USA: Wachsender Widerstand der Pflegekräfte angesichts von über 20.000 Todesopfern

Der International Council of Nurses (ICN), ein weltweiter Zusammenschluss von 130 nationalen Berufsverbänden der Pflegekräfte, hat den Tod von 1.500 Pflegekräften in 44 Ländern bestätigt. Diese Zahl ist so hoch wie die Zahl der getöteten Pflegekräfte während des Ersten Weltkriegs. Laut Schätzungen der Organisation könnten sogar bis zu 20.000 Beschäftigte im Gesundheitswesen an dem Virus gestorben sein.

Die Kardiologie-Schwester Pauline Reynier (26) setzt eine Maske auf, als sie am 12. November nach Schichtende ihren Arbeitsplatz im Krankenhaus La Timone in Marseille verlässt. Sie arbeitete erst seit zwei Tagen in der Covid-19-Intensivstation, musste aber bereits das übermüdete und schrumpfende Pflegepersonal verstärken. (AP Photo/Daniel Cole)

Diese Zahlen beruhen auf einer Schätzung des ICN, laut der Beschäftigte im Gesundheitswesen etwa zehn Prozent der weltweiten Covid-19-Fälle ausmachen. Während die Sterblichkeit weltweit bei etwa 2,6 Prozent liegt, geht der ICN bei seiner vorsichtigen Schätzung von einer Sterblichkeit von 0,5 Prozent unter Beschäftigten im Gesundheitswesen aus und kommt dabei zu mehr als 20.000 Todesopfern weltweit.

Im Unterschied dazu geht die dem Gesundheitsministerium angehörenden Centers for Disease Control and Prevention (CDC) von der vergleichsweise niedrigen Zahl von 228.553 Infektionen und 822 Todesfällen im US-Gesundheitswesen aus. Bei der US-Regierung gibt es keine umfassenden Aufzeichnungen darüber, wie viele Beschäftigte im Gesundheitswesen an Covid-19 gestorben sind; die CDC selbst haben zugegeben, dass ihre Zahlen deutlich zu niedrig angesetzt sind. Bei ihrer Überprüfung wurde der Status der Beschäftigten im Gesundheitswesen mit nur 21 Prozent der acht Millionen Untersuchten bestätigt. Zahlen zu Todesfällen waren nur bei 73 Prozent der Untersuchten verfügbar.

Der britische Guardian hat zusammen mit Kaiser Health News Daten von Nachruf-Websites, Websites der Pflegekräftegewerkschaften und Seiten wie GoFundMe.com durchsucht, um genauere Zahlen über Todesfälle in den USA zusammenzustellen und die Geschichten der verstorbenen Arbeiter erzählen zu können. Ihre Liste umfasst mittlerweile 1.396 tote Beschäftigte des Gesundheitswesens und wächst weiter.

Die Mainstream-Medien verbreiten die Behauptung, die Verantwortlichen für diese Todesfälle seien Personen, die das Tragen von Masken verweigern oder Quarantänemaßnahmen nicht einhalten. In den sozialen Netzwerken posten Pflegekräfte und andere Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen Erklärungen oder Videos, in denen sie die Menschen aufrufen, auf Zusammenkünfte an den Feiertagen zu verzichten und das Virus ernst zu nehmen. In einem Cartoon ist auf der einen Seite zu sehen, wie ein Covid-19-Patient von Pflegern beatmet wird, während auf der anderen Seite unmaskierte Menschen an einer Bar zu sehen sind, die lachen und trinken.

Die wahren Verantwortlichen für den explosionsartigen Anstieg der Fallzahlen sind jedoch die herrschenden Klassen der Welt und ihre Apologeten, die alle sozialen und wirtschaftlichen Entscheidungen von den Bedürfnissen und Interessen des kapitalistischen Profitsystems abhängig machen. Schulen, Arbeitsplätze, Bars und Restaurants werden gegen den wissenschaftlichen Rat von Experten geöffnet; Schüler, Studenten und Arbeiter infizieren sich, erkranken, sterben oder leiden unter langfristigen Folgen.

Diese Krankheiten und Todesfälle verschärfen die gefährlichen Zustände in den Krankenhäusern, deren Personalausstattung zunehmend dünner wird und deren Personal nach zehn Monaten Kampf gegen das Coronavirus am Ende seiner körperlichen und seelischen Belastbarkeit ankommt. Fallzahlen und stationäre Aufnahmen erreichen ein Rekordniveau, während die Personaldecke in den Krankenhäusern bald den niedrigsten Stand erreicht.

Letzte Woche bestätigte die Cleveland Clinic, ein renommiertes Krankenhaus mit Niederlassungen in ganz Ohio, dass fast 1.000 Pfleger derzeit wegen Infektionen mit Covid-19 freigestellt sind – dreimal so viele wie vor zwei Wochen. Der Begriff „Pflegekräfte“ wird im Krankenhaussystem für alle Beschäftigten benutzt, vom Krankenpfleger über den Hausmeister bis hin zu Beschäftigten der Personalabteilung. Allerdings sind die Infektionsraten unter Beschäftigten „an der Front“ vermutlich deutlich höher. Vorstandschef Tom Mihaljevic verschickte einen Brief an die Beschäftigten, in dem er zynisch erklärte, die Infektionen seien nicht am Arbeitsplatz erfolgt, sondern durch Übertragungen in der Bevölkerung.

Eine Pflegerin der Cleveland Clinic sprach vor Kurzem mit der World Socialist Web Site über die Zustände im Krankenhaus: „Ich arbeite zwar nicht in einer Covid-19-Abteilung, aber ich habe gehört, dass sie schon fast voll sind. Chirurgen, die in meiner Abteilung arbeiten, wurden angewiesen, alle Operationen abzusagen, bei denen die Patienten zur Genesung auf die Intensivstation müssen. Die Personaldecke ist momentan zwar annehmbar, aber ich weiß, dass das nicht lange vorhalten wird.

Ich mache mir große Sorgen, dass sich die Lage so entwickeln könnte, dass Springerkräfte eingestellt werden müssen. Das Problem ist, dass alle Krankenhäuser sich aus dem gleichen Pool bedienen. Im April hatten wir Hotspots in den Großstädten, so dass Pflegekräfte nach New York oder Los Angeles geschickt werden konnten. Die Cleveland Clinic hat sogar eine Gruppe von Pflegekräften nach New York geschickt. Aber jetzt geht es um Bismarck, Pittsburgh, El Paso, der Süden von Ohio, überall.“

Zu der jüngsten Ankündigung des Gesundheitsministeriums in North Dakota, asymptomatische Pflegekräfte mit Covid-19 müssten weiter in den Covid-19-Abteilungen der Krankenhäuser arbeiten, erklärte die Pflegerin aus der Cleveland Clinic: „Das ist eine schreckliche Vorgabe. Aber meiner Meinung nach passiert das auf subtilere Art und Weise in Krankenhäusern im ganzen Land.“

Weiter erklärte sie: „In der Cleveland Clinic, die oft als Vorbild für Krankenhaussysteme im Rest des Landes dient, bekommt man selbst mit Symptomen nur sehr schwer einen Covid-19-Test. Man muss die richtige Kombination von Symptomen haben. Meine Kollegen und ich waren dem Virus ausgesetzt, haben Symptome entwickelt, aber konnten keinen Test bekommen. In gewisser Weise sind wir gezwungen, mit Covid-19 zu arbeiten.“

Unter den Pflegekräften wächst massenhafter Widerstand gegen das kriminelle Vorgehen der Regierungen und der Krankenhauskonzerne, die weiterhin ihr Leben in Gefahr bringen. Alleine im letzten Monat sind Beschäftigte der Krankenhauswäschereien in Manhattan sowie Pflegekräfte in Flint (Michigan), East Liverpool (Ohio) und Langhorne (Pennsylvania) in den Streik getreten oder haben mit Streiks gegen unsichere Arbeitsbedingungen gedroht.

Am Montag begannen Hunderte von Beschäftigten in elf Pflegeheimen von Infinity Health Care Management in Illinois einen Streik gegen Personalmangel, schlechte Bezahlung und fehlende Schutzausrüstung. Diese Arbeiter sind Mitglieder der Services Employees International Union (SEIU).

Am 17. November traten mehr als 800 Pflegekräfte des St. Mary Medical Center in Langhorne (Bucks County, Pennsylvania), knapp 50 Kilometer nordöstlich von Philadelphia, in den Streik, nachdem das Management ihre Forderung nach einer Erhöhung der gefährlich niedrigen Personaldecke zurückgewiesen hatte.

Die Pflegekräfte in St. Mary hatten letztes Jahr beschlossen, der Gewerkschaft Pennsylvania Association of Staff Nurses and Allied Professionals (PASNAP) beizutreten. Diese konnte jedoch den ersten Tarifvertrag bis jetzt nicht aushandeln, sodass 85 Prozent der Pflegekräfte auf den Streik drängten.

St. Mary ist Teil des riesigen „gemeinnützigen“ katholischen Krankenhauskonzerns Trinity Health aus Michigan, der 93 Krankenhäuser und 120 Reha-Einrichtungen in 22 Staaten unterhält. Trinity hat im April und Mai im Rahmen des 175 Milliarden Dollar schweren Rettungspaketes CARES Act 600 Millionen Dollar aus Bundesmitteln vom US-Kongress erhalten; dazu kommen Vorschusszahlungen von Medicare in Höhe von 1,6 Milliarden Dollar.

Das Management des Krankenhauses hat sich bemüht, den Streik abzuwürgen und Beschäftigte durch nicht organisiertes Personal und Springer ersetzt. Die Gewerkschaft hat nur einen zweitägigen Streik genehmigt, die streikenden Pflegekräfte durften jedoch erst am Sonntag an die Arbeit zurückkehren, damit die Springerkräfte ihren fünftägigen Arbeitsvertrag beenden konnten.

Am Sonntag kehrten die Pflegekräfte des St. Mary ohne Tarifvertrag an die Arbeit zurück. Selbst wenn in den nächsten Tagen ein Tarifvertrag ausgehandelt werden sollte, sollten sich die Pflegekräfte keine Illusionen über die Gewerkschaft PASNAP machen. Anfang November handelte PASNAP im Mercy-Fitzgerald-Krankenhaus einen Vertrag mit Trinity Health System aus, durch den ein geplanter Ausstand von 260 Pflegekräften verhindert wurde. Der neue Tarifvertrag war vage und wird wenig zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beitragen. Die dreiprozentige Lohnerhöhung über drei Jahre gleicht kaum die Inflation aus, die genaue Zahl der zusätzlich einzustellenden Kräfte ist unbekannt.

Bei einer Kundgebung am ersten Tag des Streiks konnten die Pflegekräfte von St. Mary ihre Wut und ihre Frustration über ihre Arbeitsbedingungen äußern. Ihre Reden hielten sie vor einem Transparent mit der Zahl 243 darauf – so viele Pflegekräfte haben in den letzten zwei Jahren das Krankenhaus verlassen. Viele Pflegekräfte äußerten ihre Wut darüber, dass der Stundenlohn in St. Mary mehrere Dollar niedriger liegt als in den umliegenden Krankenhäusern, sodass sich viele von ihnen andere Stellen suchen, sich die Personaldecke verringert und die Sicherheit der Patienten verschlechtert hat.

Die Intensivpflegekraft Coy Clark, die Covid-19 überlebt hat, erklärte: „Trinity Health sagt den Patienten, alles würde getrennt. Es gebe unterschiedliche Aufzüge für Corona- und Nicht-Corona-Patienten, unterschiedliche Eingänge, die ganze Lobby ist unterteilt. Was Trinity nicht sagt, ist, dass es diese Trennung auf den Stationen dann nicht mehr gibt. Dann hat der Pfleger neben Ihnen noch mehrere Covid-Patienten.“

Clark hatte sich während der Arbeit mit Covid-19 infiziert und war drei Wochen lang krank. „Als ich im April zurückkam, war es die Hölle. Wir mussten fünfzehn Tage lang die gleiche Maske tragen. Wir mussten unsere blauen Kittel abschrubben und weiterbenutzen. Dann bekamen wir neue Kittel ... auf denen stand ,nicht für medizinischen Gebrauch‘. Gleichzeitig sitzt die Verwaltung gemütlich in ihren Büros. Bei ihnen fehlen die Leute nicht. Sie haben ihre Sekretärinnen nicht rausgeworfen, wir sind ihnen egal.“

Kathy, eine medizinisch-chirurgische Pflegerin, erklärte: „Die Krankenhäuser müssen wieder der Gesundheitsversorgung dienen, statt sie als Wirtschaftsunternehmen zu betreiben, für die der Aktienmarkt wichtiger ist als die Gesundheit unserer Gesellschaft.“

Obwohl die jüngsten Streiks im Gesundheitswesen eine Reaktion auf abgelaufene Tarifverträge waren, stehen die Anliegen der Pflegekräfte in Zusammenhang mit der umfassenderen Krise des Gesundheitswesens in den USA. Sie ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen sozialen Konterrevolution, in der die Gesundheitsinfrastruktur ans Limit gebracht wurde, um eine winzige Oligarchie zu bereichern. Vor Beginn der Pandemie wurden die Krankenhäuser in ländlichen Gegenden finanziell ausgeblutet, es gab Mängel in der Pflege und gefährlich niedrige Personaldecken. Dazu kamen tiefe Einschnitte bei Medicaid, durch die Mängel bei den Anbietern entstanden und die Kosten in die Höhe schossen. Pflegekräfte im ganzen Land reagierten darauf mit Protesten.

Beigetragen zum Niedergang des Gesundheitssystems haben die diversen Gewerkschaften des Gesundheitswesens in Zusammenarbeit mit dem politischen Establishment. Die Gewerkschaften haben immer wieder faule Kompromisse akzeptiert und Kandidaten der Demokratischen Partei unterstützt, die Maßnahmen durchgesetzt haben, durch die sich die Bedingungen der Pflegekräfte verschlechtert haben. Beispiele dafür sind die jüngsten Wiederöffnungen von Schulen und Unternehmen, die zweifellos zum derzeitigen Aufflammen der Pandemie beigetragen haben.

Angesichts der unkontrolliert wütenden Pandemie ruft die WSWS die Beschäftigten im Gesundheitswesen auf, sich noch heute mit dem WSWS-Health Care Workers Newsletter in Verbindung zu setzen, ihre Geschichte zu erzählen und Aktionskomitees zu gründen, um den Kampf gegen die Gewerkschaftsbürokratie und das politische Establishment aufzunehmen.

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