Kapitalismus vs. Wissenschaft: Die Lehren aus dem 36-stündigen Moderna-Impfwahnsinn

21. Mai 2020

Als das US-amerikanische Biotech-Unternehmen Moderna am Montag positive Ergebnisse von einem ersten am Menschen durchgeführten Covid-19-Impftest verkündete, brach eine hysterische Medieneuphorie aus.

Die erste News in den Abendnachrichten war überall die „revolutionäre“ Behandlung des Coronavirus mit dem Moderna-Impfstoff, der als „Durchbruch“ dargestellt wurde. Laut NBC News habe das Forschungsergebnis „eine Welle des Optimismus erzeugt“. Von Fox News über CNN bis hin zu PBS – auf allen Kanälen lief dasselbe Lied.

Das angebliche Wunder brachte die Wall Street außer Rand und Band. Nachdem die Neuigkeit bekannt war, schossen die Börsen nach oben. Der Aktienindex Dow Jones stieg um mehr als 900 Punkte. Die Moderna-Aktie legte um mehr als 20 Dollar zu.

Doch in nur 36 Stunden begann die Kampagne in sich zusammenzubrechen.

Wie sich herausstellte, hatte niemand beachtet, dass die Informationen von Moderna sehr begrenzt waren und der Hersteller Ergebnisdaten von den meisten Teilnehmern dieser winzigen Studie zurückgehalten oder noch nicht erhoben hatte.

Als die medizinische Fachzeitschrift STAT einen Bericht veröffentlichte, der ganz grundlegende wissenschaftliche Fragen zu dem angeblich bahnbrechenden Impfstoff aufwarf, stürzten die Moderna-Aktien um 10 Prozent ab und zogen den Dow Jones mit sich.

Aber das konnte Moderna-Vorstandsmitglied Moncef Slaoui egal sein. Slaoui, der von US-Präsident Donald Trump als Leiter seiner Impfstoff-Operation „Warp Speed“ angeworben wurde, kündigte am Freitag an, dass er seinen Aktienanteil an Moderna am Montag verkaufen werde. Das bedeutet, dass er dank des öffentlichen Hypes um 2,4 Millionen Dollar reicher geworden ist, aber keinen Verlust in Kauf nehmen musste, als Fragen zu der Studie aufkamen.

In dem Fachbericht heißt es, dass „mehrere von STAT befragte Impfstoff-Experten zu dem Schluss kamen, dass man auf der Grundlage der Informationen, die das in Cambridge, Massachusetts, ansässige Unternehmen zur Verfügung gestellt hat, wirklich nicht beurteilen kann, wie beachtlich – oder auch nicht – der Impfstoff ist“.

Obwohl das Nationale Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) an der Studie beteiligt war, gab es „am Montag keine Pressemitteilung heraus und lehnte es ab, die Ankündigung von Moderna zu kommentieren“, so STAT.

Der Impfstoff wurde an 45 Personen getestet, doch Moderna stellte nur Daten für die Ergebnisse bei acht Personen zur Verfügung.

STAT schreibt außerdem:

Die neutralisierenden Antikörper bei geimpften Personen wurden in Blutproben festgestellt, die zwei Wochen nach Erhalt der zweiten Impfstoffdosis entnommen wurden. Zwei Wochen. „Das ist sehr früh. Wir wissen nicht, ob diese Antikörper dauerhaft sind“, sagte Anna Durbin, Impfstoffforscherin an der Johns Hopkins University.

In Modernas Pressemitteilung wird erklärt, dass der Antikörperspiegel der Personen, denen der Impfstoff verabreicht wurde, „auf demselben oder einem höheren Niveau lag, wie es im Allgemeinen bei Rekonvaleszenten-Seren“ von genesenen Patienten beobachtet wird. Doch wie STAT anmerkte, hatten „von 175 genesenen Covid-19-Patienten, die untersucht wurden, 10 keine nachweisbaren neutralisierenden Antikörper“.

Durbin hinterfragte Modernas Aussage: „Im Allgemeinen? Was soll das heißen?“

Der STAT-Bericht kommt zu dem Schluss: „Ihre Frage kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden.“

Die völlig unverantwortliche Werbung für den Impfstoff Moderna unter Bedingungen gigantischer Todeszahlen, Massenarbeitslosigkeit und verbreiteter sozialer Not durch die Corona-Pandemie ist ein weiterer Beweis für die grenzenlose Korruption, die alle Fasern der etablierten Politik und Medien durchdringt.

Für die Wall Street und die Pharmakonzerne ist die Pandemie ein Geschenk des Himmels. Sie haben nicht nur Finanzmittel von sechs Billionen Dollar eingestrichen, sondern werden auch weitere Milliarden verdienen, indem sie verängstigten und kranken Menschen überteuerte Medikamente, Behandlungen und Impfstoffe verkaufen. Für die herrschende Klasse geht es bei der Entwicklung eines Impfstoffs nicht um die Rettung von Leben, sondern die besten Gewinnchancen beim Corona-Lotto.

Wie schon bei der Medienpropaganda für das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin und den Wirkstoff Remdesivir der Firma Gilead folgt auch die Werbung für den Moderna-Impfstoff einem bekannten Muster.

Die mediale Aufmerksamkeit, die man den Ergebnissen von Moderna schenkt, soll den Eindruck erwecken, dass eine Wunderheilung unmittelbar bevorsteht. Ziel ist es, die Back-to-Work-Kampagne der herrschenden Klasse zu untermauern. So soll die Stimmung geschaffen werden, dass das Coronavirus nicht gefährlich ist, dass man alles unter Kontrolle hat und dass das Leben „zur Normalität zurückkehren“ kann.

Die Erfahrung mit Impfstoffversuchen hat jedoch gezeigt, dass Versprechungen, die in frühen Studien gemacht werden, häufig in umfangreicheren Bevölkerungsstudien Rückschläge erleiden. Nur 10 Prozent der Medikamente, die die erste Forschungsphase überstehen, schaffen es letztlich auf den Markt.

Der Dengue-Impfstoff, der 2015 vom französischen Pharmakonzern Sanofi hergestellt wurde, durchlief beispielsweise mehrere Testphasen. Das Unternehmen wurde kritisiert, weil es frühe Warnzeichen über eine mögliche schwere Erkrankung infolge der Dengue-Impfung nicht berücksichtigte. Dabei handelte es sich um infektionsverstärkende Antikörper, die eine Vermehrung und Ausbreitung der Viren auslösen können. 2017 stoppte die philippinische Regierung den Einsatz des Impfstoffs, nachdem 800.000 Schulkinder geimpft worden waren und in der Bevölkerung Angst und Wut über mögliche Gefahren im Zusammenhang mit der Impfung um sich griffen.

Die schnelle Entwicklung von Medikamenten, die vorzeitig auf den Markt gebracht wurden, hatte oft katastrophale Folgen. Thalidomid, das 1957 erstmals in Westdeutschland auf den Markt kam, wurde als rezeptfreies Medikament zur Vorbeugung von Angstzuständen, Schlaflosigkeit und Morgenübelkeit beworben. 1961 stellte man fest, dass es schwere angeborene Behinderungen verursachen kann. Diethylstilbestrol (DES), eine Östrogenpille, die in den 1940er bis 1970er Jahren für schwangere Frauen entwickelt wurde, um Fehlgeburten und Schwangerschaftsprobleme zu verhindern, hatte zur Folge, dass Töchter, die nach der DES-Einnahme ihrer Mutter zur Welt kamen, anfällig für eine seltene Form von Vaginalkrebs waren.

Dr. Anthony Fauci, Leiter des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten und Gesundheitsberater des Weißen Hauses, bemerkte vor dem Senatsausschuss für Gesundheit, Bildung, Arbeit und Renten mit düsterer Miene, dass ein zuverlässiger und bewährter Impfstoff zur Bekämpfung der Pandemie notwendig sei. Er betonte jedoch, dass das mindestens zwölf bis achtzehn Monate dauern werde. Damit widersprach er Trump und seinen Beratern, die versprochen hatten, noch vor Ende des Jahres einen Impfstoff zu liefern.

Der Impfstoff muss mehrere sorgfältig kontrollierte Versuche durchlaufen, bevor seine Wirksamkeit und Sicherheit garantiert werden kann. Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen müssen geimpft werden, um die Pandemie zu bekämpfen. Selbst wenn die Nebenwirkungen des Impfstoffs nur bei einem Bruchteil von einem Prozent krankmachende oder tödliche Folgen haben, werden diese Zahlen in die Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen gehen.

Es sind nicht nur die geldgierigen und räuberischen Interessen, die sich in dem medialen Hype um den Moderna-Impfstoff offenbart haben. Das gesamte Vorgehen der USA in der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs orientiert sich an nationalistischen und geopolitischen Interessen.

Laut einem Artikel, der jüngst in der Zeitschrift Science erschien, ist die Impfstoff-Operation „Warp Speed“ der Trump-Regierung darauf orientiert, „auf internationale Zusammenarbeit – und alle Impfstoffkandidaten aus China“ zu verzichten und vielmehr Impfstoffe zu entwickeln, die „den Amerikanern vorbehalten“ sind.

Darin heißt es: „Obwohl Warp Speed keine Art von Impfstoff ausgeschlossen hat, werden in China hergestellte Impfstoffe, z.B. der Totimpfstoff aus inaktivierten Viren, der jüngsten Tests zufolge Affen vor dem Coronavirus schützt, nicht als erste Wahl in Betracht gezogen.“ Und weiter: „Das Hauptziel von Warp Speed ist es, die Vereinigten Staaten zu schützen.“

Mit anderen Worten: Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, den wichtigen Markt für den Impfstoff gegen Covid-19 zu dominieren und damit die internationale Zusammenarbeit im Vorhinein zu unterbinden, die für ein ernsthaftes Vorgehen gegen die Pandemie entscheidend wäre.

Diese Woche stand auch im Zeichen der 73. Weltgesundheitsversammlung, die die Vereinigten Staaten nutzten, um China die Schuld an der Pandemie zuzuschieben. Gleichzeitig nähert sich die Zahl der weltweiten Infektionen der Marke von fünf Millionen. Rund 325.000 sind bereits an den gefährlichen Auswirkungen des Virus gestorben.

Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, erklärte: „Der Zugang zum Projekt Accelerator gegen Covid-19 vereint die Anstrengungen an vielen Fronten, um sicherzustellen, dass wir in so kurzer Zeit wie möglich über sichere, wirksame und erschwingliche Therapeutika und Impfstoffe verfügen. Diese Instrumente geben zusätzliche Hoffnung auf die Überwindung von Covid-19, aber sie werden die Pandemie nicht beenden, wenn wir keine gerechte Verteilung gewährleisten können. Unter diesen außergewöhnlichen Umständen müssen wir die ganze Kraft der Wissenschaft freisetzen, um Innovationen zu ermöglichen, die anpassbar und nutzbar sind und allen, überall und zur gleichen Zeit zugutekommen. Traditionelle Marktmodelle werden einen Impfstoff nicht in dem Umfang liefern, der erforderlich ist, um den gesamten Globus abzudecken.“

Aber diese Bestrebungen stehen in krassem Gegensatz zu der Reaktion kapitalistischer Regierungen in aller Welt, die jegliche Bemühungen zur Eindämmung der Pandemie aufgegeben haben – auch wenn sie zugleich die Großkonzerne darauf vorbereiten, im Kampf gegen Corona zu profitieren.

Die wichtigste Lehre aus dem Wahnsinn um den Moderna-Impfstoff ist, dass der Kampf gegen Covid-19 an zwei Fronten geführt werden muss: an der medizinischen ebenso wie an der sozialen und politischen Front gegen das kapitalistische System.

Der bedeutendste Beitrag zur Suche nach einer Lösung für die Corona-Pandemie muss sein, die Kontrolle der Privatwirtschaft über die Pharmaindustrie zu beenden und so die Medizin in den Dienst der Bevölkerung und nicht der Profite zu stellen.

Benjamin Mateus

 

Siehe auch:

WHO-Konferenz im Zeichen des US-China-Konflikts
[20. Mai 2020]

„Herdenimmunität“: eine mörderische Pseudowissenschaft
[18. Mai 2020]

Kapitalistische Ökonomie und die Politik des Todes
[12. Mai 2020]