Die Corona-Pandemie ist in Deutschland längst außer Kontrolle geraten. Täglich werden neue Rekordzahlen gemeldet. Am Freitagmorgen meldete das RKI mit fast 30.000 registrierten Neuinfektionen in 24 Stunden den zweiten Tageshöchststand in Folge. Auch sind in einem Tag wieder fast 600 Corona-Patienten gestorben. Die Gesamtzahl der Verstorbenen erhöht sich damit auf 21.000. Weitere 10.000 könnten bis zum Jahresende hinzukommen. Rund 4.400 Covid-19-Patienten kämpfen in den Intensivstationen um ihr Leben.
Mit diesen explosiven Zahlen hat sich Deutschland beim Infektionsgeschehen an die europäische Spitze katapultiert. Bezüglich der täglichen Infektionszahlen rangiert es mittlerweile vor Frankreich, Großbritannien und Italien. In Europa sind bisher 446.000 Menschen an Covid-19 gestorben, das sind mehr als ein Viertel der weltweit fast 1,6 Millionen Corona-Toten. Weltweit kämpfen aktuell zwanzig Millionen Menschen gegen die Lungenkrankheit Sars-CoV-2, und seit Pandemiebeginn haben sich schon 70 Millionen damit infiziert.
Das Ausmaß dieses „Todeswinters“ bestätigt alle Warnungen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI) und der World Socialist Web Site. Schon im Frühjahr riefen wir die Arbeiter dazu auf, sich in Aktionskomitees zusammenzuschließen, um den Pandemieschutz unabhängig von den Gewerkschaften in die eigenen Hände zu nehmen. Lange vor Beginn des Herbstsemesters forderten die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP), die WSWS und die Jugend- und Studierendenorganisation IYSSE Schüler, Lehrer, Erzieher und Eltern auf, zum eignen Schutz und dem der Kinder aktiv zu werden.
„Mit der Rückkehr zum Präsenzunterricht inmitten steigender Infektionszahlen setzen die Regierungen jeglicher Couleur die Gesundheit und das Leben unzähliger Lehrer, Schüler und Eltern aufs Spiel“, schrieben wir in unserer Erklärung vom 14. August mit dem Titel: „Stoppt die Schulöffnungen! Bereitet einen Generalstreik vor!“ Wir sagten voraus: „Der massenhafte Tod von Lehrern, Eltern und auch Schülern wird billigend in Kauf genommen, um Arbeiter wieder zurück zur Arbeit zwingen zu können und die Profite der Reichen zu sichern.“
Diese Warnung ist auf tragische Weise bestätigt worden.
„Besorgniserregend“ nannte am Donnerstag der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI) die Tatsache, dass sich das Coronavirus in der ganzen Bevölkerung ausbreitet. In der Folge gebe es jetzt rund doppelt so viele Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen wie im Frühjahr. Die bisher offiziell angeordneten Maßnahmen reichten bei weitem nicht aus. Die Zahl der Todesfälle werde in den nächstens Wochen weiter ansteigen, bestätigte Wieler, und immer mehr Intensivstationen werden an ihre Grenzen kommen.
Dies hat vor zwei Tagen das Uniklinikum Augsburg durch einen Aufnahmestopp für alle nicht dringenden Behandlungen bestätigt. Das Krankenhaus ist mit 163 Covid-19-Patienten, davon 33 auf der Intensivstation, völlig ausgelastet, erklärte der ärztliche Direktor des Klinikums, Michael Beyer, dem Bayrischen Rundfunk (BR). Ein Arzt des Uniklinikums wies darauf hin, dass jetzt auch deutlich mehr junge Patienten um ihr Leben kämpfen müssten: „Sie sind um die 30, um die 40, haben keinerlei Vorerkrankung und führen diesen Kampf manchmal auch erfolglos.“
Für die Ausbreitung der Pandemie haben die ungesicherte Schulöffnungen nach den Sommerferien eine entscheidende Rolle gespielt. Das weisen inzwischen zahlreiche ernsthafte wissenschaftliche Studien nach. Zuletzt hat eine Großstudie im Auftrag des österreichischen Bildungsministeriums eindeutig ergeben, dass Schüler sich praktisch genauso häufig anstecken wie Erwachsene. Die Studie beobachtet seit dem Herbst 2020 rund 14.800 Schulkinder im Alter von sechs bis 15 Jahren und vergleicht sie hinsichtlich Sars-CoV-2 mit 1.200 Lehrkräften. Der einzige Unterschied, so das Ergebnis, bestehe darin, dass Kinder weniger Symptome aufweisen. Deshalb werde die Corona-Infektion bei ihnen seltener festgestellt. Dennoch könnten die Kinder das Virus mit verheerenden Konsequenzen an die anderen Schichten weiterreichen.
Das hat auch eine Forschergruppe an der Karlsruher Universität KIT bestätigt. Die Gruppe untersuchte die Wirksamkeit verschiedener Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie im Frühjahr. Wie schon andere Forscher in Wien und in Oxford kam auch dieses Gruppe zum Ergebnis, dass bei Schulschließungen „ein signifikanter Effekt“ festzustellen sei. Je eher die Schulen im Frühjahr geschlossen worden seien, desto deutlicher habe sich der Effekt sinkender Fallzahlen gezeigt, wie Dr. Niklas Kühl, der Leiter der Forschungseinrichtung in Karlsruhe, erklärte. „Hätten wir im Frühjahr in Deutschland einen Tag länger gewartet, bis wir die Schulen schließen, hätte dies laut unseren Analysen 125.000 zusätzliche Infektionen bedeutet, die Schließung sieben Tage später sogar 400.000 zusätzliche Fälle.“
Diese Erkenntnisse sind im Grunde längst bekannt. Allerdings werden die Positionen der Wissenschaftler unterdrückt und sie selbst unter Druck gesetzt, damit sie ihre Ergebnisse nicht allzu laut aussprechen. Darauf hat Christian Drosten, Leiter der Virologie in der Berliner Charité, am 8. Dezember in seinem Coronavirus-Update auf NDR hingewiesen. Es gebe ein „Grundklima“ unter den Wissenschaftlern, das darin bestehe: „Man kann einfach nicht mehr sagen, wie es ist, weil man sonst verheizt, in eine Ecke gestellt wird, in den Medien und leider auch von einigen Stimmen innerhalb der Wissenschaft angegriffen wird … Diese Grundstimmung hat sich schon bei vielen breit gemacht. Und ich weiß von vielen Kollegen und Kolleginnen, dass sie in den letzten Wochen das Gefühl hatten: besser nichts sagen, es gibt nur Ärger.“
Der Druck gegen Wissenschaftler ist Teil der Kampagne zur Offenhaltung von Schulen und Betrieben, die von Anfang an mit zahllosen unwissenschaftlichen Studien, offenen Lügen und gekauften Experten flankiert wurde. Sie dient ausschließlich den Profitinteressen der Banken und Konzerne. Die Wirtschaft soll unter allen Umständen weiterlaufen und Gewinne erwirtschaften.
Angesichts der katastrophalen Auswirkungen wächst der Widerstand gegen diese Politik. An dutzenden Schulen sind Schüler in den Streik getreten oder haben sich Protesten angeschlossen. Laut ZDF-Politbarometer vom Donnerstag befürworten 73 Prozent aller Befragten einen Lockdown wie im Frühjahr, bei dem auch Schulen, Kitas und Betriebe geschlossen werden. Eine deutliche Mehrheit ist zudem der Auffassung, dass die Maßnahmen der Bundesregierung „nicht weit genug“ gingen.
Wenn die gleichen Politiker, die monatelang Menschenleben dem Profit geopfert haben, nun „harte Maßnahmen“ ankündigen, versuchen sie nur, diese überwältigende Opposition unter Kontrolle zu bringen. Tatsächlich sind die bisher verabschiedeten Maßnahmen nicht einmal ansatzweise geeignet, die Katastrophe zu verhindern.
Statt der sofortigen Schließung von Schulen, Kitas und nicht lebensnotwendigen Betrieben diskutieren sie lediglich eine Verlängerung der Schulferien und weitere Einschränkung privater Kontakte, die von den meisten Menschen ohnehin auf ein Minimum reduziert wurden. Selbst die Schließung von Einkaufszentren wird nur in wenigen Bundesländern vor den Festtagen in Erwägung gezogen, um das profitable Weihnachtsgeschäft nicht zu gefährden.
„Der Todeswinter in Europa zeigt den vollständigen Bankrott des Kapitalismus. Um das Leben von Hunderttausenden zu retten, muss die Arbeiterklasse unabhängig ins politische Geschehen eingreifen und das gesellschaftliche System überwinden, das die tödliche Katastrophe verursacht hat und jede rationale und wissenschaftliche Antwort verhindert“, schrieb die WSWS gestern in einer Perspektive und forderte „den Aufbau eines Netzwerks unabhängiger Aktionskomitees, um einen europaweiten Generalstreik vorzubereiten, der die Schließung der Schulen und nicht lebensnotwendigen Betriebe durchsetzt.“
