Warum führen die USA immer weniger Covid-19-Tests durch?

12. August 2020

Am 20. Juni prahlte US-Präsident Donald Trump damit, dass er die Gesundheitsbehörden angewiesen hat, die Zahl der Tests auf Covid-19 zu reduzieren, der Krankheit, die seit Jahresbeginn 5,2 Millionen Amerikaner infiziert und über 166.000 Menschen getötet hat. „Ich sagte zu meinen Leuten: ‚Verlangsamt die Tests‘“, erklärte Trump.

Drei Tage später fügte Trump hinzu: „Die Fälle in den USA nehmen zu, weil wir viel mehr Tests durchführen... Mit weniger Testen würden wir weniger Fälle zeigen!“

Führende Vertreter des öffentlichen Gesundheitswesens versuchten sofort, die Kommentare von Trump herunterzuspielen und erklärten, dass die US-Politik darin bestehe, die Tests auszuweiten und nicht zu verringern. Aber ohne ernsthafte Erklärung der Regierung ist die Zahl der Tests, die in den Vereinigten Staaten täglich durchgeführt werden, in den letzten zwei Wochen deutlich zurückgegangen.

Menschen stehen Schlange vor einem Corona-Testzentrum in den USA, 16. Juli 2020. (AP Photo/Emilio Morenatti)

Am 24. Juli führten die Vereinigten Staaten laut COVID Tracking Project 926.876 Tests durch. Diese Zahl war am vergangenen Samstag auf nur noch 668.546 Tests gesunken. Die durchschnittliche Zahl der täglich durchgeführten Tests fiel von 809.200 in der Woche bis zum 26. Juli auf 712.112 in der vergangenen Woche, was einem Rückgang von zwölf Prozent entspricht.

Gleichzeitig dauert es oft mehr als eine Woche, bis die Tests zurückkommen, so dass sie in Bezug auf das Tracken und Isolierung der Infizierten nahezu nutzlos sind und die weitere Ausbreitung der Pandemie nicht stoppen. Laut internen Daten von Quest Diagnostics, die von CNN erhoben wurden, „betrug die durchschnittliche Rücklaufzeit für die Ergebnisse 8,4 Tage“.

Experten des öffentlichen Gesundheitswesens sagen, dass das Niveau der Tests in den USA viel zu niedrig ist, um die Krankheit einzudämmen. Eine Analyse von Ashish Jha und seinem Team am Harvard Global Health Institute hat kürzlich gezeigt, dass 1,2 Millionen Tests pro Tag mit schnellen Ergebnissen erforderlich wären, um darauf zu reagieren, damit die Zahl der täglichen Neuinfektionen nicht weiter ansteigt.

Um die Pandemie effektiv zu unterdrücken, wären laut Jha 4,3 Millionen Tests pro Tag nötig. Dies ist mehr als sechsmal so viel wie der derzeitige Stand der Tests und mehr als viermal so hoch wie das erklärte Ziel der Trump-Regierung, das darin bestand, eine Million Coronavirus-Tests pro Tag zu erreichen.

Inmitten dieses massiven Mangels haben Behördenvertreter zugegeben, dass sie Tests für „bestimmte Personen“ priorisieren. Insbesondere wohlhabende und gut vernetzte Menschen sind in der Lage, Tests durchführen zu lassen und Ergebnisse innerhalb eines Tages zu erhalten, während bei gewöhnlichen Menschen die Ergebnisse bis zu einer Woche oder länger dauern können – falls sie überhaupt einen Test bekommen.

Die Bundesmittel für Tests und die Ermittlung von Kontaktpersonen - die einzigen Maßnahmen, von denen bekannt ist, dass sie die Pandemie eindämmen können - belaufen sich auf weniger als ein Prozent der gesamten Bundesausgaben für die Bekämpfung der Pandemie und ihrer Folgen. Die überwiegende Mehrheit der zur Verfügung gestellten Gelder wird in die Rettung von Großkonzernen gesteckt. Landesweit gab es im vergangenen Monat nur 28.000 Menschen, die die Kontaktverfolgung unterstützten, und damit weniger als ein Zehntel der Zahl, die der frühere Direktor der Centers for Disease Control Tom Frieden gefordert hatte.

Trump rühmt sich: „In den vergangenen sieben Tagen gingen die landesweiten Fälle um 14 Prozent zurück“, aber dieser Rückgang ist auf den Rückgang der Tests zurückzuführen.

Darüber hinaus ordnete die Verwaltung im vergangenen Monat an, dass die Krankenhäuser die Centers for Disease Control and Prevention umgehen und alle Covid-19-Daten an eine zentrale Datenbank in Washington senden sollen. Dies weckte sogleich Befürchtungen, dass die Zahlen manipuliert werden.

Es gibt zahlreiche Berichte über Diskrepanzen in den staatlichen Statistiken. Letzte Woche gab der Bundesstaat Kalifornien bekannt, dass bis zu 300.000 Gesundheitsakten, zumeist im Zusammenhang mit Covid-19, nicht bearbeitet worden waren, was den obersten Vertreter der Gesundheitsbehörde im Bundesstaat zum Rücktritt veranlasste.

Für die Arbeiterinnen und Arbeiter gibt es keine systematischen Tests, selbst wenn sie unter unsicheren Bedingungen in den Fabriken arbeiten müssen. Autoarbeiter berichten, dass sie von der Unternehmensleitung über Ausbrüche in ihren Werken im Dunkeln gelassen werden. Arbeiter, die positiv getestet wurden, „verschwinden“ einfach, ohne dass ihre Kollegen benachrichtigt werden. Das Rank-and-File Safety Committee Network schildert diese Katastrophe eindrücklich:

„Die Arbeit wird zum täglichen Horrorfilm. Bei Ford Dearborn Truck in Michigan wurden letzte Woche zwei Menschen krank. Sie wurden weggeschafft, und die Leute am der Fertigungsstraße wussten nicht, was vor sich ging. Im Belvidere-Werk von Fiat Chrysler in Illinois wurde jemand positiv getestet, und er wurde vom Management aus der Fertigung geschleust.“

Während landesweit zu wenige Tests durchgeführt werden, drängen Vertreter beider Parteien auf die Wiederöffnung von Schulen, was so gut wie sicher zu einer weiteren Eskalation der Pandemie führen wird. Auch wenn Trump an der Spitze dieser Kampagne steht, wird sie von Gouverneuren beider Parteien unterstützt. Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo, ein Demokrat, forderte diesen Monat die Wiederöffnung von Schulen im ganzen Bundesstaat.

Der Rückgang des Testens in den USA ist Teil einer Politik der „böswilligen Untätigkeit“. Auf der World Socialist Web Site schrieben wir im März, die US-Regierung treffe „bewusst die Entscheidung, nur minimale Maßnahmen umzusetzen und der Verbreitung des Virus mit Gleichgültigkeit zu begegnen.“

Von Anfang an betrachtete das politische Establishment in den USA die Pandemie als ein wirtschaftliches und nicht als ein gesundheitliches Problem. Ende März verabschiedete der Kongress nahezu einstimmig das CARES-Gesetz, mit dem Hunderte Milliarden für Unternehmen bereitgestellt und die Rettungsaktion der US-Notenbank Federal Reserve für die Wall Street in Höhe von mehreren Billionen Dollar gebilligt wurde.

Nach der Verabschiedung der Rettungsaktion verlangt das politische Establishment, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, obwohl die Pandemie an allen Arbeitsplätzen wütet und den USA die Infrastruktur für Tests und Kontaktverfolgung fehlte, um die Krankheit einzudämmen. Wie von Experten für öffentliche Gesundheit vorhergesagt, führte dies zu einem deutlichen Wiederaufflammen der Pandemie.

Jetzt tritt diese Kampagne mit der Wiederöffnung von Schulen in eine neue Phase, die eine weitere Infektionswelle und das Leben Tausender Lehrer, Schüler und Eltern bedroht. Wie der Epidemiologe Michael T. Osterholm letzte Woche warnte: „Die nächsten sechs Monate könnten das, was wir bisher erlebt haben, wie ein Aufwärmen für eine größere Katastrophe erscheinen lassen. Mit der Öffnung vieler Schulen und Colleges, der Wiederöffnung von Geschäften und Unternehmen und dem Beginn der Heizsaison in Innenräumen wird die Zahl der Neuinfektionen schnell ansteigen.“

Seriöse Experten für öffentliche Gesundheit sind sich einig, wie die Pandemie gestoppt werden kann: Nicht-lebenswichtige Unternehmen müssen geschlossen werden, Tests und Kontaktverfolgung müssen um ein Vielfaches ausgeweitet werden, und die arbeitende Bevölkerung muss die wirtschaftliche Unterstützung erhalten, um sich von den Arbeitsplätzen fernzuhalten.

Aber all diese grundlegenden Forderungen der öffentlichen Gesundheit stehen im Widerspruch zu den Vorrechten der herrschenden Klasse, deren einziges Anliegen es ist, die Arbeiterinnen und Arbeiter wieder in die Fabriken und an die Arbeitsplätze zu bringen. Wenn sie sterben, können sie durch andere ersetzt werden, die verzweifelt nach Arbeit suchen. Die Kapitalistenklasse und die Politiker, Medien und die Polizei, die sie verteidigen, sind bei der Verteidigung der Profite rücksichtslos und setzen sich über Menschenleben hinweg.

Die Billionen, die an die Superreichen überwiesen wurden, müssen zurückgeholt und als Ressourcen für Massentests und Kontaktverfolgung bereitgestellt werden, um Ärzte und Krankenschwestern bei der Pflege der Kranken zu schützen und denjenigen Hilfe zu leisten, die zur Isolation und Quarantäne gezwungen sind. Die Produktionskapazitäten müssen genutzt werden, um die notwendigen medizinischen Materialien als Teil eines umfassenderen sozialistischen Programms herzustellen, um die wesentlichen Bedürfnisse der arbeitenden Menschen nach medizinischer Versorgung, Wohnung, Bildung und Arbeitsplätzen zu befriedigen.

Bryan Dyne