Über 30.000 Todesopfer durch Covid-19 in Europa: Arbeiter streiken für sichere Arbeitsbedingungen

Von Robert Stevens
2. April 2020

Die Coronavirus-Krise hat in Europa bisher mehr als 30.000 Menschenleben gefordert und führt zu einer Verschärfung des Klassenkampfs. Immer mehr Arbeiter organisieren Streiks und Proteste für sichere Arbeitsbedingungen.

Italienische und spanische Auto- und Stahlarbeiter, Amazon-Beschäftigte, Postangestellte, Busfahrer, Supermarktpersonal und Beschäftigte im öffentlichen Dienst reagieren mit Streiks und Protesten darauf, dass Arbeitgeber keine Rücksicht auf Maßnahmen zur sozialen Distanzierung nehmen. Oft stellen sie nicht einmal die grundlegendste persönliche Schutzausrüstung und Hygieneprodukte wie Desinfektionsmittel und Seife zur Verfügung.

Das Kolosseum in Rom spiegelt sich in einer Pfütze. Es wird im Rahmen der neuen Maßnahmen gegen öffentliche Versammlungen geschlossen. Sonntag, 8. März 2020. (Alfredo Falcone/LaPresse via AP)

In Italien stieg die Zahl der Toten am Dienstag erneut um 837 und am Mittwoch um 727 auf insgesamt 13.155, die Zahl der Infizierten kletterte am Mittwoch um 4.782 nach oben.

Am Montag legten 300 Arbeiter des Amazon-Logistikzentrums in Calenzano nahe Florenz, hauptsächlich Fahrer, die Arbeit nieder. Sie fordern eine neue Gesichtsmaske pro Schicht, die Beschränkung von Lieferungen auf lebenswichtige Güter und eine regelmäßige Reinigung aller Arbeitsbereiche und Lastwagen. In anderen Amazon-Einrichtungen im Piemont, Lazio und der Lombardei gehen die Proteste weiter.

Beispielhaft für die verschärften Klassenspannungen war ein weit verbreitetes Video eines Vaters, der in häuslicher Quarantäne neben seiner kleinen Tochter sitzt und ein Stück Brot isst. An die Adresse des italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte gerichtet, erklärt er: „Wir sind bereits seit 15 bis 20 Tagen zu Hause, und wir sind an unsere Grenze angelangt. Wie meine Tochter werden auch andere Kinder in ein paar Tagen keine Scheibe Brot wie diese mehr essen können. Seien Sie sicher, Sie werden das bereuen. Es wird eine Revolution geben.“

In Großbritannien wurde am Mittwoch mit 563 Toten der bisher größte Anstieg pro Tag gemeldet. Außerdem wurde am Dienstag bekannt, dass ein 13-Jähriger gestorben ist, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Der Junge ist das jüngste Todesopfer in Großbritannien; das jüngste in Europa war ein 12-jähriges Mädchen aus Belgien.

Am Montag legten 80 Postangestellte und Verwaltungskräfte eines Sortierzentrums im schottischen Alloa bei einem spontanen Streik die Arbeit nieder. Sie weigerten sich, in der Sortierhalle unter unsicheren Bedingungen und ohne ausreichende Schutzausrüstung zu arbeiten. Daneben protestieren sie außerdem gegen die Zustellung von Werbepost. Am Dienstag legten 15 Postangestellte eines Royal-Mail-Verteilzentrums in Lochgelly in Fife zum zweiten Mal in Folge die Arbeit nieder. Letzte Woche fanden weitere Streiks in Southwark (London) und Bridgewater (Somerset) für die gleichen Forderungen statt.

Weitere Streiks organisierten Lager- und Logistikarbeiter an mehreren Standorten. Am Samstag legten 500 Lagerarbeiter der britischen Modekette Asos in Barnsley (South Yorkshire) die Arbeit nieder, um gegen unsichere Bedingungen zu protestieren. In dem Lagerhaus arbeiten 4.000 Beschäftigte, pro Schicht etwa 500.

Die Gewerkschaft GMB erklärte dazu: „Das Lager verarbeitet momentan Bestellungen aus dem deutschen Lager, das geschlossen wurde. Hunderte von zusätzlichen Mitarbeitern wurden in die Belegschaft geholt, um die Millionen Onlinebestellungen abzuarbeiten, die Asos am Wochenende erhalten hat.“ Der Besitzer von Asos ist Anders Holch Povlsen, der größte private Grundbesitzer Schottlands mit einem Vermögen von schätzungsweise 6,1 Milliarden Pfund.

In den sozialen Medien zirkulieren zahlreiche Bilder von Arbeitern, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln ohne Sicherheitsabstand zur Arbeit fahren und dann in großen Gruppen auf kleinem Raum zu Arbeitsbeginn ihre Karten stempeln. In der Kantine des Lagerhauses machen Hunderte von Beschäftigten gleichzeitig Pause.

Ein Arbeiter schickte per Twitter eine Botschaft an Vorstandschef Nick Beighton: „Ich sage Ihnen, ich und meine Kollegen haben wirklich Angst davor, zur Arbeit zu gehen. Es ist unmöglich, im Lagerhaus einen Sicherheitsabstand einzuhalten. Man hat uns gesagt, es wäre nicht erlaubt, Masken zu tragen, weil sie nicht zur Uniform gehören. Wir werden hier sterben.“

Der Bürgermeister der Metropolregion Greater Manchester, Andy Burnham, hat erst vor wenigen Tagen Arbeiter dazu aufgefordert, ihm mitzuteilen, ob ihre Firmen ohne guten Grund weiterarbeiten. Seither hat er mehr als 300 Beschwerde-E-Mails von Beschäftigten aus 150 verschiedenen Unternehmen erhalten.

Auf Baustellen werden selbst die grundlegendsten Gesundheitsschutz- und Sicherheitsmaßnahmen missachtet. Laut Construction News(CN) „haben Mitarbeiter auf Baustellen, auf denen kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten wurde und auf denen Covid-19-Verdachtsfälle rückwirkend vom Management bestätigt wurden, die Information darüber nur durch Mundpropaganda erhalten. Auf einer Baustelle in Nordengland hat man den Arbeitern nichts davon gesagt, dass einer ihrer Kollegen, mit dem sie nahen Kontakt hatten, freiwillig in Quarantäne gegangen war, weil ein Verwandter an der Krankheit gestorben war. ... Bis jetzt hat die Regierung die Arbeitgeber nicht verpflichtet, das Personal über Coronavirus-Verdachtsfälle am Arbeitsplatz zu informieren.“

In dem Artikel heißt es weiter: „Alle Personen, mit denen CN sprach, hatten Angst vor Entlassung, Lohnabzug und dass sie von künftigen Arbeitsaufträgen ausgeschlossen werden.“

Frankreich verzeichnete mit 509 Toten am Mittwoch den größten Anstieg seit Beginn der Pandemie. Insgesamt gibt es in dem Land bisher 4.032 Todesopfer, am Dienstag befanden sich 22.757 Menschen in Krankenhäusern, 5.565 davon in kritischem Zustand.

Bei PSA, Renault und Toyota dauern die Streiks an, nachdem die Autoarbeiter letzte Woche die Arbeit niedergelegt hatten. Am 18. März fand ein Streik im Amazon-Logistikzentrum in Montélimar für sichere Arbeitsbedingungen statt. Jetzt steht ein landesweiter Streik durch Krankmeldung bevor. Laut Gewerkschaft meldet sich die Hälfte der Belegschaft jetzt krank, während das Amazon-Management in Frankreich behauptet, dass nur 20 Prozent die Arbeit verweigern.

Im südfranzösischen Vitrolles nahe Marseille legten am Montag Beschäftigte der Supermarktkette Carrefour die Arbeit nieder, nachdem bei zwei ihrer Kollegen Covid-19 diagnostiziert wurde. Sie forderten, dass das Warenangebot auf Lebensmittel beschränkt und der gesamte Supermarkt desinfiziert wird, bevor sie wieder an die Arbeit zurückgehen. Fati Poucel, ein Vertreter der Gewerkschaft, erklärte dazu, die Arbeiter „weigern sich, weiterhin an der Front ihr Leben zu riskieren“. Die Unternehmensleitung musste daraufhin am Montag in einer Erklärung zusagen, von den zwei Millionen bestellten Schutzmasken auch allen Beschäftigten eine zu geben.

In Deutschland stieg die Zahl der Toten am Mittwoch um 134 auf insgesamt 909. Auch hier wächst der Widerstand unter Arbeitern in Krankenhäusern, an Flughäfen und in den Betrieben.

 

Siehe auch:

Pandemie in Italien: Suizide von Krankenschwestern nehmen zu
[1. April 2020]

Untätigkeit der Regierungen gefährdet Millionen von europäischen Pflegekräften
[1. April 2020]

Coronavirus in Europa: Überlastete Kliniken werden zu Todesfallen
[27. März 2020]