Nach erzwungener Rückkehr an die Arbeitsplätze:

Hunderte mexikanische Maquiladora-Arbeiter gestorben

Von Eric London
20. Mai 2020

Die Entscheidung der Wall Street und der Trump-Regierung, die Wirtschaft zu öffnen und die Produktion wieder aufzunehmen, hat zu einer beispiellosen Gesundheitskrise im Norden Mexikos geführt. Die Arbeiter der dortigen Maquiladora-Fabriken, die für den Export in die USA produzieren, infizieren sich zu Zehntausenden mit dem Coronavirus und sterben mit alarmierender Geschwindigkeit. In den Maquiladoras herrschen extreme Ausbeutungsbedingungen.

Dieses Archivfoto (27. Dezember 2013) zeigt Arbeiter bei der Herstellung von Schutzmatten für Autoarmaturenbretter in einer Maquiladora-Fabrik im mexikanischen Ciudad Juárez (AP Photo/Ivan Pierre Aguirre, Archiv)

Am Samstag gab der Gesundheitsminister des Bundesstaates Baja California bekannt, dass von den 519 Menschen, die nach offiziellen Angaben im Bundesstaat an den Folgen des Virus gestorben sind, 432 in den Maquiladoras gearbeitet haben. In den Städten des Bundesstaats wie Tijuana und Mexicali, aber auch in anderen Grenzstädten wie Ciudad Juárez, Chihuahua und Matamoros berichten Ärzte, dass in ihren überfüllten Krankenhäuser massenhaft Beschäftigte aus den Maquiladoras liegen, die zum Teil noch in ihrer Arbeitskleidung sterben. Mexikanische Maquiladora-Arbeiter verdienen zwischen acht und zehn US-Dollar pro Tag.

Vertreter der Krankenhäuser erklären, dass die offiziellen Zahlen der Regierung (landesweit 5.332 Tote bzw. 51.633 positive Fälle) die tatsächlichen Auswirkungen weit unterschätzen. Laut ihren Aussagen sterben hunderte oder sogar tausende Maquiladora-Arbeiter mehr als offiziell anerkannt wird. Zudem verschleiere die mexikanische Regierung von Andrés Manuel López Obrador die tatsächliche Zahl zu Gunsten ihrer Bemühungen, die Beschäftigten wieder zur Arbeit zu zwingen.

Eine gestern von der amerikanischen Tageszeitung San Diego Union-Tribune veröffentlichte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der tatsächlichen Todesopfer zehnmal höher sein könnte als die offizielle Zählung:

„Eine Überprüfung von 120 Sterbeurkunden, die in einem Krematorium in der nördlichen Grenzstadt Ciudad Juárez ausgestellt worden waren, ergab, dass bei insgesamt 63 als Todesursache ‚vermutlich COVID-19‘ angegeben wurden. In weiteren 30 Fällen wurde eine Lungenentzündung oder andere Atemwegserkrankungen, die häufig mit dem Coronavirus in Verbindung gebracht werden, als Todesursache angegeben. Nur 12 Urkunden gaben Covid-19 als bestätigte Ursache an, was bedeutet, dass nur diese Fälle in die offizielle Zählung aufgenommen werden.“

Zum Ende der letzten Arbeitswoche stieg die Zahl der neuen, positiv getesteten Fälle (2.400 positive Tests am 14. und 15. Mai) stark an – und das, obwohl ein systematisches Vorgehen bei den Tests in Mexiko praktisch nicht existent ist. In Mexiko kommen 0,5 Tests auf 1.000 Menschen. Selbst im Vergleich mit den USA, wo das Verhältnis bei 27 Tests auf 1.000 Menschen liegt und der Bedarf nach Tests deren Verfügbarkeit nach wie vor weit übersteigt, ist das extrem wenig.

Doch selbst laut den offiziellen Zahlen wurde einer von 1.000 Einwohnern von Tijuana bereits positiv getestet. Die dortige Quote ist somit noch schlechter als in einigen der am schlimmsten getroffenen Regionen der Vereinigten Staaten, einschließlich Wayne County (Michigan).

Der Anstieg ist das direkte Ergebnis von López Obradors „back to work“-Initiative, die er auf Anweisung Washingtons und an der Wall Street durchsetzt. In Tijuana öffnete die mexikanische Regierung Anfang Mai trotz der Proteste der Beschäftigten 100 Maquiladoras. Gestern erklärte ein Wirtschaftsverband aus Tijuana, dass die Maquiladoras der Stadt zu 60 Prozent ausgelastet seien.

López Obrador hat auf die wachsende Zahl der Todesopfer mit der Forderung nach einer noch schnelleren Rückkehr an die Arbeitsplätze reagiert. Anfang dieses Monats erklärte er, dass die Autoteileproduktion in den Maquiladoras am 1. Juni wieder aufgenommen werde. Vor einigen Tagen hat die Regierung diese Ankündigung jedoch wieder zurückgenommen und unter Verletzung ihrer eigenen Vorschriften damit begonnen, die Werke dazu zu zwingen, bereits in dieser Woche den Betrieb wieder aufzunehmen.

Die Ankündigung erfolgte, nachdem die Vorstandsvorsitzende von GM, Mary Barra, den Investoren mitgeteilt hatte, dass sich das Unternehmen in einem „regelmäßigen Dialog“ mit der Regierung von López Obrador befinde, der „sehr konstruktiv“ verlaufen sei. Barra fügte hinzu: „Bei unseren Gesprächen mit den Führern der Länder sind wir in einer guten Position.“ General Motors kündigte daraufhin an, die Beschäftigten seines Werks im mexikanischen Silao an diesem Mittwoch wieder zur Arbeit zu zwingen.

Das Anfahren der mexikanischen Produktion ist für die amerikanische Industrie unerlässlich. Gestern erklärten die Detroit News: „Fast 40 Prozent aller Teileimporte in die USA kommen aus Mexiko. Somit hängt der Erfolg eines Neustarts der heimischen Industrie stark davon ab, dass gleichzeitig auch in Mexiko die Produktion wieder hochgefahren wird.“

Ambrose Conroy, CEO der Unternehmensberatung Seraph, erklärte gegenüber CNBC: „Ein Stillstand in Mexiko würde innerhalb einer Woche zu Problemen führen.“ Dessen sind sich die Unternehmen spätestens seit Anfang 2019 bewusst, als 70.000 Maquiladora-Arbeiter einer Autoteile-Fabrik in Matamoros in einen wochenlangen Streik traten, der die Produktion in ganz Nordamerika verlangsamte.

Die Trump-Regierung hat enormen Druck ausgeübt, um die Wiederöffnung der mexikanischen Fabriken so schnell wie möglich zu erzwingen, egal wie viele Menschen dabei sterben werden. Am 30. April drohte der US-Botschafter in Mexiko, Christopher Landau, mit den Worten: „Sie haben keine ,Arbeiter‘, wenn Sie alle Unternehmen schließen und sie woanders hingehen.“ Er drängte darauf, dass die Betriebe trotz der daraus resultierenden Verluste an Menschenleben wieder öffnen. „Es erscheint kurzsichtig, wenn man annimmt, dass wirtschaftliche Auswirkungen keine Rolle spielen“, so Landau.

Das Pentagon hat ähnliche Warnungen herausgegeben und erklärt, dass mexikanische Maquiladora-Arbeiter Teile herstellen, die für die imperialistische Kriegsmaschinerie der USA notwendig sind. Am 30. April berichtete die New York Times, dass die „Gespräche des Pentagon mit der mexikanischen Regierung erfolgreich waren“ und zitierte Ellen Lord, die Staatssekretärin des Verteidigungsministeriums, mit den Worten: „Wir schätzen Mexikos durchgehend positive Reaktion.“

Kurz nach seinen Gesprächen mit dem Pentagon trat López Obrador am 2. Mai im nationalen Fernsehen auf. In seiner Ansprache erklärte er: „Wir sehen das Licht am Ende des Tunnels.“ Die tägliche Zahl der positiven Tests hat sich seitdem verdoppelt.

Die mexikanischen Arbeitnehmer sind nicht die einzigen, deren Leben die Autokonzerne zu opfern bereit sind. In den USA und Kanada liefen am Montag die Bänder in Dutzenden von Autofabriken wieder an. Beschäftigte in diesen Werken erklärten gegenüber der WSWS, dass so gut wie nichts getan worden sei, um die Anlagen zu reinigen oder das Leben der Arbeiter zu schützen.

Der sprunghafte Anstieg der Zahl der Todesopfer in den Industriestädten Mexikos zeigt, was die Autoarbeiter in den USA und Kanada in den kommenden Wochen zu erwarten haben. Die Tatsache, dass Arbeiter in den USA und Mexiko mit Teilen hantieren, die aus Maquiladoras kommen, wo Massen von Arbeitern infiziert sind, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass ihr Leben in Gefahr ist. Das Virus kann auf Metall und Glas fast eine Woche lang überleben.

In ganz Nordamerika dienen die Gewerkschaften als Vollstrecker der Unternehmen. Sie drohen den Beschäftigten, dass sie entlassen werden, wenn sie nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, und erzählen den Beschäftigten in blumigen Phrasen von nicht existenten Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz.

In den USA wurde der ehemalige Vizepräsident der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW), Norwood Jewell, aufgrund der Sorge, er könne sich dort mit dem Coronavirus anstecken, aus dem Gefängnis entlassen. Jewell wurde verurteilt, weil er Bestechungsgelder des Unternehmens angenommen hat – als Gegenleistung für die Durchsetzung von Tarifverträgen, mit denen Löhne und Rechte der Arbeiter ausverkauft wurden. Während die Unternehmen zehntausende Arbeiter in die gefährlichen Autofabriken zurückschicken, wird der Gewerkschaftsfunktionär den Rest seiner Strafe in seinem sicheren und komfortablen Heim verbüßen.

Die Unternehmen, Regierungen und Gewerkschaften werden Beschäftigte reihenweise in den Tod schicken – bis die Arbeiter erkennen, dass sie stark genug sind, ihre eigene Antwort auf die Pandemie zu organisieren und Maßnahmen zu ergreifen, um ihr Leben und das Leben ihrer Freunde und Angehörigen, die zu Hause auf sie warten, zu schützen.

Die Unternehmen und Gewerkschaften werden sich allem widersetzen, was die Fließbänder und Montagelinien verlangsamt oder den Gewinn schmälert. Doch das Recht auf Leben ist wichtiger als Unternehmensgewinne. Um ihr Leben zu verteidigen, müssen die Arbeiter Ausschüsse wählen, die die Kontrolle über ihre eigenen Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz übernehmen. Sie müssen Arbeiter-Kontrolleure wählen, die in der Einrichtung patrouillieren, Verstöße in den sozialen Medien publik machen und die befugt sind, die Produktion zu stoppen, um jeden Fehler zu beseitigen, der nach ihrer Einschätzung auch nur für einen einzigen Arbeiter eine Gefahr für Leib und Leben darstellt.

Diese grundlegenden Forderungen bringen die Beschäftigten in Konflikt mit dem kapitalistischen System. Doch die Arbeiter in Mexiko, den USA, Kanada und auf der ganzen Welt besitzen eine ungeheure gesellschaftliche Macht, die sie gemeinsam mobilisieren können und müssen, um das Sterben zu stoppen und die Produktion so umzugestalten, dass sie den menschlichen Bedürfnissen dient.