Lockerungen für Kitas: Ein „Experiment mit Kindern auf Leben und Tod“

Gespräch mit einer Erzieherin aus Bayern

Von Marianne Arens
6. Mai 2020

Mit dem Druck der Wirtschaft, an die Arbeit zurückzukehren, wird auch der Notbetrieb in den Kitas wieder stark ausgeweitet. Ein „Experiment mit Kindern auf Leben und Tod“, nennt das eine Kitaleiterin aus Bayern im Gespräch mit der WSWS. In der Krise zeige sich, was „in unsrer Gesellschaft zählt: Der wirtschaftliche Wert wird viel zu hoch und der menschliche Wert viel zu niedrig eingeschätzt.“

Offiziell sollen Kommunen und Städte in den Kitas zwar noch bis Ende Juli bloß Notbetreuung anbieten. Aber seit dem 27. April, in einigen Kommunen seit dem 4. Mai, haben fast überall deutlich mehr Familien Anspruch auf Kinderbetreuung. Mittlerweile dürfen auch Kinder in die Einrichtungen gebracht werden, wenn nur ein Elternteil beruflich eine „betriebsnotwendige“ Funktion ausübt.

Dies bezieht sich keineswegs nur auf den Gesundheitsdienst, den Lebensmittelhandel oder den öffentlichen Nahverkehr, sondern kann auch die Arbeit irgendwo im öffentlichen Dienst, in der Industrie oder in anderen so genannten Schlüsselfunktionen bedeuten. Auch Alleinerziehende, die Arbeit haben, „dürfen“ ihre Kinder jetzt wieder abgeben. Alles in allem ist es eine extreme Ausweitung des Kita-Betriebs, den man schon kaum mehr „Notbetreuung“ nennen kann.

Gestern kündigten die ersten Bundesländer Pläne für die Rückkehr in den „Normalbetrieb“ an. „Unser Ziel ist es, dass bis Pfingsten bis 50 Prozent der Kinder in den Kitas wieder betreut werden“, erklärte der bayrische Ministerpräsident Markus Söder. Nach Pfingsten solle dann der andere Teil folgen. Auch in Hessen sollen die Kitas im Juni wieder öffnen. In Mecklenburg-Vorpommern soll für die rund 4.100 Kinder bei Tagesmüttern und Tagesvätern die reguläre Betreuung bereits am 11. Mai wieder beginnen. Am 18. Mai sollen dann alle 13.600 Vorschulkinder wieder in die Kitas zurückkehren können.

Mit ihrer Lockerungspolitik gefährden die Regierungen in Bund und Ländern die Gesundheit und das Leben von hunderttausenden Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Die gefährlichen Konsequenzen der vorschnellen Öffnung von Schulen und Kindergärten werden bereits sichtbar. Berichten zufolge mussten in den vergangenen Tagen zahlreiche Schulen und Kitas wieder schließen, nachdem Kinder oder deren Verwandte positiv auf Covid-19 getestet worden waren. So befinden sich etwa an der Henry-Ford-Schule im Kölner Stadtteil Seeberg zehn Kinder und drei Lehrer in einer 14-tägigen Quarantäne, nachdem sich eine sechzehnjährige Schülerin infiziert hatte.

In Berlin kursiert derzeit eine Petition „Schützt unsere Pädagogen!“, die betont, dass es nicht sinnvoll sein könne, „die Kitas von anfangs gewollten 15 % der normalen Kapazität in der Notbetreuung auf nun fast 80 % hochzufahren“. Das sei keine Notbetreuung mehr, und es sei auch gar nicht möglich, unter solchen Bedingungen die Hygienevorschriften einzuhalten. „Viele Einrichtungen werden vor der schwierigen Entscheidung stehen, die jungen Kollegen zu ‚verheizen‘, oder die Mitglieder der Risikogruppen zurück in die Kitas zu holen, die es eigentlich zu schützen gilt.“

Über dieses Dilemma und die rücksichtslose Politik sprach die WSWS mit Maria*, die in einer bayerischen Kita in der Kindergartenleitung arbeitet. Sie hat zwei eigene Kinder, die sie als Alleinerziehende betreut; deshalb befindet sie sich derzeit selbst noch zuhause im Home-Office. „Wie soll es jetzt weitergehen?“ sorgt sie sich in dieser Situation. „Kommt nochmals ein Rückfall? Wenn man diese Lockerungen betrachtet, so könnte es durchaus sein, dass die ganze Situation jetzt erst richtig explodiert.“

Sie berichtet, wie sie in ihrer Einrichtung die Coronakrise erlebt hatte: „Die Kitas wurden überraschend, von Freitag auf Montag, geschlossen. Wir hatten zwar aus den Medien schon von ähnlichen Maßnahmen im Ausland gehört, doch bei uns wurden weder die Eltern noch die Kinder darauf vorbereitet. Als ich dann davon hörte, dachte ich anfangs, dass überhaupt alle zuhause bleiben würden – aber das war ja dann nicht der Fall.“

„An diesem Freitag saß ich wie auf heißen Kohlen“, fährt sie fort. „Die Eltern kamen, um ihre Kinder abzuholen, und ich konnte ihnen nicht sagen, ob sie sie am Montag wieder herbringen könnten. Schließlich war dann am Montag geschlossen, aber die Erzieherinnen mussten (außer den Risikogruppen) trotzdem alle vor Ort sein, um der ‚Fürsorgepflicht‘ zu genügen.“ Also wurde ein Notdienst eingerichtet, denn alle Kinder sollten im Notfall eine Möglichkeit haben.

Für Maria war die Situation „schockierend, denn die Alleinerziehenden hatte man vergessen. Und man konnte ja die Kinder auch nicht zu den Großeltern geben.“ Sie war gezwungen, erst einmal Überstunden abzufeiern und mit ihrem Arbeitgeber zu verhandeln, bis die jetzige Home-Office-Lösung gefunden wurde. „Aber wie wird es jetzt weitergehen? Das weiß keiner.“

Von der bayerischen Staatsregierung sei ein Schreiben gekommen, das jedoch für die Kitas im Wesentlichen bloß fromme Wünsche enthalte: „Wie stellt man sich das vor: zweieinhalbjährige Kinder mit Mundschutz zu betreuen und auf Abstand zu halten? Das geht gar nicht.“

Darüber hinaus werde viel zu wenig getestet: „Würden Mitarbeiter und Eltern regelmäßig getestet, dann würden wir alle uns sicherer fühlen.“ Sie überlegt: „Dabei haben die Kitas doch einen riesigen Stellenwert. Ohne uns könnten auch Ärzte nicht arbeiten. Aber erst in der Krise zeigt sich, dass in unsrer Gesellschaft der wirtschaftliche Wert viel zu hoch und der menschliche Wert viel zu niedrig eingeschätzt wird.“

Sie ist entsetzt über die zahlreichen Propagandalügen, die in Umlauf gesetzt werden, wie zum Beispiel, dass Kinder nicht an Corona erkranken könnten. „Es mag seltener der Fall sein, aber auch Kinder, sogar Babys, sind schon infiziert worden und wurden heftig krank. Das wird aber in den Medien wenig beachtet. Für Kleinkinder ist es entsetzlich, wenn sie in der Intensivstation an die Schläuche angeschlossen werden müssen. Allein die Vorstellung solcher Qualen für ein Kind ist für Eltern wie Erzieher nicht auszuhalten.“

Die Pandemie habe einmal mehr die völlig unzureichende personelle und finanzielle Ausstattung der Kitas offengelegt. Maria verweist darauf, dass es viel besser wäre, die Kinder in Kleingruppen zu betreuen.

Kita-Streik im Jahr 2015 (hier Frankfurt am Main)

Schon im großen Kita-Streik von 2015, der von den Gewerkschaften Verdi, GEW und dbb (Deutscher Beamtenbund) ausverkauft wurde, sei es eigentlich darum gegangen, dass sich die Lage in den Kitas wesentlich ändern müsste. „Wir waren alle dabei – aber am Ende haben die Erzieherinnen nur eine geringe Lohnerhöhung erreicht, die teilweise durch die Steuern wieder aufgefressen wurde.“ Auch habe sich die Lage durch die leichte Verbesserung am Personalschlüssel kaum entspannt.

Wie sie berichtet, werden die Kinder im Normalbetrieb in großen Gruppen betreut. Aufgrund der Rechtslage hat jedes Dreijährige Anspruch auf einen Kitaplatz. In Bayern gilt sogar seit 2013 ein Rechtsanspruch auf einen Platz für jedes Kind ab vollendetem 1. Jahr. Gleichzeitig herrscht aber nach wie vor großer Erziehermangel. Offiziell seien bei ihnen drei Erzieher für 25 Kinder zuständig. „Das sind aber nicht alles Vollzeitkräfte. Wenn eine von den dreien mittags geht, und irgendein Elterngespräch, eine Pausenzeit oder sonst etwas dazwischenkommt, dann kann es sein, dass man plötzlich mit den Kindern ganz alleine dasteht. Der Stresspegel ist andauernd hoch.“

Erst jetzt realisiere sie die nervliche Belastung ihrer Arbeit vollständig, denn erst nach Wochen im Home-Office habe sie es geschafft, sich wieder einmal vollständig zu entspannen. Sie hoffe, dass sich durch die Erfahrung mit der Pandemie „vieles ändern“ werde. „Erst jetzt haben viele Eltern realisiert, was wir für eine Arbeit leisten.“ Maria erwartet, dass jetzt entscheidende Lehren für die Zukunft gezogen werden, denn: „Die Kinder von heute sind doch die Erwachsenen von morgen, das sollten wir nicht vergessen.“

Umso wütender macht Maria die offizielle Politik. Die aktuelle Lockerung kommt ihr wie ein „Experiment mit Kindern auf Leben und Tod“ vor. Das Risiko sei sehr hoch, denn infolge der neuen Bestimmungen kämen wieder deutlich mehr Kinder, „und es gibt praktisch keine Möglichkeit des Schutzes. Bei unserer Arbeit haben wir natürlich viel Körperkontakt. Das ist nicht wie im Supermarkt, wo man sich die Leute auf Distanz halten kann.“

[*Name von der Red. geändert]