Offener Brief von WSWS-Chefredakteur David North an Alphabet-CEO Sundar Pichai

7. August 2020

Im Folgenden veröffentlichen wir die deutsche Übersetzung eines Offenen Briefs des Chefredakteurs der WSWS, David North, an den Alphabet-CEO Sundar Pichai. Pichai hatte Ende Juli in einer Aussage vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses bestätigt, dass Google die WSWS zensiert.

Sundar Pichai
Chief Executive Officer
Alphabet
1600 Amphitheatre Parkway
Mountain View, CA 94043

Sehr geehrter Herr Pichai,

dieses Schreiben bezieht sich auf Ihre Aussage vor dem Justizausschuss des Repräsentantenhauses am Mittwoch, den 29. Juli, im Rahmen einer Anhörung mit dem Thema „Online-Plattformen und Marktmacht, Teil 6: Untersuchung zur dominierenden Rolle von Amazon, Apple, Facebook und Google“. („Online Platforms and Market Power, Part 6: Examining the Dominance of Amazon, Apple, Facebook, and Google.”)

In Ihrer Antwort auf die Behauptung des Kongressabgeordneten Greg Steube (Republikaner, Florida), dass Googles Algorithmen ausschließlich konservative politische Ansichten zensieren würden, erklärten Sie folgendes: „Wir erhalten durchaus Beschwerden von verschiedenen Seiten des politischen Spektrums. Zum Beispiel beschwerte sich die World Socialist Review im Januar dieses Jahres, dass ihre Seite nicht in den Suchergebnissen von Google zu finden sei. Also, wir erhalten Beschwerden, wir sehen uns die Vorgänge an, aber in der Herangehensweise an unsere Aufgaben sind wir nicht parteiisch und wir sehen unseren Anspruch langfristig darin, den Nutzern im ganzen Land unseren Dienst zur Verfügung zu stellen.“

Obwohl Sie hier nicht ins Detail gingen, nahmen Sie in Ihrer Erklärung ganz eindeutig Bezug auf einen Artikel, der am 20. Januar unter der Überschrift „Google zensiert Artikel der World Socialist Web Site in den Suchergebnissen zum 1619 Project der New York Times“ in der englischsprachigen Ausgabe der WSWS erschien. Es ist offensichtlich, dass die Beschwerde der WSWS in Ihrem Unternehmen auf höchster Ebene besprochen wurde.

In dem Artikel vom 20. Januar schrieben wir, dass Google in seinen Suchergebnissen Artikel zensiert, die von der World Socialist Web Site zum „1619 Project“ der New York Times veröffentlicht wurden und die eine besonders breite Leserschaft fanden. Das Projekt, das von der New York Times mit großem Aufwand publiziert wurde, zielt darauf ab, die amerikanische Geschichte entlang der Kategorie der „Rasse“ umzuschreiben und zu fälschen.

Wir wiesen darauf hin, dass die Serie von Artikeln, Interviews und Analysen, die von der WSWS zum 1619 Project veröffentlicht wurden und die eine maßgebliche und einzigartige Quelle zum Thema darstellen, von Hunderttausenden auf der ganzen Welt gelesen wurde und dass eine wachsende Zahl von Links in den sozialen Medien sowie in wichtigen Online-Publikationen wie dem Wall Street Journal, dem Atlantic, dem National Review und dem Daily Signal auf das Material der WSWS verwiesen. In den Ergebnissen zum Suchbegriff „1619 Project“ wurde dieses Material von Google jedoch weit auf die hinteren Seiten verschoben.

Die World Socialist Web Site berichtete damit nicht zum ersten Mal über die Online-Zensur durch Google. Am 25. August 2017 wandte ich mich in einem Offenen Brief an die damalige Führungsspitze von Alphabet und Google – an Sie selbst sowie Lawrence Page, Sergey Brin und Eric Schmidt. Der Offene Brief enthielt die Forderung, dass die Zensur der World Socialist Web Site in den Google-Suchergebnissen beendet wird.

Seitdem hat die World Socialist Web Site zahlreiche Artikel über die Ausweitung der Internetzensur veröffentlicht. Dazu gehörten unter anderem Berichte über die Unterdrückung progressiver und sozialistischer Ideen auf Social-Media-Plattformen sowie die wachsenden Forderungen nach staatlicher Kontrolle über Informationen im Internet. Diese Forderungen werden von Demokraten und Republikanern gleichermaßen im Namen des Kampfs gegen „Fake News“ und unbegründeter Behauptungen über „ausländische Einmischung“ erhoben.

Die Tatsache, dass Sie sich in Ihrer Aussage im Kongress ausdrücklich auf die Beschwerde der WSWS bezogen haben, lässt darauf schließen, dass die Angelegenheit sehr ernst genommen wurde. Sie wurden als CEO von Googles Mutterkonzern Alphabet über die Beschwerde informiert. Auch sechs Monate, nachdem der Artikel veröffentlicht wurde, blieb er Ihnen im Gedächtnis.

In Ihrer Zeugenaussage haben Sie den von uns erhobenen Vorwurf, dass Google die Artikel und Analysen der World Socialist Web Site in seinen Suchergebnissen unterdrückt, nicht bestritten. Im Zusammenhang mit der Anhörung kann Ihr kryptischer Verweis auf die „unparteiische“ Arbeitsweise von Google als Versuch interpretiert werden, die Zensurpraktiken Ihres Unternehmens mit der Behauptung zu rechtfertigen, dass sie sowohl gegen linke als auch gegen rechte Websites angewandt würden.

Darüber hinaus sagten Sie vor dem Ausschuss des Repräsentantenhauses unter Eid aus, dass Sie sich, wenn Google eine Zensurbeschwerde erhält, „die Vorgänge ansehen“.

Wenn dies tatsächlich Unternehmenspolitik ist, warum wurde die World Socialist Web Site dann nie darüber informiert, dass ihre Beschwerde innerhalb des Managements von Alphabet/Google diskutiert wurde oder dass eine Untersuchung unserer Beschwerde durchgeführt wurde?

Ich verlange daher Antworten auf folgende Fragen:

- Wann hat die Untersuchung zu der Beschwerde der WSWS über Zensur begonnen?

- Wer hat die Untersuchung des Unternehmens autorisiert und daran teilgenommen?

- Welche Abteilung oder Abteilungen des Unternehmens waren Gegenstand der Untersuchung?

- Wurde Ben Gomes, der für die Suchmaschine von Google verantwortliche Corporate Vice President, im Rahmen der Untersuchung befragt?

- Wann wurde die Untersuchung abgeschlossen?

- Was waren die beweiskräftigen Ergebnisse dieser Untersuchung?

Ich erwarte Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

David North

Vorsitzender, Internationale Redaktion

World Socialist Web Site