„Um Geld zu sparen, bringen sie die Leute um“

Fiat-Chrysler und UAW wollen Arbeiter trotz Corona-Fällen am Arbeitsplatz festhalten

Von Shannon Jones
24. August 2020

Arbeiter der Autowerke im Großraum Detroit berichten, dass die Unternehmensleitung von Fiat Chrysler Automobiles (FCA) und die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) die Beschäftigten zwingen, auch dann am Arbeitsplatz zu bleiben, wenn es in ihrem Umfeld Coronafälle gibt.

Sowohl in den sozialen Medien, als auch via Anschreiben an den Autoworker-Newsletter der World Socialist Web Site, mehren sich die Berichte von Autoarbeitern darüber, dass Corona-Fälle in den Betrieben bewusst verschwiegen werden. Gewerkschaftsführer und Konzernmanager weigern sich, die Arbeiter zu informieren, wenn Kollegen mit dem Virus infiziert sind, und Arbeiter nach möglichen Kontakten in Quarantäne zu schicken. Dabei haben die vom Gesundheitsministerium betriebenen Centers for Disease Control (CDC) genau dies zwingend vorgeschrieben. Mehreren Beschäftigten wurde sogar gesagt, dass sie ihren Kollegen nicht Bescheid sagen sollen, wenn sie erkrankt sind.

In der Pickup-Produktion von FCA bei Detroit (Foto: FCA media)

Der Covid-19-Schutz wird in den US-Autowerken systematisch ausgehebelt, während die Trump-Regierung und die demokratischen Gouverneure zusammenarbeiten, um die lebensgefährliche Wiedereröffnung der Schulen in den gesamten Vereinigten Staaten zu erzwingen. Am 20. August unterzeichnete Trump eine Verordnung, welche die Lehrer zur "kritischen Infrastruktur" erklärt und es den Staaten ermöglicht, Lehrer, die dem tödlichen Virus ausgesetzt sind, zur Fortsetzung ihrer Arbeit zu zwingen, wodurch sie andere infizieren könnten.

Demokratische Gouverneure in New York, Michigan und anderen Bundesstaaten haben trotz des wachsenden Widerstands von Lehrern und Eltern die Wiedereröffnung öffentlicher Schulen angeordnet.

Im FCA-Montagewerk Jefferson North hat sich die Unternehmensleitung geweigert, eine Arbeiterin in Selbstquarantäne zu schicken, obwohl ihr Team-Kollege, mit dem sie unmittelbar zusammenarbeitete, positiv auf Covid-19 getestet worden war. Das wurde über Facebook berichtet, und Arbeiter aus diesem Werk haben es bestätigt.

Ein Arbeiter aus dem FCA-Jeep-Werk Toledo berichtete, dass nicht weniger als drei Kollegen seines Teams positiv auf das Coronavirus getestet worden waren, aber das Management den Rest des Teams nicht darüber informierte, geschweige denn, die Arbeiter nach Hause und in Quarantäne schickte. „Das ist ein Fall fürs Gericht. Es ist mehr als unentschuldbar“, sagte der Arbeiter.

Ein anderer, der im FCA-Montagewerk Sterling Heights, nördlich von Detroit, arbeitet, berichtete dem WSWS Autoworker Newsletter: "Letzte Woche wurden die Arbeiter einer ganze Produktionsstrecke nach Hause geschickt, weil sie dort mutmaßlich dem Virus ausgesetzt waren, aber zuvor mussten sie noch ihre Ersatzleute einweisen. Die Richtlinien werden schlicht missachtet. Dann mussten wir wieder kommen, ohne dass wir getestet worden waren. Vielleicht haben wir das Virus und vielleicht auch nicht. Wenn du sagst, dass du keine Symptome hast, schicken sie dich wieder an die Arbeit.“

Der Arbeiter fuhr fort: „Ich denke, die UAW steht auf der Seite der Konzernleitung. Die Funktionäre sind nur daran interessiert, ihre Taschen zu füllen. Folgendes passiert: Wenn jemand mit jemand anderem (mit Covid) in Kontakt gekommen ist, wird die Person aufgefordert, es niemandem zu sagen. Der Gewerkschaftsvertreter sagt uns, dass wir es niemandem sagen sollen. Was geschieht dann mit all den Leuten, mit denen man in Kontakt war?“

Ankündigung des FCA-Managements im Jeep-Werk Toledo über die Abschaffung zusätzlicher Pausenzeiten

Fiat Chrysler schafft unterdessen selbst die begrenzten und unzulänglichen Sicherheitsprotokolle ab, die nach der Wiederaufnahme der Produktion im Mai eingeführt wurden. Diese Woche kündigte die Personalabteilung des Jeep-Werks Jefferson North an, dass die zusätzlichen fünf Minuten, die zu den Pausen hinzukamen, um Corona-gerechtes Verhalten, Händewaschen, Desinfektion und soziale Distanzierung in der Kantine und in den Pausenbereichen zu ermöglichen, ab dem 1. September wieder abgeschafft werden. Ähnliche Mitteilungen werden, Berichten zufolge, auch an die Beschäftigten in anderen FCA-Fabriken verschickt.

Ein jüngerer Arbeiter des Werks Jefferson North erzählte dem WSWS Autoworker Newsletter, dass die Arbeiter über die Abschaffung der zusätzlichen fünf Minuten sehr wütend seien. „Diese zusätzlichen fünf Minuten, die zu einer 12-minütigen Pause hinzukommen, sind enorm wichtig. Auf die Toilette zu gehen dauert mindestens fünf Minuten, so dass nur 7 Minuten übrig bleiben. Du hast nicht einmal die Zeit, dir an einem Automaten was zu holen“, sagte einer.

„Fast alle Sicherheitsbestimmungen sind jetzt weg. Das ist sonderbar, denn Covid-19 ist ja nicht weg. In der ersten Woche, in der wir zurückkamen, hatten wir 20 Minuten Zeit, um unsere Arbeitsbereiche vor der Schicht zu reinigen. Sie gaben uns spezielle Handschuhe. Jetzt wird alles gestrichen, was von der Produktivität abgeht. Wir mussten sogar kämpfen, um überhaupt Reinigungsmittel zu bekommen. Ich wünschte, sie würden einfach ehrlich sein und sagen, dass ihnen das Geld wichtiger ist als unser Leben.“

Als im Juni spontane Streiks gegen die Corona-Gefährdung von Autoarbeitern zum zweiten Mal in diesem Jahr die Produktion im Werk kurzzeitig stilllegten, gründeten Arbeiter des Jefferson North Montagewerk ein Sicherheitskomitee. Dieses Aktionskomitee hat auf die jüngsten Enthüllungen mit folgender Erklärung reagiert:

"Das Sicherheitskomitee von Jefferson North will die Falschdarstellung der UAW und der FCA über den Umgang mit Covid-Fällen und der Gefahr, der Mitarbeiter ausgesetzt sind, ans Licht bringen. Die meisten Maßnahmen, die früher im Falle von Kontakten mit Covid-Fällen eingeleitet wurden, werden mittlerweile wieder abgeschafft.

Selbst in ihrer bisherigen Form sind die Sicherheitsvorkehrungen völlig unzureichend. Seit der Rückkehr an den Arbeitsplatz vertuschen das Management und die UAW das tatsächliche Ausmaß der Verbreitung von Covid in den Betrieben, obwohl die rechtzeitige Meldung aller Covid-Infektionen für die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter von entscheidender Bedeutung ist.

Jetzt hat die für Sicherheit zuständige Stelle der Personalabteilung den Arbeitern mitgeteilt, dass im Fall, wenn sie potentiell dem Virus durch andere Teammitglieder ausgesetzt sind, das Unternehmen sie nicht mehr, wie bisher vorgeschrieben, 14 Tage lang in Selbstquarantäne schicken oder ihren Arbeitsbereich grundreinigen lassen wird. Dies ist inakzeptabel!

Langsam aber sicher kehrt FCA zu den Abläufen zurück, die vor der Produktions-Einstellung im März üblich waren. Ab dem 1. September streicht die Unternehmensleitung die zusätzlichen fünf Minuten, die zu jeder Pause hinzukommen, um den Beschäftigten die nötige Zeit für den Toilettengang und die sozialer Distanzierung im Pausenraum zu verschaffen.

Gerüchten zufolge soll das Unternehmen das geändert haben, weil die Kollegen die Sauberkeit angeblich selbst nicht eingehalten hätten. Dabei wird jedoch verschwiegen, dass das Unternehmen seit Wochen keine Reinigungsmittel mehr nachliefert, so dass nur leere Flaschen an den Arbeitsplätzen stehen. Wir halten dies für inakzeptabel und fordern sowohl die UAW als auch die FCA auf, sich an die Beschlüsse zu halten, die sie selbst getroffen haben, um die Beschäftigten wieder in die Fabrik zu kriegen. Wenn dies nicht eingehalten wird, muss die Belegschaft entsprechende Maßnahmen ergreifen, da ihre Sicherheit und die ihrer Familien dem Konzern und der Gewerkschaft offensichtlich nichts bedeutet.“

Das Aktionskomitee Jefferson North hat sich mittlerweile mit Sicherheitskomitees in mehreren anderen Werken im ganzen Land zusammengeschlossen.

Interner FCA-Brief vom 10. August an die Beschäftigten

Fiat Chrysler versucht auch, Arbeiter einzuschüchtern, wenn sie sich gegenseitig in sozialen Medien über die Verbreitung des Virus auf dem Laufenden halten. Am 10. August schickte das FCA-Management ein Schreiben an alle Beschäftigten und Leiharbeiter. Darin droht es mit Disziplinarmaßnahmen, sollten Beschäftigte Social-Media-Posts absetzen, da diese angeblich gegen eine lange Liste von Vorschriften verstießen, darunter die Preisgabe „vertraulicher Unternehmensinformationen“. Im Klartext: Sie sollen den Mund halten und unsichere Managementpraktiken verschweigen.

Diese Situation ist jedoch nicht auf Fiat Chrysler beschränkt. Von Anfang an haben die Konzerne aller in Detroit ansässigen Autohersteller das wirkliche Ausmaß der Pandemie in den Automobilwerken vertuscht. Sie haben dies mit dem geheimen Einverständnis der UAW getan, dessen Ausmaße vor kurzem ein Rechtsstreit zwischen General Motors und Fiat Chrysler aufgedeckt hatte. Bei dem Rechtsstreit ging es um die Annahme von Bestechungsgeldern in zweistelliger Millionenhöhe.Sogar Todesfälle durch Covid-19 werden vertuscht. Bei Ford habe die UAW und die Konzernleitung es unterlassen, die Beschäftigten über den Tod eines jungen Ford-Vertragsarbeiters im Getriebewerk Van Dyke zu informieren, der im vergangenen Monat einer Corona-Infektion erlag.

Ein altgedienter Detroiter Ford-Arbeiter sagte, dass in seiner Fabrik Fälle vertuscht würden: „Ich glaube, die UAW und das Unternehmen raten den Kollegen, es nicht weiterzusagen, wenn sie infiziert sind.“

Er schloss daraus: „Es spielt keine Rolle, ob wir dem Virus ausgesetzt sind oder nicht: Sie schicken gar nicht jeden in Quarantäne, der Kontakt hatte, denn es ist ihnen egal. Letzten Endes ist es ein Gewinn fürs Unternehmen, wenn ein paar von uns alten Arbeitern sterben, die noch etwas bessere Verträge hatten. Es fällt dann alles weg: unsere Rente, die Versicherung, die Krankenkasse, was sie sonst alles hätten zahlen müssen. Das wissen sie. Unser Leben spielt keine Rolle. Es gibt keinen anderen Grund, warum sie es uns nicht sagen wollen. Schau dir an, wie viele Milliarden sie verdienen, während Arbeiter sterben. Um Geld zu sparen, bringen sie die Leute um.“

Der Angriff auf elementare Sicherheitsvorkehrungen erfordert eine unmittelbare Antwort. Autoarbeiter müssen Sicherheitskomitees gründen und die Arbeiter in den Fabriken in ganz Nordamerika zusammenschließen und ihre Kämpfe mit denen der Lehrer, Amazon-Arbeiter und anderer Teile der Arbeiterklasse verbinden. Die allgemeine Forderung muss lauten: Das Leben der Arbeiter hat Vorrang vor den Profiten der Unternehmen.

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Der Autoarbeiter-Newsletter der WSWS unterstützt alle Beschäftigten der Autoindustrie oder einer anderen Branche, die ein Sicherheitskomitee gründen möchten. Setzt euch mit dem Autoarbeiter-Newsletter in Verbindung (siehe unten) oder schreibt eine E-Mail an  auto@gleichheit.de.

 

Siehe auch:

Fordarbeiter in Michigan: „Stoppt das Virus! Rettet Leben“
[4. August 2020]

Vier-Tage-Woche: IG Metall plant nächsten Angriff auf Löhne und Arbeitsplätze
[19. August 2020]

Amerikanische Autogewerkschaft UAW: Eine kriminelle Verschwörung gegen die Arbeiterklasse
[8. August 2020]