Covid-19 verbreitet sich in den USA in Fabriken und Betrieben

20. Juni 2020

Einen Monat nach der Wiederaufnahme der Produktion in den Vereinigten Staaten ist erkennbar, dass die Kampagne der Regierung von Präsident Donald Trump, die Arbeiter vorzeitig zurück an die Arbeit zu zwingen, zu einem starken Anstieg der Covid-19-Fälle geführt hat.

In 21 Bundesstaaten im Süden und Westen des Landes kam es vermehrt zu Infektionen, Einweisungen in Krankenhäuser und Todesfällen. In zehn Bundesstaaten (Alabama, Arizona, Kalifornien, Florida, Nevada, North Carolina, Oklahoma, Oregon, South Carolina und Texas) wurden laut einer Analyse von CNN basierend auf Daten der Johns Hopkins Universität die höchsten 7-Tage-Durchschnittswerte seit Beginn der Pandemie verzeichnet.

In den USA sterben täglich mindestens 800 Menschen an Covid-19, das Land führt mit fast 121.000 Todesopfern zudem die weltweite Statistik an. Bis Ende September könnte die Zahl der Todesfälle auf 200.000 steigen.

Arbeiter verlassen das Chrysler-Werk in Warren im US-Bundesstaat Michigan. (AP-Foto/Paul Sancya)

Das tödliche Virus hat sich besonders in Fabriken und Großbetrieben großflächig verbreitet. Am Donnerstag gab der Gouverneur von Ohio, Mike DeWine bekannt, dass mindestens 200 der 829 Arbeiter in einer Fabrik für Gemüseverarbeitung positiv auf COVID-19 getestet wurden; weitere Ergebnisse stehen noch aus. Das Unternehmen Dole, das die Fabrik betreibt, teilte in einer standardisierten Erklärung mit, dass die Sicherheit der Mitarbeiter und der Gemeinde „oberste Priorität“ haben. Gleichzeitig folgte die Ankündigung, das Werk nicht zu schließen.

In der Fleischverarbeitungsindustrie haben sich mehr als 25.000 Arbeiter mit dem Coronavirus infiziert, mindestens 91 sind bereits gestorben. Seitdem Präsident Trump am 28. April die Verordnung zur Wiedereröffnung von Schlachthöfen und Betrieben zur Fleischverarbeitung erließ, sind die Zahlen um das Fünffache gestiegen. Zuvor waren dutzende Betriebe geschlossen worden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Laut einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des National Employment Law Project (NELP) genehmigte Trump außerdem die Anträge von 15 Geflügelfabriken, damit Arbeiter wieder eng an eng arbeiten können und die Produktionsgeschwindigkeit um 25 Prozent erhöht werden kann. In der Hälfte dieser Fabriken wurde ein drastischer Anstieg von Covid-19-Fällen verzeichnet, mindestens ein Arbeiter kam ums Leben.

„Das ist alles Schall und Rauch“, kommentierte Debbie Berkowitz die angeblichen Sicherheitsmaßnahmen in der Fleischverarbeitungsindustrie, die von den Unternehmen und der Trump-Regierung erlassen wurden. Berkowitz leitet das Gesundheits- und Sicherheitsprogramm des NELP, zuvor arbeitete sie für die US-Behörde für Arbeitsschutz, Occupational Safety and Health Administration (OSHA).

Auch in der Autoindustrie kam es seit der Öffnung am 18. Mai zu zahlreichen Infektionen, darunter in den Ford-Werken in Chicago (Illinois), Dearborn (Michigan) und Kansas City (Missouri). Auch die General-Motors-Werke in Arlington (Texas) und St. Louis (Missouri) sowie die Fiat-Chrysler-Werke in Toledo (Ohio) und im Raum Detroit (Michigan) sind betroffen. Der Autohersteller Toyota hat in seinen US-Werken 40 Fälle von Covid-19 gemeldet.

Bei dem Elektroautohersteller Tesla, dessen Produktionsstätte im kalifornischen Fremont im Mai wieder geöffnet wurde, wurden vier Arbeiter positiv auf das Coronavirus getestet. Der Inhaber von Tesla, Milliardär Elon Musk, hatte die Wiederaufnahme der Produktion erzwungen, indem er gegenüber den örtlichen Behörden drohte, seine Werke nach Texas oder Nevada zu verlegen. Der Bandarbeiter Carlos Gabriel, der die Herausgabe von Informationen zu Infektionen und Sicherheitsvorkehrungen forderte, wurde Anfang der Woche gekündigt.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am Donnerstag unter der Überschrift „Wiederaufnahme der Produktion: Autohersteller berichten über keine größeren Covid-19-Ausbrüche“, dass ein hochrangiger Funktionär der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) behauptet, es gäbe – wenn überhaupt – nur wenige Infektionen in den Fabriken. Er bezichtigte die Arbeiter, schuld an den Ansteckungen zu sein. UAW-Vizepräsident Gerald Kariem sagte: „Die Arbeiter verlassen ihren Arbeitsplatz und folgen dann ihren eigenen Regeln.“ Er ergänzte: „Was die Arbeitsplätze betrifft, sind die Maßnahmen, um eine Ansteckung zu verhindern, vermutlich besser als die, die für die breite Öffentlichkeit gelten.“

Diese Lügen sind an Dreistigkeit kaum zu überbieten.

Während die UAW, die Führungskräfte der Autoindustrie und die Medien zu den Covid-19-Ausbrüchen in den Fabriken schweigen, berichtete die World Socialist Web Site über die tatsächlichen Zustände in den Fabriken. Ein Arbeiter in der Autoteilefertigung schrieb der WSWS: „Ich arbeite bei LINC/Universal und wir lagern Teile für das Ford-Werk in Fort Wayne auf der anderen Straßenseite. Bislang gab es fünf bestätigte Fälle von Covid-19, es könnten sogar 20 weitere sein. Die Bonzen aus dem GM-Werk in Fort Wayne haben den hohen Tieren bei LINC/Universal gesagt, dass es ihnen egal ist, wie viele Menschen krank werden. Sie werden die Fabrik nicht schließen, egal, was passiert.“

Weitere Arbeiter berichteten der WSWS, die Produktion rentabler Fahrzeuge habe wieder zugenommen und die Stilllegung der Bänder für den Sommer wäre gestrichen. Auch die 30 Minuten vor und nach jeder Schicht, die für Aufräumarbeiten vorgesehen waren, wären wieder aufgegeben worden. Weiter heißt es, die Arbeiter müssten verdreckte Sanitäranlagen nutzen und an den Fabrikeingängen, an den Arbeitsplätzen und in den Pausenräumen stünden die Arbeiter dicht an dicht.

Genau wie in der Fleischverarbeitungsindustrie, wo viele Betriebe einen Krankenstand von 30 bis 50 Prozent verzeichnen, halten sich Tausende Autoarbeiter von den Fabriken fern, um sich nicht anzustecken und womöglich ihre Ehepartner oder Kinder zu infizieren. In dem Bericht von Reuters heißt es dazu: „Im Werk von Ford Motors in Louisville [Kentucky] wurden mehr als 1.000 Beschäftigte aufgrund von Covid-19 beurlaubt. Die Arbeitsplätze werden jetzt mit Leiharbeitern besetzt, die Produktion von Lastwagen wurde beschleunigt. Diese sind die für finanzielle Erholung des Unternehmens von entscheidender Bedeutung.“

Nach dem sowohl von den Republikanern als auch den Demokraten abgesegneten CARES Gesetz sollen über 6 Billionen Dollar an die Wall Street und an Großkonzerne fließen. Der wachsende Schuldenberg soll, so der Plan der amerikanischen herrschenden Klasse, von den Arbeitern bezahlt werden. Sie sollen ohne Rücksicht auf Verluste für den benötigten Mehrwert sorgen. Es wurden Billionen Dollar ausgegeben, um faule Kredite wie Schrottanleihen von Ford aufzukaufen. Gleichzeitig droht die Trump-Regierung, die wöchentliche Zusatzzahlung zur Arbeitslosenunterstützung in Höhe von 600 Dollar zu streichen, um die Arbeiter in die verseuchten Fabriken zurück zu zwingen.

Die Socialist Equality Party (US) fordert alle Arbeiter eindringlich dazu, in Fabriken und Betrieben Aktionskomitees zu gründen, um für den Schutz der Beschäftigten und gegen die Profitgier der Konzernchefs zu kämpfen. Solche Komitees könnten die Arbeitszeiten und Bandgeschwindigkeiten überwachen, persönliche Schutzausrüstungen sowie sichere Arbeitsbedingungen gewährleisten, für regelmäßige verpflichtende Tests sorgen, sich um eine universelle Gesundheitsversorgung kümmern und ein Einkommen für jeden Arbeiter garantieren. Außerdem müssten sie Arbeiter vor Vergeltungsmaßnahmen schützen, wenn sie unsichere Bedingungen aufdecken, und sich die Möglichkeit vorbehalten, die Produktion einzustellen.

Ein eindrückliches Video, das ein Arbeiter in einem Werk von General Motors in Mexiko aufgenommen und an die WSWS geschickt hat, verdeutlicht, dass überall auf der Welt dieselben Bedingungen in den Betrieben und Fabriken herrschen. Auch unter polnischen Kohlebergarbeitern, Arbeitern einer chilenischen Kupfermine und in der deutschen und brasilianischen Fleischverarbeitungsindustrie kam es zu zahlreichen Neuinfektionen. Der Kampf gegen die Pandemie erfordert die internationale Einheit der Arbeiterklasse und den Zusammenschluss von allen, die sich gegen jede Form von Nationalismus, Chauvinismus und Militarismus und für die Verteidigung menschlichen Lebens einsetzen.

Die Politik des Kapitalismus bedeutet Tod, der Widerstand der Arbeiterklasse bedeutet Leben. Der Kampf für sichere Arbeitsbedingungen muss mit dem Kampf gegen den Kapitalismus verbunden werden. Der Würgegriff der Finanzoligarchie muss gebrochen und eine sozialistische Gesellschaft geschaffen werden, die der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dient und nicht der Profitgier der Großkonzerne.

Jerry White

 

Siehe auch:

Baut Aktionskomitees in den Betrieben auf!
[23. Mai 2020]

Arbeiter berichten über Corona-Ansteckungsgefahr in Betrieben
[29. Mai 2020]