alle drei Detroiter Autokonzerne den Produktionsstopp in Werken in ganz Nordamerika an.

Die UAW hat wochenlang versucht, die Arbeiter in den Fabriken zu halten. Zu diesem Zweck veröffentlichte die Gewerkschaft gemeinsam mit den Unternehmensvorständen Erklärungen, laut denen die Werke sicher seien. Daneben drohten sie allen Arbeitern, die sich weigern, unter gefährlichen Bedingungen zu arbeiten, mit Entlassung. Angesichts der verbrecherischen Gleichgültigkeit der UAW gegenüber ihrem Leben nehmen die Autoarbeiter die Sache nun selbst in die Hand.

Die Arbeitsniederlegungen in den USA sind die jüngsten in einer weltweiten Welle von spontanen Streiks, die sich gegen den Widerstand der Gewerkschaften entwickelt hat. Zuvor hatten Autoarbeiter in Italien, Spanien und Kanada die Arbeit niedergelegt, um gegen die Entscheidung des Managements zu protestieren, trotz landesweiter Ausgangssperren die Produktion fortzusetzen. Die Kapitalistenklasse in den USA und Europa betreibt seit Wochen bewusst eine Politik der bösartigen Nachlässigkeit und der vorsätzlichen Untätigkeit. Sie pumpt Billionen in die Aktienmärkte, doch der Gefährdung von Millionen Menschenleben stand sie völlig untätig gegenüber. Ein entscheidender Teil der internationalen Arbeiterklasse kommt nun in Bewegung und beginnt damit, eine eigene Antwort auf die Pandemie voranzutreiben.

Autoarbeiter verlassen FCA-Motorenwerk in Dundee

Die Arbeitsniederlegungen begannen am Dienstagabend im Fertigungswerk Sterling Heights in einem Vorort von Detroit. Kurz zuvor hatte die gemeinsame Taskforce aus UAW und Management angekündigt, die Werke der Detroiter Autokonzerne würden mit leicht veränderten Schichtplänen weiter in Betrieb bleiben, obwohl bereits mehrere Arbeiter positiv getestet wurden, zwei davon im Werk Sterling Heights. Nachdem das Management die Arbeiter nicht durch Drohungen dazu bringen konnte, weiter zu arbeiten, schickte es die Arbeiter um 22:30 Uhr nach Hause.

Am Mittwochmorgen verweigerte auch die nächste Schicht die Arbeit und ließ unfertige Fahrzeuge die Fertigungsstraße entlangfahren. Ein junger Arbeiter des Werks erklärte gegenüber der WSWS: „Das hätte niemals so lange dauern dürfen. In unserem Werk interagieren mehr als 7.000 Kollegen ständig miteinander, arbeiten an den gleichen Trucks und kriechen in ihnen herum. Wie sollen wir hier voneinander Abstand halten?“

„Es ist nicht unsere Schuld“, fährt er fort. „Wir wollen keine Krankheitsüberträger sein. Die Gewerkschaft sagt, wir könnten uns arbeitslos melden, aber wir bekämen erst nach zwei Wochen irgendetwas. Wir brauchen jetzt Entschädigung. Wir haben für diese Unternehmen Milliarden erarbeitet, und sie tun so, als wären wir nur verdammte Bauern bei ihrem Schachspiel.“

Der Streik breitete sich schnell auf andere Werke aus. Im Fertigungswerk Jefferson North kamen die Arbeiter morgens an ihre Arbeitsplätze und saßen stundenlang untätig da, bis das Management sie um 13 Uhr endlich nach Hause schickte. Arbeiter berichteten, die UAW-Funktionäre seien aus ihren Büros gestürmt, um ihnen mit Entlassung zu drohen, aber ohne Erfolg. Ein Arbeiter erklärte: „Die Gewerkschaft hat uns verraten. Wir brauchen keine rotierenden Schichten, wir müssen die Werke schließen. Wir und unsere Familien sind der UAW egal, das hat sie gestern Abend bewiesen.“

Ein anderer Arbeiter in Jefferson fügte hinzu: „Sie glauben, Arbeiter seien weniger wert als die Autos, die sie bauen. Wir sind für sie entbehrlich, und wenn einer von uns stirbt, gibt es viele andere, die darauf warten, uns zu ersetzen, damit das Unternehmen weiter Geld machen kann.“

Im Fertigungswerk Toledo North im Nordwesten von Ohio kam es zu wütenden Auseinandersetzungen. Dutzende von Arbeitern konfrontierten den Vizepräsident der UAW-Niederlassung 12, Brian Sims, der ihnen die Weiterarbeit angeordnet hatte. Nachdem er zuerst versuchte, die Arbeiter zu belügen, und ihnen gegenüber behauptete, es fänden in anderen Werken keine Arbeitsniederlegungen statt, forderte Sims von den Arbeitern, sie sollten sich „entspannen“. Kurz darauf verließ er den Raum abrupt durch die Hintertür.

Autoarbeiter konfrontieren den Vizepräsidenten der UAW-Niederlassung 12, Brian Sims, im Fertigungswerk Toledo North

Auch im Motorenwerk in Dundee, südlich von Ann Arbor (Michigan), stand die Produktion still. Daneben wurden die Arbeiter des Fiat-Chrysler-Fertigungswerks in Warren, die Anfang der Woche einen Ausstand organisiert hatten, früher nach Hause gelassen.

Konfrontiert mit einem möglichen Streik im ganzen Land oder sogar auf dem ganzen Kontinent kündigten Fiat Chrysler, Ford und General Motors am späten Nachmittag die Schließung ihrer Werke in Nordamerika bis zum 30. März an, einschließlich der in Mexiko und Kanada. Hierbei handelt es sich jedoch um ein weiteres Manöver, das Unternehmen und Gewerkschaften Zeit verschaffen soll, den Widerstand zu schwächen und die Produktion uneingeschränkt wieder aufzunehmen.

Die Vorstandsvorsitzende von General Motors, Mary Barra, kündigte eine „systematische und geordnete“ Aussetzung der Arbeit an. In Wirklichkeit bedeutet dies, dass das Unternehmen versuchen wird, zumindest einen Teil der Arbeiter noch eine Woche oder länger bei der Arbeit zu halten, sodass es bis zur geplanten Wiedereröffnung am 30. März fast keinen Stillstand gibt. Nachdem das GM-Management anfangs angekündigt hatte, dass die Produktion im Delta-Township-Werk in Lansing bis zum 27. März fortgesetzt werde, machte es am Mittwochabend eine plötzliche Kehrtwende und erklärte, das Werk werde schon am Freitag, 20. März, geschlossen.

Andere Autokonzerne setzen die Produktion in Nordamerika fort oder schließen ihre Werke für noch kürzere Zeiträume. Honda kündigte am Mittwoch an, es werde die Produktion in Nordamerika für nur sechs Tage einstellen. Volkswagen hat sein Werk in Chattanooga (Tennessee) nur für 24 Stunden stillgelegt und die Produktion danach fortgesetzt. Hunderttausende von Arbeitern bei Zulieferern werden noch immer gezwungen weiterzuarbeiten, auch in Werken, in denen die UAW präsent ist. Die Bedingungen, die dort herrschen, sind vielfach noch schlechter sind als in den Fertigungswerken.

Der Elektroautobauer Tesla versuchte, in seinem Werk im kalifornischen Fremont trotz der von der Regierung des Bundesstaats verhängten Ausgangssperre den normalen Produktionsbetrieb fortzusetzen – bis die lokale Polizeibehörde intervenierte. Nun herrscht dort nur noch Minimalbetrieb. Das Unternehmen versuchte, sich als „unverzichtbares Unternehmen“ im Sinne einer Anordnung des Alameda County darzustellen. Als Begründung nannte es das absurde, aber unheilvolle Argument, dass das Werk laut dem Heimatschutzministerium als Teil der „nationalen kritischen Infrastruktur“ gilt.

Die Versuche der Autokonzerne, ihre Produktion so lange wie möglich aufrecht zu erhalten, deuten auf eine gewisse Verzweiflung hin. Schon vor der Pandemie verzeichneten sie einen Rückgang ihrer Profite und Absätze, durch den sie unter immensem Druck der Wall Street stehen, wo sich die Aktienkurse nun allgemein im freien Fall befinden. Sie versuchen, durch eine Fortsetzung der Produktion den Shareholder Value zu erhalten, obwohl die Nachfrage abstürzt, da Dutzende Millionen kaum noch das Haus verlassen.

Die Leitmedien und das politische Establishment laufen zur Schadensbegrenzung auf. Die Medien vermeiden es in ihrer Berichterstattung über die Stilllegungen systematisch, über die Ausstände zu berichten, und vermitteln stattdessen den Eindruck, die Unternehmen und die Gewerkschaften hätten plötzlich aus Sorge um das Wohlergehen der Arbeiter ihre Entscheidung überdacht. Die beruhigenden Schlagzeilen der letzten Woche, in den Werken würden routinemäßige „Grundreinigungen“ durchgeführt, haben sich als reine Lügen erwiesen. In Wirklichkeit wurde fast nichts getan. Arbeiter berichten, sie hätten nicht einmal Handschuhe, Masken, Desinfektionsmittel oder heißes Wasser zum Händewaschen zur Verfügung.

Debbie Dingell, die Witwe des „GM-Kongressabgeordneten“ John Dingell, veröffentlichte am Mittwochnachmittag eine Stellungnahme, in der sie behauptete, die UAW habe den Kampf zur Schließung der Werke angeführt: „Die UAW-Führung konzentrierte sich als oberste Priorität darauf, die Gesundheit und Sicherheit ihrer Arbeiter zu schützen ... Künftig müssen die Gewerkschaften und die Unternehmen zusammenarbeiten, um Arbeiter und die Stabilität der Branche zu schützen [Hervorhebung hinzugefügt]“ – im Klartext: die Arbeiter müssen wieder zur Arbeit gezwungen werden, um mehr Profit zu erwirtschaften.

Die Ereignisse am Mittwoch waren ein Meilenstein in der tiefsitzenden Rebellion der Arbeiter gegen die unternehmerfreundlichen Gewerkschaften. Die Arbeiter haben gegen den Widerstand der UAW die Initiative ergriffen und konnten die Autokonzerne innerhalb weniger Stunden dazu bringen, die Produktion zumindest vorübergehend anzuhalten. Durch ihre eigene Praxis beginnen sie zu verstehen, dass sie ohne die UAW viel mächtiger sind. Ein Arbeiter in Sterling Heights erklärte über die kollektive Stärke der Arbeiter: „Das war beeindruckend.“

Die Autoarbeiter müssen jetzt zur Speerspitze einer breiten Bewegung der ganzen Arbeiterklasse werden. Der nächste Schritt ist die Bildung eines Netzwerks von Aktionskomitees an ihren Arbeitsplätzen und in ihren Nachbarschaften, das von den Autowerken ausgehend Arbeiter in allen Branchen umfasst und sie mit den Arbeitern im Rest der Welt verbindet.

Leere Werkshallen im Fertigungswerk Jefferson North nach Schließung

Diese Komitees können eine Stilllegung aller verzichtbaren Betriebe durchsetzen sowie die volle Entschädigung für Krankheitstage. Sie sollten von den Regierungen der Welt Billionen für den Kampf gegen die Pandemie fordern. Die Vermögen der Reichen und der Großkonzerne müssen beschlagnahmt und der Gesellschaft zur Verfügung gestellt, die Industriebetriebe für die Produktion von medizinischem Gerät und wichtigen Gütern umgebaut werden.

Ein Arbeiter des Truck-Werks in Warren erklärte gegenüber der World Socialist Web Site: „Um die Werke zu schließen, brauchte es die Arbeiter, die gemeinsam handeln. Wir tun, was wir tun müssen. Wir müssen unsere Gesundheit, unsere Kinder und unsere Eltern schützen. Es muss überall gerecht zugehen. Wir müssen gleich behandelt werden, gleich sein.“

„Wir halten das Land am Laufen. Wir tun alles. Wir müssen aufstehen und uns zurückholen, was wir bereits aufgebaut haben. 'Sie' sind die Kapitalisten. Und 'sie' wollen uns spalten. Es geht nicht darum, ob man schwarz oder weiß, schwul oder hetero ist, es geht um Kapitalisten und Arme. Wir müssen die rassistische Negativität beenden, die darauf ausgelegt ist, die Menschen voneinander zu trennen.“

„Es gibt genug Geld auf der Welt. Es dürfte keine Obdachlosen geben, keine arbeitslosen Veteranen. Sie haben Milliarden in die Aktienmärkte gesteckt, aber was ist mit uns? Hier in Detroit sollten sie die ganzen leeren Schulen nutzen und improvisierte Krankenhäuser einrichten und den Obdachlosen helfen. Sie zeigen uns, dass ihnen das egal ist.“

„Es geht nicht nur um das Virus, sondern um viel mehr. Es geht um Reiche und Arme auf der ganzen Welt. Sie wollen die Alten loswerden, vielleicht auch ein paar Babys und die Bevölkerung kontrollieren. Die Arbeiterklasse hat die Macht, das zu ändern. Was wir brauchen, ist eine starke Führung. Der Kapitalismus tötet alles, und ich habe genug davon.“