75 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs

Vor 75 Jahren ging in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende. Am frühen Morgen des 7. Mai unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl im US-Hauptquartier in Reims die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Adolf Hitler hatte sich eine Woche zuvor angesichts der anrückenden Roten Armee im Berliner Führerbunker erschossen. Am 8. Mai 1945 um Mitternacht wurden alle Kampfhandlungen beendet. Im Pazifik dauerte der Krieg weitere fünf Monate bis zur Kapitulation Japans am 2. September.

Unterzeichung der Bedingungslosen Kapitulation am 7. Mai 1945 in Reims; General Jodl vorne links (Bild: Musée de la reddition de Reims)

Der Zweite Weltkrieg war das brutalste und verlustreichste Gemetzel der Menschheitsgeschichte. Die Verbrechen und Grausamkeiten, die begangen wurden, überstiegen alles, was sich die menschliche Phantasie bisher hatte vorstellen können.

Rund 70 Millionen Menschen wurden getötet, zwei Drittel davon Zivilisten – unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder. Und dabei handelte es sich nicht um „Kollateralschäden“. Die Ausrottung großer Teile der Zivilbevölkerung war von Anfang an erklärtes Ziel des Vernichtungskriegs der Nazis, der seinen barbarischen Höhepunkt in der planmäßigen Ermordung von sechs Millionen Juden fand.

Die Sowjetunion allein verlor rund 27 Millionen ihrer Bürger, mehr als die Hälfte davon Zivilisten. Von den 13 Millionen Toten in Uniform starben 3,3 Millionen an Hunger und Kälte in deutschen Kriegsgefangenenlagern – an sich schon ein gewaltiges Kriegsverbrechen. Wer als Mitglied der Kommunistischen Partei, Jude oder Partisan deutschen Einheiten in die Hände fiel, wurde auf der Stelle erschossen. Ganze Landstriche wurden ausgehungert, niedergebrannt und vernichtet.

Der mörderische Terror beschränkte sich nicht auf die Front. Neben Juden, die aus ganz Europa nach Auschwitz gekarrt wurden, fielen Hunderttausende Sinti und Roma, Mitglieder anderer Minderheiten, Zwangsarbeiter und politische Gefangene den Nazis zum Opfer. Rund 200.000 Behinderte wurden im Rahmen des Euthanasieprogramms getötet. Die deutsche Militärjustiz verurteilte 1,5 Millionen Wehrmachtsoldaten wegen Wehrkraftzersetzung und ähnlichen Taten, 30.000 davon zum Tode. Die Opfer der Ziviljustiz wurden nie genau ermittelt. Allein der Volksgerichtshof verhängte 5200 Todesurteile.

Die Alliierten passten ihre Methoden zunehmend jenen ihrer Gegner an. Erstmals in einem modernen Krieg vernichteten beide Seiten gezielt die Zivilbevölkerung von Großstädten. Der zweijährigen Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht fielen über eine Million Menschen zum Opfer. Die von alliierten Bombern entfachten Feuerstürme töteten in Dresden, Hamburg und anderen Städten weit abseits der Front zehntausende Zivilisten. Im Sommer unterzeichnete US-Präsident Harry Truman in Potsdam, keine 30 Kilometer von Hitlers Führerbunker entfernt, den Befehl zum Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.

Das Trauma, das Entsetzen und die Abscheu über die unsagbaren Verbrechen und Gräuel des Zweiten Weltkriegs verankerten in breiten Teilen der deutschen und der Weltbevölkerung die Überzeugung: „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ Doch 75 Jahre nach Kriegsende sind Faschismus und Krieg weltweit wieder eine unmittelbare Gefahr. Das begann lange vor der Covid-19-Krise, doch die globale Pandemie hat ihre Entwicklung dramatisch beschleunigt.

Begriffe wie „Herdenimmunität“ und „Triage“ haben die Alltagssprache erobert. Sie stehen für die Diskussion darüber, wie viele Menschenleben den Interessen der „Wirtschaft“, d.h. der Börsenspekulanten und Superreichen geopfert werden sollen. Millionen Arbeiter werden trotz der eindringlichen Warnung von medizinischen Experten an die Arbeit zurückgezwungen. US-Präsident Donald Trump bezeichnet die Amerikaner als „Krieger“, die bereit sein müssten, ihr Leben für die höhere Sache zu geben. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble erklärt, es sei „nicht richtig zu sagen, der Schutz von Leben und Gesundheit habe unbedingten Vorrang vor allem anderen“.

Noch nie war das Risiko eines dritten Weltkriegs, der das Ende der menschlichen Zivilisation bedeuten würde, so groß wie heute.

Der amerikanische Präsident sympathisiert offen mit faschistischen Milizen in den USA und rechten Diktatoren auf der ganzen Welt und droht Iran, Venezuela und der Nuklearmacht China mit Krieg. Die oppositionellen Demokraten unterstützen ihn dabei. Neben dem Militärhaushalt der USA, der sich in diesem Jahr auf 738 Milliarden Dollar beläuft, verblassen die Rüstungsausgaben des Dritten Reichs. Hitler hatte 1938, dem letzten Vorkriegsjahr, 17, 5 Milliarden Reichsmark in die Rüstung gesteckt. Das entspricht nach heutiger Kaufkraftparität 78 Milliarden Dollar.

Ausgerechnet Deutschland ist zum Brennpunkt der Rehabilitierung von Krieg und Nationalsozialismus geworden. Kein anderes europäisches Land hat den Verteidigungsetat in jüngster Zeit derart gesteigert. Allein 2019 wuchs er um 10 Prozent auf fast 50 Milliarden Dollar. Deutschland hat damit Großbritannien überholt und ist weltweit auf Rang sieben hinter Frankreich aufgestiegen.

Die Perspektive der herrschenden Klasse brachte der Grüne Joschka Fischer auf den Punkt, als er die Deutschen zum 8. Mai aufrief, „ihren instinktiven Pazifismus“ zu überwinden. Das Land müsse sich „von seinen pazifistischen Instinkten“ lösen, schrieb der ehemalige Außenminister im Tagesspiegel. Das jähe Ende der „sanften Patronage“ durch die Schutzmacht USA zwinge „Europa zur verstärkten Verteidigung seiner eigenen Sicherheit“. Das könne „ohne Deutschland nicht funktionieren“. Mit der Abschwächung des amerikanischen Schutzes stellten sich „für Deutschland wieder Fragen, die seit dem Frühjahr 1945 andere für uns beantwortet haben“. – Also: Zurück vor 1945!

Der Oppositionsführer im deutschen Bundestag, Alexander Gauland, bezeichnet den 8. Mai als „Tag der absoluten Niederlage“, an dem Deutschland seine „Gestaltungsmöglichkeit“ verloren habe. Er wies damit einen Vorschlag der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano zurück, das Kriegsende zum nationalen Feiertag zu erklären. Zuvor hatte bereits Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) 1945 als Jahr der „Katastrophe“ bezeichnet.

Der rechtsextreme Historiker Jörg Baberowski hatte schon vor sechs Jahren mit der Behauptung, Hitler sei „nicht grausam“, die Rehabilitierung der Nazis eingeleitet. Er wurde von Universitätsleitung, Medien und Regierung verteidigt, während die Sozialistische Gleichheitspartei, die ihn kritisierte, vom Inlandsgeheimdienst auf die Liste verfassungsfeindlicher Organisationen gesetzt wurde. Nun sollte Baberowski die Festrede auf der zentralen Gedenkfeier an das Ende des Zweiten Weltkriegs in der sächsischen Gedenkstätte Torgau halten. Nur die Corona-Krise, die zur Absage der Veranstaltung zwang, verhinderte seinen Auftritt.

Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland und auf der ganzen Welt lehnt die Rückkehr zu Militarismus und Faschismus ab. Aber Ablehnung allein reicht nicht aus, um eine Katastrophe zu verhindern. Notwendig sind ein Verständnis der Ursachen und eine klare politische Pesrpektive. Der Kampf gegen Krieg und Faschismus, das zeigen die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg, ist untrennbar verbunden mit dem Kampf gegen den Kapitalismus. Er erfordert die Mobilisierung der internationalen Arbeiterklasse für ein sozialistisches Programm.

Es gibt unzählige historische, soziologische und literarische Werke über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Doch die Auseinandersetzung über die Lehren aus dem Absturz der menschlichen Kultur in die Barbarei kollidierte von Anfang an mit mächtigen gesellschaftlichen und politischen Interessen.

Die deutschen Eliten setzten ihre Karrieren in Wirtschaft, Regierung, Geheimdienst, Polizei, Justiz, Universitäten und Armee nach 1945 bruchlos fort und hatten kein Interesse, in der Vergangenheit zu wühlen. Hitler, dem sie sich angedient und um den Hals geworfen hatten, stand nun plötzlich als Verführer und Vergewaltiger da. Der Führer war an allem schuld, und sie waren höchstens Befehlsempfänger, wenn nicht sogar heimliche Widerstandkämpfer gewesen. Es dauerte 18 Jahre, bis in Frankfurt der erste Prozess gegen die SS-Mannschaften des Konzentrationslagers Auschwitz stattfand, die zwischen 1940 und 1945 mehr als eine Million Menschen ermordet hatten.

Die US-Regierung, die in den Nürnberger Prozessen der ganzen Welt die Verbrechen der Nazis vor Augen führte, vollzog eine rasch Kehrtwende, als sie die Nazi-Experten im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion brauchte. Die Prozesse wurden eingestellt, nachdem zwei Dutzend der übelsten Verbrecher zum Tode und etwa fünf Mal so viele zu Haftstrafen verurteilt worden waren.

Die stalinistischen Herrscher der Sowjetunion und Osteuropas gingen zwar etwas konsequenter gegen Kriegsverbrecher vor, hatten aber auch kein Interesse, historische Fragen zu klären. Das hätte unweigerlich die eigene kriminelle Rolle am Vorabend des Zweiten Weltkriegs aufgebracht, als die stalinistische Bürokratie den Kampf der Kommunistischen Massenparteien gegen Faschismus und Krieg lähmte und sabotierte.

In Deutschland weigerte sich die KPD, für eine Einheitsfront mit der SPD gegen die Nazis zu kämpfen, obwohl die beiden Arbeiterparteien bis 1932 zusammen weit stärker waren als die Nazis. In Frankreich und Spanien ordneten die stalinistischen Parteien die Arbeiterklasse einer Volksfront mit der liberalen Bourgeoisie unter, verfolgten und ermordeten revolutionäre Arbeiter und ermöglichten so den Sieg der Reaktion.

Die Schriften Leo Trotzkis, der das Erbe des Marxismus und der Russischen Oktoberrevolution gegen die stalinistische Degeneration verteidigte, bilden bis heute die wichtigste Quelle zum Verständnis des Zweiten Weltkriegs und der Nazi-Diktatur.

Trotzki beharrte darauf, dass der Zweite Weltkrieg denselben Ursachen entsprang wie der Erste: Dem Kampf mächtiger kapitalistischer Nationalstaaten um eine Vormachstellung in der zunehmend integrierten Weltwirtschaft; dem Widerspruch zwischen Weltwirtschaft und Nationalstaat, auf dem der Kapitalismus beruht; dem Grundwiderspruch zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Privateigentum an den Produktionsmitteln.

Bereits im Sommer 1934, fünf Jahre vor Ausbruch des Weltkriegs, warnte er:

Dieselben Faktoren, die den letzten imperialistischen Krieg hervorgerufen haben und die vom heutigen Kapitalismus untrennbar sind, entfalten gegenwärtig ungleich größere Kraft als Mitte 1914. Nur die Furcht vor den Folgen eines neuen Krieges bremst gegenwärtig noch den Drang des Imperialismus zum Kriege. Doch ist die Kraft dieser Bremse begrenzt. Die Spannung der inneren Widersprüche stößt ein Land nach dem anderen auf den Weg des Faschismus, der sich wiederum nur an der Macht halten kann, indem er sich anschickt, internationale Explosionen auszulösen. Alle Regierungen fürchten den Krieg, doch keine einzige hat die freie Wahl. Ohne proletarische Revolution ist ein neuer Weltkrieg unvermeidlich. (1)

Hitlers Persönlichkeit hatte Einfluss auf den Ablauf der Ereignisse, aber sie war nicht die Ursache des Krieges. Die Frage war vielmehr, warum ein antisemitischer Psychopath aus der Gosse Wiens zum „Führer“ Deutschlands aufsteigen konnte. Die Antwort ist eindeutig: Die herrschende Klasse brauchte Hitler und seine faschistische Bewegung als Rammbock gegen die sozialistischen Bestrebungen der Arbeiterklasse und um einen zweiten imperialistischen Raubkrieg vorzubereiten.

„Dieser deutsche Epileptiker mit einer Rechenmaschine in seinem Schädel und unbegrenzter Macht in seinen Händen fiel nicht vom Himmel und kam nicht aus der Hölle; er ist nichts als die Verkörperung der Zerstörungskräfte des Imperialismus“,(2) schrieb Trotzki 1940 über Hitler.

Auch die USA und Großbritannien führten keinen Krieg zur Verteidigung der Demokratie gegen den Faschismus, wie sie behaupteten, sondern einen Krieg um die imperialistische Neuaufteilung der Welt.

Der Krieg löste keines der Probleme, die ihn hervorgerufen hatten. Gestützt auf die ökonomische Stärke der USA und die Politik des Stalinismus, der die revolutionären Bestrebungen der Arbeiterklasse unterdrückte und die mächtigen Widerstandsbewegungen in Italien und Frankreich entwaffnete, entstand nach 1945 ein neues, labiles Gleichgewicht zwischen den imperialistischen Mächten. Auch in Osteuropa fanden keine sozialistischen Revolutionen statt. Die Stalinisten gingen in den sogenannten Pufferstaaten erst zu Enteignungen im großen Stil über, als sich die bürgerlichen Elemente verstärkt nach Westen orientierten. Gleichzeitig unterdrücken sie Arbeiteraufstände, wie 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn.

Auf die Massenstreiks und Studentenrevolten, die zwischen 1968 und 1975 Frankreich, große Teile Europas und die USA erschütterten, reagierten die Kapitalisten mit einer Gegenoffensive und der Deregulierung der Finanzmärkte. Die Folgen waren eine beispiellose internationale Integration der Produktion und eine Verschärfung des Kampfs um internationale Vorherrschaft.

Die Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 bedeutete nicht das Scheitern des Sozialismus, sondern des nationalistischen Programms der stalinistischen Bürokratie. Sie kündigte, wie das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) damals als einzige politische Tendenz betonte, ein neues Stadium interimperialistischer Konflikte und eine neue Epoche von Kriegen und Revolutionen an.

Dreißig Jahre später steht die Korrektheit dieser Analyse außer Zweifel. Der globale Kapitalismus steuert auf eine weitere Katastrophe zu, während sich die Arbeiterklasse – die heute weitaus zahlreicher und international viel enger verbunden ist – rasch radikalisiert. Alles hängt nun davon ab, das IKVI und seine Sektionen, die Sozialistischen Gleichheitsparteien, aufzubauen, um den Kämpfen der Arbeiterklasse eine sozialistische Orientierung zu geben. Nur der Sturz des Kapitalismus kann eine weitere Katastrophe wie den Zweiten Weltkrieg verhindern.

Zitate

1) Leo Trotzki, „Der Krieg und die IV. Internationale“, in: Schriften 3, Bd. 3.3, Köln 2001, S. 550.

2) Leo Trotzki, „Manifest der IV. Internationale zum imperialistischen Krieg und zur proletarischen Weltrevolution“, in: Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 224.

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