Ennio Morricone, ein Großer der Filmmusik, mit 91 gestorben

„In der Liebe wie in der Kunst ist Konstanz das Wichtigste. Ich weiß nicht, ob es Liebe auf den ersten Blick oder übernatürliche Intuition wirklich gibt. Aber es gibt Konstanz, Beständigkeit, Ernsthaftigkeit, Ich glaube, wenn die Menschen in hundert oder zweihundert Jahren verstehen wollen, wer wir waren, wird ihnen Filmmusik dabei helfen, es herauszufinden.“

Um Morricone, einer der bedeutendsten Komponisten von Filmmusiken überhaupt, werden Millionen von Menschen auf der ganzen Welt trauern. In seiner über 70-jährigen, eminent produktiven und einzigartigen musikalischen Karriere verlieh er mit seinen emotionalen, bewegenden und farbigen Themen unzähligen Filmen Lebendigkeit. Der Maestro starb am Montag in Rom im Alter von 91 Jahren an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs.

Morricone komponierte die Musik für 70 preisgekrönte Filme und verkaufte mehr als 70 Millionen Tonträger bis 2016. Zunächst kannte man ihn vor allem durch die Filme Sergio Leones, doch arbeitete er mit vielen anderen Filmregisseuren zusammen, unter anderem mit Pier Paolo Pasolini, Gillo Pontecorvo, Marco Bellocchio, Dario Argento, Don Siegel, John Boorman, Terrence Malick, Samuel Fuller, Roman Polanski, Pedro Almodóvar, Margarethe von Trotta, Barry Levinson, Mike Nichols, Oliver Stone, Warren Beatty.

Ennio Morricone, 2007 (Foto: Olivier Strecker)

Mit seinem Tod ist das goldene Zeitalter der italienischen Filmmusik vielleicht beendet. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen: den Ehrenoscar 2007 (der seit 1928 nur an zwei Komponisten verliehen wurde), sechs Oscar-Nominierungen und einen Oscar (2016), drei Grammy Awards, drei Golden Globes, sechs BAFTAs, elf Nastro d’Argento (jährlicher italienischer Filmpreis), zehn David di Donnatello (ebenfalls ein jährlich vergebener italienischer Filmpreis), den Goldenen Löwen (Internationale Filmfestspiele von Venedig), den schwedischen Polar Music Prize und zwei European Film Awards.

Morricones Musik ist im Bewusstsein einer weltweiten Hörerschaft präsent. Sie hat das Leben und die Erfahrungen mehrerer Generationen seit der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zu seinem Tod begleitet und akzentuiert. Gleichzeitig entstand sie in einer historischen Periode, in der das italienische Kino wichtige Werke hervorbrachte.

Morricone wurde 1928 in Rom während der faschistischen Herrschaft Mussolinis geboren. Musikalisch trat er erstmals zu einer Zeit hervor, als die italienischen Filmemacher mit dem Neorealismus einen neuen Trend setzten und entwickelten. Regisseure wie Roberto Rossellini, Luchino Visconti, Vittorio De Sica und Giuseppe de Santis beschäftigten sich seit Mitte der 1940er Jahre intensiv mit der Arbeiterklasse und den Armen.

Nach zwanzig Jahren faschistischen Schreckens und imperialistischen Kriegs musste sich die Kunst mit dem Thema Mitmenschlichkeit befassen. Es übte einen starken Einfluss auf das schöpferische Bewusstsein des Komponisten aus und ist in den Melodien, die Morricones eigene Empathie erkennen lassen, sehr präsent.

Sein Schaffen reichte von der Filmmusik bis zu klassischen und populären Kompositionen. Seit 1946 schrieb er wichtige moderne klassische Stücke, darunter vier Konzerte, eine Oper und zahlreiche Kompositionen für Kammerorchester und Chor. Er verfügte zweifellos über ein großes technisches Können. Insgesamt komponierte er mehr als 100 klassische Stücke.

"Bulworth" (1998)

Morricone war aber enttäuscht, dass seine klassischen Kompositionen niemals so große Popularität und Anerkennung fanden wie seine Film- und populäre Musik. Wie manch andere Komponisten, die auf dem Gebiet der Unterhaltungsmusik äußerst erfolgreich waren – man denke an Leonard Bernstein –, stand auch Morricone unter Druck, nachzuweisen, dass er zu Produktionen fähig war, die Musikkritiker als „ernste Musik“ akzeptieren würden.

Die Schwierigkeit für Morricone (und Bernstein) war, dass die professionellen Musikkritiker sich weniger für die Qualitäten interessierten, die seine Musik so populär machten: Das war vor allem eine starke emotionale Empathie, die in der Melodie großartigen Ausdruck fand. Morricones „ernste Musik“ (wie die von Bernstein), wenngleich technisch brillant, fand zwar Anklang bei Kritikern, aber es fehlte ihr die unverwechselbare Stimme, die Millionen Menschen unmittelbar ansprach.

Hinzu kommt, dass Inspiration auf verschiedene Weise entsteht, wozu die visuelle Kunst (vor allem der Film) natürlich viel beitragen kann. Fehlt dieser Stimulus, kann es für einen Komponisten oft schwierig sein, ein wirklich inspirierendes Narrativ zu finden. Anders gesagt, es kann zuweilen musikalisch und emotional leichter fallen, bewegte Bilder zu kommentieren, als eine eher abstrakt wahrgenommene Realität musikalisch auszudrücken.

Das schmälert natürlich keinesfalls Morricones Leistung auf dem Gebiet der Filmmusik. Noch glänzender als sogar seine bedeutendsten Zeitgenossen (Nino Rota und Elmer Bernstein) war er in der Lage, thematisches Material und melodische Ideen zu entwickeln, die das emotionale Wesen einer visuell dargestellten dramatischen Situation erfassten.

Seine erste Filmmusik komponierte der Maestro 1961 für Luciano Salces Film „Il Federale“ („Zwei in einem Stiefel“). Es war der Beginn seiner ungemein erfolgreichen künstlerischen Laufbahn. Am Ende konnte er auf mehr als 500 eigene Film- und Fernsehmusiken zurückblicken. Diese enorme Zahl verweist auf einen anderen Aspekt seines Könnens: seine erstaunliche Produktivität.

Das hervorstechende Merkmal seiner Komposition war durchgängig die Melodie. Morricones Musik besticht oft durch ihre „Stimme“, den unverwechselbaren Morricone-Sound, der in einzigartiger Weise eine universelle Sensibilität anspricht. Oft machte seine Begabung für Themen und Motive („Für eine Handvoll Dollar“, „Spiel mir das Lied vom Tod“) einen brauchbaren oder gar mittelmäßigen Film erst zu einem großen Erlebnis. Das konnte so weit gehen, dass die Musik den Film verbesserte, und dass sich viele Zuhörer anhand der Melodie an den Film erinnern.

Morricones Zusammenarbeit mit Sergio Leone, dem legendären Regisseur von Italo-Western, war natürlich ein Wendepunkt in seiner Karriere. Er verhalf zu der Produktion einer ganzen Reihe von Filmen, die international viel beachtet wurden. Die sogenannte „Dollar – Trilogie“, „Für eine Handvoll Dollar“ (1964), „Für ein paar Dollar mehr“ (1965) und „Zwei glorreiche Halunken“ (1966), sowie „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) definierten das Genre und erlangten enorme Popularität. Ein kennzeichnendes Element war die Musik und der Einsatz ungewöhnlicher Instrumente und auch des Pfeifens.

„Cinema Paradiso“ (1988)

Morricones Talent fand nicht nur in der Tiefe seiner Filmmusik Ausdruck, sondern auch in den Farben, der Vielseitigkeit und der komischen Elemente, die sie beisteuerte. In seinen Western-Motiven gibt es viel Humor, Ironie und Pathos, was dazu beitrug, dass auch Low-Budget-Filme weltweite Beachtung erlangten. In der Tat ist es ja nicht so selten, dass Komponisten gerade bei knapper Kasse zu ihren ausdrucksstärksten Leistungen finden.

Die Zusammenarbeit mit Leone hielt bis zum Tod des Regisseurs 1989 an. Ihr letztes gemeinsames Projekt war „Es war einmal in Amerika“ (1984), dessen Thema und Soundtrack eine komplexe Periode der amerikanischen Geschichte auf einzigartige und denkwürdige Weise klanglich erfassen.

Wie bereits erwähnt, arbeitete Morricone auch mit anderen prominenten Regisseuren künstlerisch eng zusammen, z. B. Bernardo Bertolucci, Pasolini, Pontecorvo und Sergio Corbucci. Einige dieser Filme enthalten deutliche politische und sozialkritische Kommentare, so Bertoluccis „Vor der Revolution“ (1964) und „1900“ (1976), Pasolinis „Große Vögel, kleine Vögel“ (1966), Pontecorvos Geschichtsdrama „Schlacht um Algier“ (1966) und Giuliano Montaldos „Sacco und Vanzetti“ (1971).

Auch wenn Morricone sich bewusst entschied, auf Distanz zu progressiver Politik zu bleiben, und er die Christdemokraten (die spätere Demokratische Partei) unterstützte, gibt es keinen Zweifel, dass die soziale Atmosphäre der 1960er und 1970er Jahre, vor allem in Künstlerkreisen, eine wesentliche Auswirkung auf seine kreative Sensibilität hatte.

Seine musikalische und intellektuelle Fähigkeit, Mitgefühl, Verständnis und Empathie für andere zu empfinden, war nicht in erster Linie seiner Religiosität geschuldet, sondern resultierte großenteils aus den Veränderungen in den sozialen Beziehungen. Auch seine eigenen künstlerischen Assoziationen, die er in den vorangegangenen, durch Massenkämpfe und soziale Konflikte geprägten Jahrzehnten entwickelt hatte, trugen erheblich dazu bei.

2016 räumte er in einem Interview mit dem Corriere della Sera solche Einflüsse ein: „Ich war nie ein Kommunist oder Sozialist … Das italienische Kino war stark links orientiert … Mit Sergio Leone habe ich nie über Politik diskutiert, aber ‚Todesmelodie‘ ist ein politischer Film über Terrorismus und Revolution.“

Unabhängig von seinen politischen Ansichten übte sein Künstlergenie auf ein internationales Publikum große Anziehungskraft aus. Durch die Sprache der Musik, d.h. durch eine thematische Folge von Noten (Melodie), ihre Beziehung zueinander (Harmonie) und zeitliche Intervalle (Rhythmus) stellte er eine Beziehung zu einem Massenpublikum her. Darüber hinaus half ihm sein musikwissenschaftliches Wissen, durch den Einsatz von ethnischen und landesspezifischen Instrumenten tiefe Emotionen auszudrücken.

Hier denkt man an die „Schlacht um Algier“. Die Filmmusik bedient sich des Sounds der Tabla, der Qarqaba (kastagnettenähnliches Instrument) und der Rufe eines Muezzins, um den Konflikt zwischen der unterdrückten Masse der Algerier und der französischen Kolonialarmee hervorzuheben. Man ist überwältigt und atemlos vor Spannung.

Ab den 1970er Jahren befasste sich Morricone stärker mit dem Hollywood-Film. Zu seinen bemerkenswerten Talenten gehörte die Fähigkeit, in vielen Genres zu komponieren: Kunstfilme („In der Glut des Südens“, 1978), Horror („Exorzist II – Der Ketzer“,1977), historisches Drama („Mission“, 1986) und Kriminalfilm („Die Unbestechlichen“, 1987).

Einige seiner Themen waren so kraftvoll, dass sie als Songs populär wurden, etwa Gabriels Oboe in „Mission“, das u. a. von Sarah Brightman, Il Divo, Jackie Evancho und anderen aufgenommen wurde.

„Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968)

Doch die Kraft des Soundtracks bei „Mission“ (der für einen Oscar nominiert wurde) wie auch bei all den anderen Filmen kam nicht einfach aus dem Thema. Es war der gesamte historische Hintergrund des Films, der Konflikt zwischen Spanien und Portugal in Lateinamerika, die Not und das Leiden des Volks der Guarani und die perfide Rolle der Jesuiten, die Morricone tief beeindruckt hatten.

Morricone zögerte erst, den Auftrag anzunehmen, vor allen Dingen nach einer ersten Vorführung und dem Beharren des Produzenten (Fernando Ghia), dass man eine „gesellschaftliche Verantwortung“ habe: „Wir liefern Unterhaltung, aber wir sollten auch Stoff zum Nachdenken bieten.“ Die Musik dazu, die Morricone meisterhaft komponierte, wurde nicht nur den Wünschen des Produzenten gerecht, sie schuf auch einen passenden musikalischen Rahmen für eine historische Periode, was ein großes Verständnis für menschliches Leid erforderte. 2013 belegte diese Filmmusik bei einer Umfrage der Australian Broadcasting Corporation (Classic 100 Music in the Movies) den ersten Rang.

Zum bekannten Song wurde auch das Thema für „Cinema Paradiso“ (1988) von Giuseppe Tornatore, der ebenfalls eng mit Morricone zusammenarbeitete, und Künstler wie Josh Groban, Andrea Botticelli, Katherine Jenkins und andere nahmen es auf.

2016 gewann Morricone einen Oscar für Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“. Das ist vielleicht das auffälligste Beispiel, wo die Musik einen schlechten Film einigermaßen erträglich machte. Morricone setzte Holzblasinstrumente ein und verlieh damit dem Film Klasse und Farbe, die Tarantino nie hatte.

Eine außergewöhnliche Begabung wie Morricone kann man in einem einzigen Nachruf nicht gebührend würdigen. Zu viele großartige Soundtracks werden hier nicht angemessen besprochen oder überhaupt erwähnt. Der Autor hofft, dass die Leser, die mit Morricones enormem Beitrag zur Welt des Films und der Musik nicht so vertraut sind, angeregt werden, sich mit dem Werk dieses unerreichten Komponisten näher zu beschäftigen.

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