Unter Schülern, Lehrern, Eltern und Erziehern wächst der Widerstand gegen die Schulöffnungen

Von Gregor Link
28. August 2020

Unter Schülern, Lehrern, Eltern und Erziehern nimmt der Widerstand gegen die lebensbedrohlichen Schulöffnungen zu. Während alle Landesregierungen in enger Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften die Öffnungspolitik vorantreiben, finden sich in den sozialen Medien und an immer mehr Schulen und Nachbarschaften Menschen zusammen, um dieser Politik entgegenzutreten.

Die World Socialist Web Site sprach mit Tatyana aus Iserlohn, einer alleinerziehenden Mutter von drei Kindern.

„Ich erlebe die Schulöffnungen als totalen Irrsinn“, sagt sie. „Mein schulpflichtiges 13-jähriges Kind ist schwer rezidiv vorerkrankt. Ich musste wochenlang hier in NRW um eine Befreiung für mein Kind kämpfen. Einen Tag vor Schulbeginn konnte ich mein Kind rechtzeitig bis auf Weiteres vom Präsenzunterricht befreien.“

„Ich habe gestern erfahren, dass in Dortmund von Schülern ein Aktionskomitee gegründet worden ist. Das finde ich klasse – ich komme selbst aus Dortmund. Mehrere Mitglieder wünschen sich, dass auch Schüler zu uns finden und zu den Zuständen an den Schulen Bericht erstatten.“

Tatyana hat unter ihren Bekannten sowie im Internet eine Initiative gegen die Schulöffnungen ins Leben gerufen. „Wir kämpfen miteinander darum, dass jeder, der will, sein Kind aus der Distanz unterrichten lassen kann“, sagt sie. „Leider werden die Schulen nicht geschlossen, deswegen müssen wir uns unser Recht erkämpfen.“

Unter Verweis auf die Tatsache, dass deutsche Gerichte die Eilanträge anderer Eltern auf Freistellung ihrer Kinder regelmäßig abweisen, sagt Tatyana:

„Das Verfassungsgericht sagte im Mai dieses Jahres, dass wir Kinder während der Pandemie nicht in die Schule zwingen können. Aber dennoch wird es getan. Es ist ein Graus. Hier wird tief in die Menschenrechte eingegriffen, sie werden verletzt. Frau Gebauer, Kultusministerin von NRW und weitere Kultusminister begehen, meiner Meinung nach, schwere unentschuldbare Verbrechen! Ärzte werden unter Druck gesetzt und Frau Gebauer macht den Gesundheitsämtern Druck, Schulen nicht zu schließen.“

Die Schulleitungsvereinigung von NRW hatte am Montag einen „Brandbrief“ an Ministerpräsident Armin Laschet veröffentlicht, der die rücksichtslose Schulöffnung als „Feldversuch“ bezeichnet und erklärt, die Regierung komme ihrer „Verantwortung für Vorsorge und Gesundheitsschutz gegenüber den Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften und den Schulleitungen im Land nicht nach“.

„Und warum das alles?“, fragt Tatyana. „Wegen der ‚Bildungspflicht‘? Wer denkt denn an die Fürsorgepflicht, wer denkt an das geschriebene Gesetz, dass jeder Mensch ein Recht auf Gesundheit hat? Das Ganze stinkt so sehr zum Himmel, es ist erschreckend. Ich möchte mein Kind nicht auf der Intensivstation besuchen müssen!“

„Wo bleiben die vom MSB [Bildungsministerium] versprochenen Endgeräte für das digitale Lernen für die Risikogruppe? Vor den Sommerferien prangerte die Regierung an, Schüler wären im Homeschooling nicht erreichbar gewesen! Und wie auch, ohne Internet für alle? Hat mal jemand von denen da oben darüber nachgedacht? Wer denkt an die Familien, die sich keinen DSL-Anschluss leisten können, weil sie zum Leben zu wenig, aber zum Sterben zu viel Geld haben? Der Bund muss während einer Pandemie zwingend das Internet für jeden Haushalt zugänglich machen.“

„Es ist fatal“, sagt Alexandra Paul, eine Erzieherin in einer Kinderkrippe aus Niedersachsen. „Schutz ist schlichtweg nicht möglich – die Minis brauchen die Nähe. Dass Kinder zunehmend nicht getestet werden ist für uns genauso katastrophal, wie für die Lehrer. Ich glaube, sehr unterscheidet sich das Risiko von ErzieherInnen und LehrerInnen nicht.“

Alexandra hatte Anfang der Woche einen Brief an die World Socialist Web Site verfasst, in der sie von den Erfahrungen mit kleineren KiTa-Gruppen während der Notbetreuung berichtete: „Ich denke, die einzige Möglichkeit [Corona-Ausbrüche zu verhindern] besteht darin, die Gruppengröße zu minimieren, also so klein wie möglich zu halten und konstant eine Durchmischung zu vermeiden“, schrieb sie. Unter den gegenwärtigen Bedingungen könne sie „Wetten darauf abschließen, bei der wievielten Infektion es mich schwer erwischt?!“

Auch Ily M., eine Mutter mit Vorerkrankungen, hat sich mit anderen Eltern und einer anonymen Lehrerin zusammengetan, um gegen die gefährlichen Schulöffnungen Widerstand zu leisten. Gegenüber der World Socialist Web Site zeigt sie sich schockiert über die Skrupellosigkeit, mit der Kinder und Lehrer im Namen der kapitalistischen Wirtschaft in Lebensgefahr gebracht werden.

„Ich war in meinem Leben noch nie so verzweifelt, weil mir das Recht auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit per Gesetz abgesprochen wird. Die ‚freiheitlich-demokratischen Werte unserer Gesellschaft‘ kann ich in der Bildungsdiktatur der Kultusminister nicht wiederfinden. Das ist ein Schock, den ich niemals vergesse und der meine Meinung und mein Vertrauen zu Deutschland massiv und nachhaltig beschädigt.“

Aufgrund der massiven Medienkampagne und der Einhelligkeit aller Parteien über die rasche Öffnung der Schulen, so Ily, „wirkt es, als ob wir die kleinen irrationalen und verängstigten Spinner sind. So gerät man als Vorerkrankter in die Position eines Bittstellers und als Eltern in die Rolle eines entmündigten Bürgers. Ich bin in meinem Leben in einer Situation, die ich mir niemals hätte vorstellen können.“

Die Gründung des Dortmunder Schülerkomitees und der weit verbreitete Widerstand in den sozialen Medien mache ihr hingegen Mut, so Ily: „Ich bin froh und dankbar, dass so viele Menschen sich ebenfalls gegen diese Entscheidungen stellen. Ich denke, es hätte schon lange gestreikt werden müssen.“

Milla B. wohnt mit ihrem neunjährigen Sohn in Baden-Württemberg. „Uns steht also die komplette Schulöffnung noch bevor“, berichtet sie der WSWS. Zwar werde ihr Kind vorerst weiterhin Online-Unterricht bei einer Lehrerin nehmen, die selbst Risikopatientin ist, aber im März sei „alles Chaos“ gewesene. „Ich habe mein Kind schon Anfang März in der Schule krankgemeldet, als Herr Wieler vom Robert-Koch-Institut in einer Pressemitteilung sagte, dass Kinder einen schweren Verlauf haben können und auch sterben. Die Schule war bis zum 15. Juni zu, in der Zwischenzeit schickte die Lehrerin Arbeitsmaterial nach Hause.“

Als die Schule im Juni wieder öffnete, so Ily, stellte sich das Hygienekonzept als nicht durchdacht heraus: „Es war ein komplettes Chaos“. Ihr Kind habe „Angst bekommen und will nie mehr in die Schule. Der Kleine sagte zu mir: Mama, in der Schule ist Corona, wenn ich Corona mit nach Hause bringe bist du nicht mehr da. Das war für mich als Mutter ein Alarmsignal, dass die Schulöffnung auf die Psyche meines Kindes geht.“

„Ich sprach deshalb mit meinem Arzt, der Italiener ist, und in seiner Familie mit Corona zu tun hatte. Er stellte mir ein Attest aus, aber die Schule versuchte mich zu überreden. Auch der Rektor ist etwas direkter geworden und wollte mich als ängstlich bezeichnen.“

Ein Lehrer aus Berlin, der anonym bleiben möchte, bestätigt ähnliche Vorkommnisse. Er berichtet auf Twitter von einer Kollegin, die „bei nächster Gelegenheit“ bei der Direktorin vorstellig werden soll, nachdem sie „darauf hingewiesen hat, dass das Virus nicht ungefährlicher geworden ist und dass es jetzt mehr aktive Fälle gibt als im März.“

„Ich sehe mit Erschrecken, dass so viele Familien Angst haben und verzweifeln, so ging es mir auch. Was öffentlich nie erwähnt wird ist meiner Meinung nach, dass das ganze Chaos den Kindern in der Schule psychisch zu schaffen macht. Vor allem der Gedanke, die Familie anzustecken. Es wird in Deutschland ein regelrechter Psychoterror betrieben, das hätte ich mir nie von Deutschland träumen lassen!“