Der Messerangriff eines 24-jährigen Somaliers in der Würzburger Innenstadt hat in der Bevölkerung Schock und Entsetzen ausgelöst. Der Mann erstach eine Frau aus Lateinamerika, eine Rentnerin und eine Studentin und verletzte sechs weitere Frauen zum Teil schwer.
An Freitagabend, dem 25. Juni, ließ der junge Mann sich im Kaufhaus Woolworth am Barbarossaplatz mehrere Messer zeigen. Unvermittelt ergriff er das größte Küchenmesser und stach auf die Verkäuferin und danach auf zwei weitere Kundinnen ein. Alle drei Frauen erlitten so schwere Messerstiche, dass sie noch an Ort und Stelle starben. Daraufhin lief er auf die Straße und griff weitere Passanten an. Hier traten ihm mehrere Männer entgegen und hinderten ihn mit Stühlen, Ästen und Einkaufstaschen an weiteren Angriffen, bis die Polizei ankam. Diese überwältigte ihn mit einem Schuss ins Bein und nahm ihn fest. Nicht weniger als 300 Polizisten waren dabei eingesetzt.
Noch am selben Abend stürmte ein Polizeikommando den Raum in der Obdachlosenunterkunft, wo der Mann zuletzt gewohnt hatte. Zwei Handys wurden sichergestellt, deren Inhalt laut Innenministerium erst noch ausgewertet und übersetzt werden muss. Auch ein Gebetsteppich sei gefunden worden, und laut Aussage der Polizei und eines Kaufhausdetektivs habe der Täter „Allahu akbar“ gerufen und davon gesprochen, er verwirkliche seinen „persönlichen Dschihad“.
Schon zuvor war der Somalier jedoch mehrmals als psychisch gestört aufgefallen. Im Januar 2021 hatte er Mitbewohner in der Obdachlosenunterkunft mit einem Messer bedroht. Erst Mitte Juni 2021 hatte er sich in Würzburg spontan in einen ihm fremden PKW auf den Beifahrersitz gesetzt, um mitzufahren. Nach beiden Vorfällen war er in eine Psychiatrie eingewiesen, aber jedes Mal rasch wieder entlassen worden.
Vieles deutet also auf eine akute und unbehandelte psychische Erkrankung hin. Dennoch ergriffen mehrere Politiker, unterstützt von der Bild-Zeitung, sofort die Gelegenheit, den Anschlag für muslimfeindliche Hetze zu instrumentalisieren.
Der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zog am Sonntagabend den Schluss, dass vieles auf eine Verbindung zum „islamistischen Terrorismus“ hindeute. In einem „Live-Talk“ der Bild-Zeitung behauptete Herrmann, es gebe Indizien dafür, „dass es sich um einen islamistischen Anschlag handeln könnte“. Darauf habe er „als erster bereits am Freitagabend“ hingewiesen, sagte Herrmann.
Hubert Aiwanger (Freie Wähler), Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident von Bayern, ging noch weiter. Er forderte, dass das Flüchtlingsrecht geändert und auch Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz abgeschoben werden sollten. „Sobald solche Menschen psychologische Gutachten benötigen“, so Aiwanger, müsse man „wirklich überlegen, ob wir solche Leute nicht auch losbekommen“.
Über die Opfer hatte AfD-Fraktionschef Alexander Gauland am Samstag behauptet: „Diese drei Menschen könnten ohne Merkels unverantwortliche Politik der offenen Grenzen noch leben.“
Schließlich behauptete der „Terrorexperte“ der Bild-Zeitung, Björn Stritzel, unter der Überschrift, „ISIS-Attentat in Würzburg?“, allein schon die Herkunft aus Somalia sei ein Hinweis auf islamistischen Terrorismus. „Da der Täter ja aus Somalia stammt, ist das natürlich naheliegend (…) In einer Gesellschaft, in der diese Ideologie allgegenwärtig ist, ist es für Leute sehr schwierig, sich dem zu entziehen.“
An all diesen Kommentaren fällt auf, dass sie völlig die Realität ausblenden. Weder gehen sie auf die traumatisierenden Bedingungen ein, die dieser Mann im Bürgerkrieg in Somalia und auf seiner Flucht bis nach Deutschland durchgemacht haben musste, noch erwähnen sie den Umstand, dass er ja die letzten sechs Jahre in Deutschland zugebracht hat.
Waren es vielleicht nicht nur die Erfahrungen in Somalia und auf dem langen Fluchtweg übers Mittelmeer, die ihn traumatisiert hatten, sondern auch die Perspektivlosigkeit und eine ständige Bedrohung, denen er in Deutschland ausgesetzt war? Trotz des grausamen Bürgerkriegs in seinem Heimatland hatte er hier nur subsidiären Schutz erhalten, was bedeutet, dass ihm Ausbildung, Studium, feste Arbeit, Wohnung und gründliche medizinische Behandlung im Grunde verwehrt blieben.
Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat sich zwar pro forma von Aiwanger und Herrmann distanziert. Er unterstützt jedoch aktiv die kapitalistische Profite-vor-Leben-Politik, wie sich besonders in der Corona-Pandemie gezeigt hat. Gerade für Flüchtlinge waren die letzten 16 Corona-Monate eine schwierige Zeit. In den Unterkünften gab es zahlreiche Corona-Ausbrüche, und die Angst vor Ansteckung war wohl begründet.
Es ist auch eine Zeit des zunehmenden Rassismus, der AfD-Hetze und der drohenden faschistischen Übergriffe. Was die bayrische Flüchtlingspolitik betrifft, so zeichnet sie sich durch beispiellose Menschenverachtung aus, trotz Pandemie werden immer wieder Flüchtlinge in Charterflügen sowohl nach Afghanistan, als auch nach Somalia und Äthiopien abgeschoben.
Als vor zwei Jahren ein Eritreer aus der Schweiz im Frankfurter Hauptbahnhof mehrere Reisende vor einen einfahrenden ICE aufs Gleis gestoßen hatte, analysierte die WSWS sorgfältig die Bedingungen, denen dieser Geflüchtete, wie so viele andere, seit Jahren ausgesetzt war, und kam zum Schluss: „All das macht die schreckliche Tat nicht entschuldbar. Aber es wirft ein grelles Licht auf die Bedingungen, unter denen Millionen geflüchtete Menschen weltweit leben, und auf die Schatten, die Krieg und Flucht in einer Atmosphäre der staatlich geförderten Angst und Flüchtlingshetze noch Jahre später werfen können.“
