Weil in Virginia 2900 Arbeiter streiken, muss Volvo in Maryland Schichten reduzieren

Der Streik von fast 3.000 Arbeitern des Volvo-Truck-Werks in New River Valley (Virginia) dauert schon mehr als drei Wochen an und wirkt sich zunehmend auf andere Betriebe innerhalb der Versorgungskette des Lastwagenkonzerns aus.

Am Montag gab der Sprecher der Volvo Group, John Mies, in der Fachzeitschrift Freightwaves zu, dass Volvo Mack Trucks die Schichten im Motoren- und Getriebewerk Hagerstown (Maryland) reduzieren muss. „Der Streik wirkt sich auf Hagerstown aus, wo letzte Woche und diese Woche die Zahl der Schichten in einigen Bereichen reduziert werden musste.“

Der Sprecher erwähnte zwar nicht, wie viele Arbeiter betroffen sind, aber mehrere Volvo-Mack-Arbeiter berichteten der World Socialist Web Site, dass die Belegschaften im Motorenbereich verkleinert worden seien.

Arbeiter erklärten gegenüber der WSWS, in dem Mack-Truck-Werk in Hagerstown sei eine vorübergehende Entlassung für einen Großteil des Monats Juli „angeboten“ worden. In der Bekanntmachung hieß es: „Den Arbeitnehmern wird eine vorübergehende Entlassung per schriftlichem Wahlformular angeboten, voraussichtlich vom 5. bis zum 23. Juli.“

In der Mitteilung des Unternehmens wurde nicht erwähnt, ob der Streik die Ursache für das Zurückfahren der Produktion sei. Es war nur indirekt davon die Rede, dass die Arbeiter später im Verlauf des Jahres mehr arbeiten müssten, um die Verträge zu erfüllen: „Wir haben uns zu diesem Schritt entschieden, weil wir mit Produktionsunterbrechungen durch mehrere Variablen konfrontiert sind. Ab dem 28. Juni werden wir mehr als 50 Übergangsarbeiter einstellen, um uns auf die geplante Erhöhung des Arbeitspensums vorzubereiten, um die starke Nachfrage der Industrie zu erfüllen.“

Laut der Website von Volvo werden in dem fast 140 Quadratkilometer großen Werk Volvo-Motoren der Typen D11 und D13 hergestellt, außerdem automatische manuelle Getriebe vom Typ I-Shift. Der Betrieb besteht seit 1961 und beschäftigt mehr als 1.700 Arbeiter. Die Motoren und Getriebe werden in das NRV-Werk gebracht, wo alle nordamerikanischen Volvo-Lastwagen montiert werden, außerdem in das Werk in Macungie (Pennsylvania) bei Allentown, wo Mack-Lastwagen zusammengebaut werden. Im NRV-Werk werden Fahrerkabinen für Volvo- und Mack-Lastwagen lackiert.

Auch im Werk in Allentown kam es zu Entlassungen. Ein Arbeiter sagte der WSWS: „Diese Woche wird die zweite Produktionsschicht gestrichen, nächste Woche die erste.“ Obwohl große Bereitschaft für einen gemeinsamen Kampf besteht, zwingt die Gewerkschaft United Auto Workers (AUW) die Arbeiter zum Weiterarbeiten. Der Arbeiter erklärte: „Wir müssen alle zusammenhalten, es sollte für alle der gleiche Tarifvertrag gelten.“ Und er fügte hinzu, die Arbeiter in seinem Werk hofften, dass die Streikenden in NRV „nicht nachgeben“.

Die Mitteilung in Freightwaves ist das erste öffentliche Eingeständnis, dass sich der Streik auf die Abläufe im Unternehmen auswirkt. Der Artikel enthält einen Hinweis darauf, dass „die Arbeiter möglicherweise gegen ihre Tarifunterhändlern eine noch größere Antipathie hegen als gegen das Unternehmen...“ Tatsächlich haben die Volvo-Arbeiter in den letzten fünf Wochen zwei unternehmensfreundliche, von der UAW ausgehandelte Vertragsentwürfe mit 90 bzw. 91 Prozent abgelehnt.

Die 2.900 Volvo-Arbeiter im NRV-Werk in Virginia streiken gegen den Willen der UAW und beharren auf ihrer Forderung nach höheren Löhnen und besseren Zusatzleistungen, und sie fordern die Wiederabschaffung des Zwei-Stufen-Systems und des Zehn-Stunden-Tags.

Während der Streik weitergeht, wird immer deutlicher, dass die UAW ihn so isoliert wie möglich halten will. Die gleiche Strategie, die Streikenden zu spalten, verfolgte die UAW schon 2019, als 3.500 Volvo-Mack-Arbeiter in Maryland, Pennsylvania und weiteren Bundesstaaten streikten.

Damals wurde der Tarivertrag ratifiziert, noch ehe die Arbeiter den vollen Text überhaupt lesen konnten. Seither ist die Zahl der befristeten Teilzeitkräfte, die als „Übergangsarbeiter“ bezeichnet werden, in Hagerstown und anderen Teilen der Lieferkette von Volvo-Mack deutlich gestiegen.

Bezeichnenderweise hatte der Streik bei Volvo-Mack im Jahr 2019 ähnliche Engpässe bei Bauteilen in NRV ausgelöst, und die UAW hatte schon damals nichts unternommen, um den Streik auch auf diejenigen auszuweiten, die von den Einschränkungen betroffen waren. Jetzt, wo die Lage genau andersherum ist, handelt die UAW nach demselben Muster in umgekehrter Richtung.

Wie ein Arbeiter aus Hagerstown gegenüber der WSWS erklärte, hat die UAW den letzten Tarifvertrag mit Drohungen und Einschüchterung durchgesetzt. Unter anderem hatte sie gedroht, das Werk würde geschlossen werden, wenn die Arbeiter nicht weitere Zugeständnisse hinnehmen würden: „Diese Agenda lässt sich unschwer erkennen. Das Unternehmen schafft für befristete Arbeitskräfte langsam den Gewerkschaftslohn ab und fördert die Jüngeren, die sich nicht dagegen wehren, was das Unternehmen macht! Wir haben über die Jahre so viele Zugeständnisse gemacht, damit Volvo weiterhin profitabel ist, dass es für die Belegschaft ununterbrochen große Verluste gibt!“

Weiter erklärte der Arbeiter von Hagerstown, UAW-Schatzmeister Ray Curry, der den Streik von 2019 ausverkauft hat und jetzt die Verhandlungen bei Volvo Trucks anführt, und der Rest der Führung von UAW International hätten „die Rechte und Fähigkeiten der Gewerkschaftsmitglieder für ihre eigenen, unrechtmäßigen Einkünfte untergraben“.

Am Mittwoch sollen die Verhandlungen zwischen der UAW und Volvo fortgesetzt werden. Die UAW versucht weiterhin, die Streikenden in Virginia zu isolieren, und setzt eine Nachrichtensperre durch, um den Hunderttausenden von Beschäftigten der Auto- und Zuliefererindustrie alle Informationen über den Streik vorzuenthalten. Gleichzeitig versucht die UAW, die Arbeiter mit einem erbärmlichen Streikgeld von 275 Dollar pro Woche auszuhungern, obwohl ihre Streikkasse 790 Millionen Dollar enthält.

Am 14. Juni veröffentlichte das Aktionskomitee der Volvo-Arbeiter einen offenen Brief, in dem es von der UAW Antwort auf die Fragen forderte „Was sind eure Forderungen in den Verhandlungen mit Volvo?...Warum zahlt ihr nur 275 Dollar pro Woche an Streikgeld?... Was ist eure Strategie für den Sieg?... Ihr behauptet, unsere Vertreter zu sein, wir erleben jedoch, dass ihr mit eurem Verhalten unseren Streik auf ganzer Breite untergrabt...“ Der Brief weist darauf hin, dass die UAW auf ihrer Website und ihren Social-Media-Kanälen keine Informationen veröffentlicht und dass die meisten Arbeiter in anderen Autowerken nicht einmal etwas von dem Streik wissen.

Das Komitee erklärt, dass die Arbeiter, wenn es nach der UAW geht, „so lange isoliert und ausgehungert auf Streikposten stehen werden, bis wir akzeptieren, was wir bereits abgelehnt haben". An die UAW gerichtet, erklärt das Komitee: „Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie es so weit kommt! Wir werden nicht zulassen, dass Volvo mit euch zusammen versucht, uns eine Lektion zu erteilen und uns dafür zu bestrafen, dass wir eure Verträge zweimal abgelehnt haben.“

Das Komitee fordert die vollständige Mobilisierung aller UAW-Mitglieder zur Unterstützung des Streiks. Die Volvo-Mack-Werke müssen stillgelegt werden! Und auch international muss Solidarität eingefordert werden. Zudem fordert das Komitee vollen Einkommensausgleich aus der UAW-Streikkasse und offene Verhandlungen unter der Aufsicht der Belegschaft. Zuletzt heißt es: „Wenn ihr zu einem solchen Kampf nicht bereit seid, könnt ihr verschwinden. Wir werden ein eigenes Verhandlungs- und Streikkomitee wählen, das bereit ist, den Kampf so zu führen, wie es nötig ist.“

Der Kampf der Volvo-Arbeiter hat unter den Arbeitern der Welt, die über die WSWS von dem offenen Brief des Aktionskomitees erfahren haben, große Unterstützung gefunden.

Ein Ford-Arbeiter aus Kansas City erklärte: „Ich bewundere euren Mut und eure Haltung. ... Ich habe mit einem Kollegen über den Streik geredet und ihm den Artikel geschickt. Er hat mich zurückgerufen und mir Fragen gestellt, weil er davon noch nichts gehört hat. In der Zeitung der UAW schreiben sie nichts über den Streik. Die Verhandlungen sollten nicht geheim sein. Wenn die UAW wirklich auf der Seite der Arbeiter wäre, dürfte sie sich nicht so viel Zeit lassen, um die Fragen zu beantworten, aber wir werden sehen, was passiert. Ich drücke den Arbeitern die Daumen und glaube, das muss eine weltweite Aktion mit allen Volvo-Arbeitern in allen Werken überall werden, wie es in dem Brief steht.“

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